Mittwoch, 17. März 2010

Fundstücke (3)

So war das, so ist das

Katholikenland I
Bei der Reichstagswahl im Bereich der heutigen Stadt Pulheim am 6. November 1932 im Dorfe Stommeln kam die NSDAP auf gerade einmal 10,1 Prozent. Genau 8 % mehr Stimmen entfielen auf die KPD. Insgesamt 820 Wahlberechtigte, also 49,9 %, stimmten hingegen für das katholische Zentrum.
(Quelle: Josef Wißkirchen: Stadt Pulheim. Geschichte ihrer Orte von 1914 bis zur Gegenwart, S. 340)

Katholikenland II
Bei den Gemeinderatswahlen im Bereich der heutigen Stadt Pulheim am 15. September 1946 waren im Dorfe Geyen 538 Personen wahlberechtigt. Die Wahlbeteiligung lag bei 100 %. Auf die SPD, die FDP, die KPD, BHE und sonstige Parteien entfielen: 0 %. Alle 538 Wähler machten ihr Kreuz bei der CDU.
Zum Vergleich: Im benachbarten Sinnersdorf kamen die Christdemokraten nur auf 92,3 %! (Quelle: Wißkirchen, S. 353)

Liebe, Treue, Andeutungen
„Die Ehe mit seiner Frau Agnes von Vohburg ließ er (Kaiser Friedrich Barbarossa, 1122-1190, B.I.) durch Reklamation eines unangemessenen Verwandtschaftsgrades (6. Grad!) annulieren. Hat man dies nicht vorher gewusst? Sicher, die zweite Ehe der Agnes von Vohburg mit einem weit unter ihr rangierenden, abhängigen Ministerialen deutet möglicherweise an, dass das Gerücht über ihre Treulosigkeit nicht aus der Luft gegriffen war, da bei solch unstandesgemäßer Verbindung in jenen Zeiten ausschließlich eine Liebesheirat zugrunde liegen konnte.“
(Manfred Höfer: Die Kaiser und Könige der Deutschen, S. 83)

Agnes´ Umzugs-Laster



Unsere Heimat
„Das Bild der Landschaft im Landkreis Köln wird geprägt durch die vielen Hochspannungsleitungen, die die Kölner Bucht in allen Himmelsrichtungen durchziehen.“
(Friedrich Werner in: Hans Reykers: Chronik von Brauweiler, 1969, S. 145)

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Mittwoch, 10. März 2010

Thekentänzer (25)

“Nenn mich Torte!”

