Mittwoch, 20. Juli 2016

Kölner Gespräche (54), heute: Mirko Lüdemann von den Kölner Haien

Mirko Lüdemann wurde 1973 in Weißwasser in der ehemaligen DDR geboren. Der Eishockeyspieler begann seine Karriere beim ES Weißwasser, wechselte 1991 nach Kanada und 1993 zu den Kölner Haien. 132 Einsätzen in der Nationalmannschaft stehen über 1.000 für die Haie gegenüber. Damit ist er Rekordspieler des Vereins, mit dem er zweimal Deutscher Meister wurde. Im April 2016 beendete er seine Karriere als Aktiver und wechselte in den Geschäftsbereich der Haie. Seine Trikotnummer 12, mit der er 23 Jahre auflief, wird dann nicht mehr vergeben. Mirko Lüdemann wohnt mit seiner Frau und Tochter in Sülz.

Herr Lüdemann, worüber wollen wir sprechen?

Übers Tontaubenschießen.

Das kenne ich nur als olympische Randsportart, die meistens morgens um halb 5 läuft.

Ja, leider. Denn das ist ein durchaus anspruchsvoller Sport - nicht unbedingt von der Bewegung, aber vom Ablauf her.

Tontaubenschießen erfordert den ganzen Mann?

So würde ich es nicht ausdrücken. Aber sagen wir: Man muss schon zielen können, und zwar mit beiden Augen.

Normalerweise visiert man beim Schießen mit einem Auge über Kimme und Korn. Warum brauchen Sie zwei?

Wenn das linke Auge zu ist, sehen Sie weniger, ganz einfach. Fliegt die Tontaube nach links, müssen Sie ihren Flug vorhersehen und nicht auf, sondern vor sie zielen. Beim Tontaubenschießen ist also jeder Schuss ein Schuss ins Blaue.

Darum geht´s?

Vorhalten, das ist es, was man am Anfang lernen muss. Man visiert die Taube zwar zunächst an, aber den Schuss muss man ein Stück vor sie setzen, um sie im Flug zu erwischen.

Haben Ihre Gewehre einen guten Sound?

Das knallt schon ordentlich. Beim ersten Mal habe ich den Fehler gemacht, ohne Ohrenschützer aufzutauchen. Danch hatte ich drei Tage lang ein Pfeifen im Ohr. Da hatte ich anfangs sogar richtig Schiss, dass da was kaputtgegangen ist.

Sie und Ihre Sportskameraden schießen mit Schrot. Damit trifft man doch alles.

Bis zu einer gewissen Entfernung schon. Aber bei 20, 30 Metern hört es dann auf.

Kennen Sie sich mit der Ballistik von Schrotpatronen aus?

Ich weiß jedenfalls, dass man sich auf 50 Meter problemlos hinstellen kann. Bis dahin ist der Schrot so verflogen, da tun Sie sich nicht mehr weh.

Was bedeutet das für den Schützen?

Dass man die Tontaube so schnell wie möglich runterholen sollte. Bei Olympischen Spielen werden Sie feststellen: Die Profis drücken praktisch sofort ab.

Was für einen Menschenschlag trifft man am Tontaubenschießstand?

Querbeet jeden, Männer wie Frauen. Leute eben, die Spaß daran haben, ein bisschen in der Luft rumzuballern. Oder sagen wir es ernster: Menschen, die mit sportlichem Hintergrund schießen möchten. Der besondere Kick ist vielleicht, dass wir nicht auf Scheiben zielen, sondern auf ein bewegliches Ziel.

Wie sind Sie zu Ihrem seltsamen Hobby gekommen?

Das war zuhause in Weißwasser. Kurz nach der Wende war dort ein ehemaliger russischer Schießstand umgebaut worden. Anfangs haben wir uns mit ein paar Jägern getroffen. Dann sind wir nach hinten auf die Trapbahn und haben uns gedacht, so, jetzt lassen wir mal ein paar Scheiben fliegen. Ich selbst mache das jetzt seit acht, neun Jahren.

