Mittwoch, 17. Oktober 2012

Thekentänzer (62)

Charlys Onkel

Charly heißt eigentlich Karl. Aber der Name gefällt ihm nicht, weil er von jenem Onkel stammt, auf dessen Schoß es sich immer so feucht saß.

Eine Schulbank im Friedrich-Wilhelm-Gymnasium hat Charly nie gedrückt. Auch keine an irgendeiner Realschule. Wörter wie „Hypotenuse“, „Alliteration“ und „Kategorischer Imperativ“ hat er sich angelesen. Jeden Tag, bevor er weggeht, lernt er ein neues Fremdwort mit dem festen Vorsatz, es noch am selben Abend fallenzulassen.

Charly war nie Mitglied der deutschen Hockey-Jugendnationalmannschaft, obwohl er das jedem erzählt. Er wurde nie zu Kölns bestem Nachwuchsspieler gekürt und hat zu keiner Zeit das Trikot von Rot-Weiß Köln getragen.

An der Geschichte, er sei mal bei den Hell´s Angels gewesen, ist nichts dran. Charly fuhr mit 16 eine grau-beige Kreidler RMC, die ihm jener Onkel Karl testamentarisch überlassen hatte. Als das Mokick auseinanderfiel, sattelte er um auf ein holländisches Drei-Gang-Rad.

Charly verdient sein Geld weder mit Online-Pokern noch als saisonaler Surflehrer. Sondern als Lagerarbeiter. Jeden Morgen um halb Neun fährt er zum Bäcker und holt für die ganze Belegschaft belegte Brötchen.

Weder mit Wotan Wilke Möhring und Hugo Egon Balder, noch mit Carsten Cullmann oder Dirk Lottner war Charly jemals per du. Von letzterem besitzt er allerdings ein Autogramm mit der Widmung „Für Chalie“.

Dass Charly mit mal Doro (ausgerechnet Doro!) zusammengewesen sei, ist ein Gerücht, das er selbst schürt. Doro wohnt jetzt seit über 15 Jahren auf Lanzarote. Vorher, in Ehrenfeld, kauften sie und Karl ihren Javaanse Jongens im selben Büdchen.

Es stimmt allerdings, dass Charly gerne mal einen über den Durst trinkt. Und einen vom Pferd erzählen kann er auch.

So mancher lässt gern mal den dicken Max raushängen


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Mittwoch, 10. Oktober 2012

Interviews (6)

Der Greenkeeper

„Ich habe mehr Meistertitel als der FC“

Christoph Seiler wurde 1975 in der Eifel geboren, wo er auch aufwuchs. Nach einigen Jahren als privat angestellter Elektrotechniker begann er 2006 bei der Kölner Sportstätten GmbH. Heute ist er Leiter der Abteilung Gebäudetechnik und fungiert u.a. als Head-Greenkeeper des Stadionrasens. Christoph Seiler wohnt mit seiner Frau und drei Kindern in Bad Münstereifel.
Der Mann hat einen beneidenswerten Ausblick. Denn Christoph Seilers Büro liegt direkt in der Osttribüne, mit Blick auf das gesamte RheinEnergieStadion. Und rechts neben dem PC-Bildschirm steht ein wichtiges Arbeitsutensil: ein Fernglas.

Auf dem Golfplatz ist das wertvollste Stück Rasen das Green. Worin unterscheidet es sich von einem Fußballplatz?

Dazwischen liegen Welten, sei es in Bezug auf den Aufbau, die Pflege oder den Pflanzenbestand. Auf dem Fußballplatz wird schließlich mit Stollenschuhen gegrätscht, während man den Golfplatz eher mit Samtschläppchen betritt.

Für den Laien sind diese Grünflächen ein gleichermaßen feines, irgendwie edles Zeug.

Ein Putting Green wird zum Beispiel auf 1,8 cm runtergeschnitten, während wir hier im Stadion nach DFB-Vorgabe 2,4 cm haben. Wegen der Belastung bauen wir auch eine ganz andere, reißfeste Sode mit massivem Wurzelwerk auf.

Im März tagte in Köln die internationale Greenkeeper-Gemeinde. Gibt es von Land zu Land Unterschiede bei der Rasenauswahl?

