Mittwoch, 28. November 2012

 Interviews (8): Lina Beckmann

"Hiasch oder Robbe"

Letzten Sonntag spielte sie im Münsteraner Tatort mit. Aber eigentlich ist sie am Kölner Schauspielhaus beschäftigt. Lina Beckmann wurde 1981 in Hagen geboren und wuchs in Wanne-Eickel auf. Nach ihrer Ausbildung an der Westfälischen Schauspielschule war sie zunächst am Schauspielhaus Bochum und dann in Zürich engagiert. 2007 wechselte sie mit dem Start von Intendantin Karin Beier nach Köln. Seitdem wirkte sie u.a. bei den Aufführungen von Der Menschenfeind, Iphigenie, Das Fest und Der Kirschgarten mit. Außerdem sah man sie in diversen Kino- und TV-Produktionen (u.a. Tatort).
Nachdem sie 2005 den Solopreis des Bundeswettbewerbs zur Förderung des Schauspielnachwuchses erhalten hatte, wurden ihr 2011 der Alfred-Kerr-Darstellerpreis für den besten jungen Schauspieler des Berliner Theatertreffens sowie der Kritikerpreis „Schauspielerin des Jahres“ verliehen. Lina Beckmann lebt mit ihrem kleinen Sohn in Bochum.

Sie sind in Wanne-Eickel aufgewachsen, einer Stadt mit außergewöhnlich schönem Namen. Wie würden Sie die charakterisieren?

Ich will jetzt Wanne-Eickel nicht runtermachen, aber: Wenn man weiß, wo die schönen Ecken sind, ist es immer noch hässlich. (lacht)

Wie tief reichen Ihre Ruhrgebietswurzeln?

Meine Eltern stammen beide von dort. Ein Opa und ein Onkel von mir waren sogar Bergmann. Und wir als Familie sind bis heute im Ruhrpott geblieben.

Sie haben Fechten und Reiten gelernt, das klingt eher nach einer Oberschichten-Kindheit.

Nein, wir waren fünf Kinder und gehörten eher zur Unterschicht. Fechten habe ich erst in der Schauspielschule gelernt. Und Reiten will doch jedes Mädchen!

Eher Winnetou oder Dressur?

Eigentlich wollte ich immer am Strand oder durch den Wald reiten. Habe ich mir wahnsinnig toll vorgestellt. Aber ich hab´s bis heute nie geschafft, ich bin nie aus der Reithalle rausgekommen.

Sie beherrschen auch den Dialekt Ihrer Heimat. Woher?

Zuhause haben wir Hochdeutsch gesprochen. Aber das Ruhrpöttische war ja ansonsten überall: auf der Straße, beim Bäcker und im Supermarkt. Wenn ich auf der Bühne spreche, sagt man mir oft, dass der Dialekt durchscheint. Ich sage „Hea“ statt „Herr“ und „Schweat“ statt „Schwert“.

Und ich heiße Beant, nehme ich an.

Ja, genau.

Durften Sie den Dialekt schonmal bewusst auf der Bühne einsetzen?

Nee, im Theater wurde der nie gewollt.

Steht dahinter die Angst vor der Verwechslung mit dem Volkstheater?

Ja, wahrscheinlich. Mir fällt immer auf, dass Leute mit Dialekt sofort komischer und direkter wirken. Ein klassischer Text, vorgetragen auf Kölsch oder Berlinerisch, das ist etwas ganz Anderes. Aber wer weiß, vielleicht hält der Dialekt irgendwann Einzug auf den großen Bühnen.

Haben Sie dialektale Vorlieben?

Wenn ich jetzt drüber nachdenke: Mir gefällt die Sprache im Ruhrgebiet und auch in Köln, in Berlin oder im hohen Norden. Da fühle ich mich direkt sehr wohl. Mit den südlichen Dialekten habe ich hingegen Schwierigkeiten.

Bekommen Sie durch Ihren Job hier mit, wieviel Wert Köln auf sein Brauchtum und seinen Dialekt legt?

Oh ja, dieser rheinische Singsang fällt einem sofort auf, wenn man hier ankommt. Das ist so eine Melodie ...

... wie die Wellen vom Rhein.

