Mittwoch, 22. Oktober 2014

Thekentänzer (79)


Jessies Ausschnitt

Draußen gießt es aus
Kannen, drinnen
sitzt Jessie.

„Weißt du eigentlich,
wo ich herkomme? Aus
Bamberg nämmich!“

Für Josef ändert das
die Situation nicht
wesentlich. Er

Stiert weiter
abwechselnd in sein Glas und
Jessies Ausschnitt.

„Ne Kollegin von mir trägt
auch gern Hellgelb“,
sagt er, aber

da ist Jessie schon
durch die Tür.
Klatsch-

nass. Sogar der Regen ist heutzutage
für nichts mehr
gut.

„Belogen Betrogen zum hassen Erzogen“ - in der DDR konnten sie noch Tattoos.


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Mittwoch, 15. Oktober 2014

Deutsche Sprichwörter (4)

Der Bonner Philologe Karl Simrock (1802-76) edierte unter anderem eine umfangreiche Sammlung deutscher Sprichwörter. Hier eine Wochenauswahl zum Thema Trinken:

Es ertrinken mehr im Glas als in allen Wassern.

Lieber einen Darm im Leib gesprengt, als dem Wirt ein Tröpfchen geschenkt.

Je schöner die Wirtin, desto höher die Zeche.

Wenn das Fass leer ist, wischen die Freunde das Maul und gehen.

Gott gebe, Gotte grüße!
Bier und Wein schmecken süße.
Versauf ich auch die Schuh, behalt ich doch die Füße.

Currywurst macht Durst

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Mittwoch, 8. Oktober 2014

Thekentänzer (78)

Origami, Ikebana & der ganze andere Quark

„Ming Frau määt jetz Origami“, sagt
der Dicke mit dem orientalischen Messer auf dem Oberarm.

„Du meinst Ikebana, oder?“ fragt sein Kumpel, der
wahrscheinlich weiß, warum er so vorsichtig fragt, denn:

„Origami is doch, wat
m´r op en Pizza deit.“

Der Dicke schnauft kurz durch, dann
nickt er mit dem Kopf.

Ein gehöriges Quantum Zeit verstreicht, bis er
anhängt:

„Ich han dat allt ens
jerouch.“

„Wat? Origami?“
fragt sein Kumpel, „hät et jeschmeck?“

„Weiß ich nit mieh,“
sagt der Dicke, „ich

wor esu breit, mir hättste
och Päädsäppel en d´r Tabak grümmele künne.“

Rollenorigami für Fortgeschrittene


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Mittwoch, 1. Oktober 2014


Interviews (29)

Heute: Die Pianistin Olga Scheps

Olga Scheps wurde 1986 in Moskau als Tochter eines Musikprofessors und einer Klavierlehrerin geboren. Mit sechs Jahren wanderte sie nach Wuppertal aus und begann 1999 ihr Klavierstudium an der Kölner Musikhochschule. Sie errang Siege bei „Jugend musiziert“ und „Jugend spielt Klassik“. 2010 veröffentlichte sie ihr erstes Album (namens „Chopin“), dem zahlreiche weitere folgen sollten. Heutzutage hat sie Auftritte in allen Teilen der Welt und mit vielen namhaften Dirigenten und Orchestern. Bei Sony Classical erschien zuletzt ihre CD mit zwei Klavierkonzerten von Chopin in einer Kammerorchesterfassung.
Olga Scheps probt und wohnt im Eigelstein.

Während der sonnenbeschienene Eigelstein voller Leben ist, sitzt Olga Scheps in ihrem Proberaum am Piano. Für unser Interview jedoch macht sie ein Stündchen Pause, wir treffen uns in einem Café an der Torburg. So ruhig ihre Augen, so besonnen auch ihre Antworten.

Bernd Imgrund, Olga Scheps, Foto: Günter Meisenberg

Sie haben Ihre ersten sechs Jahre in Moskau verbracht. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Stadt?

Meine Eltern sind aus politischen Gründen ausgewandert, wir haben dann zuerst in Wuppertal gelebt. Mit Moskau verbinde ich zwar ein paar Kindheitserinnerungen, aber die dürften inzwischen weit entfernt von der Realität sein. Die Stadt hat sich in den letzten Jahren sehr stark gewandelt.

Fühlen Sie sich in Köln heimisch?