Die Behandlung hängt natürlich auch vom jeweiligen Klima ab - und ebenso vom Budget. Aber die Rasengattung ist bei allen identisch und besteht, um genau zu sein, aus 70% Lolium-Perenne und 30% Poa Partensis.

Was kann ein reicher Verein, das etwa beim SC Brühl nicht möglich wäre?

Nehmen wir direkt Bayern München: Die leisten sich vier Greenkeeper und eine Beleuchtungsanlage von 10 Units, Wert: rund 1,6 Mio. Euro. Diese Anlage simuliert einen ganzjährigen Sommer, sodass der Münchner Rasen auch an Silvester wächst.

Wie haben die Kollegen aus aller Welt Ihren Kölner Rasen beurteilt?

Der Greenkeeper von Real sagte, das sei der beste, den er in Deutschland gesehen hat. das ist natürlich eine Auszeichnung, die runtergeht wie Öl.

Haben Sie auch einmal Erfahrung mit Kritik machen müssen?

Vor drei, vier Jahren hatte es vor dem Spiel gegen Gladbach in zwei Tagen 130 Liter Niederschlag gegeben. Jeder Beteiligte sah ein, dass hier höhere Gewalt im Spiel war. Außer dem Schiedsrichter, der mich herbeizitierte und wegen des Rasenzustands zusammenfaltete. Aber inzwischen kann ich darüber lachen.

Was erlebt man als Fachmann beim Besuch von Amateurvereinen?

Ein Sportplatz wächst, wenn man nicht achtgibt, mit der Zeit in die Höhe - in zehn Jahren um rund 8 cm. Da ist der Rentner, der sich ehrenamtlich kümmert, ganz machtlos. Einmal stand ich in einem Tor, dessen Latte ich tatsächlich mit der Nase hätte streicheln können.

Entsteht so auch die leichte Wölbung von Amateurplätzen?

Auch die Profis beachten beim Platzaufbau gewisse Neigungswinkel, um das Wasser besser ablaufen zu lassen. Die DFB-Richtlinien sehen ein Gefälle von 0,8 % vor, sodass bei uns zwischen Anstoßpunkt und Seitenlinie ein Höhenunterschied von 28 cm besteht.

Nochmal zu den Bayern: Die wässern kurz vorm Match angeblich den Rasen, weil der so schlüpfriger wird und die Münchner ihre technische Überlegenheit ausspielen können. Stimmt das?

Je schneller der Ball, desto besser für technisch gute Mannschaften. Schlechtere hingegen würden möglichst stumpfen und hohen Rasen bevorzugen. Deshalb beschwert sich im DFB-Pokal so mancher Profi über den „Acker“, auf dem er irgendwo in der Provinz spielen musste.

Wie läuft in der Hinsicht die Zusammenarbeit zwischen Trainer und Greenkeeper?

Der Herr Daum hat sehr viel Wert darauf gelegt, dass hier kein Ball verspringen kann. Herr Solbakken hingegen meinte nur: Macht euren Job wie immer, dann wird das schon. Die weitaus angenehmste Zusammenarbeit hatte ich jedoch mit Herrn Schäfer. Der delegierte nicht an seine Co-Trainer, sondern kam kollegial und offen auf einen zu, wenn er ein Problem sah.

Bestimmen Sie als Greenkeeper auch die markanten Rasenmuster, die beim Mähen entstehen?

„Bestimmen“ ist das falsche Wort, denn auch das Mähen unterliegt verschiedenen technischen Gesichtspunkten. Um den Platz eben zu halten, müssen Sie die Mährichtung zuweilen ändern. Wenn Sie hingegen zehn Jahre in einer Linie fahren, kann ich Ihnen anhand des Ballverhaltens zeigen, wo Ihre Räder laufen.

Offenbar entwickelt man als Greenkeeper mit der Zeit ein geschultes Auge.

Ja, wenn ich in der Sportschau oder sonstwo nur den Rasen sehe, weiß ich schon, wo das entsprechende Spiel stattfindet.

Was bedeutet es für Sie als Greenkeeper, wenn AC/DC hier im Stadion einen Abend Gas gibt?

