Mittwoch, 16. April 2014

Interviews (25)

Heute: Die Slackline-Weltmeisterin

Elisabeth „Elli“ Schulte wurde 1989 im sauerländischen Brilon geboren. Nach dem Abitur ging sie 2008 nach Köln, um ein Sportstudium aufzunehmen. Hier kam sie auch mit dem Slacklinen in Kontakt: Auf einem zwischen zwei Bäume gespannten Band werden Tricks wie Handstand oder Überschläge präsentiert. Elli Schulte feierte früh auch internationale Erfolge, unter anderem qualifizierte sie sich jedes Jahr gegen die Männer im World Cup und war sie die erste Frau, die einen Rückwärtssalto (Back Flip) stand. Der „Ellicopter“, ein gedrehter einarmiger Handstand, wurde zu ihrem Markenzeichen. Derzeit ist sie Erste der Deutschen und Zweite der Weltrangliste. Über Shows, Workshops und weitere Sponsoren plant sie ab April dieses Jahres ins Profilager zu wechseln.
Elli Schulte lebt in einer Wohngemeinschaft in Braunsfeld.

Das verabredete Café hat noch geschlossen, deshalb setze ich mich mit Elli Schulte ins Grüne. Slackliner seien ohnehin naturverbunden, sagt sie. Und unter hohen Bäumen fühle sie sich wohl.

Mir wird schon auf der Kinderwippe schwindelig. Was empfinden Sie beim Hüpfen auf diesem Band, der Slackline?

Kommt immer drauf an, wo man unterwegs ist. Die Longline - also längere Leine - vermittelt durch die weiteren, langsameren Schwünge einen eher meditativen Aspekt. Die Trickline dagegen ist pure Action.

Welche Art Kick wird dabei erzeugt? Schwerelosigkeit?

Beim Slacklinen, oder wie wir auch sagen: Slacken, geht es um Spaß und Freiheit, aber auch um Konzentration. Auch die Schwerelosigkeit spielt eine Rolle, aber das muss eben alles absolut kontrolliert ablaufen. Dieses Band, auf dem man da landet, ist schließlich nur fünf Zentimeter breit.

Ein Schwebebalken hat die doppelte Breite. Sie haben selbst geturnt, kann man das vergleichen?

Slacklinen ist am ehesten eine Mischung aus Schwebebalken und Trampolin. Der statische Balken ist verlangt nach einem anderen Gleichgewicht. Nichts desto trotz hat mir meine Zeit als Turnerin sehr viel gebracht für meinen heutigen Sport.

Haben Sie auf dem Schwebebalken schon als Kind diese halsbrecherischen Rückwärtssalti ausprobiert?

So professionell war das bei uns auf dem Dorf nicht. Ich habe mir viel selber beigebracht, und im Sportstudium kam dann auch Hintergrundwissen dazu. Genauso fließen ins Slacklinen meine Erfahrungen mit Parkour und Freerunning ein.

Bei diesen beiden urbanen Trendsportarten geht es um (Fort-)Bewegung auf jedwede Art: über Mauern und Abgründe, mit Hilfe von Zäunen und Hauswänden, Treppen und allen Arten von Hindernissen. Leichtathletik, Turnen und Akrobatik halten sich hier die Waage.

Wie groß ist die Kölner Slackline-Szene?

Sie wächst immer weiter, in der von mir gegründeten Facebook-Gruppe sind inzwischen rund 300 Leute. Der engere Kern trainiert zusammen, wir machen auch gemeinsame Slackline-Ausflüge.

Ist Köln eine Metropole?

Im nördlichen Teil Deutschlands auf jeden Fall. Aber in München oder Stuttgrt läuft viel mehr. Die sind einfach sportaffiner.

Bayern sind sportlicher als Rheinländer?

(lacht) Zumindest muss man feststellen, dass der Outdoor-Sport im Süden Deutschlands deutlich breiter betrieben wird als hier.

In Köln ist Slacklinen aus Baumschutzgründen verboten. Wo kann man es dann weiter betreiben?

Im Grüngürtel gibt es diverse Slackline-Parks, auch am Aachener Weiher und am Colonius stehen welche.

Können Sie das Verbot nachvollziehen?

