Mittwoch, 14. August 2013

Geschichten aus 1111 Nächten (41)

"Was ist das Leben?"

 Viele Jahre lang hatte sich der heilige Willy in eine einsame Höhle in der Eifel zurückgezogen. Irgendwann, so hieß es landauf landab, hatte er dabei den Sinn des Lebens gefunden.
Ein steinreicher Marienburger fühlte sich unerfüllt als Kapitalist, Villenbesitzer, Golfspieler und und und. Also verschenkte er all sein Hab und Gut, verließ seine Familie und machte sich ohne Schuh und Strümpf auf den Weg zu dem Einsiedler. Viele Monate suchte er ihn, durchstreifte Wald und Wiesen, verirrte sich und kämpfte mit Krankheiten und Verletzungen. Eines Tages jedoch, kurz hinter Birresborn, fand er schließlich, den er suchte.
Ohne Umschweife kam er zum Urgrund seiner Reise:
„Heiliger Willy, sag mir: Was ist das Leben?“
Der kölsche Weise dachte eine Weile nach, nahm ein Schlückchen von seinem selbstgebrannten Obstler und hob dann an: „Das Leben, mein Sohn, ist ein langer Fluss, der seinen Anfang am Tage deiner Geburt nimmt und ...“
Der Marienburger unterbrach ihn brüsk: „Habe ich jetzt etwa alles verschenkt, all diese Strapazen überwunden, um mir diesen abgedroschenen Unsinn anzuhören? Das Leben ist ein langer Fluss? Dann hätte ich auch zuhause bleiben und meinen Luxus weiter genießen können!“
Da fragte der Einsiedler äußerst beunruhigt:
„Wie? Das Leben ist kein langer Fluss?“

Das Leben ist ein Häufchen Meerschaum

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Mittwoch, 7. August 2013

Interviews (15)
 Heute: Der Lokalhistoriker

„Als Protestant wurde man schief angesehen“

Zur Person: Fritz Bilz wurde 1944 in Riedenburg/Niederbayern geboren, lebt jedoch seit seinem 2. Lebensjahr in Brück. Er arbeitete u.a. als Packer, Bauingenieur und Hauptschullehrer. Ende der 1980er Jahre begann seine Mitarbeit in der Werkstatt für Ortsgeschichte Köln-Brück, aus der eine lebenslange Beschäftigung mit lokalhistorischen Themen erwuchs. Einem späten Studium der Geschichte folgte 2007 die Promotion zum Thema „Zwischen Kapelle und Fabrik. Die Sozialgeschichte Kalks von 1850 bis 1910“. Schon 1998 hatte er für seine Verdienste um die „landschaftliche Kulturpflege“ den Rheinlandtaler des Landschaftsverbands Rheinland erhalten.
Fritz Bilz, der über eine eigene Stiftung alljährlich den mit 5.000 Euro dotierten Bilz-Preis an Initiativen verleiht, die sich für Völkerverständigung und gegen Rassenhass einsetzen, lebt mit seiner Frau in seinem Brücker Elternhaus.


Draußen regnet es in Strömen, während ich mit Fritz Bilz im Deutzer Café Kram sitze. Der umtriebige Autor hat sich einen Kakao bestellt und an einer zum Tischchen umfunktionierten Nähmaschine Platz genommen. So etwas Ähnliches hatte seine Mutter früher auch zuhause, erzählt er zur Begrüßung.

Viele Ihrer lokalhistorischen Arbeiten befassen sich mit der rechten Rheinseite. Wie grenzt die sich gegen die linke ab?

Die ersten rechtsrheinischen Vororte sind erst 1888 nach Köln eingemeindet worden. Vorher waren Mülheim, Kalk und Deutz selbstständige Städte, und daraus entstand auch ein historisches Selbstbewusstsein. Das äußert sich noch heute in Sätzen wie: „Ich fahre nach Köln.“ Auch die soziale Entwicklung verlief anders. Das Schicki-Micki-Volk, das sich inzwischen in der Südstadt, in Nippes oder Ehrenfeld angesiedelt hat, findet sich im Rechtsrheinischen nicht. Unter anderem, weil der gewerbliche Schwerpunkt hier lange Zeit die Industrie war.