Der Rasen vor der Tribüne in der Südkurve ist danach komplett hinüber. Aber die restlichen 6.400 Quadratmeter von der südlichen Strafraumgrenze bis tief in den Norden rein sind inzwischen rekordverdächtig. Die Sode besteht seit gut 20 Monaten, trotz mittlerweile sechs Stadionkonzerten. Zum Vergleich: In Gelsenkirchen können sie den Rasen rausfahren, mussten ihn aber letztes Jahr vier Mal austauschen.

Wenn ich das Stadion für ein Freundschaftsspiel miete und eine komplett neue Lage Rollrasen verlegen möchte - wieviel kostet mich das?

Für einen professionellen Rasen sind Sie da bei 120-150.000 Euro.

Die gehen dann an Ihren Arbeitgeber, die Kölner Sportstätten GmbH. Wofür ist die zuständig?

In Köln ist das aufgeteilt: Während sich das Sportamt um den Breitensport kümmert, unterhalten wir die Anlagen für den Profisport. Wir betreuen insgesamt sechs Anlagen: das RheinEnergie- und Südstadion, den Sportpark Höhenberg, die Albert-Richter-Radbahn, das Reit- und Baseballstadion und die öffentliche Golfsportanlage in Roggendorf.

Offiziell sind Sie hier Leiter der Gebäudetechnik. Außer auf den Rasen achten Sie also auch darauf, dass alle Flutlicht-Birnchen brennen?

Ja, auch das gehört dazu. Unser Technikteam kümmert sich um das gesamte Stadion - vom Dach bis zum Abwasserkanal.

Haben Sie wegen Ihrer verdienstvollen Tätigkeit eine Freikarte, oder sehen Sie sich die Spiele hier im Büro an?

Ich bin natürlich FC-Fan, obwohl ich nicht direkt von hier, sondern aus der Eifel komme. Aber die fängt ohnehin am Eifeltor an. Ein Bundesligaspiel ist für mich jedoch nicht nur Genuss, sondern Arbeit. Ein komplettes Match entspannt zu betrachten, ist bei mir noch nie vorgekommen.

Bekommt man so einen Job hier, indem man über drei Ecken mit Wolfgang Overath verwandt ist?

(lacht) Nein, der war zur WM 2006 ausgeschrieben, durch dieses Großereignis ist die Rasenpflege bundesweit stark in den Fokus gerückt. Bei der Besetzung solcher Posten interessiert die Verantwortlichen ausschließlich die fachliche Qualifikation der Kandidaten. Und unter uns gesagt: Ich habe mehr Meistertitel als der FC.

Und das Stimmt! Christoph Seiler hat vier, der FC lediglich drei. Und dabei wird es wohl vorläufig auch bleiben.


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Mittwoch, 3. Oktober 2012

Geschichten aus 1111 Nächten (27)

Der sprechende Halve Hahn

Jean, der schielende kölsche Schlemihl, hatte sich schon immer viel auf seine stupende Klugheit eingebildet. Eines Tages, er saß bereits seit Stunden mit Freund Anton im Brauhaus, fühlte er sich bestätigt. Zwischen dem 18. und 19. Kölsch nämlich bemerkte er plötzlich, dass er die Sprache der Halven Hähne spricht.
Das Röggelchen mit mittelaltem Gouda lag vor ihm auf dem Teller, als er es fragte:
„Sag mal, habt ihr auch ganz wie wir einen Fußballverein?“
„Ja“, antwortete der Halve Hahn. „Aber all unsere Spieler haben lediglich ein Bein.“
Jean starrte das Röggelchen an und wollte es nicht glauben. Noch zögerte er, dem Freunde von der neuentdeckten Fähigkeit zu berichten.
„Und sag an, Halver Hahn, habt ihr auch eine Regierung?“
„Ja“, antwortete das Röggelchen aufs neue. „Aber unsere Minister riechen fürchterlich nach Senf.“
Jean fand diese zweite Antwort zugleich unverständlich und bedenkenswert. Um seine Sinne nicht zusätzlich zu verwirren, versuchte er es ein drittes Mal:
„Und verrate mir doch, habt ihr Halven Hähne womöglich sogar einen Gott?“
„Selbstverständlich“, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen.
„Und wie ist er? Ähnelt er euch?“
„Nicht vollkommen“, sagte das Röggelchen. „Wir haben nur eine Scheibe Käse. Er hat zwei.“