Richtig! So wunderschön warm. Und ich habe auch den Eindruck, hier spricht man seinen Dialekt gerne, der ist niemandem peinlich. Man merkt, dass die Kölner ihre Stadt sehr mögen. Und dass sie viel und gerne feiern, weiß ohnehin jeder.

Als was würden Sie sich denn Karneval verkleiden?

Für eine Schauspielerin ist das eine interessante Frage, schließlich verkleide ich mich ja jeden Abend. Karneval habe ich noch nie gefeiert, aber ich glaube, ich wäre gern eine Robbe. Oder ein Hirsch.

Selbstverständlich sagt Lina Beckmann an dieser Stelle: „Hiasch“.

Und was ist mit Cowboy und Indianer?

Die Chance, dass ich auf der Bühne mal ein Cowboy werde, ist größer. Deshalb lieber mal Hirsch.

Sie haben sich offenbar Gedanken über Köln gemacht. Aber am Telefon kannten Sie den Alter Markt nicht.

Nein, in der Altstadt kenne ich mich wirklich nicht aus. Und ich bin ohnehin sehr schlecht im Merken von Straßen und Orten. In Nippes habe ich mal gewohnt, und auch in der Südstadt.

Was ist Ihnen da in Erinnerung geblieben?

Die Südstadt mochte ich wegen dem Volksgarten und weil sie insgesamt so lieblich ist. Da gibt´s schöne Geschäfte, und man gerät ins Schlendern. Nippes ist viel roher und war mir noch näher, weil es mich ans Ruhrgebiet erinnert hat. Das wirkt so´n bisschen „bronxisch“ auf mich, ohne irgendwie abstoßend zu sein.

Heutzutage fahren Sie aber nach der Vorstellung zurück ins heimische Bochum.

Ja, da wartet mein Sohn auf mich.

Ist man an einem Stadttheater engagiert wie bei einem Fußballverein? Man verdient sein Geld und ist wieder weg?

Wenn du weiter weg musst, dann wird das sicher auch eine Art Heimat. Schauspieler ist in der Hinsicht ein seltsamer Beruf, weil man da immer für eine Stadt spielt, die man eigentlich gar nicht so gut kennt. Man möchte sich identifizieren, aber das braucht seine Zeit. In Zürich zum Beispiel habe ich sehr lange gebraucht, um diese Stadt zu verstehen oder sogar lieb zu gewinnen. Und dann war ich auch schon wieder weg.

Sie haben sogar in einem Schweizer Spielfilm mitgemacht.

Ja, ich habe eine deutsche Prostituierte in Zürich gespielt. Ich war die einzige, die Hochdeutsch sprechen durfte. (lacht)

„Man spielt für eine Stadt“, haben Sie gesagt. Was bedeutet das?

Naja, das ist hier das Kölner Schauspielhaus. Und wenn man hier arbeitet, dann möchte man, dass diese Stadt, diese Menschen gern in dieses Theater gehen.

Sie haben einige Städte erlebt. Würden Sie dem Kölner Publikum bestimmte Eigenarten zuschreiben?

Also in Zürich waren die Leute sehr distanziert. Die setzen sich hin und sagen: Nun macht mal, wir werden sehen. Die Kölner haben es uns dagegen sehr leicht gemacht. Seit Karin Beier hier anfing, liefen ja durchaus auch einige seltsame Stücke und Projekte, deren Titel man im Zweifelsfall nie gehört hatte. Aber die Leute kommen trotzdem, das finde ich toll.

Vom Kölner Schauspiel sprach vor 2007, also vor Karin Beier, niemand. Sie haben den Aufstieg von innen mitbekommen.

Ja. Als ich hier hinkam, fand ich das Haus furchtbar hässlich. Und es stank da drinnen nach Klo.

Ehrlich?

Es stank manchmal so sehr, dass man dachte, gleich kommt es aus allen Rohren geschossen. Auch die Garderoben sind unglaublich hässlich ...

 Charmant antiquiert oder nur hässlich?

Alles ist alt und abgenutzt, alle Schränke und Tische bestehen aus kunststoffbeschichteten Spanplatten. Und unter meiner Liege in der Umkleide stehen Giftfallen, weil da mal Ratten herumliefen. Aber jetzt bin ich schon so lange hier, dass ich selbst diese Garderobe irgendwie gernhabe.