Warum sind Sie dabeigeblieben?

(überlegt länger) Ich denke, es ist das Hochgefühl in dem Moment, wo man die Taube trifft.

Adrenalin?

So weit würde ich nicht gehen. Aber am Anfang trifft man halt gar nichts. Und sich allmählich zu verbessern, ist sehr befriedigend.

Konnten Sie sich mit den erwähnten Jägern von Weißwasser messen?

Ein richtiger Jäger schießt natürlich besser als Leute wie ich. Mit den Tontauben üben die für richtige Enten, wobei letztere, glaube ich, sogar noch ein bisschen schneller sind.

Und was heißt „besser“?

Von zehn Tauben trifft ein guter Jäger acht. Heutzutage komme ich im Schnitt auf sechs bis sieben. Aber ein Neuner war auch schon dabei.

Schonmal ein Turnier mitgemacht?

Nein, zumal man dafür Sportschütze sein müsste. Für mich ist das nur ein Hobby.

Dennoch sind Sie von Haus aus Berufssportler. Ist Tontaubenschießen für sie eher ein Mit- oder Gegeneinander?

Mein sportlicher Ehrgeiz ist dabei begrenzt. Ich will einfach nur eine schöne Zeit mit meinen Kumpels haben und bin froh, wenn ich die ein oder andere Taube treffe.

Es gibt verschiedene Modi beim Tontaubenschießen. Manchmal flattern auch Doubletten auf.

Stimmt, beim Skeetschießen. Die Scheiben kommen obendrein aus verschiedenen Richtungen. Da habe ich mich bisher noch nicht rangetraut. In der Heimat schießen wir nur Trap, da fliegen die Tauben einzeln. Woher sie kommen, weiß man da allerdings auch nicht. Es gibt immer fünf mögliche Positionen, also Abschussstellen.

Waren Sie mal mit auf einer richtigen Pirsch?

Einmal war ich tatsächlich dabei. Mit auf dem Hochsitz, aber leider kam nichts vorbei.

Das heißt, Sie hätten keine Probleme damit gehabt, auf richtige Tiere zu schießen?

Ich hätte gar nicht gedurft, nur der Jäger, mit dem ich unterwegs war. Dementsprechend habe ich auch kein eigenes Gewehr. Eine Weile hatte ich geplant, die nötigen Scheine zu machen. Aber da geriet ich dann in einen Konflikt mit meiner Frau. (lacht)

Weil sie an Bambi und die armen kleinen Wildschweine dachte?

Nein. (lacht) Sie dachte wohl eher an unseren nächsten Streit und dass ich dann runter in den Keller gehe.

Wo schießen Sie heute?

Wir hatten immer die Möglichkeit, in Troisdorf auf den Schießstand zu gehen. Einmal im Monat war ich da mit einem Kumpel, aber seit zwei, drei Jahren ist der geschlossen. Jetzt beschränkt sich mein Tontaubenschießen auf die Urlaube in der Heimat einmal im Jahr.

Lebt auf dem Schießstand von Weißwasser noch ein Stück vom alten Ostblock?

Nein, das ist alles komplett umgebaut, von den Russen sieht man da nichts mehr.

Wenn man aus Weißwasser kommt: Ist man Weißwasserer?

Weißwasseraner!

Sie haben nach der Wende in Kanada gespielt und leben seitdem 23 Jahre im deutschen Westen. Wie empfinden Sie demgegenüber Ihre Weißwasseraner Heimat?

Da ist es so ruhig geblieben wie früher, und das ist schön so. Früher bin ich mit meinen alten Freunden noch regelmäßig um die Häuser gezogen bis zum nächsten Morgen. Aber seit wir alle Familie haben, sind wir etwas zurückhaltender geworden.

Heutzutage wird eher in der Datsche gegrillt?

Datschen brauchen wir nicht, bei uns zuhause sind die Grundstücke größer als hier. Da hat man Platz. Aber gegrillt wird gern, und manchmal gehen wir auch angeln. Das Kölner Leben ist im Vergleich hektischer.