Halver Hahn, Unterschichtler

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Mittwoch, 26. September 2012

Thekentänzer (61)

„Na dann bis dann“

D. wusste, dass es heute wieder passieren würde. Er wusste es in dem Moment, da er den Laden betrat.
Der Kellner war völlig hinüber, jeder sah das. 4 Uhr nachts, die Musik viel zu laut und aus jener Zeit, da dieser alternde Kerl einmal jung gewesen sein mochte. Den Abend und die halbe Nacht hatte D. allein verbracht. In verschiedenen Online-Pokerunden zunächst, die ihm sogar einen kleinen Gewinn eingebracht hatten. Bevor er dann, gegen 1, die Wohnung verließ, setzte er sich noch kurz in seinen stinkenden Kellerraum. Dort nämlich stand sein „Gabentisch“, wie er ihn für sich nannte. Gaben, die die Welt ihm hatte zufallen lassen in ihrem gigantisch vertrottelten, verbrecherischen, überreichen Leichtsinn.
Der torkelnde Kellner rief die „Letzte Runde“ aus und drehte irgendein furchtbares Gitarrensolo aus den späten 1960ern bis zum Anschlag auf.
„Das ist die Originalversion“ grinste er dämlich-stolz.
„Das weiß ich, du Arsch“, antwortete D. in den Krach hinein.
Er wischte den feuchten Beschlag von seinem letzten Bud, trank und wartete. Die Kneipe leerte sich. Erst gingen die Pärchen, dann die Gruppen und danach, allmählich und jeder für sich, die einsamen Trinker. Zwei besonders trostlose Gestalten winkte D. mit einem dummen Witzchen zu sich und spendierte ihnen einen finalen Drink. Die Deppen lachten, genau wie der Kellner gutgelaunt, gutgläubig, blutäugig. Mit der letzten Gitarrenrückkopplung schaltete der die Anlage aus, drehte das Licht heller und begann, die Aschenbecher einzusammeln. D. beobachtete ihn, wie er vom ersten zum zweiten Tisch schwankte und schließlich im Durchgang zum Kicker verschwand. Dann langte er über den Tresen und zog den iPod vom Kabel.
„Arbeitest du nächsten Samstag auch?“ rief er dem Kellner im Gehen zu.
„Ja“, sagte der.
„Na dann bis dann“, sagte D.

Man kann niemandem trauen

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Mittwoch, 19. September 2012

Fundstücke (17)

Wenn Ali abnimmt

Aldi-Kasse, Severinstraße

50-jährige Kundin, hustend: „Zwei Bigbacks von denen da, bitte.“
Kassiererin: „Na, wenn ich dat hüre: Dat sin ävver zwei zo vill!“
50-jährige Kundin, hustend: „Wieso ...“
50-jährige Kundin, hustend, röchelnd, mit hochrotem Kopf: „... dat ...“
50-jährige Kundin, würgend, keuchatmend, Hand vor dem Mund: „... dann?“

Kneipe, Südstadt
Gast: „Wie schaffst du das eigentlich mit deinen ganzen Kneipen?“
Wirt: „Mein Großvater hat immer gesagt: „Wenn du einen Laden hast, wirst du in einem beschissen. Wenn du zwei hast, in zweien.“

Bushaltestelle Mannsfeld
Alter Mann: „Do kütt dä endlich, jlöuvste dat?“
Alte Frau: „Wood jo och Zick.“
Alter Mann: „Zehn Minutte ze spät, dat jitt et doch janit.“
Alte Frau: „Ija, un wat meinst do, wenn mir alle esu wöre.“
Alter Mann: „Dann jingk he janix mieh. Dann dät alles stillstonn in Kölle.“
Alte Frau: „Ija. Jenau. Alles am Engk wör dann.“
Alter Mann: „Nur de KVB, die dät dann vielleich noch fahre ...“
Alte Frau: „Ija, weil, öönswo waad dann bestemp noch einer op d´r Omnibus.“