Und wie entwickelte sich das Künstlerische?

2008/09 habe ich ein Jahr Pause gemacht, weil mein Kind geboren wurde. Und als ich wiederkam, war Köln schon in aller Munde.

Hier konnte vor 2007 man so etwas wie „Berliner Theatertreffen“ nicht einmal buchstabieren.

Tja, ich hatte Köln vorher auch nie wahrgenommen. Aber plötzlich war das Haus wieder voll, und alles war möglich. Das war eine richtige Aufbruchstimmung, so hatte ich das noch nie erlebt.

Seither hat man Sie auch häufiger im Kino und TV gesehen. Macht Ihnen das Spaß?

Bisher hatte ich nur Nebenrollen. Da stößt du für zwei Tage dazu, kennst niemanden und bekommst nichts von der Entwicklung des gesamten Projekts mit. Das ist natürlich nicht so schön.

Im Theaterbereich sind Sie zu prominent, um noch als dritter Hirsch von links besetzt zu werden. Im TV waren Sie allerdings noch an keinem richtigen Blockbuster beteiligt.

Nein, leider nicht. Wäre ich aber mal gern.

Fernsehen bedeutet jedenfalls gute Kohle, stimmt´s?

Ja.

Nähere Erläuterungen folgen hier nicht. Stattdessen ein dezidiertes Nicken, ein kurzes Schweigen und ein finales Lachen.

Hat sich mit Ihren beiden 2011 gewonnenen Theaterpreisen für Sie etwas verändert?

Das hat sich im ersten Moment alles wahnsinnig groß angefühlt. Und dann gab es auch eine kleine Welle von Anfragen, aber die ist schnell verebbt. Ich habe danach auch erstmal eine kleine Pause gemacht, also keine Engagements mehr angenommen, die über meinen Vertrag hier hinausgingen. Weil ich mich einfach mal wieder intensiver um meinen kleinen Sohn kümmern wollte.

Bringen Sie Opfer für ihre Mutterschaft?

Nein, so habe ich das nie empfunden.

Ihre dritte Spezialität nach Fechten und Reiten ist der argentinische Tango. Haben Ihnen das die Wanne-Eickeler Gauchos beigebracht?

Nein, obwohl die in der Hinsicht einen großen Ruf haben (lacht). Ich musste die Schritte für eine Rolle lernen und habe aus Spaß weitergemacht. In Zürich bin in dann immer samstags in so ein Tango-Lokal gegangen, wo man wartet, bis einen jemand auffordert.

Was gefällt Ihnen am Tango?

Dass man sich als Frau dabei nur führen lässt. Es war sehr entspannend und schön für mich zu begreifen, dass ich überhaupt nicht gucken muss, wo es als nächstes hingeht.

Hatten Sie geschmeidige Partner?

Auf der Bühne schon. Und im Lokal hatte ich so einen weißhaarigen alten Mann, wir haben uns dort immer wieder getroffen. Der war jetzt nicht super-heiß, und wir haben uns nie unterhalten oder angesehen. Aber mit ihm zu tanzen war schon ganz toll.

Die typisch kölnischen Tänze heißen Schunkeln und Stippeföttche. Kennen Sie sich damit aus?

Stippeföttche?

Dabei geht es darum, sich gegenseitig den Hintern herauszustrecken und zu wibbeln.

Ah, sowas wie Ententanz. Das lernt man wahrscheinlich auch nur durch die Praxis, oder?

Naja, im Grunde müssen einem diese Bewegungen im Blut liegen. Aber eine versierte Tangotänzerin aus Wanne-Eickel hätte wahrscheinlich gute Chancen.

LB: Wunderbar, ich warte darauf, das zu lernen!




Wer diese Kolumne zukünftig jeden Mittwoch zugeschickt bekommen möchte, schreibe eine Mail an thekentaenzer@netcologne.de, Stichwort: Die Köln-Kolumne.
 



Mittwoch, 21. November 2012

Straßenkämpfer (23)

Zeit ham wir genug

Sei wer du bist
Sei was du bist
Vergiss die Kommaregeln.
Der Tod bedeute dir nichts.
Fahr nach Frankreich!
Frankreich! Frankreich!
Kommt alle nach Frankreich!
Schlag deine Gitarre an, sing
Falsett!
Sei
Niemandes Held, vergiss den Scheiß.
Wir rollen das R
Wir rocken und rollen, die beiden
Verse müssen eventuell raus, oder
Ich brech sie einfach anders um.

