Mittwoch, 1. Juli 2015

Thekentänzer (89)

Reim auf aufen

Szene am Rande eines Freiluftmusikfestivals

Passmaaufichbinfünfzig.
Ichhabironmaidenalsvorgruppevonkissgesehn
Ichwaraufmallererstenrockamring

Undwenndumirkrummkommst
Holichdirektdiebullen.


Reim auf aufen

Schuhe sind zum Laufen da.
Kohle ist zum Kaufen da.
Fäuste sind zum Raufen da.
Schnäpse sind zum Saufen da.


Vermächtnis des Feuerwassergottes

Stell dir vor
der letzte Zapfhahn liegt trocken
und deinen Freunden ist´s egal.
Das ist dann wirklich
das Ende.

As Time Goes By

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Mittwoch, 24. Juni 2015

Thekentänzer (88)

„Ich liebe Demos“

„Ich liebe Demos“, sagt die Frau.
Sie ist Ende 20, blond und bestellt ausschließlich große Biere.
„Eure komischen Stangen trink ich nicht“, hat sie beim Eintreten gesagt. Und bekommt deshalb Guinness-Gläser voller Kölsch.
Es ist 8 Uhr, die Kneipe hat gerade erst aufgemacht. Draußen gehen ein paar auf Gewerkschaft getrimmte Clowns in orangefarbenen Plastikjacken über die Straße. In ihren Mündern stecken Trillerpfeifen, damit sie nicht zuviel Scheiß reden.
Susanne, so heißt sie, hat sich ausgerechnet neben Eric gesetzt.
„Letztens habe ich im Suff vergessen, wo mein Fahrrad stand“, sagt Susanne.
„So habe ich schon drei Fahrräder verloren“, sagt Eric.
„Is ja cool“, sagt Susanne, „ich liebe vergessliche Menschen.“
Eric geht eine rauchen. Draußen vor der Tür wird er ein anderer Mensch, wie immer. Er lehnt sich an den Holm zwischen den Fenstern und steckt sich die Kippe an wie Clint Eastwood seinerzeit den Zigarillo. Bis dahin ist alles korrekt, aber dann: beginnt er zu reden. So stumm vor sich hin, bis er in Rage gerät. Am Ende reißt er sich am Riemen, schnippt die Fluppe routiniert auf die Straße und setzt sich wieder auf seinen Hocker.
Susanne freut sich, dass Eric zurück ist.
„Und sag mal, hast du dir ein neues gekauft?“
„Neues was?“ fragt Eric zurück.
„Na Fahrrad.“
„Wieso Fahrrad?“
„Is ja cool“, sagt Susanne.

Auch Werther wollte vergessen

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Mittwoch, 17. Juni 2015

Coloniales (54)

Birlikte war blöd

... jedenfalls für mich

Beim Birlikte-Fest vom letzten Wochenende hatte ich zwei Auftritte mit meinem Buch „Das Köln-Album". Einer fand bei einem deutschen Veranstalter, der andere bei einem türkischen statt. Geld wurde natürlich nicht gezahlt, aber weil es für eine gute Sache war, hatte ich mich gründlich vorbereitet: das ganze Buch auf Beziehungen zu Themen wie Migration, friedliches Zusammenleben etc. durchforstet.
Beim deutschen Veranstalter waren die Fenster vollgeklebt mit Plakaten der verschiedenen Künstler. Man hatte einen Beamer besorgt, ein Techniker kümmerte sich um die Tonanlage, und sogar ein kleiner Bücherstand war aufgebaut. Ebenso war eine Mitarbeiterin des Betriebs vor Ort, die mich einwies und mir Wasser besorgte. Mit anderen Worten: schöne Lesung, angenehme Atmosphäre.
Der türkische Veranstalter, ein Café, hatte kein einziges Plakat aufgehängt. Auch waren seine Angestellten nicht informiert.
Ich: „Guten Tag, ich bin Bernd Imgrund und trete hier gleich auf.“
Kellnerin: „Als was wollen Sie denn auftreten? Ich weiß von nichts.“
Der Lesungsraum war eine Art überhitztes Gewächshaus im hintersten Bereich des Cafés. Niemand räumte die Tische ab, die voller Kaffeetassen und Kuchenteller standen. Mein Lesetisch war neben dem Abgang zum Klo platziert, das während der halben Stunde des Auftritts permanent besucht wurde. Zu trinken bekam man hier als Auftretender nichts. Aber kaum war ich fertig, forderte mich ein Kellner auf, doch bitte schnell meine Sachen vom Tisch zu nehmen, damit der wieder an seinen Platz komme.
Im Hauptraum des Cafés saßen ungefähr 70 Menschen, die meisten von ihnen Türken. Keiner von ihnen hatte die Lesung besucht. Beim deutschen Veranstalter war genau ein Mann mit türkischem Hintergrund aufgekreuzt. Als ich zu der Stelle kam, wo ich St. Michael als Heiligen der Christen und Moslems vorstelle, derjedoch ursprünglich einen jüdischen Hintergrund hat, stand dieser Mann auf und ging.
Wie gesagt: Birlikte war blöd.