Bahnlinie 12, Zollstock
1. Schüler: „Wie heißt das, wenn Ali abnimmt?“
2. Schüler: „Keine Ahnung, Brother, ey.“
1. Schüler: „Schmali.“

Fußballplatz im Rechtsrheinischen, Außenlinie
Vater mit muslimischem Hintergrund: „Also eins steht fest. Weihnachten bleib ich nie mehr in Deutschland.“
Vater mit deutschem Hintergrund: „Wieso, ist zu langweilig?“
Vater mit muslimischem Hintergrund: „Ja, total. Nix los, alle Geschäfte zu, scheiße Wetter, alles scheiße.“
Vater mit deutschem Hintergrund: „Aber die Kneipen haben auf, mein Lieber!“
Vater mit muslimischem Hintergrund: „Trotzdem, ich haue ab dieses Jahr.“
Vater mit deutschem Hintergrund: „Klar, Skifahren.“
Vater mit muslimischem Hintergrund: „Nix Skifahren, ey. Ich flieg nach Abu Dhabi.“

Blootwoosch mit lecker Mädche

Kneipe, Nordstadt
Kellner: „Der Wein schmeckt voll kacke, ich weiß. Wenn du willst, schütt ich dir gern nochn Schuss Sprudel rein. Kriegst du für ömme.“


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Mittwoch, 12. September 2012

Interviews (5)

Wie man Wirt wird oder: „Wirt - Wirtschaft - Betriebswirtschaft“

Alexander Manek wurde 1973 in Sülz geboren. Nach dem Abitur am Schiller-Gymnasium absolvierte er eine Ausbildung zum Hotelkaufmann im Kölner Hyatt. 2000 übernahm er - als Enkel des Gründers - das Haus Unkelbach in Sülz. Inzwischen führt er u.a. auch das neu errichtete „Alte Brauhaus“ von Reissdorf auf der Severinstraße.
Auf seinem Handy läuft ein Lied von Brings, bevor er abhebt. Klar, er habe alle Zeit der Welt für ein InterviewEntsprechend entspannt begrüßt mich Alexander Manek dann auch im „Alten Brauhaus“, einem seiner vier Lokale.

Sie wollten schon mit sieben Jahren Wirt werden. Warum?

Mein Großvater Karl gehörte zum Wirtestammtisch, der sich einmal im Jahr bei ihm zur Weihnachtsfeier traf. Opa Karl hatte bei sich im Hahnwald sogar eine Kegelbahn im Haus. Weil ich auch innerhalb der Familie schon öfters den Kellner gemacht hatte, war ich auch an jenem Abend engagiert. Und bekamm unglaublich viel Trinkgeld.

Die Gäste dort kannten das Metier.

Ja, und die fuhren alle mit schwarzen Mercedes-Limousinen vor. Tiefenentspannte Typen waren das, die einige Jahre auf dem Buckel und in Köln schon einiges bewegt hatten. Ich wollte einer von denen werden.

Und der Wunsch, Wirt zu werden, blieb lebendig?

Ja, immer. Nachdem mein Opa das Unkelbach ab 1963 verpachtet hatte, ging es mit dem Lokal steil den Bach runter. Ich habe ihm trotzdem immer gesagt, dass ich´s mal übernehmen möchte, wenn ich groß bin.

Offenbar hat er an Sie geglaubt.

Als ich 16 wurde, gab es mit Marcel Herzet jemanden, der den Laden in ein kölsches Brauhaus umwandeln wollte. Mein Opa machte mit ihm einen Vertrag über zehn Jahre. Und mir trug er auf, in dieser Zeitspanne gefälligst alles zu lernen, was man für die Führung eines solchen Hauses braucht.

Sie kennen den einschlägigen Spruch: „Wer nix wird, wird Wirt.“ Warum ist der falsch?

Ein Fehler mancher Wirte ist es, mit den Gästen zu viel mitzutrinken. Viele werden natürlich gerne vom Wirt und seinen Mitarbeitern unterhalten, jedoch sollte das auch ohne übermässigen Alkoholkonsum möglich sein. Alle erfolgreichen Gastronomen müssen auch was in der Birne haben. Die meisten Menschen stellen sich den Job viel zu einfach vor.

