Mittwoch, 4. Dezember 2013

Geschichten aus 1111 Nächten (46)

Trans-Lojistik

Der heilige Willy, der triefäugige Jean und der rotnasige Anton saßen in einem Altstadt-Brauhaus. Vor allem Willy war schon ziemlich hinüber, hatte er doch zum Aufwärmen zwei volle Kelche Messwein aus dem Tabernakel geleert. Trotzdem war er zu einer sportlichen Wette aufgelegt.
„Wenn ihr zwei jungen Burschen mir nur zehn Meter Vorsprung gebt, werdet ihr mich nie einholen. Nicht bis ans Ende aller Tage.“
„Du Schwadlappen“, höhnte Jean, „selbst wenn es nur bis zum Jan-von-Werth-Denkmal ginge, käme ich vor dir an.“
„Ich sowieso“, setzte Anton nach, „ich war schon immer gut im Weglaufen.“
Der heilige Willy strich sich den Bart glatt, grinste feist und hob an:
„Passt mal auf, Kameraden, bevor ihr mich überholen könnt, müsst ihr zuerst meinen Vorsprung einholen. Stimmt´s?“
„Das ist richtig“, gaben die beiden Freunde zu.
„In der Zeit aber , die ihr zum Einholen braucht, habe ich einen neuen, wenn auch etwas kleineren Vorsprung gewonnen. Stimmt´s?“
„Auch das ist richtig, heiliger Willy, aber komm mal zum Punkt.“
„Eigentlich liegt doch bereits alles klar auf der Hand, ihr Erzdeppen. Denn wenn ihr meinen neuerlichen Vorsprung einholt, habe ich wiederum einen zwar noch kleineren, aber existenten Vorsprung erlaufen. Der wird zwar immer kleiner, je weiter unser Rennen führt. Aber überholen könnt ihr mich niemals, da ist die Logik vor.“
Anton und Jean schwiegen eine Weile und süffelten an ihrem Kölsch. Dann sagte zweiterer:
„So gesehen hast du recht. Wir werden dich nie überholen. Also werde ich es auch nicht darauf ankommen lassen, sondern hier sitzen bleiben.“
„Ich auch“, ergänzte Anton, „denn du gewinnst dieses Rennen unter allen Umständen, heiliger Willy.“

Logistik kommt von logisch. Auch mit kölschem j, wie hier im Niehler Hafen.


P.S.: Selbstverständlich hatten Willy, Anton und Jean Unrecht. Aber warum?
Sie berücksichtigten nicht, dass eine unendliche Reihe eine endliche Summe haben kann. Der Weg, den Willy vor dem echten Einholen zurückgelegt hat, kann zwar potenziell unendlich oft in Vorsprünge unterteilt werden. Daraus folgt aber nicht, dass die Laufstrecke unendlich wäre oder dass unendlich viel Zeit erforderlich wäre, sie zu bewältigen.


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Mittwoch, 27. November 2013

Interviews (19)

Der Mann vom GeißbockEcho

Frederic Latz wurde 1977 in Düren geboren. Nach Abitur und Zivildienst ging er 2000 für ein Jahr als Musiker nach London. Darauf folgte ein Medien- und Kommunikationsstudium an der Kölner Sporthochschule. Der eingefleischte FC-Fan kam 2007 als Praktikant zum GeißbochEcho, dem Clubmagazin des 1. FC Köln. 2009 wurde er Redaktionsleiter, und seit Oktober 2013 fungiert er als Medienbeauftragter/Pressesprecher des Clubs. Ende November erscheint sein zusammen mit Dirk Unschuld verfasstes Kompendium „Mit dem Geißbock auf der Brust“, das jetzt schon bestellt werden kann.
Frederic Latz wohnt mit seiner Frau und seinem Sohn in Sülz.

In der Redaktion des GeißbockEchos wird auf Hochtouren gearbeitet. Das nächste Heimspiel und mithin die nächste Ausgabe der Vereinszeitung steht an. Ruhe für ein Gespräch finden wir im hintersten Raum des Geißbockheims, mit Blick auf einen asiatischen Steingarten.

Was bedeutet Köln für einen jungen Dürener?

Die große weite Welt. Obwohl Aachen geografisch näher liegt, ist man als Dürener voll auf Köln ausgerichtet, den riesengroßen Magneten.

Über Düren-Birkesdorf haben die Bläck Fööss mit dem Buuredanz eine Art Spottlied verfasst. Wie kommt sowas an?

Ein Dürener ist so schnell nicht gekränkt. In diesem Fall fühlt man sich sogar geehrt, von so einer Band überhaupt erwähnt zu werden. Düren nennt sich selbst „Das Tor zur Voreifel“, dass es dort eher ländlich zugeht, bestreitet niemand.

Toni Schumacher sprach anno 1987 in seiner Autobiografie „Anpfiff“ von „meinem Slum“ und nannte sich den „Fußball-Rocky“. Was meinte er?