Positiv ist, dass die Anlagen vor dem Verbot errichtet wurden. Wenn irgendwelche Anfänger die Line ohne Baumschutz festzurren, ist das natürlich schlecht. Aber wenn man die Slackline richtig aufbaut, dann verletzt das den Baum auch nicht.

Die Lebensadern eines Baums verlaufen direkt unter der Rinde.

Genau, deshalb sollte man auch möglichst umfangreiche Stämme mit dicker Borke benutzen.

Sie stammen aus Brilon im Sauerland, wo einst Kyrill wütete. Der hat vermutlich mehr Bäume vernichtet als das Slacklinen.

(lacht) Ja, ich weiß eigentlich von keinem einzigen durch den Sport abgestorbenen Baum.

Können sie sich an den Orkan erinnern?

2007 habe ich noch zuhause gewohnt. Ich kam aus der Schule, und auf dem Marktplatz flog gerade der große Weihnachtsbaum um. Gleichzeitig schlug mir auch noch ein umherfliegendes Schild in die Hacken, das mich endgültig verjagte. Danach waren wir alle im Haus, wie eingesperrt.

Und haben gemeinsam gebetet?

Ja ja, bei uns betet man noch.

Haben Sie durch Ihre Herkunft und den Sport ein besonderes Verhältnis zu Bäumen?

Als Outdoorsportler ist man sehr naturverbunden. Wälder mochte ich tatsächlich schon als Kind, und heute sind die Bäume Teil meines Sports.

Kann man Slacklinen schon als internationalen Trendsport bezeichnen?

Ich bin von Anfang an dabei und sehe, dass es sich immer mehr in diese Richtung bewegt. Vor drei Jahren musste ich noch fast jedem erklären, was Slacken überhaupt ist.

Läuft bei Ihren Wettbewerben immer Musik?

Ja, im Hintergrund.

Also ist so ein Vortrag eine Art Kür, wie beim Eiskunstlaufen?

Nicht ganz, denn es gibt keinen festen Ablauf. Man weiß ja nie, wie man wieder auf dem Band landet. Deswegen habe ich zwar Elemente im Kopf, bringe diese aber in spontaner Reihenfolge. Außerdem laufen unsere Turniere als 1 gegen 1-Battle. Das heißt, man reagiert auch auf das, was der Gegner macht.

Sie vollführen auf diesem wackligen, wippenden Band einen einarmigen Handstand. Wie lange haben Sie dafür geübt?

Die Figur kommt aus dem Breakdance, das konnte ich eigentlich einfach so. Und weil ich mich dabei noch drehe, wurde dieser Trick mein Signature Move.

War auch mal Trendsport: Kegeln

Also Ihr Markenzeichen, der sogenannte „Ellicopter“. Sie sind auch die weltweit erste Frau, die einen Front- und Backflip, einen Vorwärts- und Rückwärtssalto landete. Wie ist das mit dem Geschlechterunterschied beim Slacken?

Anfangs konnte ich auch bei den Jungs noch oft gewinnen. Inzwischen hat der Schwierigkeitsgrad der Tricks enorm zugenommen. Ich glaube ohnehin, der große Unterschied zwischen Männern und Frauen ist die Risikobereitschaft.

Männer sind eher bereit, sich notfalls den Hals zu brechen, um Erster zu werden?

Genau. Wobei Slacklinen natürlich auch für Frauen viel mit der Überwindung von Angst zu tun hat.

Apropos Angst: Können Sie sich vorstellen, auf so einem Band über einen Canyon zu balancieren?

Finde ich durchaus reizvoll, mache ich auch ab und zu. Zusammen mit Leuten aus der Kölner Szene, die sich stärker auf Longline und Highline konzentrieren.

Wie überwindet man die Höhenangst?

Wenn man auf das Band geht, ist das ein totaler Blackout-Moment. Was da im Kopf vorgeht, kann ich gar nicht sagen. Man tut einfach, was zu tun ist, und sieht zu, dass man auf der anderen Seite wieder ankommt. Erfahrene Highliner erzählen, dass das irgendwann überhaupt nicht mehr schockt.

Sie studieren Sport, da braucht man zwei Schwerpunkte. Gilt Slacklinen als solcher?