Wobei der Kölner ja nicht von Hektik, sondern von Lebensfreude spricht.

(lacht) Ja, klar, kann man so oder so sehen. Als ich hier angekommen bin, dachte ich nur: Hilfe, Polizei. Nur Autos, nur Lärm, so viele Menschen. Und dann habe ich auch noch auf der Luxemburger gewohnt.

Und zum ersten Karneval haben Sie sich in der Bude eingeschlossen?

Karneval habe ich die ersten rund 15 Jahre gar nicht miterlebt, weil ich zu der Zeit immer mit der Nationalmannschaft unterwegs war.

Im Rahmen Ihres Jobs, über den wir heute nicht reden, waren Sie ja ohnehin jede Woche mindestens einmal verkleidet.

Genau, das hat mir dann auch gereicht. (lacht)

Sehen sie sich gern Western an, oder Kriegsfilme?

Als Kind habe ich natürlich Winnetou gesehen. Soldat James Ryan war, glaube ich, mein letzter Kriegsfilm.

Old Shatterhand träfe so eine Tontaube ohne zu zielen aus der Hüfte.

Selbst der hätte seine Schwierigkeiten.

Klären Waffen Konflikte?

Eigentlich nicht, siehe Amerika. Ich würde dieses Waffengesetz, nach dem sich jeder alles besorgen kann, abschaffen. Dabei kommen einfach zu viele unschuldige Menschen ums Leben. Wir haben es in letzter Zeit oft genug erlebt. Aber ich fürchte, bei der starken Waffenlobby dort wird das in den nächsten Jahren nichts.

Was lernt man beim Tontaubenschießen fürs Leben?

Dass man nicht auf Menschen schießen sollte.

Mittwoch, 13. Juli 2016

Kölner Gespräche (53): Benjamin Katz, Fotograf

Benjamin Katz wurde 1939 in Antwerpen geboren, wohin sein Vater, ein Berliner Jude, mit seiner Frau geflohen war. Er wuchs in Brüssel auf und zog 1956 nach Berlin. Dort gründete er mit Michael Werner die Galerie Werner & Katz, die aufsehenerregende, skandalumwitterte Ausstellungen z.B. mit dem jungen Georg Baselitz organisierte. Vom Galeristen zur Fotografie gewechselt, wurde er bekannt für seine dokumentarischen, situativen Künstlerportraits. Mehrmals war er an der Kasseler documenta beteiligt. Zuletzt wurde ihm Anfang 2016 der Düsseldorfer Kunstpreis der Künstler verliehen. Im September startet eine große Retrospektive in Paris.
Benjamin Katz lebt mit seiner Frau in der Innenstadt.

Sein Atelier hat er im Keller, die Wohnung liegt im fünften Stock. Einen Aufzug sucht man in diesem Haus vergeblich. Aber das Treppensteigen hält ihn fit, sagt der 76-jährige Benjamin Katz.

Sie sind in Antwerpen geboren. Haben Sie neben der deutschen die belgische Staatsangehörigkeit?

Nein, nur die deutsche. Mein Vater war Berliner, als Belgier hätte ich Militärdienst leisten müssen.

In jeder Kurzbiographie über Sie wird erwähnt, dass Sie Jude sind und Ihr Vater von den Nazis ermordet wurde. Finden Sie das richtig oder falsch?

Religion interessiert mich nicht besonders. Sehen Sie doch nur, was die Religion in den letzten Jahrhunderten angerichtet hat. Klar, wenn es mir schlecht geht, sage ich: Lieber Gott, hilf mir doch. Aber dabei bleibt´s auch. Natürlich gab es in Belgien einige, die mir vorwarfen, dass ich nach Berlin zog. Aber ich hatte schnell Freunde dort an der Kunstakademie. Zum Beispiel Georg Baselitz.

Ihre Galerie Werner & Katz organisierte 1963 eine frühe Baselitz-Ausstellung. Sie geriet wegen nackter Haut zum Skandal.

Im Nachhinein völlig lächerlich. Die Prüderie damals war extrem, es gab einen Prozess nach dem anderen. Denken Sie nur an Jean Genet. Heute lachen da die Hühner drüber.