Toni musste sich bei Schwarz-Weiß Düren durchboxen. Wegen dem „Slum“ fühlten sich einige Dürener damals auf den Schlips getreten. Aber es gibt auch Stimmen, die bestätigen, dass sein Heimatort Rölsdorf seinerzeit durchaus ein ziemlich rauhes Pflaster war.

Und Sie wuchsen eher im kleinbürgerlichen Reihenhaus auf?

Ich bin etwas außerhalb von Düren aufgewachsen, in einem Dorf namens Stockheim. Da traf man sich als Kind nach der Schule zum Bolzen.

Wie verlief Ihre eigene Fußballkarriere?

(lacht) Die begann in der F-Jugend des TSV 09 Stockheim, genau wie beim Vater und großen Bruder. Irgendwann ging ich zum größeren Verein in Düren-Niederau und schaffte es in die Kreisauswahl. Ich war bis zur B-Jugend ein solider Abwehrspieler, aber meine Karriere beendete letztlich die Leidenschaft für die Musik.

Klassik oder Pop?

Wir haben damals eine Rockband mit englischen Texten gegründet, und ich spielte Gitarre. Mit 18 wollte ich Johnny Marr, werden, der Gitarrist von den Smiths.

Was kann Musik, was Fußball nicht kann?

In der Musik kann man sich viel freier bewegen, dort gibt es fast keine Grenzen. Im Fußball wird streng trainiert und einer Taktik gefolgt.

Was halten Sie in diesem Zusammenhang von der Floskel des „Künstlers am Ball“?

Kunst kommt von Können, deshalb ist ein Littbarski oder Messi in gewisser Weise auch ein Künstler - in dem Rahmen, den der Sport vorgibt.

In beiden Metiers ist der Sprung an die Spitze sehr schwierig.

Das stimmt. Ich habe sogar ein Jahr als Musiker in London verbracht. Mit der Band waren wir manchmal nahe an einem Plattenvertrag, aber es hat dann doch nicht geklappt.

Das Kölner Stadion haben Sie folglich noch nicht gerockt?

(lacht) Nein, obwohl wir tatsächlich mal das Angebot bekamen, bei einem Heimspiel vor der Südkurve aufzutreten. Aber wir fanden, dass Fußballfans nicht gerade die Zielgruppe unserer Musik waren.

Haben Sie mal versucht, eine FC-Hymne zu komponieren?

Klar, wer auf emotional tiefgehende Musik wie etwa von Bruce Springsteen steht, der kann sich so etwas vorstellen. Aber der FC hat eine Hymne, an der keiner vorbeikommt.


Wie sind Sie statt bei den Smiths bei den Geißböcken gelandet?

Das kommt aus der Familie. Als ich nach meiner Geburt aus dem Krankenhaus kam, hing schon ein FC-Poster an meiner Zimmerwand, und ein Ball lag im Gitterbett. Ich zitiere da immer gerne Nick Hornby: „Einen Verein sucht man sich nicht aus, er wird dir gegeben.“

Gerade lief hier Peter Stöger vorbei, ein Ösi. Alexander Wehrle ist Stuttgarter, und sein Co-Geschäftsführer Jörg Schmadtke sogar Düsseldorfer. Wie leben die den Hornby-Spruch?

Dieses Zitat betrifft ausschließlich die Fan-Seite des Fußballs. Wer im Profisport arbeitet, muss eine klare Grenze ziehen zwischen seinen Gedanken als Fan und seinem Beruf. Jörg Schmadtke macht zurecht keinen Hehl daraus, wo er herkommt. Aber seine Arbeitskraft investiert er zu hundert Prozent in den FC.

Sie könnten sich also auch vorstellen, mal in ähnlicher Funktion in Gladbach, Düsseldorf oder Leverkusen zu wirken?

(gemeinsames Lachen) Da nennen sie jetzt natürlich die allerschwierigsten Kandidaten. Sagen wir so: Da ich hier momentan überglücklich bin, stellt sich mir diese Frage nicht.

Hat es denn Vorteile, hier als echter Eingeborener zu arbeiten?

Ich kann mich in die Gemüter des Umfelds wohl besser hineindenken als andere. Der Rheinländer zeichnet sich durch hohe Emotionalität aus, sei es in der Freude oder in der Trauer. Der FC ist dafür das beste Beispiel, wenn man sich den explodierenden Fanzuspruch seit dem ersten Abstieg ansieht.

Stimmt, 45.000 Zuschauer gegen einen Verein wie Sandhausen, das sagt alles. Sie haben sich mal als Fan für „Pro Bier um halb 4“ engagiert. Was war das?

Das wurde in einer Gruppe von Fußballautoren aus einer Bierlaune heraus geboren. Damals kursierte die Idee, Alkohol komplett zu verbieten in Stadien.

Aber Sie meinen wie ich, dass der mündige Bürger selbst entscheiden sollte, wo und wann er Bier trinkt?

Grundsätzlich teile ich Ihre Meinung. Bier gehört doch irgendwie zum Fußball dazu. Bei Spielen mit hohem Konfliktpotenzial muss man aber auch hierbei Ausnahmen machen.