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Mittwoch, 10. Juni 2015

Coloniales (53)

Der Fernwärmetunnel

Einmal so richtig „unten durch“ sein

Wer trockenen Fußes die Rheinseite wechseln will, benutzt herkömmlicherweise eine der sieben Brücken oder die Fähre von Weiß nach Zündorf. Es geht aber auch anders, und zudem weitaus spektakulärer. Ein unscheinbarer Betonpilz am rechtsrheinischen Messeufer bildet den Eingang zum Fernwärmetunnel der Rheinenergie. 

 Einstieg rechtsrheinisch neben der Hohenzollernbrücke

Über rund 100 Stufen steigt man hinab zu einer drei Meter hohen, begehbaren Röhre, die unter dem Flussbett hindurch zum Breslauer Platz führt. 461 Meter lang ist diese Unterführung, mit der die damaligen Gas- und Elektrizitätswerke (GEW) 1984 ein zukunftsweisendes Projekt starteten. Der Trick: Vom Kraftwerk aus wird 120 Grad heißes Wasser auf die Reise geschickt, um sich nach der Flussunterquerung zweigartig auf die Haushalte zu verteilen und dort über einen Wärmetauscher ihre Hitze abzugeben für Heizungs-, Koch- und Badewasser. Die Leitungen sind so gut isoliert, dass das Wasser vom Vorlauf bis zum Verbraucher maximal fünf Grad verliert.


 Im Tunnel


Und wer einwendet, dass doch auch dieses Wasser mit Energieaufwand auf Temperatur gebracht werden muss: das läuft natürlich über Kraft-Wärme-Kopplung, d.h. mit der Wassererhitzung beispielsweise durch Erdgas wird zugleich Strom erzeugt.
Analog dem Bau der Nord-Süd-U-Bahn fraß sich auch 1984 ein riesiger Bohrschild durchs unterirdische Gestein. So mancher ungewöhnliche Fund wurde dabei zu Tage gefördert, u.a. Bombenreste und Teile der alten Hohenzollernbrücke. Die interessantesten Stücke liegen im rechtsrheinischen Vorraum auf einem Ausstellungstisch – gezeichnet mit Datum, Uhrzeit und dem Namen der jeweiligen Schicht, die sie entdeckte.
Die Begehung eignet sich nicht für Menschen, die zu Platzangst neigen. Vor allem im ersten Moment scheint der schnurgerade Tunnel kein Ende zu nehmen. Wer jedoch das „Halbzeit“-Schild erreicht, der hat das Gröbste überstanden.

Ausstieg linksrheinisch unterm Musical Dome


Rückweg über die Hohenzollernbrücke


Text aus: Bernd Imgrund: 111 Kölner Orte, Emons Verlag

Mittwoch, 3. Juni 2015

Interviews (35)

Marius Jung und das „Handbuch für Negerfreunde“

Marius Jung wurde 1965 in Trier als Sohn eines schwarzen GIs und einer weißen Mutter geboren. Mit sechs Jahren kam er nach Königswinter, in Bonn machte er sein Abitur. Er spielte in freien Theatern, bis er mit Anfang 20 zur Kleinkunst wechselte. Es folgten verschiedene Programme zwischen Kabarett und Comedy, bevor 2013 sein erstes Buch erschien. „Singen könne die alle. Handbuch für Negerfreude“ erregte großes Aufsehen, vor allem weil ein Leipziger StudentInnenausschuss ihn zum Rassisten und Sexisten stempelte, was Spiegel Online sogleich zur Headline machte. Seit März ist Jungszweites Buch auf dem Markt: Moral für Dumme. Das Elend der Politischen Korrektheit.
Marius Jung lebt mit Frau und Kind in Nippes.


