Mittwoch, 10. September 2014

Interviews (28)

Heute: Abraham Lehrer, Kölner Synagogengemeinde

Abraham Lehrer wurde 1954 in New York geboren und kam mit sechs Wochen nach Köln. Nach dem Abitur auf dem Apostelgymnasium studierte er Chemie. Seit knapp dreißig Jahren betreibt er eine Firma für kaufmännische Software.
Neben seiner Rolle im Vorstand der Jüdischen Synagogen-Gemeinde Köln hat er weitere Ämter inne. Unter anderem ist er Vorsitzender der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) und Mitglied im Präsidium des Zentralrates der Juden in Deutschland. Außerdem sitzt er im Beirat für den Bau der Kölner Zentralmoschee.
Der Vater zweier erwachsener Kinder wohnt mit seiner Frau in Müngersdorf.

Vor der Synagoge Roonstraße steht wie immer ein Polizeiauto. Um hineinzugelangen, muss man angemeldet sein, passiert sodann eine Schleuse und zeigt seinen Personalausweis vor. Köln anno 2014.

Sind Sie als Vorsitzender der Jüdischen Synagogen-Gemeinde eine Art Religionspolitiker?

Zunächst einmal bin ich nicht der Vorsitzende. Wir leisten uns seit Jahrzehnten den Luxus, keinen Vorsitzenden zu haben.

Sie sind also ein sozialistisches Kollektiv?

(lacht) Ganz genau! Aber im Ernst: Was religiöse Fragen angeht, unterstellen wir uns in Köln dem Rabbiner, obwohl er letztlich ein Mitarbeiter der Gemeinde ist. Alles was mit Politik, Sozialem oder Verwaltung zu tun hat, entscheidet der Vorstand in Absprache mit dem Gemeinderat.

Was ist daran kölnspezifisch?

Es gibt Gemeinden, wo der Vorstand ins Religiöse hineinredet. Das findet in Köln so gut wie gar nicht statt.

Weil Sie so einen starken Rabbi haben?

Ja, und weil wir einst beschlossen haben, ihm freiwillig zu folgen.



Im beruflichen Leben vertreiben Sie Software und sind Kaufmann. Hilft Ihnen das bei der Vorstandsarbeit in der Synagogen-Gemeinde?

Absolut! Wir haben hier 150 Mitarbeiter und ein recht hohes Budget zu verwalten. Ohne gewisse kaufmännische Kenntnisse geht das nicht.

Gibt es so etwas wie einen interreligiösen Stammtisch, an dem Sie die Vertreter der christlichen und muslimischen Gemeinden Kölns treffen?

In dem Sinne nicht, aber man trifft sich doch häufig bei städtischen, kulturellen oder politischen Veranstaltungen.

Ich war zuletzt in einem Eifelstädtchen, in dem bis zur Progromnacht 1938 das katholische, evangelische und jüdische Gotteshaus auf 50 Metern nebeneinander lagen.

Auf kleinstem Raum haben wir das in Chorweiler. Am Pariser Platz finden Sie die evangelische und katholische Kirche, deren ehemaligen Pfarrsaal wiederum die jüdische Gemeinde übernommen hat. Knapp außerhalb des Zentrums sind dann auch die Muslime angesiedelt.

Noch immer dominierend in Köln ist die katholische Kirche. Werden Sie dort ernstgenommen?

Durchaus. Mit Kardinal Meisner haben wir uns ein bis zwei Mal im Jahr getroffen, um anstehende Fragen zu besprechen.

Und wie ist der Kontakt zu den Muslimen?

Wir haben einen recht guten Draht zur DITIB. Auf deren Wunsch hin sitze ich zum Beispiel auch im Beirat für den Bau der Zentralmoschee. Außerdem organisieren wir regelmäßig - auch mit den christlichen Kirchen zusammen - gemeinsame Jugendaktivitäten.

Es gab und gibt ein Kölner Judentum. Gab es auch ein kölsches Judentum?