Bierbembelkunst in Bayern


Das passt gut zu jenem Hobby, das Sie auf Befragen gern angeben: Grillen.

Ich liebe den Sommer, das Gesellige, ich könnte jeden Abend grillen. Wenn da so ein schönes Steak auf dem Rost liegt, ist das für mich unglaublich entspannend. Wie für manch anderen das Angeln.

Aber Sie würden den Bären nicht selber erlegen?

(lacht) Mein Großvater mütterlicherseits war Förster und Jäger. Aber ich selbst bin übers Zielscheibenschießen mit dem Luftgewehr nicht hinausgekommen.

Tierfreund ja, Vegetarier nein?

Genau. Für mich gehören auch gefüllte Paprika, Kartoffeln und ähnliches nicht auf den Grill.

Vom dicken Steak zum dicken Buch. Ihr dieser Tage erschienenes Kompendium „Mit dem Geißbock auf der Brust“ ist das umfassendste, das je über den FC erschienen ist. Wieviel wiegt es?

Ich schätze, so um die drei Kilo.

Gibt es Dinge, die Sie überrascht haben bei der Recherche?

Klar, Dirk Unschuld und ich haben versucht, jede Spieler-Biografie seit der Gründung 1948 zu vervollständigen. Spontan fällt mir der mühevolle Weg von Andrzej Rudy ein, der sich als polnischer Nationalspieler absetzte und über ein Jahr gesperrt war, bevor er beim FC spielen durfte.

Rudy, geboren 1965, war insgesamt fünf Jahre in Köln, absolvierte hier 134 Bundesligaspiele und schoss 14 Tore. Inzwischen arbeitet er als Trainer.

Auch im dicksten Buch muss noch immer etwas fehlen. Bei Ihnen sicher auch.

Stimmt, vor allem Vorgänge mit juristischer Relevanz im Privatleben mancher Spieler. Da sagt einem der Verlag, dass er da nichts riskieren will.

Von einem FC-Fachmann wie Ihnen kann man einen Ausblick verlangen: Wie schafft es der FC zukünftig in die Champions League?

Mit ruhiger, kontinuierlicher, qualitativ hochwertiger Arbeit.

Hm, ich hätte jetzt gesagt: Indem er dieses Jahr aufsteigt und nächste Saison Dritter wird.

Im Profifußball sind viele Dinge nicht wirklich planbar. Alle müssen sich aufs Tagesgeschäft konzentrieren und einen Schritt nach dem nächsten machen.


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Mittwoch, 20. November 2013

Geschichten aus 1111 Nächten (45)

Die weiße und die schwarze Kuh

Ein ruhiger, schweigsamer Eifelbauer hütete zwei Kühe, die auf einer Wiese grasten, und tat nichts anderes. Da kam ein Städter des Wegs, setzte sich neben ihn, schwieg anstandshalber einen Moment und fragte dann:
„Fressen die Kühe gut?“
„Welche von beiden?“ entgegnete der Eifelbauer.
Da sagte der Städter, leicht aus der Fassung gebracht: „Die weiße.“
„Die weiße: ja“, antwortete der Bauer.
„Und die schwarze?“
„Die schwarze auch.“
Nach diesem ersten Wortwechsel schwiegen die beiden Männer eine ganze Weile und betrachteten die Hügel und das Dorf. Irgendwann jedoch wurde der Städter unruhig und fragte:
„Und geben sie viel Milch?“
„Welche von beiden?“ sagte der Bauer.
„Die weiße.“
„Die weiße: ja.“
„Und die schwarze?“
„Die schwarze auch.“
Wieder folgte eine lange Pause. Die Männer blickten sich nicht an, sondern lauschten dem Bach und den grasenden Kühen. Aber dann unterbrach der Städter die Stille:
„Warum fragst du mich eigentlich immer: ´Welche von beiden?´“
„Weil“, antwortete der Bauer, „die weiße mir gehört.“
„Ach so“, entfuhr es dem Städter. Als er jedoch über diese Entgegnung nachdachte, wurde ihm ein wenig mulmig. Mit banger Vorahnung rang er sich schließlich zu einer letzten Frage durch:
„Und die schwarze? Gehört die auch dir?“
„Die schwarze auch.“


P.S.: Wer tiefer in die Gedankengänge des weisen Eifelbauern eindringen möchte, möge sich auch mit folgenden berühmten Fragen beschäftigen:
Welche Hand macht welches Geräusch, wenn zwei Hände gegeneinanderklatschen?
Was ist der Unterschied zwischen einem Raben?
Wie alt war Rimbaud?

Wie alt war Rimbaud?