Es gibt verschiedene Theorien über die Herkunft des Ausdrucks „Schäl Sick“. Welcher hängen Sie an?

(lacht) Ich habe mir meine eigene gestrickt: Ein schick gekleideter Kölner kam ins Rechtsrheinische und besah sich die dortigen Arbeiter und Bauern, die ihn daraufhin ansprachen: „Wat lurst du uns esu schäl an?“ Woraufhin der Kölsche erwiderte: „Dat jeit dich doch janix an, du Tünnes.“ Aber diese Erklärung ist natürlich genauso unhistorisch ist wie alle anderen, etwa die mit dem schielenden Treidelpferd.


Sie haben Ihr erstes Lebensjahr in Bayern verbracht, in einem Ort namens Riedenburg.

Das Haus in Brück ist mein Elternhaus, aber Ende ´44 sind wir dann im Rahmen der Evakuierung in den bayrischen Geburtsort meiner Mutter gegangen. Schon zwei Monate nach Kriegsende waren wir aber wieder in Köln, und hier bin ich auch sozialisiert worden.

Wie sah Brück in den 1950ern aus, als Sie ein kleiner Junge waren?

Sehr dörflich. Es gab damals noch sechs Vollerwerbsbauernhöfe dort, und das roch man auch. Die alteingesessenen Familien habe ich als ziemlich muffelig in Erinnerung, die machten es den Zugezogenen sehr schwer, sich als Brücker zu fühlen.

Wie äußerte sich diese Ausgrenzung?

Man wurde komisch angesehen, und in den örtlichen Vereinen blieb die Einheimischen unter sich. Auch in die verschiedenen katholischen Gremien kam man nicht rein.

Haben Sie das auch als Kind gespürt?

Viele Zugezogene waren wie ich protestantisch, und für die wurde der Schulhof mit einer Linie abgeteilt, die sie von den kölschen Katholiken fernhielt. Der einzige ökumenische Ort war der Klo. Man ging von getrennten Seiten hinein, aber dann stand da der Kathole pinkelnd neben dem Evangelen.

Brück ist sicherlich nicht schicki-micki, aber inzwischen doch ein recht gutbürgerliches Veedel.

Das stimmt. Es gibt ein Prominentenviertel mit Leuten, die sich sehr vom Alltagsleben abschirmen. Aber jenseits dessen geht es in Brück sehr lebhaft zu.

Fühlt man sich in Brück als Kölner?

(überlegt länger) Ich denke schon. Allerdings fühle ich mich zuerst mal als Brücker, und dann als Kölner. Wir haben hier wunderbar frische Luft, nach 500 Metern bin ich im Wald. Und wenn man denn mal „nach Köln“ will, ist man mit der 1 prima angebunden.

Braucht man dort im Osten Köln überhaupt?

Ja, vor allem wegen der kulturellen Vielfalt. Ohne Besuche in der Philharmonie, im Schauspielhaus, im Kino oder in den Museen könnte ich nicht leben.

Sie arbeiten mit in den Geschichtswerkstätten von Brück und Kalk, letztere haben Sie sogar mitgegründet. Wie entstehen solche Vereine?

In Brück haben wir uns ab 1986 mit rund 50 Leuten erfolgreich gegen die Volkszählung gewehrt. Und als danach die Frage „Was nun?“ aufkam, hatte einer die Idee, solch eine lokale Geschichtswerkstatt zu gründen. Das dockte zum Beispiel an die Bewegung „Grabe, wo du stehst“ an.

Wo lagen Ihre Interessen?

In Vereinen wie den unseren geht es um die Geschichte und Geschichten der Nachbarn, der Großeltern, der kleinen Geschäfte undsoweiter. Wie haben die früher gelebt und gefeiert, wie sind die gestorben?

Was findet man dabei etwa heraus?

Über Brück gab es damals ein Buch mit dem Foto eines Schützenumzugs aus den 1930ern. Auf der Fahne war nachträglich ein schwarzer Fleck aufgetragen worden, und Sie können sich vorstellen, was ursprünglich darunter lag. Wir dachten uns, dass Lokalhistorie auf diese Art nicht betrieben werden sollte. Und das Original mit dem Hakenkreuz haben wir dann auch aufgetrieben.