Bis 1933/38 gab es das. Nehmen wir das ehemalige „Jüddespidol“, das jüdische Krankenhaus in der Ottostraße. Das war auch ein Anlaufpunkt für in Armut lebende Kölner Christen. Weil sie wussten, dass sie dort ohne Krankenschein und Rechnung behandelt wurden. Das Judentum hat sich also nie ghetto-artig abgekapselt, sondern lebte mitten in der Stadt, mit allen anderen Bürgern.

Wo trafen sich kölsche und jüdische Kultur noch?

Ich denke, das Miteinander war früher wesentlich normaler. Jüdische Feiertage etwa wurden von den Menschen als Teil des Alltags wahrgenommen. Heute bekommt man sie nur noch mit, weil sich das Polizeiaufgebot vor unserer Synagoge erhöht.

Gibt oder gab es so etwas wie koschere Flönz?

(lacht) Leider nicht, Juden dürfen keine Blutprodukte essen. Wobei die jüdischen Speisevorschriften, die Kaschrutgesetze, recht kompliziert sind.

Wieviel Prozent der Kölner Juden halten sich daran?

Ich schätze, es sind höchstens drei Prozent, die sie vollständig beachten. Allerdings essen auch die anderen sicherlich keine Blutwurst.

Mit dem Ende des Kommunismus kamen 120.000 Juden aus den GUS-Staaten nach Deutschland, davon etwa 3.500 nach Köln. Sind diese Menschen besonders gläubig?

Das hängt sehr von ihrem Aufwachsen ab: Wo hatten Großeltern überlebt, die den Kindern jüdische Traditionen vermitteln konnten? Und in welchen Gegenden des Ostblocks war es erlaubt und möglich, jüdische Traditionen zu leben.

Wie stark empfinden sich die Zuwanderer als Teil der Jüdischen Gemeinde Köln?

Wir haben hier zum Beispiel einen Maccabi-Sportverein, dem die Zuwanderer viel Zulauf bescheren. Auch die Angebote der Gemeinde werden sehr intensiv genutzt, deshalb haben wir auch die beiden Begegnungszentren in Porz und Chorweiler eröffnet. Ursprünglich hatten wir diese Menschen auch hier in die Roonstraße holen wollen, aber das war ein Fehlversuch.

Das scheitert ja schon an der KVB.

Ja, von Porz bis hier braucht man rund eine Stunde für einen Weg, das ist zu viel. In Chorweiler haben wir nun täglich rund 300 Menschen, die Gemeindeangebote nutzen.

Die Kölner Jüdische Gemeinde gilt als die älteste nördlich der Alpen. Woher kamen die allerersten Kölner Juden?

Man geht davon aus, dass sie sich im Gefolge der römischen Eroberer über Europa verteilten, vor allem in den größeren Ansiedlungen wie eben Köln. An der wirtschaftlichen Entwicklung der Colonia Claudia Ara Agrippinensis hatten mit Sicherheit auch Juden ihren Anteil.

Ihre Gemeinde ist - dezent - für ein Jüdisches Museum in Köln. Ließen sich auch diese frühen Wurzeln des Kölner Judentums in solch einem Museum abbilden?

Ich denke, die Exponate der Kölner Museen versetzen Köln in die Lage, nicht nur eines von vielen Holocaust-Museen aufzubauen. Sondern das jüdische Leben in dieser Stadt über fast 2000 Jahre zu dokumentieren.

Ich war kürzlich im Berliner Jüdischen Museum: Großartige Architektur, eine beeindruckende Ausstellung. Glauben Sie, Köln könnte auch so etwas hinbekommen?

Die Kombination von Architektur und Exponaten in Berlin lässt den Besucher sehr bedächtig dort hindurchgehen. Ich würde mir für Köln ein Museum wünschen, durch das die Menschen auch sich unterhaltend und scherzend gehen können. Es soll eben nicht nur die Shoah abbilden, sondern das einstige Kölner jüdische Leben in all seinen Facetten. Jüdisches Leben war Teil dieser Stadt, und das muss in so einem Museum deutlich werden.

In Köln hält man sich gern für liberal und tolerant, für irgendwie besonders. Ex negativo: Gab es einen spezifisch kölnischen Antisemitismus?