Ihre erste Kamera bekamen sie 1953. Können Sie sich an Ihre ersten Bilder erinnern?

Die habe ich sogar noch, wenn auch nicht die Negative. Es war eine Bakelit-Kamera. Das sind Fotos vom Kudamm – keine Menschen, sondern Gebäude, ein pinkelnder Hund war auch dabei.

Sie stehen in dem Ruf, die richtigen Momente zu erwischen.

Okay, der Satz stimmt. Aber man kann 24 Stunden jeden Tag magische Momente erwischen. Mir war immer wichtig, möglichst natürliche, unkonstruierte Situationen abzubilden. Inszenierte Portraitsitzungen liegen mir nicht.

Eine Lehre haben Sie nie gemacht.

Das stimmt, ich bin Dilettant. Aber meine Augen habe ich immer geschult. Als Kind schon mochte ich Leonardo da Vinci und de Chirico, und mein Internatszimmer war voll mit Kunstpostkarten von Manet, van Gogh, Degas. Ein Freund meinte mal, ich hätte einen Zirkel im Auge.

Sie arbeiten bis heute analog. „Digital ist mir zu einfach“, sagen Sie.

Ja, nur dann habe ich das Gefühl, richtig zu arbeiten. Außerdem gehe ich einfach gern in die Dunkelkammer.

Manipulieren Sie Ihre Bilder zuweilen, wie das in der digitalen Welt üblich ist?

Wenn eine Stirnpartie nicht stimmt, belichte ich manchmal nach. Aber mit der Leica, die ich seit 1995 habe, ist das nie mehr nötig gewesen – ein phantastisches Gerät.

Sie sind mit Ihrer Kamera auf Vernissagen und sonstige Ereignisse gegangen, haben also gearbeitet, wenn andere Freizeit hatten.

Ich habe nicht gearbeitet, sondern mich beschäftigt. Ein Maler muss morgens in sein Atelier, sonst kriegt er Depressionen. Und für mich ist die Fotografie mein Lebenselexier. In den 70ern habe ich für verschiedene Kunstzeitschriften gearbeitet. Meistens habe ich Künstler begleitet, die ich besonders schätzte: Baselitz, Lüpertz, Penck undsoweiter. Sehr gern habe ich die dann vom Atelier über den Aufbau in den Ausstellungsräumen bis zur Vernissage begleitet. So wie das etwa Henri Cartier-Bresson mit Matisse gemacht hat.

Ihre frühen Kölner Jahre haben Sie mal als „Zeit der Ateliers und Kneipen“ bezeichnet. Was haben Sie damit gemeint?

In Läden wie dem alten Roxy oder dem EWG auf der Aachener Straße war ich praktisch täglich. Da traf man dann Jürgen Klauke, Michael Buthe oder Udo Kier. Im Roxy habe ich damals auch meine Frau kennengelernt, und wir leben immer noch zusammen.

Wie gehen Sie mit unwirschen Reaktionen der Portraitierten um?

Das ist mir nie passiert. John Baldessari hat mich als Fotograf einmal mit Jacques Tatis Monsieur Hulot verglichen. Für mich war das ein Kompliment – ich habe immer versucht, eine gewisse Komik zu erzeugen. Sie können niemanden fotografieren, den Sie nicht mögen. Da bekommen Sie kein anständiges Foto hin. Letztlich ist eine Fotositzung so etwas wie ein Pas de deux.

Würden Sie den Kunstfälscher Beltracchi portraitieren?

Niemals, für kein Geld der Welt. Handwerklich mag er begabt sein, aber diese Überheblichkeit à la „Leonardo da Vinci ist einfach“: Der Mann kapiert nicht, dass in der Kunst Herzblut und Schmerz stecken. Leute wie Gerhard Richter oder Georg Baselitz haben sogar echte Hungerzeiten hinter sich.

Richter verkauft heute zu Millionenpreisen.