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Mittwoch, 13. November 2013

Interviews (18)

Heute: Der Tatort-Regisseur

Kaspar Heidelbach ist einer der renommiertesten deutschen Filmregisseure. Geboren 1954 in Tettnang am Bodensee, kam er 1967 nach Köln. Nach einem Studium der Kunstgeschichte, Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft arbeitete er acht Jahre als Regieassistent. Als junger Regisseur drehte er u.a. zahlreiche Folgen der „Lindenstraße“, bald kamen auch Krimiserien hinzu. Heidelbachs Name verbindet sich mit diversen Münster- und Köln-Tatortfolgen sowie mit den serienunabhängigen Spielfilmen um den ausgestiegenen Kommissar Schimanski. Darüber hinaus zeichnet er für einige aufwendige Fernsehfilme verantwortlich, unter anderem den „Untergang der Pamir“ (2006). Für „Das Wunder von Lengede“ erhielt er den Adolf-Grimme- und den Bayrischen Fernsehpreis, zwei seiner zahlreichen Auszeichnungen.
Kaspar Heidelbach ist Vater von zwei erwachsenen Kindern und lebt mit seiner Frau in der Kölner Südstadt.


Eigentlich hätte dieses Gespräch in der Ubierschänke am gleichnamigen Ring stattfinden müssen. Aber dort kennt Kaspar Heidelbach zu viele Leute. Also haben wir uns für das ruhigere Café Schulze auf der Severinstraße entschieden.

Um direkt kritisch einzusteigen: Warum steht ein gutaussehender Kerl wie Sie hinter statt vor der Kamera?

Als Kind habe ich in Schulstücken mitgemacht. Aber eigentlich reizt mich das Schauspielern nicht. Im Gegenteil, ich werde sogar noch nicht einmal gerne fotografiert. Was mich an meinem Beruf interessiert, ist das Geschichtenerzählen.

Das tut man doch auf beiden Seiten des Objektivs.

Aber als Regisseur habe ich die Fäden in der Hand, das ist mir wichtig.

Gibt es von Ihnen Camouflage-Auftritte à la Hitchcock?

Ja, vor allem, weil dann das Team seinen Spaß hat. Zuletzt stand ich in „Mord mit Aussicht“ als Freier im Flur eines Stundenhotels. Mit weißen Socken, Bademantel und Bierflasche.

Waren Sie als Kind eher der Clown, der Zuhörer oder schon der Regisseur?

Der Clown mit der spitzen Zunge. So ist das heute noch in der Ubierschänke, meiner Stammkneipe in der Südstadt.

Wie interpretieren Sie die Kontrollmacht des Regisseurs?

Das ist durchaus auch ein manipulativer Job - im positiven Sinn. Man versucht, das Beste aus den Leuten herauszuholen, seien es der Kamermann, die Kostümbildner, Ausstatter oder eben die Schauspieler.

Aber Kontrolle ist nicht alles, nehme ich an.

Nein, ich trage auch eine nicht gerade kleine Verantwortung. Für die Zeit des Filmdrehs ist mir etwas in die Hand gegeben worden: eine Geschichte, die ich ordentlich umsetzen muss, und natürlich auch ein Haufen Geld. Ein Tatort zum Beispiel kostet zwischen 1,3 und 1,4 Millionen Euro.


Heidelbachs Stammkneipe

Viele Ihrer Filme erreichen ein Millionenpublikum, Sie haben zahlreiche Preise gewonnen. Zuletzt haben Sie nun einen Schimanski abgedreht. Was war damals, Anfang der 80er, das Neue an diesem Kommissar?

Schimanski war eine kleine Revolution, weil er sich völlig vom Beamtenhabitus seiner Vorgänger gelöst hat. Denken Sie an den „Kommissar“ mit Erik Ode, an Derrick und Ähnliches. Schimanski war anders angezogen, hatte Krach mit seinen Vorgesetzten und trank rohe Eier. Die Bildzeitung hat ihn nicht umsonst die ersten acht Folgen lang als „Schmuddelkommissar“ niedergeschrieben.

Aber er erreichte andere Bevölkerungsschichten?

Mit Schimanski konnten sich Jugendliche eher identifizieren als mit seinen TV-Kollegen. Und auch für Nach-68er wie mich, für Antiautoritäre war er attraktiv.

Mit wem würden Sie in der Ubierschänke am liebsten ein Bier trinken: mit Börne und Thiel aus dem Münster-Tatort oder mit Schimanski?

(lacht) Am besten mit allen Dreien, das könnte lustig werden.

Sie haben mehrere Münster-Tatortfolgen gedreht. Wieviel Börne, also wieviel Pedanterie und Perfektionismus, steckt in Ihnen?

Als Regisseur muss man auch pedantisch sein können und sich ab und zu unbeliebt machen. Sei es gegenüber den Leuten am Set oder dem Sender, den Geldgebern. Einen Film zu machen, ist immer auch ein großer Kampf.

Dabei hört man doch immer, Filmen sei Teamarbeit.

Das ist auch so, absolut. Aber einer muss der Bestimmer sein. (lacht) Wir hängen alle voneinander ab, wir arbeiten alle zusammen. Trotzdem ist Filmen kein demokratischer Prozess.

Axel Prahl sagt, er kenne niemanden, der exakter vorbereitet ans Set komme als Kaspar Heildelbach. Was meint er damit?