Wenn Sie mich fragen, war hier nichts anders als in anderen Städten. Ob Sie beim Karneval oder bei der Stadtverwaltung anfangen: Antisemitismus gab es überall, wie in Düsseldorf oder Berlin. Ob die Nazi-Übernahme eventuell drei Tage später stattgefunden hat, ist irrelevant.

Und wie sieht es heutzutage aus?

Gottseidank haben wir in Köln bislang keine gewaltsamen Übergriffe gegen Menschen erlebt, schon lange nicht mehr. Aber daraus würde ich nicht den Schluss ziehen, dass Köln toleranter, aufgeschlossener sei als andere Städte.

Der Gazakonflikt geht mit zunehmendem Antisemitismus einher. Inwiefern reicht dieser Konflikt bis nach Köln und in Ihr Leben hinein?

Sowohl im Beruf als auch im Privaten werde ich sehr häufig darauf angesprochen. Die Fragen etwa nach getöteten palästinensischen Zivilisten werden manchmal allzu schnell und unreflektiert gestellt. Manchmal ist die Fragestellung überaus einseitig und kritisch. Und manchmal auch schlicht antisemitisch.

Sie sind in Köln aufgewachsen und durch Ihre berufliche und ehrenamtliche Arbeit hier gut vernetzt. Sehen Sie sich, nach 60 Jahren, eher als jüdischer Kölner oder als Kölner Jude?

Ich sage immer: jüdischer Kölner.

Und auf dem Hintergrund dieses Bekenntnisses: Sprechen Sie besser Hebräisch, Jiddisch oder Kölsch?

Hebräisch und Jiddisch spreche ich etwa gleich gut. Oder gleich schlecht, wie man es nimmt. Mit meinem Kölsch hingegen ist es leider nicht weit her.




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Mittwoch, 3. September 2014

Thekentänzer (75)

Gabriela und die Saturn-Sonderangebotsbeilage

Später wird sie mir erzählen, dass sie mit diesem Schwachkopf
schon drei Jahre zusammen ist.
„Unglaublich“, werde ich sagen,
„trenn dich von dem.“

Aber vorerst sitzt sie mit ihm am Nebentisch und blättert
- also: er blättert -
in der Sonderangebotsbeilage vom Saturn.
„Die Kiste krieg ich im Internet 200 Ocken billiger“, sagt der Typ, er
nennt sich Coco.
„Und das scheiß Teil da kannste nichma deinen Polacken andrehen.“
Dabei kuckt er Gabriela höhnisch grinsend an. Und
sie lächelt zurück.

Ein paar Bier später stehe ich
vor einem der Urinale auf der Herrentoilette, und Coco tritt ein.
Er trägt eine weiße Bundfaltenhose und hat das Handy am Ohr: „Mach dir
keine Sorgen“, sagt er zu irgendwem, vor dem er Angst hat.
„Mach dir keine Sorgen, du kriegst die Kohle spätestens Mittwoch.“
Heute ist Dienstag, und Cocos Gesicht
ist eine Sanktnimmerleinstagvisage.

In den nächsten zwei Stunden erklärt er Gabriela, wie man
den HiFi-Markt aufmischt und Millionär wird.
„Dann kannste auch deine kleine Schwester rüberholen“, sagt er und
wieder lächelt Gabriela.
Aber die Art, wie sie 
an ihm vorbei in die Ferne des Schnapsregalspiegels blickt,
verrät natürlich alles.

Als Coco das nächste Mal auf dem Klo telefonieren geht,
trinken Gabriela und ich einen polnischen Wodka.
Schönes kleines Geheimnis. Eigentlich
trink ich aber lieber Korn.

Im Saturn sind inzwischen die Gitter runtergegangen. Wolfgang Niedecken
schläft.
Grönemeyer schläft. Und
ob die Stones morgen nochmal aufwachen ...

Coco, und jetzt wird es spannend:
Ist verschwunden.
Klo.
Handy.
Und weg.

Noch später werden Gabriela und ich
in eine andere Kneipe gehen.
Irgendwo zwischen
Plusquamperfekt und
Futur Zwei.