Mister Crowley, wat
Hamse denn mit dir gemacht?
Du willst einer von uns sein?
Magie, Tragik, mit dir
Läuft doch gar nix.
Drisch auf deine Orgel ein, Crowley,
Spiel ein wildes
WILDES
Gitarrensolo und
Hau dir noch nen Whiskey rein, bis du
N Tatterich kriegst.
Was ist schon Zeit, die
Ham wir genug, du
Und ich.

Badaddabadda!!!!!!!
Schonmal ne richtige Schweinerocknummer gehört?
Duuuuuu
Weich-Ei, ich
Bin heut in Gönnerlaune, brauch
Nen Ritt, Mädchen,
für
heut Nacht, Mädchen. Aber
nimm das nicht wörtlich, das ist nur
Rock´n´Roll und Political Correctness,
Abba
Ficken tun wir trotzdem.


Du bist besoffen und
Für mich wird der Weg immer kürzer.
Ab an die Westküste, würd ich sagen, ich
Hab immer die selbe Jeans an, ich
Trag Molotowcocktails unter den Achseln.
ich rauch meine Kippen wie
Keiner. Wir nehmen den Nachtzug. Wir
Sehn die Sonne tief stehn und
Nehmen den Frachtzug.
Keine weiteren Fragen.

Keine Fragen. Das isses doch.
Denn Fragen könn´n wir immernoch später stelln, wenn
Die Antworten nicht mehr
So richtich knackich wirken.
Und solange brenn´n wir eben die
Weiße Hexe ab, Baby.
Kucken wir uns an! Das
Kucken wir uns aber an
Wie die brennt.
Und dann stelln ir uns ganz
Ganz langsam in unsre Schatten, wo
Unsre Tränen drauffallen.
Unsichtbar für immer, im Schatten
zusammen.

Wer mag schon Jammersongs?
Wer mag schon: Baby, verlass mich nich!? Ich
Jedenfalls muss da sofort ausmachen. Da
Fällt mir nix zu ein, und am besten noch
Mit soner hohen, knatschigen Stimme, das
Wolln wir hier nich – Ende.
Hört Auf!
Hört auf zu jammern!
Jawoll!

Lass uns zum Abrockstrand gehen.
Aufm Dach, aufm Balkon, am Strand –
ABROCKEN!
DU. ICH. WIR ALLE. Weißt du,
was Limonade auf Kölsch heißt?
Lömmelöm, - mit
Geschlossenem kölschen ö, wie bei
MÖGLICH -.
Alles ist möglich, jede
Assoziation, muss man nur hinschreiben, schon is
Okay.
Alles Punk, ich mein,
unsere Zeit, oder? Is doch
immer unsere Zeit und dann
is man eben Punk, was
redundant is, bestimme immernoch
ich.


Wer diese Kolumne zukünftig jeden Mittwoch zugeschickt bekommen möchte, schreibe eine Mail an thekentaenzer@netcologne.de, Stichwort: Die Köln-Kolumne.

Mittwoch, 14. November 2012

Geschichten aus 1111 Nächten (29)

Der Duft von Hopfen und Malz

Es war in jener Zeit, da Anton keinen Pfennig auf der Tasche hatte. Seit Tagen schon hatte er nichts Ordentliches gegessen, geschweige denn ein leckeres Kölsch getrunken. Eines Morgens jedoch gedachte er seines alten Kumpels Jean, der reich und Besitzer eines florierenden Brauhauses in der Altstadt geworden war. Und da kam dem Anton eine Idee.
Sein erster Weg führte ihn zur Stadtsparkasse, wo er sich am Wasserspender einen Plastikbecher abfüllte. Mit diesem marschierte er sodann zum Brauhaus des Jean. Vorn an der Schwemme duftete es herrlich nach Hopfen und Malz, und genau in diese Schwaden hinein hielt er seinen weißen Wasserbecher. Dann trank er ihn aus.
Der ebenso geizige wie verschlagene Jean jedoch hatte dies beobachtet. Er kam aus seinem Beichtstuhl geschossen und begann sofort zu keifen: Anton habe den Duft zu bezahlen. Andernfalls werde Jean seine Cöbesse anweisen, den Schmarotzer in den Rhein zu schmeißen.
Anton war der Verzweiflung nahe, zumal er nicht einmal schwimmen konnte. Aber aufs Neue kam ihm ein rettender Einfall:
„Hat vielleicht einer von euch eine Münze bei der Hand?“ fragte er in die Cöbes-Runde. „Dann möge er sie mir für einen Augenblick leihen.“
Man gab ihm die Münze. Anton warf sie auf die Fliesen und sagte zum ungläubig starrenden Jean:
„Hör genau auf das Geräusch, du Hund. Denn damit bist du bezahlt.“