Ihr erstes Buch zur Kalker Industriegeschichte erschien 1997. Wie lautete damals Ihre Diagnose, und wo sehen Sie den Stadtteil heute, 16 Jahre später?

Damals war ich sehr pessimistisch und sah große soziale Probleme auf Kalk zukommen. Sämtliche großen Betriebe - die Chemische Fabrik, Hagen, Stühlen, Liesegang - waren kaputt. Inzwischen sehe ich einige positive Ansätze. Damit meine ich nicht die Kalk-Arcaden, die die Infrastruktur der Kalker Hauptstraße zerstört haben. Aber Neugründungen wie das Technologiezentrum an der Dillenburger Straße weisen in die richtige Richtung.





Gaststätte Sünner um 1910


Sehen Sie bereits Gentrifizierungstendenzen?

Dass nach Kalk immer mehr Studenten ziehen, ist zunächst einmal positiv, denn dadurch entsteht dort eine ganz neue Szene. Aber zugleich birgt das die Gefahr der Gentrifizierrung, wie sie Nippes oder Ehrenfeld längst abgeschlossen ist. Das ist wohl der Lauf der Dinge, da wird man nicht viel dran ändern können.

Geschichtswerkstätten sterben allmählich aus, stimmt´s?

Das ist leider so, ja. Es findet sich kaum Nachwuchs, mit meinen 68 Jahren gehöre ich zu den Jüngsten bei uns in Brück.

Eigentlich verwundert das auf dem Hintergrund des Schlagworts vom „Europa der Regionen“ oder des Zulaufs, den die dritten Programme verzeichnen.

Tja, wir versuchen alles. Wir gehen in Schulen und machen Führungen, auch für Schüler. In Kalk haben wir 1.000 Haushalte mit Flugblättern versorgt: Wer irgend etwas über sein Veedel wissen möchte, möge uns anrufen. Und was soll ich sagen: Es hat sich kein Mensch gemeldet.

Seit den späten 80ern zeichnen und malen Sie auch.

Damit habe ich aus Langeweile während eines verregneten Tages im irischen Donegal begonnen. Danach ließ mich die Malerei nicht mehr los, ich habe jahrelang Kurse besucht und Unterricht genommen. Vor allem die Grafik fasziniert mich.

Gibt es Überschneidungen von Kunst und Lokalhistorie?

Noch nicht, aber da muss ich unbedingt hin! Politische Grafiken - gegen den Irakkrieg - habe ich schon gemacht. Aber spannend wäre es natürlich, Grafiken zu meinen eigenen Geschichten zu fertigen. So wie Günter Grass das zuweilen gemacht hat.

Noch ein Takt Zukunftsmusik: Kölns Gegenwart ist, freundlich formuliert, recht turbulent. Wie werden Geschichtsschreiber in 50 Jahren darüber urteilen?

Zunächst mal ist Köln eine geschichtslose Stadt! Die hier das Sagen haben, kümmern sich einen feuchten Kehricht um Historie. Das Historische Archiv war schon vor dem Einsturz systematisch heruntergewirtschaftet worden, von 72 auf 32 Beschäftigte. Und während das NS-Dokumentationszentrum inzwischen - auch dank meines eigenen Engagements - hervorragend aufgestellt ist, fehlt es im Stadtmuseum noch an allen Ecken und Enden. Ganz zu schweigen vom Umgang mit dem geplanten Jüdischen Museum am Rathaus. Mit anderen Worten: Wenn sich hier nichts grundlegend ändert, wird man in 50 Jahren sagen: Diese Zeit gibt ein gutes Beispiel dafür, wie man in Köln Geschichte entsorgt statt bewahrt.

Was ist Ihr nächstes Projekt, das solcher Vergesslichkeit entgegenarbeitet?