Frauen sind gefährlich

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Mittwoch, 27. August 2014

Deutsche Sprichwörter (3)

Eifersucht ist eine Leidenschaft

Der Bonner Philologe Karl Simrock (1802-76) edierte unter anderem eine umfangreiche Sammlung deutscher Sprichwörter. Hier eine Wochenauswahl zum Themenkreis Ehe, eheliche und eheähnliche Beziehungen:


Auf Eiern tanzen und mit Weibern umgehen muss gelernt werden sieben Jahr und einen Tag.

Aus dem Ehbett soll man nicht schwatzen.

Draußen hat man hundert Augen, daheim kaum eins.



Häusliche Rituale

Eifersucht ist eine Leidenschaft, die mit Eifer sucht, was Leiden schafft.

Als David kam ins Alter,
Da sang er fromme Psalter.


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Mittwoch, 20. August 2014

Interviews

Heute: Denis Scheck, Literaturpapst

Denis Scheck wurde 1964 in Stuttgart geboren. Seine erste Literaturzeitschrift gründete er mit 13 Jahren. Nach seinem Studium der Germanistik, Geschichte und Politik begann er, als Übersetzer, Herausgeber und Kritiker zu arbeiten. 1997 kam er als Literaturredakteur zum Deutschlandfunk in Raderthal, wo er unter anderem die Sendung „Büchermarkt“ leitet. Seit 2003 moderiert er zudem das Büchermagazin „Druckfrisch“ in der ARD.
Denis Scheck lebt mit seiner Frau in der Südstadt.

Zum Aufwärmen reden wir ein bisschen über Karl den Großen, über seine Versuche, schreiben zu lernen, und sein Engagement für die Bildung im Frankenreich. Und damit sind wir auch schon bei jenem Thema, das Denis Scheck sich ausgesucht hat: Qualität.

Scheck: Karl der Große strebte nach Verbesserung - nicht zu verwechseln mit dem Optimierungswahn unserer Tage. Es gibt immer mehr Menschen, die etwa wissen wollen, wieviel Kalorien sie beim Joggen verbrannt haben oder wann ihre Tiefschlafphase ist. Dabei verlieren sie völlig aus dem Blick, worum es in ihrem Leben wirklich gehen könnte.

Da geht die Schere vom subjektiv und objektiv Besten auf.

Ich misstraue allen Menschen, die wissen, was für mich das Beste ist. Damit fängt der Terror schon an. Ich kann mir sehr gut eine Orwell- oder Huxley-Welt auf der Basis medizinischer Erkenntnisse vorstellen. Da wird Ihnen dann der Kaffee aus der Hand genommen, weil die Macht sagt, dass Sie bereits zuviel davon hatten.

Aber es steckt doch auch in Ihrem eigenen Hinterkopf, dass zehn Tassen Kaffee nicht gesund sind.

Alles nur Ideologie! Bis um Beginn des 20. Jahrhunderts war jeder Besuch bei einem Arzt eher lebensverkürzend als -verlängernd.

Und bekanntlich gibt es mehr alte Trinker als alte Mediziner.

Es gibt diesen Woody-Allen-Witz, wo jemand im 23. Jahrhundert aufwacht und als erstes eine Zigarre mit Eisbein gereicht bekommt. Da lernt man, was zukünftige Mediziner möglicherweise von den Erkenntnissen ihrer Vorgänger halten.


Denis Scheck und ein Tässchen Qualitätskaffee (Foto: Meisenberg)

Wo entscheiden Sie sich im Alltag gegen das vermeintlich Beste?

Ich verachte zum Beispiel den Apple-Konzern und alle Hersteller von Maschinen, die mich sie nicht aufschrauben lassen. Geschlossene Welten, instrumentalisiertes Herrschaftswissen. Selbst Betriebssysteme wie Windows können mich rasend machen. Erst gestern wollte ich meinen abgestürzten Computer neu starten und musste stattdessen zusehen, wie Windows ein halbstündiges Update vollzog. Das ist totalitär!

Inwiefern?

In solchen Zusammenhängen wird Freiheit gegen Sicherheit eingetauscht. Ich möchte aber lieber unsicherer leben und freier. Kürzlich hat mir jemand Brandmelder in meinem Schlafzimmer installiert - gegen meinen Wunsch, aber im Gefolge irgendwelcher Brüsseler Bürokraten. Wie hat dieses Deutschland es nur jahrtausendelang ohne Brandmelder in Schlafzimmern ausgehalten?