Ich bin vor gut zehn Jahren hier hingezogen und fühle mich als Kölnerin. Ich mag diese Unkompliziertheit und Offenheit der Menschen. Wenn ich von einer Reise zurückkehre, freue ich mich immer aufs Nachhausekommen.

Ist eher der Dom oder die Eigelsteintorburg Ihr Heimathaken?

Auf jeden Fall die Torburg. Hier ist die Musikhochschule nicht weit, und dementsprechend wohnen auch viele Freunde von mir im Viertel.

Die Kölner Musikhochschule ist äußerlich recht unattraktiv. Sehen Sie das auch so?

(lacht) Mir hat man mal erzählt, das sei Absicht, um die Studenten nicht vom Lernen abzulenken.

Empfanden Sie das Studium dort als qualitativ gut?

Bei den Instrumentalisten ist der nicht zuletzt Hauptfachlehrer das Entscheidende. Meiner war ganz, ganz toll. Pavel Gililov ist inzwischen nach Salzburg an die Hochschule Mozarteum gewechselt, aber er ist nach wie vor eine ganz wichtige Bezugsperson für mich, und so oft es geht fliege ich nach Salzburg..

Sie haben an Ihr Klavierstudium noch das „Konzertexamen“ gehängt, obwohl Sie längst gut beschäftigt waren.

Zum Klavierspielen gehört auch ein bestimmtes Wissen - z.B. über die Geschichte des Instruments, der Pianisten und der Komponisten. Außerdem finde ich, dass man zuendebringen sollte, was man anfängt. Ich fühle mich jedenfalls gut damit, mein Diplom zu haben.

Ihre Eltern sind ebenfalls Klavierspieler. War Ihr Weg vorgezeichnet?

Meine Eltern haben sich über die Musik kennengelernt und sind seit 35 Jahren verheiratet. Musik war bei uns alltäglich präsent. Meine Mutter ist Klavierlehrerin, mein Vater Professor, ich mache wieder etwas anderes. Aber die Klaviermusik verbindet uns alle.

Ist Klavierspielen körperlich anstrengend?

Ja, es kann anstrengend sein. Ich versuche meine Grenzen immer zu erweitern. Gewisse Aspekte kann man durchaus mit dem Leistungssport vergleichen. Je mehr man trainiert, desto besser wird man.

Man liest, Sie üben acht Stunden am Tag. Klingt geradezu proletarisch.

Naja, acht Stunden sind es meistens nicht. Manchmal übe ich tagelang, viele, viele Stunden. An Reisetagen übe ich oft nicht, weil ich keinen Flügel zur Verfügung habe. Ich freue mich dann, wenn ich wieder spielen kann, wann ich will, und dabei gucke ich nicht so viel auf die Uhr.

Die Kondition kann man auch beim Joggen um den Aachener Weiher trainieren.

In Köln gehe ich lieber ins Fitnessstudio, weil ich mir beim Laufen zu beobachtet vorkomme. Aber in Wuppertal bin ich viel gejoggt, die Wälder dort sind angenehm einsam. Auch für einen kurzen Wandertrip sehr zu empfehlen.

Sie spielen fast ausschließlich Noten von toten Menschen. Was für eine Art Kommunikation ist das?

Diese toten Menschen haben uns ihre Biographien und Kompositionen überlassen. Klassische Stücke leben dadurch weiter, dass man sie immer wieder neu interpretiert. Mich selbst interessiert immer sehr, wie der Komponist sich wohl gefühlt hat, in welcher Lebenslage er war, als er das jeweilige Stück schrieb.

Gibt Ihnen ein Stück von Mozart oder Schubert etwas anderes als die aktuellen Radiocharts?

Ich höre nicht nur Klassik. In jeder Musikrichtung gibt es spannende oder weniger spannende Songs oder Werke für mich. Sie erzählen alle mehr oder weniger von eben den Dingen, die die Menschen bewegen und betreffen. Klassik für „elitär“ zu halten, ist deshalb fraglich, finde ich.

Kennen Sie eine sinnvolle Definition des Unterschieds zwischen U- und E-Musik?

(lacht) Nein. Das gibt es ja auch tatsächlich nur in Deutschland. Aber die Diskussion darum, diesen Unterschied abzuschaffen, läuft ja auch schon seit Jahren.

Mancher Schlager behandelt sein Thema tiefergehend als die ein oder andere Oper.

Auch bei Opern kann man fragen, ob das nicht Unterhaltungsmusik ist. Die Oper war in vergangenen Jahrhunderten das, was heute Kinofilme und Fernsehsendungen sind. Sie können Kunstwerke sein und Unterhaltung, ich finde es schwierig, dort eine Grenze zu definieren.