Leider nein. Meinen Master mache ich in Sport- und Bewegungsgerontologie, also Sport mit Älteren. Aber es ist mein Ziel, Slacklinen in die Gerontologie zu integrieren - im Rahmen der Sturzprävention für ältere Menschen. Der Sport motoviert nicht nur zu mehr, er ist eben auch ein tolles Gleichgewichtstraining.

Da könnte man ja vielleicht etwas breitere Bänder verwenden.

Slacklines gibt es nur in 5 cm Breite. Aber die Steigerungen bestehen darin, wie weit oder hoch man das Band spannt und wieviel Hilfestellung man anbietet. Unsere Erfahrungen zeigen, dass Senioren richtig viel Spaß dabei haben. Und das gilt ja nicht für alle Sportgeräte.

Dann könnte man Ihrer Meinung nach zukünftig auch das schulische Reckturnen à la Turnvater Jahn durch Trendsportarten wie Slacken ersetzen?

Ich denke, das wird so kommen. Und hoffe, dass ich meinen Teil dazu beitragen kann.




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Mittwoch, 9. April 2014

Geschichten aus 1111 Nächten (51)

Hundeklettern am Dom

Es war im Jahr des Hundes, als sämtliche Herrchen der Stadt zu einem Wettbewerb geladen wurden: Wessen Kläffer es schaffe, den Dom von außen zu erklettern, dem werde vom Kardinal eine eigene Messe gelesen.
Kein Kölner Hundebesitzer wollte sich diese Chance entgehen lassen, und so erschienen am besagten Tag die herrlichsten Doggen, ausdauerndsten Schäferhunde und kräftigsten Mastinos auf der Domplatte. Mitten unter ihnen: der völlig verkaterte Tünnes mit seinem uralten, schlappohrigen Dackel.
„Nie und nimmer“, raunten die Zuschauer. „Nie und nimmer erreicht auch nur ein Hund den Glockenturm. Geschweige denn die Domspitzen.“
Immer lauter wurde das skeptische Gerede, bis es auch die kletternden, japsenden Hunde ansteckte. Einer nach dem anderen gab auf, fiel hinab oder musste auf halber Höhe gerettet werden. Nur des Tünnes alter Dackel krallte sich weiter in den Sandstein und kraxelte tapfer weiter. Als er schließlich die Spitze des Südturms erklommen hatte, drehte er sich zum ersten mal um und schickte seinem Herrchen einen treuherzigen Blick nach unten.
Die Besitzer der Nobelhunde zogen beschämt von dannen, die Zuschauer jedoch bedrängten den Tünnes.
„Sag uns, werter Anton, wie hat dein Dackel das geschafft, wo sich doch alle anderen durch unser defätistisches Gemurmel entmutigen ließen?“
„Ganz einfach“, entgegnete Tünnes, „mein Waldi ist seit fünf Jahren taub.“

Wille ist stärker als Drogen

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Mittwoch, 2. April 2014

Coloniales (40)

Nackte Füße und geplatzte Eier

Um die Herkunft von Brings, Kasalla, Höhner & Co. zu entschlüsseln, braucht es keinen kölschen Duden. Aber wie kamen die folgenden Bands zu ihrem Namen?


Bläck Fööss: Die kölscheste aller Kölner Mundartbands hat in den 60er Jahren mit englischer Beatmusik begonnen. »Stowaways« nannte man sich damals und spekulierte durchaus auf eine internationale Karriere. Bald jedoch stellte sich heraus, dass man mit kölschen Liedern deutlich erfolgreicher war. Um sich den Ruf als Beatband nicht zu verderben, suchte man für solche Auftritte nach einem anderen, deutschen Namen. Und um gleichzeitig noch eine Prise Anglophilie einzustreuen, verfielen Engel, Stokklosa & Co. auf einen gelungenen Kompromiss: Bläck Fööss, die schwarzen, nackten Füße. In ihrer Anfangszeit trat die Gruppe dann tatsächlich stets ohne Schuhe und Socken auf.