Prahls Thiel aus dem Münster-Tatort hat einiges von Schimanski, dies nur nebenbei. Was meine Arbeit betrifft: Ich kann besser schlafen, wenn ich ein Konzept habe. Und wenn gute Änderungsvorschläge kommen, wandele ich lieber mein Konzept ab, als einfach ins Blaue zu proben.

Lassen Sie Ihre Schauspieler zuweilen improvisieren oder sagen Sie: Mach dieses Gesicht und sprich deinen Text in jener Tonlage?

Nein, das würde ich nie tun. Ich spreche auch nie Texte vor, sondern sage höchstens, dass das gerade aus diesem oder jenem Grund nicht gut war. Dabei sollte man allerdings möglichst diplomatisch vorgehen, denn wenn ein Schauspieler einmal eingeschnappt ist, wird die Szene bestimmt nicht besser.

Wie überzeugt man einen Götz George, wenn er anderer Meinung ist?

Das geht nur über Annäherung. Man muss allerdings wissen, dass Götz ein besonderer Fall ist. Der sitzt morgens in seinem Wohnmobil und platzt fast, bis er endlich loslegen kann. Immer perfekt vorbereitet, immer sofort präsent, einfach toll. Das ist die alte Schule, Götz begrüßt auch jeden Morgen alle Kollegen per Handschlag, bis hin zu den Praktikanten.

Südstadt, Schoko-Fabrik

Was ist für Sie anders, wenn Sie in Köln drehen?

Köln ist heimisches Terrain. Wenn ich ein Kölner Drehbuch lese, fallen mir sofort Bildmotive ein, die man ergänzen könnte. Ich bin übrigens die Geißel jedes Fahrers, weil ich den hiesigen Taxischein besitze. Meinen Zivildienst habe ich nämlich als Rettungsfahrer absolviert, da muss man sich sogar noch ein bisschen besser auskennen als der normale Chauffeur.

Sind Sie in Köln pingeliger, was Anschlussfehler betrifft?

Ich bemühe mich, das zu vermeiden, ja. Du kannst schlecht vom Neumarkt über den Rhein fahren und dann am Dom ankommen.

Wie wichtig ist Lokalkolorit für Serien wie den Tatort?

Die ursprüngliche Idee war, in verschiedenen deutschen Städten Kriminalgeschichten zu erzählen, die zugleich die Eigenheiten der Region transportieren. Das darf allerdings nicht so weit gehen, dass man daraus Mundartstücke macht.

Bei den Münchnern und Österreichern hat man diesen Eindruck zuweilen schon.

Naja, aber das ist nie tiefster Dialekt. Mit Willy Millowitsch haben wir uns damals bei Kommissar Klefisch auf eine Sprache verständigt, die er „Rheinisch“ nannte. (lacht)

Müssten die Kommissare Ballauf und Schenk nicht eigentlich Kölner sein?

Noch nicht mal unser Oberbürgermeister ist ein Kölscher! Aber ich versuche schon, die Stadt möglichst häufig einzufangen. In meinem letzten Kölner Tatort habe ich mir den Spaß erlaubt, sämtliche Brücken mindestens einmal zu zeigen. In einer anderen Folge haben wir einen Hausmeister „Kaczmarek“ genannt, nach dem Bläck-Fööss-Song. Der schließt da eine Wohnung auf, und Dietmar Bär sagt: „Danke, Kaczmarek.“

Jenseits von Köln haben Sie schon fast überall auf der Welt gedreht. Wo war´s am spannendsten?

Auf Malta, ganz klar, wo wir den „Untergang der Pamir“ drehten. In der Realtät war die 122 Meter lang. Ich habe das Schwesterschiff, die „Passat“ in Travemünde besichtigt und dachte: Heidelbach, du bist größenwahnsinnig. Es gibt eine Formel, mit deren Hilfe man errechnen kann, wie groß das Filmmodell sein muss, um im Zusammenspiel von Kamera und Wellen am realistischsten zu wirken. So kamen wir zu unserem 23-Meter-Modell.

Klingt recht aufwendig.

Ist aber noch lange nicht alles. Außerdem hatten wir zum Beispiel Wellenmaschinen, Wasserrutschen, Wasserkanonen und ein separates Hauptdeck, das um 90 Grad kippbar war. Das Ganze war ein Sandkastenspiel in riesengroß.

Der nächste Schritt wäre dann die Neuverfilmung von Werner Herzogs „Fitzcarraldo“.

Würde ich nie machen, denn für diesen Film sind Menschen gestorben. Das muss nicht sein, für keinen Film der Welt.

Zurück nach Deutschland: Sie stammen aus Tettnang am Bodensee. Gibt es noch Beziehungen dorthin?

Viele Verwandte leben noch da, eine wunderschöne Gegend. Aber wenn ich ein paar Stunden dort bin, weiß ich, warum Köln meine Stadt ist.

Inwiefern?

Immerhin lebe ich hier nun seit 1967. Um einen guten Film zu drehen, würde ich überall hingehen. Aber wohnen möchte ich immer hier, in der Südstadt. Wissen Sie, so gern ich über Filme rede, so wohl fühle ich mich in meiner Stammkneipe. „Du warst ja lange weg“, sagen die Jungs da. Und dann ist das Thema durch.