Als Beispiel für bekannte Pianosongs in der U-Musik will ich nun mit Olga Scheps über „Ebony and Ivory“ von Paul McCartney/Stevie Wonder reden. Kennt sie jedoch nicht, und das ist auch verständlich: Die Pianistin wurde 1986 geboren, vier Jahre nach jenem Hit. Also erkläre ich:

Das ist ein Song, der die schwarz-weißen Klaviertasten als Metapher gegen Rassismus benutzt.

Okay, interessant. Damit habe ich die Tasten noch nie in Verbindung gebracht. Den Song muss ich mir mal anhören.

Was ist - ganz objektiv - an einem Steinway-Flügel besser als an anderen.

Sein Reichtum an Farben ist unvergleichlich. Ich habe auch schon an schönen Flügeln anderer Marken gesessen, aber an Steinway reichen sie einfach nicht ran.

Und um direkt das nächste Klischee abzuarbeiten: Gibt es typische Klavierfinger?

Kurze Nägel sind wichtig, und auffälliger Nagellack wäre schlecht, weil er abbröckelt beim Spielen. Was auffällt, wenn man drauf achtet: Pianisten haben auch immer recht muskulöse Rücken und Arme.

Sie hatten mal einen Fahrradunfall, bei dem Sie sich einen Finger verletzten.

Das war Horror, aber ich fahre weiterhin gern Fahrrad. Sowas wie Inline-Skaten spare ich mir allerdings, und eine Versicherung für die Hände habe ich inzwischen auch.

Warum nicht gleich so?

Weil ich fand: Wer zu sehr ans Unglück denkt, der zieht es an. Aber irgendwann habe ich auch eingesehen, dass es sinnvoll ist.

Sie spielen demnächst in der Kölner Philharmonie, die besten Karten werden 90 Euro kosten. Wie erklärt sich so ein Preis?

90 Euro? Hm, das ist bei jedem Veranstalter anders. Gut finde ich, dass man in Köln Ermäßigungen bekommt, als Studentin habe ich meistens nicht mehr als 10 Euro bezahlt. Schon 30 Euro wären für viele Studenten ein Grund, ein Konzert nicht zu besuchen, und so etwas finde ich schlimm. Ich finde jeder sollte sich das leisten können.

Sie treten demnächst in Südkorea auf. Wie reagieren die Leute dort auf Chopin oder Schubert?

In Südkorea war ich bislang noch nie. Aber meine Erfahrung mit Asien ist, dass das Klavier dort Kultstatus genießt und noch präsenter ist als hier. Allein in China gibt es 80 Millionen Klavierspieler. Das Publikum bei meinen Konzerten ist genauso gemischt wie hier.

300 Jahre alte chinesische Musik wäre mir vermutlich sehr fremd. Ist man in Asien vertraut mit europäischer Klassik?

Ja, das Interesse ist ganz verstärkt da. Wie auf Südkorea freue ich mich auch auf London, wo ich demnächst spiele - eine meiner absoluten Lieblingsstädte.

Sie haben mal gesagt, ihr einziger Plan B neben dem Klavierspielen wäre, sich einen Plan B auszudenken. Sind Sie inzwischen weitergekommen?

(lacht) Nein. Ich habe schon zu Schulzeiten darüber nachgedacht, vom Klavierspielen zu leben. Im 11. Schuljahr habe ich dann damit ernstgemacht: also das Abitur abgebrochen und Musik studiert. Es hat sich einfach richtig angefühlt, mein Leben komplett der Musik zu widmen. Und das tut es bis heute.

Mittwoch, 24. September 2014

Thekentänzer (77)