Ja, und macht sich lustig darüber. Das sind unseriöse Herrschaften, die solche Preise bezahlen. Völliger Blödsinn.

Sie haben Anfang 2016 den ersten Preis überhaupt in Ihrem Leben entgegengenommen. Warum nur den?

Ich habe ich nie für solche Auszeichnungen interessiert und mich nie beworben. Aber dieser Preis der Kunstausstellung NRW wird von Künstlern verliehen, nicht von Galeristen oder Museumsdirektoren. Da bin ich schon stolz drauf. Außerdem sagte man mir, so ein Preis gäbe einen kleinen Schub. Die meisten Menschen kaufen Kunst mit den Ohren, verstehen Sie.

Kennen Sie den Meisterdetektiv Benjamin Katz?

(lacht) Auf den stoße ich beim Googeln, ich habe auch schonmal ein Buch von ihm geschenkt bekommen. Finde ich toll.

Das ist eine Figur aus einem Kinderkrimi. Ein anderer Benjamin Katz taucht bei den Desperate Housewives auf, und es gibt auch einen, der übers Internet Feuerwehrstiefel vertreibt.

Aufgezogen werde mich manchmal mit der Namensgleichheit zu Alex Katz, dem berühmten New Yorker Maler. Ich habe ihn mal für die Galerie Jablonka portraitiert, ein sehr sympathischer Mensch. Seine Familie stammt übrigens wie meine aus Odessa.

Sie haben zahllose Menschen portraitiert. Auch sich selbst?

Habe ich oft gemacht, na klar. Man sieht, dass die Hülle immer älter wird, innen drin aber noch immer das Kind steckt. In der Straßenbahn wundere ich mich immer, wenn jemand für mich aufsteht. Au, denke ich dann, du bist ein alter Knacker. (lacht)

Sie sehen durch die Augen dieses portraitierten Selbst in sich hinein?

Und stelle dabei fest, dass ich ernster werde. Ich gehe auf die 80 zu, meine Unschuld ist ein wenig verschwunden. Ich wollte mir nie eine Hornhaut anschaffen, und allzu dick ist sie, glaube ich, auch nicht geworden. Aber je älter man wird, desto mehr alte Freunde sterben weg, zuletzt Theo Lambertin. Wie Marcel Duchamps schon sagte: „D'ailleurs c'est toujours les autres qui meurent“ – „Im übrigen sind es immer die anderen, die sterben.“

Und das Selbstportrait heißt heute Selfie.

Oh Gott, ja. Vor ein paar Monaten war ich mit Baselitz in Venedig, und überall liefen diese Menschen mit ihren Selfiestöcken durch die Gegend. Das ist so dämlich, unfassbar!

Mittwoch, 6. Juli 2016

Coloniales (62)

Warum das Stadtzentrum auf der Schäl Sick liegt

Man nehme eine handelsübliche Landkarte (Maßstab z.B. 1:100.000) und schneide Köln an der Stadtgrenze entlang aus. Sodann klebe man das Ganze auf ein festes Stück Pappe und gleiche die Ränder an. Balanciert man dieses nun auf einem Kuliknopf oder dem Zeigefinger, wo wird sich die Stadt wohl einpendeln? – In Deutz, genauer gesagt mitten im Tanzbrunnen. Ergo: Wer ab durch die Mitte will, muss über den Rhein fahren.


Der Beweis, von oben und von der Seite:





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Mittwoch, 29. Juni 2016

Thekentänzer (102)

Wenn der Säbel juckt ...