Foto: Thilo Schmülgen

Mit einem Minderheitenvertreter über Minderheitenprobleme zu reden, kann heikel werden. Mit Marius Jung ist es hingegen eher lustig und lehrreich. Der Mann hat das alles schon oft genug durchdekliniert, um die richtigen Antworten zu finden.

Ihr Buch „Singen können die alle“ hat Sie bei einigen Menschen zum Rassisten gemacht. Wieso?

Der Untertitel „Handbuch für Negerfreunde“ löste einen Pawlowschen Reflex aus: Neger gleich Rassismus. Dass es sich um ein satirisches und antirassistisches Buch handelt, drang dann nicht mehr durch. Für den Verkauf war das natürlich hervoragend.

War dieser Untertitel ursprünglich lustig-albern oder direkt provokant gemeint?

Zweiteres. Dieser Spruch hat sein Ziel haargenau erreicht.

Sind jene Leipziger Studenten, die Ihnen in Verkennung der Satire einen „Rassismus-Preis“ verliehen haben, in Ihren Augen „Negerfreunde“?

Nein, offensichtlich nicht. Was da passiert ist, halte ich für Rassismus, wenn er auch nicht gewollt war. Diese Leute maßen sich an mir zu sagen, was mich stören oder verletzen sollte.

Was ist gut gemeinter Rassismus?

Der passiert, wenn man helfen möchte, aber dabei bevormundet. Dabei geht es in erster Linie nicht um die Bedürfnisse des anderen, sondern darum, die eigene Sichtweise durchzusetzen.

Geben Sie doch mal ein Beispiel aus dem Alltag.

Auf dem Cover von „Singen können die alle“ ist ein nackter Mann abgebildet – der Körper ist übrigens echt, ich weiß nur nicht, wem er gehört ... (lacht)

Das Cover zeigt Marius Jungs Kopf auf einem gestählten schwarzen Körper, um dessen Hüfte eine rote Geschenkschleife gebunden ist.

... und der Leipziger StudentInnenrat nannte das „sexistisch“. Ich würde mich da selbst zum Objekt machen, hieß es. Damit wird über mich bestimmt, und damit wird auch klar, dass da jemand keinen Schimmer von Satire und Ironie hat.

Wenn denn mal eine Zuschreibung nötig ist : Bezeichnen Sie sich als Schwarzen oder Afrodeutschen?

Ich benutze das Wort „Schwarzer“.

Afrodeutscher fand ich immer ein bisschen hilflos, denn man sieht Schwarzen das Deutsche nicht an. Sie könnten ja auch Afrobelgier sein.

Genau. Im übrigen bin ich natürlich in erster Linie Deutscher, genau wie die vielen Nachkommen von eingewanderten Türken, Italienern, Griechen für mich vor allem Deutsche sind. Ich habe noch nie woanders gelebt als in Deutschland.

Die Homosexuellen haben sich das Wort „schwul“ zurückerobert. Kann man demgegenüber mit „Neger“ noch irgendwie arbeiten?

Nein, das ist der vergiftete Apfel. „Neger“ war nie ein positiv besetztes Wort, das ist von Weißen geprägt worden für versklavte Menschen. Man kann das – zum Beispiel auf der Bühne – noch spielerisch, aber nicht mehr ernsthaft benutzen.

Haben in entsprechenden Minderheiten-Diskussionen jeweils die Schwarzen, die Schwulen, die Behinderten usw. die Deutungshoheit?

Sollten sie, ja. Wobei jeder einzelne die Deutungshoheit in dem Moment innehat, wo er ein Wort benutzt. Eigentlich ist es gar nicht so schwer, die richtigen Worte zu finden. Dafür muss man nur vernünftig über Respekt nachdenken. Wenn man respektvoll mit seinen Mitmenschen umgeht, sind Benennungen sekundär.