"Wer ausrastet, rostet nicht", sagt der Typ und wirkt dabei einigermaßen ruhig. Seine schulterlangen Haare liegen auf einer speckigen Jeansjacke, deren Ärmel bis zu den Ellbogen hochgekrempelt sind. Auf seiner höckrigen Nase steckt eine seriöse Randlosbrille, die in verstörendem Kontrast zu seinem Äußeren und seinem Auftreten steht.
"Verstehste, also dass es eigentlich heißt: Wer rastet, rostet. Aber dass ich daraus mache: Wer ausrastet, rostet nicht! Das is gut, ne?"
"Das ist durchaus originell", sage ich und zapfe ihm ein weiteres Kölsch. Seinen Deckel hat er sich auf Torte machen lassen, aber eigentlich heiße er Thorsten, hat er angefügt. Und dass er aus dem Osten komme, im weitesten Sinne: Thüringen. Draußen ist es jetzt stockdunkel, Zeit, das Licht weiter runterzudimmen und die Nacht einzuläuten. "Du brauchst keinen Wetterfrosch, um zu wissen, woher der Wind weht", singt Bob Dylan.
"Das is echt nicht schlecht, ne?" sagt der Thorsten. "Sowas fällt mir im Prinzip andauernd ein, so Sprüche, da bin ich ne echte Konifere drin."
Ich will schweigen, sage es dann aber doch und finde mich zugleich peinlich: "Koniferen sind Nacktsamer."
"Ja ja", antwortet Thorsten, "is klar."
Am Ende der CD, in einen Moment der Stille hinein, betritt ein weiterer Mann den Laden. Ende 20, weißer Pullover mit V-Ausschnitt, Hugh-Grant-Frisur. Lange weiße Finger, extrem nervöser Raucher.
"Ich hatte schon Angst, ihr hättet renoviert."
"Wie meinst du das?" frage ich.
"Naja, ich war hier schonmal vor zehn Jahren."
Der Nervöse sagt das mit großem Ernst, so, als sei er wirklich erleichtert darüber, dass hier alles beim Alten ist. Thorsten lacht trotzdem, nickt den Nervösen fragend-bittend-dankend an und nimmt sich wortlos eine Benson & Hedges aus dessen Packung. Genauso wortlos bekommt er Feuer.
Der Nervöse bestellt ein Guinness, ein Kölsch und zwei Korn, was erst auffällig wirkt, als auch in der nächsten Minute niemand sonst hereinkommt, er das Kölsch auf Ex nimmt und danach das Guinness ansetzt.
"Schreib Olivier", sagt er, als ich nach dem Deckel greife.
"Oliver, na super", krakeelt Thorsten, "du bist echt voll in Ordnung, Alter! Du kannst mich Torte nennen."
"Prost, Torte."
"Auf uns! Nur wer ausrastet, rostet nicht."
Es ist genau zehn Uhr. Olivier trinkt die beiden Korn, Thorsten zieht die Zigarette durch. Zwei Männer und eine Frau kommen aus der Kälte, bestellen drei Kölsch und gehen nach hinten zum Flipper durch.
"Weiberfastnacht hamse mir´n Lappen abgenommen", sagt Thorsten.
"Wieviel hattest du denn getrunken?" frage ich.
"Bis der Arzt kommt. Wie immer."
"Heute Nachmittag ist mein Vater gestorben", sagt Olivier.
Thorsten trinkt.
“Ja ja”, sagt er. “Is klar.”


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Dienstag, 2. März 2010

Straßenkämpfer (11)

Die Gnadenbrotgasse

Jessica nahm die Teelichter vom Bord des hinteren Fensters. Der Camping-Anhänger schwankte, als sie dort hinten hantierte, und wieder fragte sie sich, welchen Anblick der Karren wohl von außen bot, wenn sie gerade bei der Arbeit war. Das schwankende Schiff, beschlagene Fenster, und dann war sie stets froh, dass es der Freier war, der als erster nach draußen musste. Spaziergänger mit Hunden, jugendliche Glotzer, glotzende Jogger.
Im Sommer, zwischen zwei Kunden, die Zigarette auf der Stufe zum Wagen in Strapsen. Da gewöhnt man sich dran, wie die gucken, wie die weggucken. Und die Dreisten, die Anzüglichen mit ihren Bemerkungen und Gesten. Und die alten Kerle vom Schwulenstrich weiter hinten im Wald, die noch am nettesten waren. Immer ein Schwätzchen, soso und blabla, und wenn mal was iss, Jessica, auf mich kannste zählen.
Auf den Theo hatte sie gewartet, wie immer. Der letzte Kunde, jeden Montag und Donnerstag, darauf war er ein bisschen stolz. Donnerstag, weil er danach schon immer ins Wochenende ging. Ausgehungert war der montags, aber wie. Wie ein Löwe, wie ein Lamm, oh Gott, besorgs mir, Jessica, oh Gott iss das schön.
Jessica zieht den langen Mantel über, der ihr weiteres Umziehen erspart, schließt den Camper ab und steigt in ihr Auto. Acht Uhr. Petra, gegenüber auf der anderen Seite des Weges, streckt noch immer die langen Beine aus dem Wagen. Dicke Bücher liest die alte Petra, kaum noch Kunden hat die. Getönte Scheiben, der Pkw, aber was ist das schon im Vergleich zum eigenen Camper. Und direkt hier am Wegrand, vor der Ecke zum Parkplatz, da kommt die nie mehr hin. Jessica auch nicht, nicht mehr, zu alt fürs dicke Geschäft. Die haben alle Loddel, die auf dem Parkplatz, so schön geschützt wie der ist. Die kommen längst alle aus dem Ausland, die wissen doch gar nicht, wo sie hier sind. Militärringstrooß wird auf der vierten Silbe betont, wisst Ihr das, Mädels?
Die haben doch keine Ahnung, vom Geschäft, von diesen Männern hier. Die sind nur jung und sehen gut aus. Gnadenbrotgasse, so ist das doch. Jessica (36) und Petra (45) von der Gnadenbrotgasse, komm Süßer, ich blas dir einen, nen Zehner und ab dafür.