Wer Unglück haben soll, bricht sich den Finger im Hirsebrei

Dreimal schon ist er am Kneipenfenster stehengeblieben, hat schamlos durch die Scheibe geglotzt und ist dann weitergegangen. Jetzt jedoch tritt er ein. Direkt dem ersten Gast hält er die Hand hin.
„Kennen wir uns?“ fragt der.
„Na, d-du bist doch bei u-uns in der F-firma.“
„Nein, bin ich nicht. Und deswegen geb ich dir auch nicht die Hand.“
Der Typ trottet weiter zum Tresen, fast stolpert er über den Stehring.
„K-kann ich hier mit K-Karte bezahlen?“
„Ab 20 Euro“, sagt der Kellner.
„D-du meinst, ich m-m-muss hier für 20 Euro saufen.“
„Naja, nur wenn du mit Karte bezahlen willst.“
Der Stotterer senkt den Kopf, schwer zu sagen, ob er nun angestrengt nachdenkt oder völlig desolat ist. Mit der Rechten zieht er sein Portemonnaie aus der Hose, öffnet es aber nicht. Stattdessen scheint er es einhändig zu kneten, auszuwringen, aber nein, da steckt kein einziger Cent mehr drin. Dann besinnt er sich:
„Wer U-Unglück haben soll, bricht sich den F-finger im Hirsebrei, sagt meine Mama immer.“
„Da hast du aber ne lustige Mama“, entgegnet der Kellner und spült ein paar Gläser. Eins davon füllt er mit Kölsch und stellt es dem Stotterer hin:
„Für deine Mutter“, sagt er.
Hatte auch einen Sprachfehler: Majas Freund Willi

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Mittwoch, 10. September 2014

Interviews (28)

Heute: Abraham Lehrer, Kölner Synagogengemeinde

Abraham Lehrer wurde 1954 in New York geboren und kam mit sechs Wochen nach Köln. Nach dem Abitur auf dem Apostelgymnasium studierte er Chemie. Seit knapp dreißig Jahren betreibt er eine Firma für kaufmännische Software.
Neben seiner Rolle im Vorstand der Jüdischen Synagogen-Gemeinde Köln hat er weitere Ämter inne. Unter anderem ist er Vorsitzender der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST) und Mitglied im Präsidium des Zentralrates der Juden in Deutschland. Außerdem sitzt er im Beirat für den Bau der Kölner Zentralmoschee.
Der Vater zweier erwachsener Kinder wohnt mit seiner Frau in Müngersdorf.

Vor der Synagoge Roonstraße steht wie immer ein Polizeiauto. Um hineinzugelangen, muss man angemeldet sein, passiert sodann eine Schleuse und zeigt seinen Personalausweis vor. Köln anno 2014.

Sind Sie als Vorsitzender der Jüdischen Synagogen-Gemeinde eine Art Religionspolitiker?

Zunächst einmal bin ich nicht der Vorsitzende. Wir leisten uns seit Jahrzehnten den Luxus, keinen Vorsitzenden zu haben.

Sie sind also ein sozialistisches Kollektiv?

(lacht) Ganz genau! Aber im Ernst: Was religiöse Fragen angeht, unterstellen wir uns in Köln dem Rabbiner, obwohl er letztlich ein Mitarbeiter der Gemeinde ist. Alles was mit Politik, Sozialem oder Verwaltung zu tun hat, entscheidet der Vorstand in Absprache mit dem Gemeinderat.

Was ist daran kölnspezifisch?

Es gibt Gemeinden, wo der Vorstand ins Religiöse hineinredet. Das findet in Köln so gut wie gar nicht statt.

Weil Sie so einen starken Rabbi haben?

Ja, und weil wir einst beschlossen haben, ihm freiwillig zu folgen.



Im beruflichen Leben vertreiben Sie Software und sind Kaufmann. Hilft Ihnen das bei der Vorstandsarbeit in der Synagogen-Gemeinde?

Absolut! Wir haben hier 150 Mitarbeiter und ein recht hohes Budget zu verwalten. Ohne gewisse kaufmännische Kenntnisse geht das nicht.

Gibt es so etwas wie einen interreligiösen Stammtisch, an dem Sie die Vertreter der christlichen und muslimischen Gemeinden Kölns treffen?

In dem Sinne nicht, aber man trifft sich doch häufig bei städtischen, kulturellen oder politischen Veranstaltungen.

Ich war zuletzt in einem Eifelstädtchen, in dem bis zur Progromnacht 1938 das katholische, evangelische und jüdische Gotteshaus auf 50 Metern nebeneinander lagen.

Auf kleinstem Raum haben wir das in Chorweiler. Am Pariser Platz finden Sie die evangelische und katholische Kirche, deren ehemaligen Pfarrsaal wiederum die jüdische Gemeinde übernommen hat. Knapp außerhalb des Zentrums sind dann auch die Muslime angesiedelt.

Noch immer dominierend in Köln ist die katholische Kirche. Werden Sie dort ernstgenommen?

Durchaus. Mit Kardinal Meisner haben wir uns ein bis zwei Mal im Jahr getroffen, um anstehende Fragen zu besprechen.