Das erinnert an das Millionen Jahre alte Quellwasser, dessen Verfallsdatum nur bis nächsten Freitag reicht.

Sagt Ihnen der Ausdruck „Whisper of the ages“ etwas? Da geht es um uraltes Eis aus Kanada, das Whiskeytrinker geradezu kultisch verehren - bis hin zu der Behauptung, diese Eiswürfel erzeugten einen ganz besonderen Klang im Glas. Eine charmante Verbrämung!

On the rocks ist unter Kennern eigentlich verpönt, das sieht man nur in amerikanischen Filmen.

Ja, ich tue auch kein Eis in meinen Whiskey. Ich war mit zwei Freunden in Schottland, und weil wir fleißig Destillerien besucht haben, kamen wir am Ende auf über neunzig verschiedene Single Malts.

Nicht schlecht. Ich habe zuhause eine Flasche, da stammt sogar die Gerste aus eigenem Anbau.

Ein gutes Beispiel dafür, dass Komplexität in jedem Bereich Freude machen kann. Genauso gut könnte man einen Kult um die kölsche Flönz entwickeln.

In Ehrenfeld sitzt mit Karlheinz Froitzheim ein Metzger, der siebenfacher Deutscher Flönz-Meister ist.

Na sehen sie, großartig! In Schottland habe ich Haggis gegessen, das kommt dem nahe. Innerreien werden seit den 70er Jahren immer weniger gegessen - das ist die Ausweitung der Ekelzone und ein Zeichen für kulinarischen Verlust.

Der moderne Mensch bevorzugt die Pressform.

Und das Schnitzel kommt vom Schnitzeltier ... Ich halte es für viel vernünftiger, den Menschen wieder klarzumachen, dass Fleischverzehr das Töten eines Tieres bedeutet. In meiner Kindheit musste ich noch zuweilen über den Bürgersteig hüpfen, weil das Blut aus der Metzgerei floss.

Meine Oma bekam jedes Jahr ein halbes Schwein, das sie selber zu Wurst verarbeitete.

Man muss den moralischen Preis des Fleischverzehrs sehen, hören und riechen. Wer das tut, der ist auch nicht mehr empfänglich für den 1,99-Schweinebraten vom Supermarkt. Denn das ist, im wahrsten Sinne des Wortes, eine Schweinerei.

Wegen der Tierquälerei?

Das Quälfleisch aus unseren Kantinen, auch aus unseren Krankenhäusern und Kindergärten, ist ein unglaublicher Frevel! Nebenbei würde ich´s schon wegen der gespritzten Hormone und dem ganzen anderen Dreck darin nicht essen.

Wie konsequent sind Sie als Konsument?

Inzwischen doch sehr konsequent. Ich bin Kunde bei Hennes auf der Severinstraße, einem sehr guten, verlässlichen Biometzger.

Warum haben Sie sich, unter allen möglichen Themen, für ein Gespräch über Qualität entschieden?

Weil ich nicht begreife, warum Qualität so wenig Nachfrage hat. Wenn ich mich dafür entscheide, Schuster zu werden: Warum dann nicht die besten Schuhe der Welt herstellen? Warum mich mit irgendeinem Massentand zufrieden geben?

Unter schlechter Qualität kann man leiden.

Es ist mir ein völliges Rätsel, warum sich überall das Miese, Abgeschmackte, Billige und Banale durchsetzt. Ich bin Literaturkritiker, und ich frage mich: Warum gibt es nicht auch eine fundierte Brötchenkritik? Was die Kettenbäckereien heutzutage abliefern, ist fürchterlicher Mist.

Was ist das Gegenteil von Qualtät?

Dreck, Tand. Versuchen Sie doch mal, im Kölner Hauptbahnhof etwas Essbares zu bekommen. Wenn Sie Glück haben, bekommen sie wenigstens eine Glasflasche Wasser, also ohne Weichmacher.

In Qualität steckt das Wort Qual, wennauch nicht etymologisch. Inwiefern ist Qualität anstrengend?