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Mittwoch, 24. Februar 2010

Momentaufnahmen (9)

„Gib Schutzgeld, Schlitzauge!“

Kneipe, Altstadt
An der Theke sitzt ein Mann und blättert im Express. Es treten ein: drei junge Schwarze. Sie sprechen den Mann an, fragen etwas. Er antwortet freundlich, macht offenbar einen kleinen Witz und dreht sich lachend wieder zu seiner Zeitung. Die drei Jungen setzen sich an einen Tisch hinter ihm. Die Kellnerin verlangt nach ihren Ausweisen, kontrolliert, ob sie 18 sind und bringt ihnen sodann drei Bier. Der Mann an der Theke, weiter lesend, greift hinter sich, fingert sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche und steckt es vorn ins Jackett.

Kneipe, Nordstadt
Völlig verschädelter Gast: „Du lässt ja nur weiße Musik laufen.“
Kellner: „Hä?“
Völlig verschädelter Gast: „Muss ich mir Sorgen um dich machen?“

Carl-Schurz-Platz, Liblar
Carl Schurz, 1829 geboren in Liblar, emigrierte nach seiner Teilnahme an der 1848er-Revolution in die USA und wurde dort ein angesehener Geschäftsmann und hochrangiger Politiker. Auf dem nach ihm benannten Platz in seinem Heimatort steht am 19. Februar 2010 ein Verkaufskasten der BILD-Zeitung. Schlagzeile: „Warum kriegen Migranten häufiger Hartz IV als Deutsche?“

Asia-Imbiss, Studentenviertel
Türkischer Express-Mann zum Asia-Griller beim Herüberreichen der Zeitung: „Gib Schutzgeld, Schlitzauge!“

Linie 12, Ringe
Mann 1: „Kölsch klingt viel netter wie Hochdeutsch.“
Mann 2: „Jenau, Fisternöll statt Seitensprung. Oder womöschlich Liebschaft, oweiowei.“
Mann 1: „Oder Schwätzer, dat is doch richtig hart. Aber dann eben: Schwadlappen, so einen mag man doch tirek.“
Mann 2: „Jenau, un ene Nasse Sack es ene Jeck im Rään.“


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Mittwoch, 17. Februar 2010

Fundstücke (2)

Erftstadt ist groß

Erftstadt ist groß, sogar sehr groß. Keine Kommune im Rhein-Erft-Kreis kann diese Zahlen aufweisen. Exakt 119,88 Quadratkilometer ist die südlichste Stadt im Kreisgebiet groß. Die Fläche zwischen Gymnich und Kierdorf im Norden, sowie Borr und Niederberg im Süden, ist sehr stark landwirtschaftlich geprägt.
(www.erftstadt.de, Menüpunkt „Unser Erftstadt“)