Da laufen gleich mehrere. Besonders wichtig sind mir die „Kalker Köpfe“, bei denen eine Sammlung widerborstiger, vermeintlich „kleiner“ Menschen portraitiert werden soll. Da ist dann etwa der Lehrer Welsch dabei, der Boxer Jupp Elze, die Widerstandskämpferin Martha Mense und natürlich Karl Küpper, der einzige Büttenredner, der die Nazis aufs Korn nahm.


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Mittwoch, 31. Juli 2013

Coloniales (33)

Blootwoosch, Kölsch un e lecker Mädche

Es ist an der Zeit, einmal auf einen der ungewöhnlichsten Kölner Chöre hinzuweisen. Und weil der Text seiner Website so schön formuliert ist, möchte man auch gar nichts eigenes hinzufügen: Hier also die leicht gekürzte Präsentation der

Fleischer-Sänger-Köln von 1902

„Das Chorgeschehen der Fleischersänger umspannt einen weiten Bogen. Zwei Kriege und mehrere Krisen setzten dem Chor in den Jahren sehr zu. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als das große Sterben der Männerchöre einsetzte, konnten die Fleischersänger nur durch den festen Zusammenhalt Ihrer Mitglieder überstehen.
1902 bestanden in Köln:
- Die freie Schweine-Metzger-Innung Köln
- Die freie Ochsen-Metzger-Innung Köln
- Die Fleischer-Innung Köln-Kalk
- Die Fleischer-Innung Mühlheim
Aus dieser Bindung heraus entstand 1901 – 1902 eine Gesangsabteilung der Kölner-Schweine-Metzger-Innung. 1908 gründeten die freien Ochsen Metzger ebenfalls eine Gesangsabteilung.
Im Februar 1934 beschlossen beide Chöre die Zusammenlegung mit der Bezeichnung „Sängerchor der Fleischer-Innung, Stadtkreis Köln“.
Zudem bestanden noch zwei Chöre der Fleischerzunft: Der Chor der Fleischer-Innung Köln Mülheim und der Chor der Großschlächter Köln-Aachen. Die Gründung erfolgte 1934. Durch den Beschluss der Vorstände wurden diese beiden Chöre im April 1962 mit dem Fleischer Chor der Innung Köln verschmolzen.
Seitdem war der Name des Chores: Fleischersänger Köln von 1902.
Seit 1986 lautet die offizielle Bezeichnung „Fleischer-Sänger-Köln von 1902 e.V.“
1952 fand die erste Karnevalssitzung der Fleischer-Sänger-Köln von 1902 e.V. statt.
Seit 1952 ist es nun Tradition, Sitzungen zu veranstalten. 2002 wurde das 100-jährige Jubiläum in großer Gesellschaft und mit einer erstmaligen Teilnahme am Kölner Rosenmontagszug gefeiert. Die Erlaubnis, am Rosenmontagszug teilnehmen zu können, stieß auf helle Begeisterung. Somit waren die Fleischersänger mit 10 Mann auf dem Wappenwagen des Kölner Festkomitees und einer Fußgruppe von 25 Teilnehmern, bei der auch die Frauen der Sänger fleißig mitgewirkt haben, dabei, als es hieß: „D´r Zoch kütt“. Die Fleischer-Sänger-Köln von 1902 haben sich die Pflege des Kölner Brauchtums auf die Fahne geschrieben. Das gesellschaftliche Leben der Fleischersänger umfasst Veranstaltungen wie z.B. Bundeschorfeste des Deutschen Fleischer- Sängerbundes.
Man muss kein Metzger sein um bei uns mitzusingen, doch sollte man Fleisch und Wurst essen und diese im Fleischer-Fachgeschäft kaufen.