Wenn ein Schwuler einen Schwulenwitz erzählt und wenn dies ein Hetero tut: Was ist der Unterschied?

Tut es der Schwule, spielt Selbstironie mit, ganz wichtig. Und das macht es auch einfacher füßr den Zuhörer, er weiß: Ich darf lachen. Darüber spreche ich am Anfang meines Kabarettprogramms immer ausführlich mit den Zuschauern. Unter anderem erkläre ich ihnen, dass sie im Zweifelsfall gern auch „Hoho“-Lachen dürfen, wenn sie sich damit besser fühlen.

Man kann auf verschiedene Art, aus verschiedenen Gründen lachen.

Lachen muss zum Beispiel nicht bedeuten, dass man etwas befürwortet. Ein Lachen kann den Weg frei machen, um danach einmal neu über eine Sache nachzudenken. Am liebsten sind mir die Gäste, die mir schreiben, sie hätten viel gelacht, aber danach sei es ihnen im Halse stecken geblieben.

Ihr neues Buch spricht im Untertitel vom „Elend der Politischen Korrektheit“. Was ist das Elend?

Ich teile die Ziele, aber nicht den Ansatz der Politisch Korrekten. Ich glaube, da sind noch die alten 68er am Werk, die sich nach ihrem weitgehenden Scheitern neue Felder suchen. Etwa indem sie Umgangsformen zu definieren suchen mithilfe von Wortungetümen wie dem von den „Menschen mit Migrationshintergrund ohne eigene Migrationserfahrung“.

Klingt stark nach Behördendeutsch.

Ist es ja zum Teil auch. Schilder, Broschüren, Gesetzestexte wurden geändert – für diese ach so heilbringende, politsch korrekte Sprache sind in den letzten Jahren Millionen ausgegeben worden.

Wie rassistisch ist es, mit einem dunkelhäutigen Comedian bis zu diesem Punkt nur über Hautfarben geredet zu haben?

Gar nicht, ich mache das schließlich in meinen Büchern und meinem Programm selbst zum Thema.

Mancher verkauft seine Haut, Sie Ihre Hautfarbe?

So kann man das sagen, und ich denke, es ist besser, die Hautfarbe als die Haut zu verkaufen.

Sie wurden in Trier geboren. Kennen Sie Ihren Vater, den schwarzen, amerikanischen GI?

Er ist inzwischen tot, und ich habe ihn nur ein Mal getroffen. Ohne ihm vorher bescheid zu sagen, habe ich ihn in Chicago besucht. Für mich war das wichtig, um mit diesem Kapitel abzuschließen.

Sie haben damit abgeschlossen?

Ich bin mit zwei weißen Eltern aufgewachsen, mit meiner leiblichen Mutter und meinem sozialen Vater. Und dieser Mann war für mich mein Leben lang immer da.

Mit Ende 20 sind Sie nach Köln gezogen. Wieso?

Ursprünglich wegen meiner damaligen Freundin. Als die Beziehung zuende war, habe ich gemerkt, dass ich nicht nur die Frau, sondern auch die Stadt vermisse.

Was vermisst man an Köln?

Köln ist eine Millionenstadt und dennoch ein Dorf. Ich komme vom Land und wohne seit 20 Jahren in Nippes. Das ist mein Dorf. Hier fühle ich mich wohl.

Wann sind sie in Köln richtig angekommen?

Als ich nicht mehr in den Chor derer eingestimmt habe, die Köln hässlich finden.