Der Eine hat´s, der Andere nicht

Wer diese Kolumne zukünftig jeden Mittwoch zugeschickt bekommen möchte, schreibe eine Mail an thekentaenzer@netcologne.de, Stichwort: Die Köln-Kolumne.

Mittwoch, 7. November 2012

Schöne Schilder (4)

Genagelte Schuhe, nasse Socken und Nervenkekse

Verboten in der Eckfeld: Sammeln von Fossilien


Verboten in Heimbach: Tatlich angreifen


Verboten in Völklingen: Genagelte Schuhe ohne Gummiüberzug


Verboten in Irland: Querbeet im Wald rumlaufen


Verboten auf den Kanaren: Nass und/oder sandig sein


Angeboten in Memmingen: Nervenkekse




Wer diese Kolumne zukünftig jeden Mittwoch zugeschickt bekommen möchte, schreibe eine Mail an thekentaenzer@netcologne.de, Stichwort: Die Köln-Kolumne.
 

Dienstag, 30. Oktober 2012

Interviews (7)

Die Vorsitzende vom Trude-Herr-Fanclub

"...wie ein Stern am Himmel"

Das Haus Rüger in Zollstock ist eine über 100 Jahre alte Kneipe mit sehr kölscher Patina. Hier trifft sich allmonatlich der Trude-Herr-Fanclub, und hier sitzt an diesem Morgen auch dessen Vorsitzende Hilde Schmitz.

Sie heißen Schmitz ...

... mit t-z, wie „Tür zu“, genau!

Der Name klingt ausgesprochen kölsch.

Stimmt aber nicht ganz, ich bin gebürtig aus Bonn. Mein Vater war Schneider, stand aber auch mit meiner Mutter zusammen an Karneval in der Bütt.

Und wie kamen Sie nach Köln?

Ich habe in der Tankstelle am Verteilerkreis gearbeitet. Und Mitte der 1990er lag die rheinseitige Raststätte brach. Da haben wir dann 1997 den Trude-Herr-Fanclub gegründet und unsere ersten kleinen Erinnerungs-Shows veranstaltet.


Trude Herr kam zwar nicht aus Bonn, aber von der Schäl Sick.

Jein. Sie wuchs auf der „Insel“ auf, so nannte man damals das Arbeiterviertel zwischen Kalk und Mülheim. Ihr Vater war im Krieg und dann als Kommunist in Gefangenschaft, so dass sie praktisch nur von der Mutter großgezogen wurde.

Sie spielen seit neun Jahren im Ensemble von Wally Bockmayer. Mussten Sie dafür von Bönnsch auf Kölsch umsteigen?

Die Gigi sagt, ich hätte noch immer einen bönnschen Einschlag. Da sagt man zum Beispiel eher „ich woar“ als „ich wor“. Aber so langsam und mit Gigis Hilfe bekomme ich´s hin.

Warum interessieren Sie sich so intensiv für Gigi Herrs Tante?

Ich war schon früher immer in ihrem Theater, ich habe fast jedes Stück gesehen. Trude war eine Frau mit Rückgrat. Die hat nie ihr Fähnchen nach dem Wind gedreht.

Aber vom Fan zum Fanclub ist es noch ein recht großer Schritt.

Als 1995 auf dem Roncalli-Platz das Erinnerungs-Konzert lief, sagte der Tommy Engel, dass für Trudes Gedenken in Köln viel zu wenig getan wird. Und zwei Jahre später habe ich gesagt: Dann machen wir was!

Wie würden Sie Trude Herrs Stücke abgrenzen vom Millowitsch-Theater?