Man sollte Fleisch und Wurst essen

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Mittwoch, 24. Juli 2013

Interviews (13)

Die FC-Fanclub-Präsidentin: Marlies Jaenicke


Zur Person

Marlies Jaenicke wurde 1955 in Badewitz bei Magdeburg als eines von neun Geschwistern geboren. Nach der Schule arbeitete sie als Putzfrau und gebar fünf Kinder. Nach Köln zog sie 1992 mit ihrem damaligen Lebensgefährten, der 1996 starb. Kurz zuvor hatte Marlies Jaenicke ihren ersten von mehreren Schlaganfällen erlitten. Nach einem Zwischenspiel in den Merheimer Kliniken fand sie ihr neues Zuhause im Longericher Behindertenzentrum Dormagen-Guffanti, das von den Sozialbetrieben Kön (SBK) unterhalten wird.
2008 gehörte Frau Jaenicke zu den Gründungsmitgliedern des IFC Grenzenlos, dem ersten integrativen Fanclub des FC. Bis heute fungiert sie auch als dessen Vorsitzende. Der Verein besteht aus behinderten und nicht behinderten Menschen und ist jederzeit offen für weitere Mitglieder. Einzige Voraussetzung: Man sollte bedingungsloser Fan des 1. FC Köln sein.

Zum Interview hat sich Frau Jaenicke in volle FC-Montur geworfen. Ob T-Shirt, Käppi oder Schal: Überall prangt der Geißbock. Die IFC-Vorsitzende versteht jede Frage auf Anhieb, hat allerdings wegen der Aphasie in Folge mehrerer Schlaganfälle Schwierigkeiten bei der Artikulierung. Deshalb nehmen mit Angela Balzer-Kolberg und der ebenfalls im FC-Shirt erschienenen Angelika Zamboni zwei Betreuerinnen des Dormagen-Guffanti-Heims an unserem Gespräch teil.


BI: Wie viele FC-Spiele haben Sie in der abgelaufenen Saison gesehen?

MJ: Oh, viele. Fast alle.

BI: Was gefällt Ihnen beim Fußball?

MJ: Tore.

Marlies Jaenicke greift hinter sich, holt ihren FC-Schal hervor und schwenkt ihn - Jubel andeutend - in der Luft. Sie ist durchaus fähig, ihren Rollstuhl zu verlassen und ein paar Schritte zu gehen. Dazu aufraffen kann sie sich aber nur in ganz raren Momenten. Zum Beispiel, wenn der FC ein Tor schießt.

BI: Finden Sie, dass der FC gut gespielt hat?

MJ: Nee. Richtig mies war das 1:2 gegen Hertha BSC.

BI: Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern?

MJ: Die müssen Tore schießen. Am besten vier in jedem Spiel. (lacht)

Manche Antworten kommen in unserer Runde nur als Puzzle zustande, also im Zusammenspiel mit den Betreuerinnen. Aber während Frau Jaenickes Gedächtnis im direkten Gespräch manchmal nicht anspringt, ist das im Stadion ganz anders. Die Schlachtgesänge der FC-Fans schmettert sie auswendig mit, und am lautesten natürlich die Hymne. Auch längere Gedichte, so Angela Balzer-Kolberg, könne die Bewohnerin problemlos aufsagen.

Angelika Zamboni: Vorne spielen die eigentlich immer gut, aber dann machen die einfach keinen rein.

MJ: Ja genau.

Irgendwann entdeckte die Longericher Heimleitung, dass einige Bewohner große Freude entwickelten, wenn sie Fußballspiele ansahen. Offenbar trug die Atmosphäre im Stadion zum Wohlbefinden ihrer Klienten bei. Speziell Marlies Jaenicke lebte hier auf und entwickelte eine echte Begeisterung für den Sport. In der Folge ergatterte man ein paar der raren Plätze für Rollis und Behinderte. Die Dauerkarten bezahlt die Stiftung selbst, aber der FC kommt dem IFC in vielerlei Hinsicht gern entgegen. Der Fußball bringt ein Stück Normalität, einen gewissen Kontakt zur Außenwelt in das Leben der IFC-Mitglieder. Ein bisschen Taschengeld verdienen sie sich zudem auf dem allmonatlichen Longericher Flohmarkt. Womit? - Mit mit dem Verkauf von FC-Devotionalien natürlich.

BI: Wie kommen Sie mit Ihrem Rollstuhl ins Stadion?

MJ: Mit dem Bus. Wir haben gute Plätze, kriegen Kaffee und was zu essen. Es kommen auch immer Spieler vom FC und begrüßen uns.