BAP: Beim Namen fange es schon an, nörgeln altgediente Eingeborene. Da werde doch schon deutlich, dass der Niedecken kein echtes Kölsch sprechen könne. Denn BAP, das soll „Papa“ heißen und an des Frontmanns Vater erinnern. Aber wie man im Karneval keine „Bappnas“ trage, so gebe es im Kölschen auch keinen „Bap“ – Papa.* Tatsächlich bevorzugen einschlägige Lexika die Variante mit P. Spricht man jedoch einen Satz wie „Minge Pap es am schänge“ ein paar Mal schnell hintereinander, so stellt man fest: Des Papas erster Buchstabe ist weder ein klares P noch B, sondern liegt phonetisch irgendwo dazwischen.

Paveier: Hier stehen keineswegs „Paff-Eier“ auf der Bühne, die Hühnerprodukte zertrümmern. Stattdessen wird dieses Wort mit einem w gesprochen und auf der zweiten Silbe betont. Ein Paveier ist ein Straßenpflasterer, was umso glaubhafter wird, wenn man z.B. ein Englischlexikon zu Rate zieht. „Pavement“ bedeutet auf der Insel nämlich Bürgersteig bzw. Straßenpflaster.

* Zumal man in Köln eher „Vatter“ als „Pap“ sagt.


Der Trommler von "De löstije Schrammelbröder"


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Mittwoch, 26. März 2014

Geschichten aus 1111 Nächten (50)

Vierzig Kisten Gold und eine wunderschöne Tochter

Es war die Zeit eines besonders mürrischen Erzbischofs. Nichts gönnte er seinen kölschen Schäfchen, absolut gar nichts. Eines Tages jedoch ließ er verkünden: „Wer meinem in Mülheim an der Ruhr weilenden Bruder eine wichtige Depesche überbringt, den will ich reich belohnen. Er soll erhalten viel fruchtbares Land, vierzig Kisten Gold und meine ebenso uneheliche wie wunderschöne Tochter.“
Nun kann man sich denken, dass eine Reise nach Mülheim kein Zuckerschlecken war. Man musste auf dem Weg zum Beispiel durch fürchterliche Gegenden wie Leverkusen und Düsseldorf, wo seinerzeit noch die Neandertaler, Steinbeißer und Menschenfresser ihr Unwesen trieben. Als der rotnasige Tünnes von jenem Angebot hörte, konnte ihn nichts mehr aufhalten. Er stürmte aus dem Haus, rannte Passanten und Marktstände um, ignorierte Verkehrssperren und stieß die Wachen des Erzbischöflichen Palais beiseite. Atemlos erreichte er die Gemächer des Bischofs, bahnte sich resolut seinen Weg durch die Höflinge und rief:
„Lieber Erzbischof! Lieber Erzbischof! ... Ich nicht!“

Schöne Tochter eines mächtigen Mannes

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Mittwoch, 19. März 2014

Interviews (24)

Heute: Der Stummfilm-Komponist

Wilfried Kaets, geboren 1961, ist Komponist, Dirigent und Interpret. Er studierte an der Robert-Schumann-Hochschule für Musik und der Heinrich-Heine-Universität in Düsseldorf. Seit 1986 gilt sein besonderes Interesse dem Stummfilm. Er schuf seitdem annähernd 200 verschiedene Stummfilmvertonungen, die er in über 450 Konzerten live präsentierte. Dafür erhielt er zahlreiche Preise. 2008 war er Mitgründer des Kölner Beschwerdechors, außerdem bekleidet er eine halbe Stelle als Kölner Regionalkantor.
Wilfried Kaets lebt mit seiner Familie in Bickendorf.


Mit Wilfried Kaets treffe ich mich auf der Orgelempore der Bickendorfer Rochuskirche. Vertrautes Terrain für ihn, denn hier arbeitet er als Kantor, Chorleiter und Stummfilmmusiker.

Sie waren zuletzt im Oman. Was macht man da als Bickendorfer?

Ich war dort auf Einladung des Ministeriums für Kultur und Erziehung. Ich hatte zwei Auftritte im königlichen Opernhaus vor Schülern und Studenten mit Stummfilm und Live-Musik. Und ich habe Referate mit musikalischen Demonstrationen gehalten zu Themen wie Stummfilm, Filmdramaturgie sowie Orgel & Entertainment.

In der Stummfilm-Musikbranche gelten Sie offenbar nicht nur in Deutschland als Pionier.