Und wie ist der Kontakt zu den Muslimen?

Wir haben einen recht guten Draht zur DITIB. Auf deren Wunsch hin sitze ich zum Beispiel auch im Beirat für den Bau der Zentralmoschee. Außerdem organisieren wir regelmäßig - auch mit den christlichen Kirchen zusammen - gemeinsame Jugendaktivitäten.

Es gab und gibt ein Kölner Judentum. Gab es auch ein kölsches Judentum?

Bis 1933/38 gab es das. Nehmen wir das ehemalige „Jüddespidol“, das jüdische Krankenhaus in der Ottostraße. Das war auch ein Anlaufpunkt für in Armut lebende Kölner Christen. Weil sie wussten, dass sie dort ohne Krankenschein und Rechnung behandelt wurden. Das Judentum hat sich also nie ghetto-artig abgekapselt, sondern lebte mitten in der Stadt, mit allen anderen Bürgern.

Wo trafen sich kölsche und jüdische Kultur noch?

Ich denke, das Miteinander war früher wesentlich normaler. Jüdische Feiertage etwa wurden von den Menschen als Teil des Alltags wahrgenommen. Heute bekommt man sie nur noch mit, weil sich das Polizeiaufgebot vor unserer Synagoge erhöht.

Gibt oder gab es so etwas wie koschere Flönz?

(lacht) Leider nicht, Juden dürfen keine Blutprodukte essen. Wobei die jüdischen Speisevorschriften, die Kaschrutgesetze, recht kompliziert sind.

Wieviel Prozent der Kölner Juden halten sich daran?

Ich schätze, es sind höchstens drei Prozent, die sie vollständig beachten. Allerdings essen auch die anderen sicherlich keine Blutwurst.

Mit dem Ende des Kommunismus kamen 120.000 Juden aus den GUS-Staaten nach Deutschland, davon etwa 3.500 nach Köln. Sind diese Menschen besonders gläubig?

Das hängt sehr von ihrem Aufwachsen ab: Wo hatten Großeltern überlebt, die den Kindern jüdische Traditionen vermitteln konnten? Und in welchen Gegenden des Ostblocks war es erlaubt und möglich, jüdische Traditionen zu leben.

Wie stark empfinden sich die Zuwanderer als Teil der Jüdischen Gemeinde Köln?

Wir haben hier zum Beispiel einen Maccabi-Sportverein, dem die Zuwanderer viel Zulauf bescheren. Auch die Angebote der Gemeinde werden sehr intensiv genutzt, deshalb haben wir auch die beiden Begegnungszentren in Porz und Chorweiler eröffnet. Ursprünglich hatten wir diese Menschen auch hier in die Roonstraße holen wollen, aber das war ein Fehlversuch.

Das scheitert ja schon an der KVB.

Ja, von Porz bis hier braucht man rund eine Stunde für einen Weg, das ist zu viel. In Chorweiler haben wir nun täglich rund 300 Menschen, die Gemeindeangebote nutzen.

Die Kölner Jüdische Gemeinde gilt als die älteste nördlich der Alpen. Woher kamen die allerersten Kölner Juden?

Man geht davon aus, dass sie sich im Gefolge der römischen Eroberer über Europa verteilten, vor allem in den größeren Ansiedlungen wie eben Köln. An der wirtschaftlichen Entwicklung der Colonia Claudia Ara Agrippinensis hatten mit Sicherheit auch Juden ihren Anteil.

Ihre Gemeinde ist - dezent - für ein Jüdisches Museum in Köln. Ließen sich auch diese frühen Wurzeln des Kölner Judentums in solch einem Museum abbilden?

Ich denke, die Exponate der Kölner Museen versetzen Köln in die Lage, nicht nur eines von vielen Holocaust-Museen aufzubauen. Sondern das jüdische Leben in dieser Stadt über fast 2000 Jahre zu dokumentieren.

Ich war kürzlich im Berliner Jüdischen Museum: Großartige Architektur, eine beeindruckende Ausstellung. Glauben Sie, Köln könnte auch so etwas hinbekommen?

Die Kombination von Architektur und Exponaten in Berlin lässt den Besucher sehr bedächtig dort hindurchgehen. Ich würde mir für Köln ein Museum wünschen, durch das die Menschen auch sich unterhaltend und scherzend gehen können. Es soll eben nicht nur die Shoah abbilden, sondern das einstige Kölner jüdische Leben in all seinen Facetten. Jüdisches Leben war Teil dieser Stadt, und das muss in so einem Museum deutlich werden.