Einmal, so erzählt Angela Balzer-Kolberg, sei der Behindertenbus vorm Stadion abgeschleppt worden. Zugegeben, er stand im Parkverbot, aber muss man es immer so genau nehmen? 500 Euro kostete der Spaß, denn zum Abschleppen von Bussen braucht es ein Spezialfahrzeug. Seitdem lässt sie bei Stadionbesuchen ihrer Kollegin Zamboni den Vortritt.

BI: Haben Sie früher selber mal Sport getrieben?

MJ: Nein, nie.

BI: Sie stammen aus Magdeburg. Wissen Sie, wo der dortige 1. FCM zur Zeit spielt?

MJ: Nein, interessiert mich auch nicht.

Klare Antwort. Aber zur Information für alle Fußballinteressierten: Der dreimalige DDR-Meister, siebenfache DDR-Pokalsieger und Gewinner des Europapokals der Pokalsieger 1974 dümpelt zur Zeit in der Regionalliga Nordost herum.

BI: Hatten Sie Ihren Schlaganfall zu DDR-Zeiten?

MJ: Nein, später.

BI: Können Sie sich an Ihren Schlaganfall noch erinnern?

MJ: Nein, ich weiß nichts mehr.

BI: Hatten Sie im Osten einen Job?

MJ: Ich war Putzfrau.

Das letzte ihrer fünf Kinder wurde 1992 geboren und hat die Mutter 2010 ein Mal besucht. Aber auch zu diesem Kind, wie zu den vier anderen, ist jeder Kontakt abgebrochen. Darauf angesprochen, senkt Marlies Jaenicke kurz den Blick, um dann abzuwinken: „Ist egal.“

BI: Haben Sie neben dem Fußball noch andere Hobbys?

Frau Jaenicke zögert zunächst, dann jedoch hellt sich ihr Gesicht auf.

MJ: Malen. Kommen Sie doch mal mit.

Sie wendet zackig ihren Rollstuhl, öffnet die Tür und führt mich in ein anderes Zimmer. Dort weist sie auf zwei bunte Gemälde von ihr, die ein weidendes Pferd und einen aufsteigenden Ballon zeigen. „Warum haben Sie den nicht Rot-Weiß gemalt?“ frage ich mit gespielter Vorwurfsmiene. Und Frau Jaenicke lacht sich scheckig.


BI: Darüber hinaus sind Sie auch in der „Spaßgruppe“ des Heims. Was macht man dort?

MJ: Ausflüge, einkaufen. Manchmal fahren wir nach Dormagen, Hürth, manchmal nach Kalk. Und ins Museum.

BI: Wie gefallen Ihnen die Bilder da. Können die malen, die Leute?

MJ: Ja klar. (lacht lauthals)

BI: Seit vier Jahren gehen die Longericher Heimbewohner außerdem beim Rosenmontagszug mit, unterstützt vom KVB-Verein Pänz vun d´r Päädsbahn. Können Sie, als ehemalige Sachsen-Anhaltinerin, die kölschen Karnevalslieder mitsingen?

MJ: Ja klar! Und Kamelle schmeißen.

BI: Sie sind seit der Gründung des IFC Grenzenlos dessen Vorsitzende. Gibt es Aktivitäten jenseits des Stadions?

MJ: Marlies Siems (die Behindertenbeauftragte des FC, B.I.) ist ganz toll. Mit der grillen wir lecker, und da kommen auch immer ein paar Altstars vom FC.

Bei der Clubgründung 2008 fuhr als Stargast Christoph Daum in Longerich vor. Der damalige FC-Trainer hielt eine kleine Rede, hatte Geschenke mitgebracht und posierte für Erinnerungsfotos, die man noch heute stolz auf der Homepage des Vereins präsentiert.

BI: Und wann wird der FC mal wieder Deutscher Meister?