Ein Wirt ist etwas anderes als ein Kellner.

Genau, bei uns geht es nicht nur ums Zapfen, wir verdienen unser Geld nicht hinterm Tresen, sondern am Schreibtisch.

Wirt - Wirtschaft - Betriebswirtschaft?

Ja, diese Reihe macht sicher Sinn.

Mit dem Unkelbach, dem Steakhaus Die Fleischerei und dem Alten Brauhaus auf der Severinstraße sind Sie inzwischen ein echter Großgastronom.

(lacht) Na ja, geht so. So einen Riesenladen wie das Gaffel am Dom würde ich aber eher nicht übernehmen, das wäre mir viel zu unpersönlich.

Sie haben auch 50 % Anteile an der Tant auf der Cäcilienstraße. Wie soll das weitergehen?

Ich denke, es reicht jetzt. Mein Großvater hat immer gesagt: „Wenn du einen Laden hast, wirst du in einem beschissen. Wenn du zwei hast, in zweien.“

Von wem wird man beschissen?

Wenn man nicht aufpasst, von allen.

Das Unkelbach ist ein Traditionslokal. Was ist dort aber wirklich alt?

Nach dem Krieg war das ein gehobenes Speiserestaurant. Vorn das Restaurant war weiß eingedeckt, und die Kellner trugen Smoking mit Fliege. Hinten in der Braustube ging es hingegen deftig-kölsch zu, da waren die Tische blank und die Kellner Köbesse. Und diese Braustube existiert auch bis heute unverändert.

Zur Traditionspflege gehört bei Ihnen, dass man auch draußen 0,2-Gläser bekommt.

Stimmt, mir ist schon 0,3 zuviel. Das wird schal, und viele Biergärten hauen draußen auch noch was auf den Preis drauf.

In Bayern trinkt man Litermaße, ohne das übertrieben zu finden.

Und deshalb vertragen die auch unser Kölsch nicht. Die lachen über unsere „Reagenzgläser“, aber nach 20 davon liegen sie am Boden.

Bayrischer Kneipensport: Tischkegelbahn in Münchham


Ein 0,2er ist in Köln ein Großes. Wie sieht es mit Stößchen aus.

Meine Oma trank ausschließlich Stösschen. Aber 0,1-Gläser haben wir nicht, vielleicht kommt das noch. Wir behelfen uns bei so einem Wunsch mit hochgezapften normalen Gläsern. Im übrigen ist es in Köln ja auch traditionell so, dass ein Stösschen das selbe kostet wie ein 0,2er.

Was trinken Sie persönlich außer Kölsch?

Cola light und Milch.

In vielen Brauhäusern sind die Köbesse noch angehalten, bei solchen Bestellungen möglichst ruppig zu antworten.

Das ist eine Tradition, von der ich gar nichts halte. Vielleicht funktioniert so etwas noch in der Altstadt, aber nicht in solchen Nachbarschaftslokalen wie dem Unkelbach. Ich habe auch viele Köbessinen eingestellt, die sind sowieso nicht so drauf.

Tradition und Umgangsstil können sich manchmal beißen.

Ja, wobei es immer auf die Art ankommt, wie man so etwas bringt. Gegen einen charmant vorgetragenen flapsigen Spruch ist natürlich nichts zu sagen.

Sie haben auch selbst als Köbes gearbeitet.

Das war, bevor ich das Unkelbach übernahm. Ich war 26 und wollte den Mitarbeitern zeigen, dass ich den Laden nicht einfach nur als Enkel vom alten Unkelbach hinten reingeschoben bekommen habe.

Hat das funktioniert?

Die gestandenen Köbesse, echte Haudegen zum Teil, dachten sich, den Futzemann machen wir jetzt mal parat. Aber ich war ja dank meiner Jahre im Hotel auch nicht ganz unerfahren in diesem Bereich.

Sie haben im Hyatt Hotelkaufmann gelernt. Was hat das für Ihren heutigen Job gebracht?

Nur ein Beispiel: Im Unkelbach gab es, als ich das übernahm, ausschließlich Filterkaffee. Da habe ich natürlich sofort eine kleine Espresso-Maschine installiert. Die Leute merkten, dass es nun auch im Brauhaus vernünftigen Kaffee gab, und schon bald mussten wir uns ein größeres Teil anschaffen.