Der Millowitsch hat ja fertig geschriebene Komödien auf die Bühne gebracht. Trude hingegen hat sich ihre Stücke auf den Leib geschrieben, selbst Regie geführt und die Hauptrolle gespielt.

Inwiefern war das Volkstheater?

Man konnte immer sehen, dass sie die Menschen sehr genau beobachtet hat - und ihnen dann den Spiegel vorhielt.

Haben Sie Trude Herr persönlich kennengelernt?

Nein, da fragen Sie mal besser den Michel.

Hilde Schmitz zeigt dabei auf Michel van Haasteren, den Wirt von Haus Rüger. Zahlreiche Fotos, Filmplakate und Gemälde von Trude Herr schmücken die Wände seiner Kneipe, darunter eines vom Kölner Maler Walter Raab.

Glauben Sie, dass Trude Herr eine liebenswerte Person war?

Sie war vor allem ein Mensch mit Ecken und Kanten. Ich bewundere sie dafür, dass sie eben nicht jedem nach dem Mund geredet hat. Einfach war sie bestimmt nicht, mit der Trude konnte man schon mal aneinandergeraten.

Man hört oft, dass sie ein ziemlich harter Knochen war.

Natürlich hat mir da auch die Gigi einiges erzählt. An ihrem Theater wurde genau das durchgesetzt, was sie wollte, da gab es nichts.

Das Trude-Herr-Denkmal in der Südstadt


Auf Ihrer Club-Website nennen Sie Ihr Idol eine „große Künstlerin“.

Ja, weil sie so ungeheuer vielseitig war. Die hat nicht nur Theater gespielt, Regie geführt und Stücke geschrieben, sondern auch Songs und Bücher. Und dann hat sie ja auch in unglaublich vielen Filmen mitgemacht.

Stimmt, bis zum eigenen Theater war es ein langer Eselsweg.

Trude Herr hat mit einer Wanderbühne angefangen und ein erstes kleines Theater in einer Kohlenhandlung unterhalten. Als das dichtmachen musste, war sie Bardame im Barberina, Kölns erstem Homosexuellen-Lokal. Und in der Karnevalsbütt oder auf der Millowitschbühne hat sie auch gestanden.

Bundesweit wurde sie zumeist auf das Klischee des kleinen, dicken, lustigen Mädchens reduziert.

Ja, ich glaube, sie hätte gern auch mal andere Rollen gespielt. In ihrem Stück „3 Glas Kölsch“ starb sie als versoffenes Lenchen auf der Bühne. Aber so wollten die Leute sie nicht sehen, da stand das Theater kurz vor dem Ruin. Also hat sie kurzfristig ihr Erfolgsstück „Scheidung op Kölsch“ wieder aufgenommen.

Glauben Sie, dass sie auch privat so laut und schrill war?

Sicherlich hatte sie diese Seite. Aber imgrunde war sie doch sehr sentimental, sehr in sich gekehrt. Ein nach innen weinender Clown, so würde ich es ausdrücken.

Ihr hing somit auch etwas Tragisches an?

Ja, vor allem hatte sie nie Glück mit ihren Männern.

Warum wohl?

Vielleicht war sie zu stark, ich weiß es nicht.

Auch ihr Verhältnis zu Köln war nicht ungebrochen.

Sie liebte diese Stadt, aber vermisste die Unterstützung von den offiziellen Stellen. Trude Herr war zu unbequem für diese Leute von der Obrigkeit.

Fühlen Sie selbst sich inzwischen als Kölnerin?

Oh ja, und das ist für mich auch eine wunderbare Stadt. Bonn ist langsam und schläfrig, Köln hat viel mehr Kawumm!

Wie muss man sich solch einen Fanclub-Abend hier in Zollstock vorstellen?

Wir halten die Erinnerung wach. Wir hören Trudes Lieder, wir lesen uns etwas von ihr vor, und manchmal hat auch jemand etwas ganz Neues herausgefunden, darüber wird dann gefachsimpelt. Zum Beispiel sichten wir gerade unveröffentlichte Lieder aus Trude Herrs Hinterlassenschaft, vielleicht kann man die irgendwann mal herausbringen.

Wäre Ihre Sammlung nichts für eine Ausstellung im Kölner Stadtmuseum?