Marlies Jaenicke weiß auf diese Frage - kein Wunder - zunächst keine Antwort. Die Betreuerinnen offerieren ihr einige Möglichkeiten: 2017, 2019, 2020. Aber dann drücken sie der IFC-Vorsitzenden einen Kuli in die Hand, legen ihr ein Blatt Papier hin, und die Linkshänderin schreibt eine Jahreszahl auf, mit der ich sofort einverstanden bin:

MJ: „2015.“

Als schließlich Fotograf Thilo Schmülgen eintrudelt, weist Marlies Jaenicke mit dem Finger auf ihn und begrüßt ihn lachend. Man kennt sich aus dem Stadion. Beim Foto-Shooting reagiert sie extrem routiniert auf die Wünsche des Fotografen. Über ihren Club sind in den letzten Jahren bereits diverse Artikel erschienen, die IFC-Vorsitzende ist Kameras offenbar gewohnt. Ein echter Medienprofi.


Fotos: Thilo Schmülgen
Nähere Informationen: www.ifc-grenzenlos.de


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Mittwoch, 17. Juli 2013

Der Grüne Terror, oder:

Erst wenn das letzte Bierfass alle ist, werden sie merken, dass Biomilch nicht bimmelt.

Auch ich habe sie irgendwann einmal gewählt, diese Grünen. Es gab das Baumsterben, die Atomkraft und die Mittelstreckenraketen, und man dachte, die Grünen seien die richtige Partei, um das zu regeln. Schon damals hatte ich allerdings den Eindruck, diesen Leuten geht es mehr ums Verbieten als ums Erlauben.
Jetzt haben uns die Grünen das Kneipen-Nichtrauchergesetz beschert. Eine profilneurotische Berufspolitikerin hat vier Jahre dafür gekämpft, jedes letzte Schlupfloch zu stopfen, und nun ist sie am Ziel. In meiner Stammkneipe auf der Weidengasse wirkt sich das neue Gesetz so aus, dass die Raucher nachts um 3 mit leeren Coladosen auf der Straße Fußball spielen und ihre Bierflaschen auf den schicken BMWs der türkischen Nachbarschaft abstellen. Wessen Freiheit durch dieses Gesetz nun geschützt wird, erschließt sich mir nicht. Aber die Freiheit des Nächsten ist halt oft die Unfreiheit des Übernächsten.
Wie man die Grünen inzwischen kennt, sind solche Verbote nur kleine Anläufe für den großen Sprung.
Soeben wurde die Promillegrenze für Fahrradfahrer herabgesetzt. Bald folgen werden das Tempolimit und die Helmpflicht für Radler - völlig falsche Signale, aber wichtige Schritte in Richtung genormte Gesellschaft. Denn selbstverständlich wird auch Alkohol früher oder später indiziert. Zunächst werden die Produzenten verpflichtet, Warnhinweise auf ihre Flaschen zu kleben. Danach wird Schnaps komplett verboten, und statt richtigem ist nur noch Dünnbier erlaubt. Hat die Gesellschaft dies erst einmal akzeptiert, folgt im Anschluss die totale Prohibition.
Mit diesem Erfolg im Rücken legen die Grünen, inzwischen mit absoluter Mehrheit regierend, erst richtig los.
Dickleibige zahlen höhere Krankenversicherungen und werden verpflichtet, so und so viel Kilos pro Jahr abzunehmen. Andernfalls wandern sie in ein Lager für Zwangsdiäten. Optischer Umeltschutz sozusagen, ganz dem grünen Dogma verpflichtet. Genauso wie den Fettleibigen ergeht es danach auch allen, die aus anderen Gründen nicht mehr voll am Arbeitsprozess teilnehmen können. Staatliche TV-Spots werben vor und nach der Tagesschau für den optimierten Körper - sicherlich werden sich bald auch Popbands und Dichter finden, die ins selbe Horn blasen. Denn staatliche Drangsalierung färbt auch aufs Sozialverhalten ab. Männer, die Frauen auf der Straße schief ansehen, wandern in den Knast. Aus Gründen der Gleichberechtigung gilt das natürlich auch für alle drei Frauen, die Männern hinterherpfeifen.
Um die avisierte Idealwelt zu fördern, werden Grünenghettos wie Prenzlauer oder Klettenberg bald eingezäunt und rund um die Uhr überwacht. Die dort herrschende Monokultur wird sich von solchen Zentren aus peu à peu ausbreiten, die Welt wird unterteilt in Gutmenschen und Schlechtmenschen. Außer Temma werden alle Supermarktketten verboten, Homöopathie ersetzt die klassische Medizin. Das Büdchen auf der Ecke verkauft nur noch Ökochips und linksgedrehte Gummibärchen, und wer „Barbara Steffens“ nicht ratzfatz rückwärts buchstabieren kann, wird mit Nikotin vergiftet.
Mit anderen Worten: Die Grünen haben sich zu einer fundamentalistischen Partei entwickelt. Das andere Adjektiv, das mir dazu einfällt, nehme ich (noch) nicht in den Mund.
Zu den nächsten Wahlen werde ich jedenfalls meinen dicken Edding mitnehmen und mal wieder ein schönes großes A auf den Bogen malen. Mit einem Kreis drum.