Bekommt man bei Ihnen ein Glas Wasser zum Espresso?

(lacht) Nein, das wäre dann wohl die Steigerung zum Fünf-Sterne-Brauhaus.

Auf diesem Weg versuchen die Brauereien zunehmend, jeder Übernahme ihren Namen aufzudrücken. Reissdorf im X, Gaffel im Y und so weiter. Nervt Sie das auch?

Im Unkelbach hat das angefangen. Aber als ich im Jahr 2000 übernahm, haben wir das „Reissdorf im“ schnell wieder durch „Haus Unkelbach“ ersetzt. Wir können uns das leisten, wir sind Brauerei-unabhängig. Wo das nicht so ist, haben die Brauereien wegen ihres finanziellen Engagements eben auch ein Mitspracherecht beim Namen.

Könnten Sie Ihre Kölschmarke einfach wechseln?

Wir bekommen viele zum Teil tolle Angebote. Aber wir bleiben Reissdorf treu, denn die sind in Ordnung. Sehr konservativ, aber in Ordnung.

Vom Kölsch zum Sangria: Sie gelten als bekennender Mallorca-Fan.

Was mir dort gefällt: Du kannst in Arenal Halligalli ohne Ende haben, aber zehn Minuten später liegst du am schönsten Strand und hast deine Ruhe.

Stehen Sie auf Plörre aus Eimern?

Nein, das mag mit 16 so gewesen sein. Aber wir gehen auch heute nochmal gern einen Abend in den Bierkönig. Allein schon, um die Logistik dort zu beobachten. Die hauen da tagtäglich soviel Bier raus wie wir an Weiberfastnacht.

Sie wollen also mir und unseren Lesern weismachen, dass Sie den Bierkönig zu wirtschafts-wissenschaftlichen Studienzwecken aufsuchen?

Genau, und um die nächste Karnevalsmusik zu hören! (lacht)


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Mittwoch, 5. September 2012

Geschichten aus 1111 Nächten (26)

Gott ist unfehlbar

Der Pfarrer von St. Bruno in Klettenberg galt als der strengste seiner Zunft in ganz Köln. Wenn er über den Allerheiligsten sprach, duldete er weder Unruhe noch Widerworte. Schon deshalb nicht, weil ihm der Rebensaft vom Vorabend noch wild im dicken Kopf herumschwappte. Eines Tages jedoch fing ihn Antons Vater am Kirchenausgang ab und sagte:
„Ihr behauptet, dass Gott alles, was er gemacht hat, gut gemacht hat. Aber seht euch meinen Jungen an, er hat eine furchtbare Knollennase.“
Der Prediger betrachtete das missratene Geschöpf, das er schon aus dem Religionsunterricht kannte, und antwortete:
„Aber mein Lieber, was hast du zu klagen. Für einen Knollennasigen ist er doch sehr gut geraten.“
Ein paar Meter weiter, das Pfäfflein freute sich bereits auf die angebrochene Pulle Messwein zuhaus, stand der kleine Jean mit seinem Erzeuger.
„Lieber Herr Pastor“, hob dieser an, „Ihr sagt, dass Gottes Schöpferkraft ohne Fehl und Tadel sei. Aber nun seht euch doch bloß meinen triefäugigen Jungen an.“
Der Geistliche, dem die Litanei nun schon vertraut war, antwortete: „Nun mach aber mal halblang, mein Sohn. Denn für einen Triefäugigen ist er doch ein ausgesprochen gut gelungenes Exemplar.“
Zuhause jedoch, vor dem Spiegel, zweifelte der Pfarrer plötzlich an seinen Antworten. Missmutig blickte er in seine blutunterlaufenen Augen, ballte er sein speckiges Fäustchen und befühlte er seine talgige Glatze. Schließlich hob er die Hände zu Gott und rief ihn an:
„Oh Herr, wenn dir doch alles so gut gerät, wie konnte da so etwas wie ich passieren?“
Aber statt einer Antwort drang aus dem Spiegel nur ein verschmitztes Lachen.

Gesundes Kind

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