Vor zehn Jahren hieß es mal, die hätten zu wenig Räumlichkeiten. Und wir hätten selber eine Versicherung abschließen müssen, ich glaube, es gab da von Seiten des Stadtmuseums einfach kein echtes Interesse.

Haben Sie ein Lieblingslied von Trude Herr?

„Verstehen“, das hat sie in Sydney aufgenommen, sehr melancholisch. „Drum vergesst mich und versteht/ Was heißt Freundschaft, was Verlassen?“ heißt es darin.

„Irgendwas von dir bleibt hier“, lautet ein Vers aus ihrem berühmtesten Song „Niemals geht man so ganz“. Was bleibt von Trude Herr?

Letztens war ich mal wieder am Trude-Herr-Denkmal in der Südstadt. Da schimpfte eine türkischstämmige Mutter mit ihrem Jungen, weil der gegen das Denkmal mit dem Fußball schoss. Und was sagt der Kleine im schönsten Kölsch? - „Mama, ich will doch nur e bessje mit der Trude Doppelpass spille.“

Werden Trude Herrs Stücke eigentlich noch irgendwo gespielt?

Oh ja, zuletzt wurde die „Scheidung op Kölsch“ in Bochum und Duisburg aufgeführt. Und hier im Kellertheater lief im vergangenen Jahr „Die Millionärin“.

Haben Sie jenes Denkmal auf dem Trude-Herr-Platz mit angestoßen?

Das haben wir aufgestellt, die Stadt Köln hat da keinen einzigen Cent zugegeben. Und das ist auch noch immer nicht fertig.

Die Skulptur besteht aus rostigen Eisenplatten.

Ja, die sollen auch rosten, so entstand dieses gold-braune Schimmern. Aber jetzt, wo der Rost angesetzt hat, müsste da eine Glasur drüber. Das würde rund 2.000 Euro kosten, aber die haben wir nicht. Zumal einige Spenden zwar angekündigt wurden, aber nie angekommen sind.

Im Scala-Theater verkörpern Sie zur Zeit Ihr Idol sogar persönlich: Sie spielen die Trude in „Trude zum Dessert“. Was ist das für ein Gefühl?

Hilde Schmitz zögert länger, bevor sie auf diese Frage antwortet, und setzt auch mehrmals neu an. Dann jedoch wird sie dezidiert:

Für mich ist Trude Herr ein Star - aber so wie ein Stern am Himmel. Man kann die Erinnerung zum Leuchten bringen. Auf der Bühne kann ich versuchen ihr nachzueifern. Aber die Trude war einmalig, erreichen wird man so eine Frau nie!

---

Zur Person

Hilde Schmitz wurde 1949 in Bonn geboren. Das Nesthäkchern dreier deutlich älterer Geschwister machte ein Lehre als Bankkauffrau, zog mit Tupperware über Land und ein Kind groß.
1997 gründete sie mit Freunden den Trude-Herr-Fanclub und begann, Erinnerungsshows für die Kölner Schauspielerin zu veranstalten. Bei der Denkmalenthüllung 2002 auf dem Trude-Herr-Platz in der Südstadt wurde sie von Wally Bockmayer für sein kölsches Scala-Theater engagiert. Hilde Schmitz lebt in Zollstock.

Der Trude-Herr-Fanclub trifft sich jeden zweiten Dienstag im Monat ab 19 Uhr im Zollstocker Haus Rüger, Höninger Weg 200. Jeder interessierte Gast ist willkommen (www.trude-herr-fanclub.de).


Mittwoch, 24. Oktober 2012

Geschichten aus 1111 Nächten (28)