Die schiefe Kirche von der Südstadt - erinnert sich noch jemand?


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Mittwoch, 6. November 2013

Thekentänzer (70)

Jäger M und Happy Birthday

Eine der Frauen ist 30 geworden. Sie trägt eine dicke, silberne Kette und ein knielanges, schwarzes Kleid.
„Mach mal 13 Red Bull-Jägermeister.“
„Red Bull haben wir nicht“, sagt der Kellner.
„Scheiße.“
Die Frau berät sich mit ihren Freundinnen, ein paar von ihnen schütteln den Kopf und blicken vorwurfsvoll zum Kellner hin. Aber sie werden sich einig.
„Dann 11 Jäger M mit Cola und zwei mit Cola light.“
Der Kellner verzieht nun seinerseits das Gesicht: „Cola light ham wir auch nicht. Und auch keine gelbe Limo oder KiBa-Saft oder sowas.“
„Was ist denn das fürn Laden hier?“ sagt das Geburtstagskind.
Aber die Front der Feiernden bröckelt. Vier der Frauen sind so durstig, dass sie sich hinterrücks ein Kölsch bestellt haben. Eine weitere trinkt heimlich Wasser aus einer in der Handtasche verstecktes Flasche. Die neuerliche Beratung ergibt:
„Also jetzt zwölf Jäger M mit Cola und eine Frikadelle oder was ihr so habt.“
„Wir haben Nüsschen, Chips und Bifis.“
„Oh Gott! Aber mach jetzt auf jeden Fall mal die Schnäpse, sonst dreh ich langsam durch. Angelika, die ham hier keine scheiß Frikadellen, jetzt trink doch nen Jägermeister mit, verdammt nochmal.“
Die Angesprochene - es ist die mit der heimlichen Wasserflasche - denkt kurz nach und sagt dann: „Ja gut, aber ohne Cola.“
Der Kellner greift ins Regal mit den Rialtogläsern und gießt 13 Jägermeister ein, zwölf davon mit Cola.
Die Mädels prosten sich zu, stoßen an, trinken aus.
Und dann Happy Birthday.

Nudeln gibt´s auch nicht


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Mittwoch, 30. Oktober 2013

Geschichten aus 1111 Nächten (44)

Der Düsseldorfer, der Wolf, die Prinzessin und der Baum

Ein mürrischer kleiner Düsseldorfer machte sich auf den Weg nach Köln, um sich beim heiligen Willy über sein Schicksal zu beschweren: „Warum, lieber Willy, wurde ich ausgerechnet in diesem unseligen Dorf an der Düssel geboren?“ wollte er den weisen Mann fragen.
In Dormagen begegnete er einem Wolf, dem er von seinem Vorhaben erzählte.
„Dann frag doch mal den heiligen Willy“, entgegnete der Wolf, „ob ich wirklich nur geschaffen wurde, um hier zu verhungern.“
Der Düsseldorfer versprach es und traf in Worringen eine Prinzessin. Als sie von seinem Plan hörte, bat sie ihn: „Frag den heiligen Willy, warum ich, die ich doch jung, hübsch und gesund bin, dennoch unglücklich dahinlebe.“
Der Reisende sagte auch dies zu. Auf dem Marsch durchs Nippeser Wäldchen sprach ihn schließlich ein Baum an: „Sag dem Willy, dass es schrecklich ist, als Baum ganz ohne Laub dahinzuvegetieren. Lieber will ich sterben.“
Endlich erreichte der Düsseldorfer den Kölner Heiligen, der gerade in seinem Beichtstuhl saß und eine Pulle Messwein vertilgte. Nachdem der Gast seine Klagen vorgebracht hatte, erhob Willy seine donnernde Stimme: „Ich gebe dir eine Chance, du Männchen. Ergreife sie, dann wirst du reich und glücklich.“
Danach gab er ihm auch noch alle anderen gewünschten Antworten, bevor er sich wieder seinem Fläschchen widmete.
Der Düsseldorfer traf auf dem Rückweg den Baum und sagte: „Unter deiner Wurzel liegt ein Goldschatz, der dich vom Wasser trennt. Wird er geborgen, wirst du auch wieder sprießen.“
„Na, dann fang doch schnell an zu graben“, frohlockte der Baum, „und nimm dir das Gold.“
„Nein“, entgegnete der Düsseldorfer, „der heilige Willy von Köln hat mir eine Chance gegeben. Ich muss nach Hause und sie nutzen.“
Bald darauf stand er vor der unglücklichen Prinzessin.
„Der Weise sagt, du brauchst einen Ehemann, um glücklich zu werden.“
„Dann heirate mich, Düsseldorfer, ich bin dein!“
Aber der Düsseldorfer antwortete: „Nein, Gott hat mir eine Chance gegeben ...“
Und wer jetzt noch immer nicht weiß, was mit dem Manne geschieht, wenn er den Wolf wiedertrifft, der kommt mit ziemlicher Sicherheit aus Düsseldorf.