Inzwischen begleite ich seit etwa 30 Jahren Stummfilme. Anfangs bin ich zu den letzten lebenden Kinoorganisten gegangen, um von ihnen zu lernen. Ich will nicht eitel sein, aber nach dem Ende der Stummfilmära war ich der Erste, der wieder regelmäßig Stummfilme in Kirchen live mit Musik präsentierte.

War Köln dafür ein gutes Pflaster?

Durch meine Arbeit als Kirchenmusiker lag es natürlich nah, die Filmvorführungen in Kirchen zu machen. Aber das Konzept und die technische Ausrüstung mussten vom obersten Chef, also Kardinal Meisner abgesegnet werden. Und in der Kirchenverwaltung war man der Meinung: Kino in der Kirche? - Nee, das lassen wir mal lieber bleiben. Der Widerstand hielt sich ziemlich lange, da musste hinter den Kulissen ordentlich gemaggelt werden. Erst Anfang der 1990er war es dann soweit, dass wir hier in St. Rochus loslegen konnten.

Welche Aufgabe hat Stummfilmmusik?

Heutzutage denkt jeder Anfänger, er könne Stummfilme begleiten. Und dann spielt er den selben Kram wie im Jazzkeller oder im Proberaum seiner Punkband. Aber Stummfilme haben ein anderes Tempo als heutige Filme, damit fängt es schon einmal an.

Meinen Sie die inhaltliche Rasanz oder die cinematographische Technik?

Ein früher Chaplin-Film läuft mit 14 Bildern pro Sekunde. Mit so einem Werk muss man sich vorher intensiv beschäftigen, das muss man als Autorität wahrnehmen, sonst wird das bestenfalls Klamauk, was man da als Musiker abliefert.

Und was passiert schlechtenstenfalls?

Stellen Sie sich ein Familientreffen vor, draußen klopft Jack the Ripper an. Wenn Sie da nicht schon den gewünschten Effekt machen, wenn am Esstisch alle die Augen aufreißen, sondern erst in die Tasten hauen, wenn in der nächsten Szene jemand außen an die Tür klopfend zu sehen ist, ist das Pfuschwerk. Ich weiß durch intensive Vorbereitung, was in zwei Sekunden geschehen wird.

Sie komponieren Stummfilmmusik. Heißt das, Sie sind strikt gegen das Improvisieren?

Keineswegs, aber man muss vorbereitet sein. Wenn Sie etwa den Showdown eines Westerns begleiten, müssen Sie wissen, dass bei 4 Minuten 10 Sekunden der Schuss fällt und jemand aus dem Sattel fliegt. Außerdem sollten Sie sich vorher darüber klar sein, ob Sie historisch oder zeitgenössisch an die Sache herangehen wollen.

Wovon hängt das ab?

Von Fragen wie: Gibt es bereits eine Originalmusik? In welchem Raum führe ich auf? Welche Ziele verfolgt der Veranstalter?

Inwiefern können diese Ziele eine Rolle spielen?

In Bochum wurde mir mal gesagt: Wir wollen hier einen Dada-Abend machen. Da meinte ich: Dada heißt Provokation, da müsst ihr euren Man-Ray-Film mit Heino unterlegen, statt bei mir eine zeitgenössische „Kunst-Musik“ zu bestellen.

Stimmt, das ist brutale Provokation.

Letztlich habe ich dann meinen damals zweijährigen Sohn auf der Bühne ein Glockenspiel zerlegen lassen und selbst mit dem Rücken zum Publikum allerlei Wahnsinn auf der Orgel getrieben.

Klingt ein bisschen nach dem „Hurz“-Sketch von Hape Kerkeling.

Genau. Das gesamte kunststudentische Publikum dachte, das ist gewollte Kunst, niemand hat sich beschwert. Hat also trotzdem nicht wirklich funktioniert mit der Provokation durch Film und Musik.

Klingt Stummfilmmusik immer nach Klassik?

Schumann oder Wagner haben relativ wenig Musik für Autoverfolgungsjagden geschrieben. Früher bediente man sich gerne bei Leuten wie Leo Kempinski, der zwischen den Weltkriegen einen großen Fundus von Kinothemen anlegte. Den konnte man regelrecht abonnieren.

Der Gute kriegt Dur-, der Böse Moll-Akkorde?