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Mittwoch, 27. Mai 2015

Geschichten aus 1111 Nächten (60)

Die Predigt

Eines Tages hielt der heilige Willy eine unendlich lange Predigt. Tünnes und Schäl, schwer übernächtigt vom gestrigen Skatabend, hielt es kaum aufrecht in ihrer Kirchenbank. Jeder Kniefall wurde zum Balanceakt, und die finale Hostie klebte wie angetackert an ihren Gaumen. Nachher beim Frühschoppen war der heilige Willy über die Maßen stolz auf seine Rede und rühmte sich seiner rhetorischen Fähigkeiten. Um sich ein bisschen zu rächen, hob der gewiefte Schäl an:
„Heiliger Willy, das mag ja ein prächtiger Vortrag gewesen sein. Aber ob du´s glaubst oder nicht, ich habe zu Hause ein Buch, in dem deine Predigt Wort für Wort enthalten ist.“
Der heilige Willy schnaufte und bestellte sich, aufs Äußerste empört, einen Kabänes. „Ich habe es nun wirklich nicht nötig, meine Predigten abzuschreiben“, polterte er.
Am nächsten Tag lag ein Buch des Tünnes in seinem Briefkasten, mit der Widmung: „Damit du siehst, dass ich nicht gelogen habe.“
Es war der Duden.

Inkognito erwischt: Tina Turner

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Dienstag, 19. Mai 2015

Interviews (34)

Oksana Chusovitina, Turn-Olympiasiegerin

"Nur Dummköpfe haben keine Angst"


Oksana Chusovitina wurde 1975 in Usbekistan geboren. Die Turnerin gewann 1992 Gold bei den Olympischen Spielen in Barcelona und ist dreifache Welt- und zweifache Europameisterin. Zahlreiche Rekorde beruhen darauf, dass niemand es ihr in ihrem Alter je gleichtat. Unter anderem hat sie an sechs Olympischen Spielen teilgenommen und will auch 2016 in Rio an den Start gehen.
Nachdem ihr Sohn 2002 an Leukämie erkrankte, kam sie zur Behandlung nach Köln. Seit 2006 besitzt sie auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Nach einigen Jahren für das Turnteam Toyota Köln ist sie nun für den TV Herkenrath aktiv.
Oksana Chusovitina wohnt zur Zeit im Internat des Bundesturnzentrums in Bergisch Gladbach. Noch in diesem Jahr werden auch ihr Mann, der Ringer Bakhodir Kurbanow, und Sohn Alisher von Usbekistan nachkommen.
Größe hat nichts mit Zentimetern zu tun, das beweist Oksana Chusovitina mit ihren 1,53 Metern bei jedem Wettkampf. Dieses Jahr wird sie 40, gehört jedoch noch immer zu den besten Turnerinnen der Welt.

Sie sind in Usbekistans Hauptstadt Taschkent aufgewachsen. Wie würden Sie Ihre Kindheit beschreiben?

Meine Mutter war Köchin, mein Vater Bauarbeiter. Wir waren eine recht große Familie mit vier Kindern. Statt in der Wohnung habe ich viel auf der Straße gespielt, wie alle Kinder bei uns.

Dass Sie einst Turnerin werden, war also vermutlich nicht abzusehen?

Nein, in meiner Familie gab es keinen einzigen Sportler. Aber in Taschkent hatten wir vier große Hallen, und Turnen war in Usbekistan immer recht populär.

Was war für Sie als kleine Turnerin damals, in der Sowjetunion, anders?

Wir waren 30 Mädels, alle sehr stark, aber in die Nationalmannschaft konnten nur sechs von ihnen. Man musste jeden Tag zeigen, dass man besser ist als die anderen. Wir haben dreimal am Tag trainiert und sind zwischendurch in die Schule gegangen. Es war eine schwere Zeit, aber ich profitiere bis heute davon.

Sie waren zwischenzeitlich sogar usbekische Nationaltrainerin.

Ja, vier Jahre lang. Und seitdem verstehe ich die Trainer besser. (lacht) Man muss auf jedes Mädchen anders, individuell eingehen. Und man muss immer einen gewissen Druck ausüben. Ich glaube, das war auch der Grund, warum ich wieder aufgehört habe. Ich turne lieber, als Trainer zu sein.

Als Trainer muss man zuweilen streng sein. Sind Sie auch streng gegen sich selbst?

Nein. Ich liebe das Turnen und gehe jeden Tag aufs Neue gern in die Halle. Aber auch trainieren muss man mit Lust. Wenn ich merke, dass ich heute nicht wirklich will, dann gehe ich wieder nach Hause.

Sie sind Olympiasigerin und zigfache Welt- und Europameisterin. Haben Sie ein Erfolgsrezept?