... zo Foß noh Kölle ...

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Mittwoch, 23. Oktober 2013

Interviews (17)

Heute: Der Skat-Weltmeister

Jörg Hussong, geboren 1962 in Köln, gehört zu den weltweit besten Skatspielern. Nach der Mittleren Reife absolvierte er eine Lehre als KFZ-Mechaniker, ab 1987 arbeitete er im Kundendienst verschiedener Autohäuser. Vor zwei Jahren stieg er um und betätigt sich zur Zeit als Kraftfahrer. Dem Euroskat Team Köln gehört er seit 1988 an. Seinen größten Einzelerfolg feierte er als 5. bei der WM 2000. 2006 und 2008 wurde er Mannschafts-Weltmeister, 2012 gewann er die Einzelwertung der Skat-Bundesliga West.
In seinem Vereinslokal, dem Porzer Gasthaus Kranz, hat sich Jörg Hussong in die hinterste Ecke gesetzt, mit Blick zur Tür und den Fenstern. Die Pokerzocker im Western machen das genauso - nur ja niemanden im Rücken haben!

Spielen Sie lieber ein Solo oder mit einem Partner?

Skat ist in der Bundesliga ein Mannschaftssport. Wenngleich es hier auch eine Einzelrangliste gibt, stellt man sich doch vorwiegend in den Dienst der Mannschaft. Mir machen beide Konstellationen Spaß.

Ich meinte eigentlich: Gewinnen Sie einen kleinen Karo lieber alleine oder zu zweit gegen den Solospieler?

Ein Solo ist das A und O beim Skat, ohne Punkte keine Preise. Steht mein Blatt allerdings auf wackeligen Füßen, mache ich lieber ein Spiel des Gegners kaputt, als selber Miese zu riskieren. Auch dafür bekommt man nach der Wettspielordnung 30 Punkte. Im Wettkampfbereich gilt: Wenn Sie ein Spiel verlieren, müssen Sie dafür drei gewinnen.

Deshalb sind die Profis bei Turnieren wohl auch so oft schon bei 18 weg.

Ein Spiel muss Stabilität und Substanz haben, auf starke Karten aufbauen. Dann kannst du das auch reizen.

Was macht die Substanz eines Blattes aus?

Ein kleines Beispiel: Bei einem hohlen As, also etwa As, 9, 7, können Sie die Dame der Gegner schon dazuaddieren. Haben Sie die allerdings selbst auf der Hand, geht sie wahrscheinlich weg.

Wie würden Sie einem Marsmännchen die Faszination des Skat erklären?

Ich würde ihm sagen, dass er es hier mit einem Spiel zu tun hat, bei dem sich der Glücksfaktor und das logische Denken auf sehr spannende Art ergänzen.

Dennoch schrumpft der Skatverband Jahr für Jahr.

Stimmt, in Deutschland können rund 15 Millionen Menschen, manche sagen: 30, Skat spielen. Aber nur 35.000 sind in Skatvereinen organisiert, das ist schade. Uns fehlen sowohl die Sponsoren als auch der Nachwuchs.

Die Jugend pokert heutzutage lieber.

Pokern boomt, auch dieses Spiel kann man mathematisch spielen. Auf lange Distanz setzt sich immer der Bessere durch, genau wie beim Skat. Aber Pokern tut man immer allein, beim Skat gibt es den dritten Mann. Es sind Strategien und Kalkulationen gefordert, die das Spiel meines Erachtens interessanter machen als Poker.

Beim Pokern spielt das Bluffen eine große Rolle. Beim Skat auch?

Den Anteil des Bluffens würde ich auf vielleicht fünf Prozent schätzen. Wer unbedingt seinen einfachen Karo spielen will, der sagt seine 18 einschüchternd forsch, damit der andere vielleicht beeindruckt ist und passt.

Hat man an Tagen, an denen man sich gut fühlt, auch bessere Karten?

(grinst) Das kann ich bestätigen. An guten Tagen fühlst du dich fit und spielst hochkonzentriert. Du bist nicht zu vorsichtig, du überziehst deine Blätter nicht und machst im Spielverlauf alles richtig.

Gibt es also einen Skatgott?

Skat ist in meinen Augen ein Phasenspiel, mal hat man anhaltend Glück, mal die Pechsträhne. Ich kenne Leute, die setzen dann lieber vier Wochen aus, als schlechte Listen zu spielen. Von daher würde ich sagen: Ja, es gibt einen Skatgott, und die meisten Skater sind abergläubisch.

Wie äußert sich das bei Ihnen?

Wenn mein erster WM-Tag gut gelaufen ist, ziehe ich das T-Shirt am nächsten Tag wieder an. Blödsinn eigentlich, aber das muss sein!

Kann man mal riskieren. Aber nur bei eigenem Aufspiel (siehe unten).
 
Das erinnert an Ewald Lienens blaues Hemd und Udo Latteks blauen Pullover. Gibt es unter Ihren Kollegen weltweit auch einen irdischen Skatgott, einen Messi?