Klar, im Groben läuft das so. Wenn Sie einen Western aus den 1940ern sehen, dann ist der auf dem weißen Pferd immer der positive Held.

Kaets wechselt bei dieser Antwort an seine Orgel und liefert ein paar frei improvisierte Tonbeispiele. Einen Chaplin-Walk und eine Gefahrensituation - sehr eindrucksvoll.

Zuletzt haben Sie in Bickendorf den lange verschollenen Film „King of Kings“ aufgeführt und dafür 8.000 Notenblätter vollgeschrieben. Wer bezahlt solch eine Mammutarbeit?

Mein Filmvorführer in St. Rochus hatte die Kopie entdeckt und für 800 Dollar ersteigert. Ich wollte zunächst nur eine stummfilmtypisch kleine Fassung mit Orgel und Geräuschemacher schreiben. Aber irgendwann merkte ich, wir brauchen noch dieses und jenes Instrument. Am Ende standen hier 110 Chormitglieder, acht Solisten, 40 Streicher und zehn Schlagzeuger. Das ging finanziell nur mit Sponsoren.

Ruft man da bei seinem guten Kumpel im Vorstand der Deutschen Bank an?

Dafür schreibt man viele Anträge für Stiftungen und ähnliches. Letztlich hatten wir 16.000 Euro zusammen und mit zwei ausverkauften Vorführungen 6.000 hinzuverdient. Dadurch sind wir wohlkalkuliert mit plusminus Null aus der Sache herausgekommen.

Rechnen können Sie folglich gut?

Ich mache das ja nicht alleine. Am schwierigsten war ohnehin die Auseinandersetzung mit dem deutschen Zoll, als wir die Filmrolle hier einführen wollten: Ist die giftig? Ist die entzündlich? Ist die womöglich geklaut? Da hing viel Behördenquatsch dran, und letztlich mussten wir tatsächlich einen gewissen Betrag für die Einfuhr bezahlen.

Könnten Sie sich das Projekt nicht noch andernorts vorstellen?

Das habe ich zum Beispiel Louwrens Langevoort von der Kölner Philharmonie vorgeschlagen. Der meinte nur, er habe keine Lust, hier einen Abend mit mir allein zu sitzen.

In der Philharmonie sind Sie 2008 mit dem Kölner Beschwerdechor aufgetreten. Warum gibt es den nicht mehr?

Beschwerdechöre gingen 2005 von Finnland aus um die Welt. Das Prinzip: Laien finden sich zusammen, um ihre Probleme aus dem Alltag - verspätete Bahnen, schludrige Müllabfuhr, verfehlte Stadtplanung etc. - entspannt und nicht selten humorvoll musikalisch zu verarbeiten.

Was klein anfing, wuchs auf bis zu 120 Leute. Wir waren in der Philharmonie, in der Comedia und im feinen Hansasaal vom Historischen Rathaus. Aber irgendwann war die Luft raus. Das Besondere war der spontane, wilde Ärger und seine sofortige musikalische Umsetzung. So etwas kann man nicht ewig konservieren.

Erinnern Sie sich an Highlights?

Unter dem Titel „The worst places in Cologne“ sind wir singend durch die Unterführung zwischen Dom und Bahnhof marschiert. Und dann singend in die U-Bahn rein mit 70 Leuten, da war das heute-journal vom ZDF dabei.

Sie wohnen und arbeiten in Bickendorf. Was gibt Ihnen dieses Veedel?

Ich bin hier vor über zwanzig Jahren gelandet, weil es in St. Rochus eine freie Stelle als Kirchenmusiker gab. Ganz banal. Aber ich bin hier sehr glücklich geworden. In Bickendorf leben einfache, bodenständige Leute, die ihre Veedelsmentalität hochhalten. Hier geht man auf die Straße, in die Kneipen. Die Menschen sprechen miteinander, statt nur hier zu wohnen und die Nanny alles machen zu lassen.

Eine Bickendorfer Kneipe klingt so ähnlich wie Ihr Nachname: Kaets im Kääzmanns - das wäre doch mal was.

Haben wir letztes Jahr tatsächlich gemacht. Einen Mitsingabend mit Rock- und Popliedern, unterstützt von meinem Jugendchor und einer Profiband. Die Leute vom Kääzmanns waren zunächst skeptisch und haben uns auf einen Dienstag gelegt. Aber dann wurde es dermaßen voll, dass wir fast selbst nicht mehr ins Lokal kamen.