(lacht) Man muss sich Zeit nehmen und seine eigenen Maßstäbe hinterfragen. Aber das ist ja auch das Faszinierende an diesem Organ zwischen unseren Ohren: Dass es uns ermöglicht zu reflektieren und gegebenenfalls auch mal aus dem Gleis zu springen.

Das Streben nach Qualität kann ins Snobistische, Elitäre kippen.

Mich erstaunt immer, dass „elitär“ bei uns einen negativen Beiklang hat. Jede Gesellschaft braucht Eliten, Avantgarden. In der Politik mag die Demokratie ein wunderbares Modell sein. In der Kunst hingegen ist Demokratie von Übel. (lacht)

Und in der Kulinarik?

Auch dort ist der kleinste gemeinsame Nenner einfach nur furchtbar. Ich mag Leute, die sagen: Hm, dieses Basilikum ist nicht schlecht. Aber gibt es nicht vielleicht ein noch besseres?

Das führt zum Thema Vielfalt. In deutschen Supermärkten bekommt man nur die immergleichen drei oder vier Apfelsorten.

Und die Chinesen versuchen, den todhomogenisierten Fuji-Apfel zum Weltmarktführer zu machen. Ich war auf dem größten Markt Südafrikas und sehe dort den größten Apfelhändler vor einem riesigen Apfelberg. Wo wachsen die denn, wollte ich von ihm wissen? Und er antwortete: Wieso wachsen? Die kommen aus China. (lacht)

Springen wir von Afrika zurück nach Köln. Bringen Sie diese Stadt mit dem Wort „Qualität“ zusammen?

Johann Kaspar Riesbeck hat im 18. Jahrhundert unter Pseudonym die „Briefe eines reisenden Franzosen“ über eine Deutschlandreise verfasst. Darin schreibt er: „Köln, Bruder, ist in jedem Betracht die abscheulichste Stadt von Deutschland. In ihrem weiten Umfang von 3 Stunden findet man nicht ein sehenswürdiges Gebäude.“ Und daran hat sich in den letzten 200 Jahren nichts geändert.

Tja, warum nur?

Ich kenne keinen Fall von Eigenblutdoping, der so extrem ist wie Köln. In dieser Stadt bekommen Sie schon Spontanapplaus, wenn Sie von der Bühne herunter „Köln“ rufen. Köln ist für den Kölner keine reale, geografische Angelegenheit, sondern ein State of Mind.

Und das schafft Probleme?

Die Kluft zwischen Realität und Kölnseligkeit ist inzwischen fast so groß wie in der Endphase des albanischen Kommunismus. Ein sehendes Auge würde Risbeck unbedingt Recht geben.

Früher hätte man nach einer solchen Schmährede gesagt: Dann geh doch nach drüben!

(lacht) Ich bin schon drüben. Köln ist geteilt zwischen Vision und Mythos auf der einen und schäbiger, irdischer Realität auf der anderen Seite. Unsere Aufgabe wäre, diese beiden Bereiche wieder zu vereinen. Und für ein bisschen mehr Schönheit zu sorgen.




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Mittwoch, 13. August 2014

Coloniales (47)

Acht kölsche Klarstellungen

1) Es heißt die Flönz, und nicht der.*

2) Ein Halver Hahn ist nur echt mit Röggelchen und mittelaltem Gouda.

3) Bei Himmel & Ääd gehören Kartoffelbrei und Apfelmus nicht in getrennte Schälchen, sondern untereinander.


Himmel un Ääd, rustikal

4) Rheinischer Sauerbraten stammt vom Pferd. Ungefähr seit den 1860er Jahren gilt der kölnische Pferde-Sauerbraten als Spezialität.

5) Ein Hämchen ist nicht identisch mit einer Schweinshaxe oder einem Eisbein. Letztere können auch geschmort, gebacken oder gegrillt werden, ein Hämchen jedoch wird gepökelt und anschließend gekocht. Außerdem sind „Hämchen immer hinten“, wie mancher kölsche Koch erklärt. Es geht also nicht um den Unterarm oder Bizeps des Schweins, sondern um die Wade.