Jedoch haben die Friesheimer einen ausgeprägten historischen Sinn. Sie sind stolz auf ihren Ort und ihre Burgen. Die Katasterkarte von 1810, die sieben wasserumwehrten Burgen und drei weitere größere Adelshöfe ausweist, lässt vermuten, dass das Domkapitel den ungeheuren Besitz des Grafen Emundus aufgeteilt und mehrere Ritter damit belehnt hat, damit sie Friesheim bei einem etwaigen Angriff verteidigen sollten. Im 12. Jahrhundert galt es für einen Ritter, eine standesgemäße Burg zu besitzen, und daraus erklärt sich für Friesheim die Vielzahl von acht Burgen.
(Karl Stommel: Erftstadt. Die heutigen Stadtteile im Wandel der Zeiten. Eine historische Dokumentation herausgegeben aus Anlass der 700-Jahr-Feier der Stadtrechtsverleihung an die Stadt Lechenich am 14. September 1279)

Plätze sind größere freie Flächen für bestimmte Zwecke wie Veranstaltungen und Versammlungen. In der Regel sind sie mit dem örtlichen Straßennetz verbunden. Beispiele: Kirmes-, Schieß-, Sport-, Ritt- und Parkplatz. Auf den Plätzen spielt sich das gesellschaftliche Leben eines Ortes gleichsam in herausragender Form ab. Die Gymnicher Plätze erfüllen alle die genannten Zwecke.
(Matthias Weber: Heimatbuch Erftstadt-Gymnich, S. 128)

Vor der Strohpresse (1926): Zum Zusammenbinden der Ballen wurde Draht benutzt: Ein Arbeiter schob eine Gabel durch, deren beide Zinken mit Rillen versehen waren, durch die von der anderen Seite her der Draht geschoben werden konnte. (...) Eine besonders mühsame Arbeit bestand darin, das Kurzstroh zu sammeln und in die Presse zu befördern. Diese Aufgabe wurde meist Frauen übertragen.
(Rainer Strätz: Erp in alten Ansichten, Nr. 22)


Die Schuhfabrik Hütten und ihre russischen Kriegsgefangenen um 1916 (ebenfalls aus: Erp in alten Ansichten)


Mehr als zweieinhalb Stunden, bevor der Rosenmontagszug zu erwarten war, mussten Stephanie Will (24) und ihre 23 Freunde von der KG Sievernich-Erp ihre Sitzplätze einnehmen. Das war um 11 Uhr, und eine gute Stunde später war die Referendarin im Zebrakostüm gar nicht mehr sicher, dass die 64,50 Euro für den Sitzplatz gut angelegt waren. „Obwohl wir pünktlich da sein sollten, sind etliche Plätze leer.“
(Kölnische Rundschau vom 16. Februar 2010, S. 30)


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Mittwoch, 10. Februar 2010

Fundstücke (1)

Liebe als Problem

Nach heutigem Verständnis hatte Publius Horatius ein Tötungsdelikt begangen, und zwar an einer nahen Verwandten, seiner Schwester. (...) Es war nach römischem Recht ein besonders schweres Verbrechen, das eine besondere Strafe nach sich zog: Der Täter wurde gesäckt, das heißt, mit unreinem Getier - meist werden Affe und Schlange genannt - in einen Ledersack genäht und in den Fluss oder ins Meer geworfen.
(Detlef Liebs: Vor den Richtern Roms. Berühmte Prozesse der Antike, S. 17)

Die Theorie gesellschaftlicher Evolution und die These, dass durch Änderung des Differenzierungstypus der Gesellschaft die Komplexität des Gesellschaftssystems sprunghaft zunimmt, lassen demnach vermuten, dass die Kommunikationsprozesse der Gesellschaft einer solchen Entwicklung folgen und ein anderes, zugleich generelleres und spezielleres Kombinationsniveau von Selektion und Motivation suchen werden. Liebe beispielsweise wird gegen alle Tradition, die sie als gesellschaftliche Solidarität schlechthin in Anspruch genommen hatte, jetzt als unbegründbar und als persönlich deklariert: „Par ce que c´estoit luy; par ce que c´estoit moi“, wie es in der berühmten Formulierung Montaignes heißt.
(Niklas Luhmann: Liebe als Passion, S. 22)