Nein. Es gibt in der Weltspitze einige wirklich sehr gute Spieler, aber keinen, der irgendwie gottähnlich herausragt.

Eine Frage, um die seit Jahrzehnten gestritten wird: Ist Skat Sport?

In meinen Augen ja! Skat unterhält schließlich wie jede Sportart einen Ligabetrieb und daneben zahlreiche kleine und große Turniere bis hin zu EMs und WMs. Leider ist unser Spiel allerdings nicht besonders publikums- und medienwirksam.

Welche Leute trifft man auf diesen internationalen Turnieren?

Alles vom Harz-IV-Empfänger bis zum Doktor und millionenschweren Firmenchef. Der eine kommt im Anzug, der nächste im ausgefransten T-Shirt, es gibt bei uns keine Kleiderordnung.

Aber wohl ein paar Benimmregeln?

Mal ein Bier oder eine Schnapsrunde - das kann vorkommen, wenn man mit lustigen Leuten am Tisch sitzt. Eingeschritten wird, wenn jemand zu viel trinkt oder sich sonstwie daneben benimmt.

Es kursieren einige Vorurteile über Skatspieler. In welchem Verhältnis stehen Skat, Zigaretten und Bier?

Alkohol geht eigentlich gar nicht, wenn man etwas erreichen will. In der Spitze wird praktisch nichts getrunken beim Spiel, aber beim Kneipenskat auf der Ecke ist das natürlich etwas anderes.

Bereiten Sie sich konditionell vor auf eine WM? Und nehmen Sie während des Turniers ab wie ein Leistungssportler?

Nee, eigentlich passiert das Gegenteil. Beim Skat verbrennt man nichts, so richtig gesund ist das nicht. Aber das Spiel ist wie der Fußball von oben nach unten durchorganisiert.

Müssen Sie vor einem Bundesligamatch trainieren?

Nach 25 Jahren nicht mehr, ich weiß, was ich wann zu tun habe.

Sie arbeiten als Kraftfahrer. Welche Opfer bringen Sie für ihr Hobby?

Der Job leidet nicht darunter, denn Skatevents spielen sich am Wochenende ab. Aber für Turniere und Skatreisen geht bei mir fast der ganze Urlaub drauf. Dieses Frühjahr haben wir in Köln die Deutschen Meisterschaften organisiert, da war schon einiges zu stemmen.

Ich als reiner Kneipenskater halte stets die Punkte nach und weiß, wieviel Trümpfe noch draußen sind. Was haben Sie alles im Kopf?

Natürlich alle Punkte, die Trümpfe und wenn ich mir Mühe gebe, auch alle noch nicht gefallenen Karten. Wenn ein guter Skater merkt, dass das Spiel aus dem Ruder zu laufen droht, rekonstruiert er für sich auch alle vorigen Stiche, um sich über die Verteilung der gegnerischen Blätter klarzuwerden.

Unterlaufen Ihnen dabei auch schon mal Fehler?

(lacht) Auch ich liege nicht immer richtig. Manchmal spekuliert man die ganze Zeit auf diesen König im letzten Stich, mit dem man auf 61 Augen käme. Aber dann fällt stattdessen die Dame, und das Spiel ist verloren. Aber um mal eines klarzustellen: Ich sehe mich nicht als Profi, denn ein Profi lebt von seinem Sport. Das kann bei den derzeitigen Konstellationen kein Skatspieler.

Sie treten bei EMs und WMs an. Und am Ende gewinnt immer Deutschland?

In der Nationenwertung fast immer, ja. Und die Einzelwertung gewinnen auch zu neunzig Prozent Deutsche.

Es gibt Skatclubs auf den Bahamas und in Chile. Aber die Mitglieder heißen Meier, Lehmann und Krause.

Genau, das sind fast immer Auswanderer. In Gegenden, wo viele Deutsche zusammenkommen, wird dann natürlich das deutsche Traditionsspiel gepflegt.

Wie sieht es - national und international - mit weiblichen Skatern aus?

Es gibt, im Vergleich zu den Männern, nur wenige. Daran wird es wohl auch liegen, dass Frauen sich insgesamt kaum einmal in die Siegerlisten eintragen können. Hin wieder werden Mixed-Turniere angeboten, man kann auch Mixed-Weltmeister werden.

Wann hatten Sie zum letzten Mal ein Blatt, das man, wie früher üblich, an die Kneipenwand hängen könnte?

(lacht) Letztens im Internet. Man kann auf verschiedenen Websites rund um die Uhr Skat spielen, und vor einiger Zeit hatte ich einen Grand Ouvert: Die ersten drei Buben, die obersten sechs Kreuz und ein blankes As dazu. Das ging natürlich nur sicher durch, weil ich zudem noch am Aufspiel war.

Stimmt, sagt selbst der schlichte Kneipenskater. Denn ansonsten hätte Hussong fürchten müssen, gegen Kreuz 7 und Karo Buben einen Stich abzugeben, der die Schneider-Schwarz-Pflicht des Ouverts zerstört hätte.