6) Ein großes Kölsch ist eines mit 0,2 Litern. Ein kleines Kölsch fasst 0,1 Liter, man nennt es auch Stößchen. Es wird vorzugsweise vom Wirt selbst und von (älteren) weiblichen Gästen getrunken. Kölsch in Füllmengen von 0,25, 0,3, 0,4 oder 0,5 Litern ist Sünde.

7) Es heißt nicht Immi, sondern Imi. Das Wort stammt nicht von Immigrant, sondern von Imitat, folglich ist ein Imi ein imitierter Kölscher.

8) Köln liegt nicht am Mittel-, sondern am Niederrhein, weil dieser geographisch betrachtet nördlich von Bonn anfängt. Weil man jedoch nicht immer so verbissen sein sollte, liegt Köln trotzdem am Mittelrhein.


* Und: Ja, das war eine Arme-Leute-Wurst, bestehend aus Schweineblut und Speckwürfeln.**

Mittwoch, 6. August 2014

Thekentänzer (74)

Jonathans Selbstmord

„Ich bin der einzige Engländer“, sagt Jonathan.
Wir sitzen seit zehn Minuten gemeinsam an einer Theke am Alter Markt. Es ist 2 Uhr - nachmittags natürlich, denn um 2 Uhr nachts kann man sich nicht mehr vernünftig unterhalten. Jedenfalls nicht über Selbstmord
„Du meinst, der einzige Engländer in diesem Pub hier?“ frage ich.
„Nein“, sagt Jonathan, „der einzige Engländer in Köln. Ich wäre auch der einzige Engländer in England.“
Jonathan erinnert ein wenig an John Cleese - Ironie, Hypochondrie, konstruktiver Fatalismus. Was er ernst meint und was nicht, ist schwer zu trennen.
„Man hat mir meinen Führerschein weggenommen. Mein Konto ist gesperrt. Und heute Morgen haben mich die Cops eingesackt. Eine Prügelei, frag mich nicht.“
„Ich frag nicht.“
Direkt vor uns zapft die Kellnerin ein neues Guinness hoch. Sie hat hat lange, schöne Finger, die auch Jonathan auffallen. Er will wissen, warum ich hier bin. Ich sage:
„Ich mach Pause. Und du?“
„Ich denke darüber nach, mich gleich im Rhein zu ersäufen.“
„Ist ein guter Fluss dafür.“
„Ich weiß“, sagt Jonathan. „Aber die Themse wär mir lieber.“
Jonathan wohnt in Nippes. Er wirft ein paar Worte aus, von denen er glaubt, sie klingen Kölsch. Außerdem hat er die Idee für ein Theaterstück: Im Bauch der sinkenden Titanic; sechs Todgeweihte, was sie denken, was sie tun in ihren letzten Minuten. Womit wir wieder beim Wassertod wären.
„Meine Ex ist ein Biest“, sagt Jonathan.
„So ist das“, antworte ich, mittelwitzig, „mit Echsen.“
Statt der avisierten drei Kölsch bin ich inzwischen beim achten. Da kann man nicht mehr nur Goldtaler ausspucken.
„Und meine Kinder sind 8 und 6. Ich bin ein später Vater.“
Ich nehme einen tiefen Schluck, und das eiskalte Bier stanzt einen letzten Dukaten aus meinem benebelten Sprachzentrum.
„Dann sieh wenigstens zu, dass du´s noch eine Weile bleibst.“
Jonathan sieht mich zum ersten Mal geradeheraus an, starrt dann eine Weile in sein Bier, grinst unsicher und sagt: „Vielleicht bin ich ja doch nicht der einzige Engländer."


Selbstmord erlaubt

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Mittwoch, 30. Juli 2014

Kafkas Tränen

Mein Freund J. hält
Kafka für überschätzt.
Der suhle sich so
Tranig und absehbar
In seinem Scheitern.

Dazu sollte man wissen:

Mein Freund J. ist
Dem Leben entschieden
Zugewandt. Ein
Schnaubender Dionysos, heftiger
Trinker, und was

Die Frauen betrifft, nun ja,
Kafka würde da wohl
Ein bisschen weinen.

Nur die warten, kommen in den Garten


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