Erst wenn das letzte Bierfass alle ist, werden sie merken, dass Biomilch nicht bimmelt.



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Mittwoch, 10. Juli 2013

Geschichten aus 1111 Nächten (40)

Das Bier des Paradieses

Ein nicht besonders heller Düsseldorfer trank seit unvordenklichen Zeiten das brackige Bier seiner Heimat. Eines Tages jedoch kam ein neues Alt auf den Markt. Der Düsseldorfer probierte davon und fand, dies sei das Bier des Paradieses. Um das auch der großen, weltberühmten Stadt im Süden klarzumachen, besorgte er sich eine weitere Flasche und zog gen Köln.
Schnurstracks sprach er beim Kölner Oberbürgermeister vor:
„Herr, ich habe das Bier des Paradieses gefunden. Hier, probiert einmal.“
Der Kölner OB nahm einen tiefen Schluck von dem fiesen Zeug, verbarg jedoch seinen Abscheu. Dann ließ er den Düsseldorfer in Ketten legen. Seinen Untergebenen erklärte er:
„Der arme Tropf kennt es nicht besser. Er glaubt tatsächlich, dieses elende Gesöff sei das tollste, was man trinken kann. Wir müssen an das Glück dieses Mannes denken!“
In der Nacht ließ er den Düsseldorfer an die Kölsch-Alt-Grenze bringen. Seinen Beamten hatte er den Befehl gegeben, den Gefangenen nichts anderes als sein eigenes Bier trinken zu lassen. An jener Grenze traf er ihn ein letztes Mal und sagte: „Mein lieber Düsseldorfer, du hast tatsächlich das Bier des Paradieses entdeckt. Ich ernenne dich hiermit zum Wächter dieses Elixiers. Schütze es in alle Ewigkeit!“
Der Düsseldorfer küsste dem Kölner OB die Hand und entschwand.

Paradies-Bier

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Mittwoch, 3. Juli 2013

BDF

Der Blick der Fremden (3)

Hässlich, schmutzig, mörderisch

Der Kölner betrachtet seine Vaterstadt als den angenehmsten Wohnsitz der Heiligen und seine Erde selbst als heilig. (Kaspar Riesbeck, 1784)





Knochenkammer, St. Ursula


Diese weitläufige, erzkatholische Stadt ist sehr unangenehm und sehr schlecht bebaut. Ich war froh, diesen verdrießlichen Ort zu verlassen. (Albrecht von Haller, um 1727)

Die hässlichste und schmutzigste Stadt, die ich je gesehen habe. (John Wesley, 1738)

Die Kirchen sind so zahlreich, dass beinahe eine auf der anderen sitzt. (Claude Joly, 1646/47)





Drekönigsknochen, Dom


Köln ist eine Stadt der Mönche und Gebeine, des mörderischen Straßenpflasters, der Lumpen, der alten Weiber und zänkischen Dirnen. (Samuel Taylor Coleridge, Anf. 19. Jh.)

Wie der einzelne Mensch an seiner Familie, so hängt der Patriotismus des Kölner Bürgers an den Geschichten und dem Ruhme seiner Heimat. (Wilhelm Dorow, um 1820)

Die Kölner halten untereinander zusammen wie die Israeliten in der Wüste. (Johann Georg Kohl, 1850)

Marias Rippe, St. Maria im Kapitol



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