„Geh weg!“ schrie sie und stieß ihn mit dem Ellbogen so heftig gegen das Nasenbein, dass ihm Sterne vor den Augen tanzten.
Der Schmerz in der Nase ging bald vorüber, die Qual aber nahm und nahm kein Ende.
(Anton Tschechov: Die Hexe, in: Die Dame mit dem Hündchen. Erzählungen, S. 19)

Hexen sollen verbrannt werden, auch wenn sie keinen Schaden anrichten, allein weil sie einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben. Wenn du solche Frauen siehst, so kannst du sie an ihrem teuflischen Verhalten erkennen. Deswegen sind sie zu töten.
(Martin Luther im Jahr 1526, zitiert nach: Olaf Link: Hexenglauben im Bergischen Land, S. 39)

„Du!“ fährt Aleta ihren Gemahl an. Nach einer Minute eisigen Schweigens fährt sie fort: „Ich habe genug ertragen. Jetzt will ich dich ein Jahr lang an meiner Seite haben. Mit meiner Familie. Und keine Ausreden!“
(John Cullen Murphy: Prinz Eisenherz, Band 54, S. 33)


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Mittwoch, 3. Februar 2010

Straßenkämpfer (10)

Das Gegenteil von Angst

Vorm McDonalds am Barbarossaplatz die Bodenplatten zählen. Wie schafft man es, dies wirklich unauffällig zu tun, denkt er, und dann: Als wenn mich hier jemand beachten würde. Also legt er los, will er loslegen, aber direkt die erste Reihe, die an der Glasfront entlang, besteht aus halbierten Platten. Er entscheidet sich dafür, zwei halbe für eine ganze zu nehmen, und zählt 35 bis zur Ecke. Die letzte halbe Platte dort steht jedoch etwa um die Hälfte über, sehr ärgerlich ist das. 35 Halbe plus ein Viertel, sein vorläufiges Ergebnis, und schon so krumm. So unsauber, er kramt seinen Block und den Stift aus der Brusttasche, beschließt, sich die Zahl zu notieren und noch einmal bei 1 anzufangen. Zur Kontrolle zählt er auch die zweite Reihe noch einmal ganz durch, kommt wieder auf 35 plus Überstand. Damit kann er umgehen. Sämtliche Reihen bis zum Bordstein kann er von seiner Position aus, dort am Fenster, nicht übersehen. Es ist 9 Uhr abends, der Gehweg voll mit Menschen. Also schreitet er sie ab, die Reihen, gelangt an die Straße und ist glücklich. Er kommt auf eine gerade Zahl, das bedeutet, die Halbsteine an den Enden gehen in eine ganze Zahl auf. Und ist deprimiert im nächsten Moment, als ihm die notierte erste Reihe einfällt. 18 mal 35 plus 9 mal ½ plus jene 35 Halben plus ¼. Im Vorhinein hatte er sich gefreut auf die Multiplikation nach dem Auszählen, aber nun lässt er es ganz bleiben. Das taugt nichts, was da herauskommt, das taugt gar nichts.
Der Tag ist gelaufen, denkt er, es überkommt ihn eine große Angst. Sie beginnt im Nacken und wandert in seinen Bauch. Ins Zwerchfell, sagt er sich, da sitzt das Alles. Die große Konsequenz hieße: ins Bett zu gehen. Aber die Angst ist stärker. Sie muss betäubt werden. Für die Woche, für die nächsten beiden Tage plus heute Abend, also für die nächsten 2,25 Einheiten bleiben ihm 5 Euro 71, das ist reichlich. Er kennt den Supermarkt, der jetzt noch geöffnet ist, er kennt die Preise, den Preis für einen Liter Gesöff. Die Angst ist so groß, dass sie, einmal betäubt, sich in eine Betäubung verwandeln wird. Er weiß, dass ihn dieser Liter in den Schlaf bringen wird, auch wenn er zu einem echten Rausch nicht taugt. Aber betäuben wird er ihn, mit Hilfe der großen Angst. Das Gegenteil von Angst ist nicht Mut, sondern Taubheit.


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