In Köln hält man sich gern für liberal und tolerant, für irgendwie besonders. Ex negativo: Gab es einen spezifisch kölnischen Antisemitismus?

Wenn Sie mich fragen, war hier nichts anders als in anderen Städten. Ob Sie beim Karneval oder bei der Stadtverwaltung anfangen: Antisemitismus gab es überall, wie in Düsseldorf oder Berlin. Ob die Nazi-Übernahme eventuell drei Tage später stattgefunden hat, ist irrelevant.

Und wie sieht es heutzutage aus?

Gottseidank haben wir in Köln bislang keine gewaltsamen Übergriffe gegen Menschen erlebt, schon lange nicht mehr. Aber daraus würde ich nicht den Schluss ziehen, dass Köln toleranter, aufgeschlossener sei als andere Städte.

Der Gazakonflikt geht mit zunehmendem Antisemitismus einher. Inwiefern reicht dieser Konflikt bis nach Köln und in Ihr Leben hinein?

Sowohl im Beruf als auch im Privaten werde ich sehr häufig darauf angesprochen. Die Fragen etwa nach getöteten palästinensischen Zivilisten werden manchmal allzu schnell und unreflektiert gestellt. Manchmal ist die Fragestellung überaus einseitig und kritisch. Und manchmal auch schlicht antisemitisch.

Sie sind in Köln aufgewachsen und durch Ihre berufliche und ehrenamtliche Arbeit hier gut vernetzt. Sehen Sie sich, nach 60 Jahren, eher als jüdischer Kölner oder als Kölner Jude?

Ich sage immer: jüdischer Kölner.

Und auf dem Hintergrund dieses Bekenntnisses: Sprechen Sie besser Hebräisch, Jiddisch oder Kölsch?

Hebräisch und Jiddisch spreche ich etwa gleich gut. Oder gleich schlecht, wie man es nimmt. Mit meinem Kölsch hingegen ist es leider nicht weit her.




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Mittwoch, 3. September 2014

Thekentänzer (75)

Gabriela und die Saturn-Sonderangebotsbeilage

Später wird sie mir erzählen, dass sie mit diesem Schwachkopf
schon drei Jahre zusammen ist.
„Unglaublich“, werde ich sagen,
„trenn dich von dem.“

Aber vorerst sitzt sie mit ihm am Nebentisch und blättert
- also: er blättert -
in der Sonderangebotsbeilage vom Saturn.
„Die Kiste krieg ich im Internet 200 Ocken billiger“, sagt der Typ, er
nennt sich Coco.
„Und das scheiß Teil da kannste nichma deinen Polacken andrehen.“
Dabei kuckt er Gabriela höhnisch grinsend an. Und
sie lächelt zurück.

Ein paar Bier später stehe ich
vor einem der Urinale auf der Herrentoilette, und Coco tritt ein.
Er trägt eine weiße Bundfaltenhose und hat das Handy am Ohr: „Mach dir
keine Sorgen“, sagt er zu irgendwem, vor dem er Angst hat.
„Mach dir keine Sorgen, du kriegst die Kohle spätestens Mittwoch.“
Heute ist Dienstag, und Cocos Gesicht
ist eine Sanktnimmerleinstagvisage.

In den nächsten zwei Stunden erklärt er Gabriela, wie man
den HiFi-Markt aufmischt und Millionär wird.
„Dann kannste auch deine kleine Schwester rüberholen“, sagt er und
wieder lächelt Gabriela.
Aber die Art, wie sie 
an ihm vorbei in die Ferne des Schnapsregalspiegels blickt,
verrät natürlich alles.

Als Coco das nächste Mal auf dem Klo telefonieren geht,
trinken Gabriela und ich einen polnischen Wodka.
Schönes kleines Geheimnis. Eigentlich
trink ich aber lieber Korn.

Im Saturn sind inzwischen die Gitter runtergegangen. Wolfgang Niedecken
schläft.
Grönemeyer schläft. Und
ob die Stones morgen nochmal aufwachen ...

Coco, und jetzt wird es spannend:
Ist verschwunden.
Klo.
Handy.
Und weg.

Noch später werden Gabriela und ich
in eine andere Kneipe gehen.
Irgendwo zwischen
Plusquamperfekt und
Futur Zwei.

Frauen sind gefährlich

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