Der Dieb vom Stavenhof

Der rotnasige Anton war gerade von einer bitteren Zechtour heimgekehrt, als er auf der anderen Seite des engen Stavenhofs einen Einbrecher erspähte. Also ging er noch einmal runter zur Tür und fragte den Düstermann: „Was machst du da, Mensch?“
Der Dieb erstarrte, berappelte sich jedoch flugs: „Du meinst mich? Ich spiele Trömmelche.“
Anton, ohnehin schwer von Begriff und durch den Alkohol zudem arg angeschlagen, fragte noch einmal: „Wie meinst du das: Du spielst Trömmelche?“
„Nun ja“, anwortete der Dieb, „es ist, wie ich sage: Ich spiele Trömmelche.“
„Aber ich sehe keine Trommel“, erwiderte Anton, „und ich höre auch nichts.“
„Du hörst deshalb nichts, weil das ein ganz besonderes Trömmelche ist. Ich spiele es jetzt, und du hörst es erst morgen früh.“
Dem Anton war dies zuviel. Er legte sich schlafen, und der Dieb raubte dieweil die Wohnung seines Nachbarn Jean aus. Am nächsten Tag jedoch machte sich Anton auf den Weg zum Heiligen Willy, erzählte ihm die Geschichte und fragte, was er in solch einer kniffligen Situation zukünftig tun solle. Willy fasste sich an den Kopf und wollte es nicht wahrhaben. Dann nahm er einen tiefen Schluck aus seinem himmlisch bodenlosen Flachmann und antwortete:
„Das nächste Mal, wenn dieser Dieb erscheint, ziehst du dich nackig aus und tanzt zu seinem Trömmelchen. Egal ob du es hörst oder nicht.“
Auch in der folgenden Nacht war Anton wieder lange unterwegs. Und kaum langte er zuhause an, sah er auch schon den Dieb im fahlen Laternenlicht. Ohne auch nur einen Moment zu zögern entledigte er sich seiner sämtlichen Kleider, wankte auf die Straße und tanzte im Adamskostüm den Trömmelchentanz. Der Dieb, von Panik ergriffen, entschwand und ward nie mehr gesehen.

Tanzen macht müde

Wer diese Kolumne zukünftig jeden Mittwoch zugeschickt bekommen möchte, schreibe eine Mail an thekentaenzer@netcologne.de, Stichwort: Die Köln-Kolumne.

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Thekentänzer (62)

Charlys Onkel

Charly heißt eigentlich Karl. Aber der Name gefällt ihm nicht, weil er von jenem Onkel stammt, auf dessen Schoß es sich immer so feucht saß.

Eine Schulbank im Friedrich-Wilhelm-Gymnasium hat Charly nie gedrückt. Auch keine an irgendeiner Realschule. Wörter wie „Hypotenuse“, „Alliteration“ und „Kategorischer Imperativ“ hat er sich angelesen. Jeden Tag, bevor er weggeht, lernt er ein neues Fremdwort mit dem festen Vorsatz, es noch am selben Abend fallenzulassen.

Charly war nie Mitglied der deutschen Hockey-Jugendnationalmannschaft, obwohl er das jedem erzählt. Er wurde nie zu Kölns bestem Nachwuchsspieler gekürt und hat zu keiner Zeit das Trikot von Rot-Weiß Köln getragen.

An der Geschichte, er sei mal bei den Hell´s Angels gewesen, ist nichts dran. Charly fuhr mit 16 eine grau-beige Kreidler RMC, die ihm jener Onkel Karl testamentarisch überlassen hatte. Als das Mokick auseinanderfiel, sattelte er um auf ein holländisches Drei-Gang-Rad.

Charly verdient sein Geld weder mit Online-Pokern noch als saisonaler Surflehrer. Sondern als Lagerarbeiter. Jeden Morgen um halb Neun fährt er zum Bäcker und holt für die ganze Belegschaft belegte Brötchen.

Weder mit Wotan Wilke Möhring und Hugo Egon Balder, noch mit Carsten Cullmann oder Dirk Lottner war Charly jemals per du. Von letzterem besitzt er allerdings ein Autogramm mit der Widmung „Für Chalie“.

Dass Charly mit mal Doro (ausgerechnet Doro!) zusammengewesen sei, ist ein Gerücht, das er selbst schürt. Doro wohnt jetzt seit über 15 Jahren auf Lanzarote. Vorher, in Ehrenfeld, kauften sie und Karl ihren Javaanse Jongens im selben Büdchen.

Es stimmt allerdings, dass Charly gerne mal einen über den Durst trinkt. Und einen vom Pferd erzählen kann er auch.

So mancher lässt gern mal den dicken Max raushängen


Wer diese Kolumne zukünftig jeden Mittwoch zugeschickt bekommen möchte, schreibe eine Mail an thekentaenzer@netcologne.de, Stichwort: Die Köln-Kolumne.