Nein, noch ist mir keines eingefallen.

Ihre Mutter, die Köchin, arbeitet doch auch nach Rezept.

(lacht) Ich kann nur immer wieder sagen: Das Turnen muss dir Spaß machen, das muss von Herzen kommen. Sonst bringt das nichts.

Ihre Spezialdisziplin ist das Springen.

Für die Mannschaft muss ich auch am Stufenbarren, auf dem Schwebebalken und am Boden trainieren. Aber da lasse ich es heutzutage eher locker angehen.

Wenn die Mädels auf dem Balken Überschläge machen, muss ich immer wegsehen, weil ich Angst um sie habe.

Tja, aber manche lieben diesen Balken, da ist jeder Turner anders. Ich bin sehr schnell und habe kräftige Arme und Beine, deshalb ist für mich das Springen ideal. Am wenigsten mag ich den Stufenbarren, aber warum, könnte ich Ihnen auch nicht sagen.

Angst haben Sie nicht?

Nur Dummköpfe haben keine Angst.

Wie landet man als Usbekin in Köln?

2002 wurde bei meinem damals dreijährigen Sohn Alisher Leukämie festgestellt. Über das Turnteam Toyota Köln bekam ich Kontakt zur Uniklinik, und dort war man bereit, uns zu helfen. Mein Sohn wurde geheilt, und ich blieb danach in Köln wohnen.

1996 nach den Olympischen Spielen in Atlanta waren Sie schon einmal in der Bundesliga gestartet.

Das stimmt, aber damals reiste ich nur für die Wettkämpfe an, und dann ging es weiter auf ein Turnier irgendwo anders in Europa. Ab 2002 habe ich dann richtig in Weiden und später in Junkersdorf und Pulheim gewohnt.

Köln sei auch eine Art Heimat geworden, haben Sie mal gesagt.

Der Anfang in Deutschland war sehr schwer, nicht nur wegen der fremden Sprache. Ich musste auch lernen, dass man hier viele Formulare sehr gründlich ausfüllen muss. Zuerst habe ich einfach alles weggeworfen, was ich nicht verstand. (lacht)

Kann Ihr Sohn besser Russisch, Deutsch oder Kölsch.

Alisher spricht Deutsch, Englisch und Russisch. Kölsch kann er nicht, aber ab dem nächsten Schuljahr werden mein Mann und er wieder hier mit mir wohnen. Ganz toll fand er immer den Karneval.

Sie auch?

Die kleinen Umzüge schon. Aber auf dem Rosenmontagszug sind mir zu viele Menschen, da fühle ich mich nicht wohl.

Aber Bonbons lutschen ist okay für einen Spitzensportler?

Na klar, und Schokolade auch. Zucker ist Kraft! Aber man darf es natürlich nicht übertreiben.

Sie haben die deutsche Staatsbürgerschaft und sind zwischen 2006 und ´13 für Deutschland gestartet. Warum treten inzwischen wieder für Usbekistan an?

Ich bin jetzt 39, die meisten anderen Spitzenturnerinnen könnten meine Kinder sein. Nach den Olympischen Spielen 2016 will ich deshalb meine Karriere beenden, und das möchte ich im Trikot meines Heimatlandes tun. Meine deutschen Freunde und Trainer haben das auch alle verstanden.

Und Sie sind sich sicher, dass 2016 in Rio Schluss ist? Sie standen, unter anderem nach einem Achillessehnenriss, schon häufiger vor dem Ende.

Trotzdem ist es so geplant. Aber erstmal muss ich dieses Jahr die Qualifikation für Rio schaffen.

Die letzte WM haben Sie als 5. des Springens beendet. Aber bei Olympia, dann mit 40, holen Sie doch noch einmal eine Medaille, oder?

Ja, natürlich. (lacht)

Verewigt haben Sie sich schon mehrmals. In Usbekistan ziert Ihr Konterfei sogar eine Briefmarke.

Das stimmt, und ich werde in Usbekistan auch oft auf der Straße angesprochen. Eigentlich freut mich so etwas, aber ich schäme mich dann auch immer ein wenig. Zuviel Rummel ist nichts für mich.