Um die Kneipenanalogie ein bisschen zu relativieren, sei allerdings gesagt: Das e in Kaets ist ein Dehnungsvokal, der Name wird „Kahts“ ausgesprochen.
 

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Mittwoch, 12. März 2014

Thekentänzer (72)

Wichtig & Witzig

„Freundinnen müsste man sein“, sang Funny van Dannen einst.
„Dann könnte man über alles reden.“
Aber mit Kumpels geht das auch. Genauso gut. Besser.
Man muss nur ein paar Bier getrunken haben.
Am besten: nachmittags.
Wenn die Sonne schon tief und die Dämmerung bevorsteht.
Denn die Bereitschaft zum gemeinsamen Untergang muss groß sein.
Mit den Jungs. Mit der Sonne. Mit dem Universum.
Diese vollgetrunkenen Theken, wo selbst die hübsche Kellnerin nicht mehr durchblickt.
Ist das jetzt schal und vergessen?
Oder nur schnell mal angekippt?
Dieser feste Wille, genau diesen zu verlieren.
Den Willen zu kippen wie einen Schnaps.
Und die blaue Stunde dann.
Die Grüne Fee.
Dionysos-Anker.
Alles wichtig, alles witzig.
Haben fünf gemeinsame Buchstaben, die beiden Wörter: Alles witig.
Aber auch wirklich alles!


Kumpels kurz vor Feierabend

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Mittwoch, 5. März 2014

Thekentänzer (71)

Doppelverglaster Tomatenschnaps

„Mach meinen Deckel auf Marco. Aber mit c!“ sagt Marco. Als wenn hier mehrere Markos wären.
In der kleinen Schwulenkneipe ist das Licht maximal heruntergedimmt. Trotzdem erkennt man noch in jeder nippesverstopften Ecke die Überreste der Weihnachtsdeko. Aber vielleicht stehen die Zipfelzwerge auch immer da. Marco redet auf diese näselnde Tuckenart, hat aber die Statur und den Gang eines Holzfällers. Die Tresen-Typen um ihn herum hören zu und kippen ihre Schnäpse. Außer dem völlig besoffenen Seemännchen hintendurch, das jetzt schon zum vierten Mal an seinem Averna riecht.
„Da wird der nicht besser von, Margret“, sagt Marco. „Darum heißt das ja ´Zur Mitte, zur Titte, zum Sack´. Und nicht zu deinem verrunzelten Zinken.“
Der Mann, den sie Margret nennen, kippt vom Hocker und schlägt hart gegen die Wand. Dann nimmt er den Schnaps und lässt ihn wie dickflüssigen Sirup in den vorgeschobenen Unterkiefer rinnen. Die anderen Thekentänzer kichern.
„Ich arbeite für ne Snowboard-Schule, da unterrichte ich Blinde und Spastiker. Also eigentlich jeden, der fürs Skifahren so richtig ungeeignet ist. Da würdest du auch gut hinpassen, mein Süßer.“
Marco schlägt nun einem jungen Kerl mit weißem V-Ausschnitt-Pullover auf die Schulter. Seine Jeans sitzt so eng, dass man die Schamhaare zählen kann. Im Hitradio singt irgendwer von zerbrochener Liebe.
„Damals im Knast haben wir Tomatensaft zwischen die Scheiben der Doppelverglasung gepresst. Dafür musstest du unten nur so´n winziges Loch bohren. Und dann bisschen Zucker hinterher.“
Margret würgt heftig, bezwingt den hochbrodelnden Averna jedoch im letzten Moment, bevor er zwischen den Zähnen hervorspritzt.
„Da schien im Idealfall die Sonne drauf, drei Tage haben wir das gären lassen. Und was meint ihr, was der Tomatenschnaps dann gebimmelt hat.“
„Iieh“, sagt der junge mit dem V-Ausschnitt.
„Blöde Tunte“, sagt Marco, „kennst du eigentlich den Unterschied zwischen ner Tunte und nem Tumor?“
„Nee, aber ...“
„Der Tumor ist gutartig.“

Aber teuer!


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