Kneipe, Nordstadt, 21 Uhr. Zwei Typen um die 40, die modisch noch immer auf der Höhe sind:
Typ mit gestutztem Vollbart: „War so´n Tag, war ich fünf Mal am Büdchen. Und ab dem dritten Reißdorf kannte die mich.“
Typ mit fussigem Ziegenbart: „Wer hat gearbeitet? Die hübsche Türkin?“
Typ mit gestutztem Vollbart: „Genau die!“
Typ mit fussigem Ziegenbart: „Boah, die ...“
Typ mit gestutztem Vollbart: „Genau.“
Typ mit fussigem Ziegenbart: „Bei der muss ich immer an ´Polly´ von Nirvana denken.“

Kneipe, Nordstadt, 23 Uhr. Zwei Männer um die 50, die sich seit Stunden über verflossene Freundinnen unterhalten, sind in den 1970ern angekommen:
Mann mit Wolljanker: „Sie hieß Petra.“
Mann mit gelbem Fruit-of-the-Loom-Polohemd: „Wenn eine schon Petra heißt.“
Mann mit Wolljanker: „Auf der Grundschule hatten wir drei Petras in der Klasse.“
Mann mit gelbem Fruit-of-the-Loom-Polohemd: „Sag ich ja.“
Mann mit Wolljanker: „Aber meine Petra, Alter, war immer Jane, wenn wir Tarzan gespielt haben.“
Mann mit gelbem Fruit-of-the-Loom-Polohemd: „Sag´s jetzt nicht.“
Mann mit Wolljanker: „Doch, klar. Ich war Tarzan.“

Kneipe, Nordstadt, 1 Uhr nachts. Vor der Tür greift sich ein rauchender Gast kurz vorn in die Hose. Ein vorbeikommender Greis spricht ihn an:
„Wenn d´r Säbel jöck, hamm´r och baal wedder Kreech.“

Als noch alles gut war


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Mittwoch, 22. Juni 2016

Coloniales (61)

Diebesbanden: Früher kamen sie aus Düsseldorf

Anfang des 18. Jahrhunderts war die Lepra so gut wie ausgerottet. Es gab allerdings Menschen, die ein kriminelles Interesse am Fortbestand der Krankheit hatten. Zu ihnen zählte die „Große Siechenbande“ aus Ratingen bei Düsseldorf. Ausgestattet mit ergaunerten Lepra-Schaubriefen (einer amtlichen Beglaubigung der Krankheit) sowie der charakteristischen Leprosentracht (Siechenmantel und Siechenklappern), führte der kopfstarke Familienclan ein Leben im Verborgenen.
Insgesamt vier Leprosorien gab es vor den Toren der Stadt. Das größte von ihnen – vor jenen in Riehl, Rodenkirchen und am Judenbüchel (Südstadt) – war das von Melaten. Urkundlich belegt ist es seit Ende des 12. Jahrhunderts. Mobs wie die Siechenbande versteckten sich hier gern, zumal diese Orte von der Bevölkerung weiträumig gemieden wurden. Eines Tages im Jahre 1712 jedoch flogen die Räuber auf: Einige beim Obstdiebstahl ertappte Kinder prahlten, anstatt sich reuig zu zeigen, mit den Verbrechen ihrer Eltern und Großeltern. Zahllose Verstecke mit Kleider- und Knochenresten wurden ausgehoben. Im darauf folgenden Prozess wies man der Sippe insgesamt 18 Raubmorde und Mordversuche nach, die meisten Mitglieder wurden hingerichtet.
Auch in Köln interessierte man sich für die Tatsache, dass die Große Siechenbande ihre Lepraerkrankung nur vorgetäuscht hatte. Eine ärztliche Untersuchung in Melaten ergab, dass von den neun Bewohnern lediglich eine Frau leichte Symptome der Krankheit aufwies. Wie in den Herzogtümern Jülich und Berg (wozu Düsseldorf gehörte) wurden daraufhin auch die Kölner Stationen für immer geschlossen.

Das Leprosenmännchen an der Mauer von Melaten, Aachener Straße


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Mittwoch, 15. Juni 2016

Kölner Gespräche (52): Fortuna Köln-Boss Michael W. Schwetje

Michael W. Schwetje wurde 1967 in Krefeld geboren. Er studierte BWL an der renommierten WHU – School of Management in Koblenz. 1998 gründete er mit zwei Freunden das erfolgreiche Internet-Startup OnVista. 1999 wechselte das Unternehmen von St. Augustin nach Köln, bevor man es 2007 verkaufte. Danach eröffnete er die in Poll angesiedelte Betafabrik, die ebenfalls junge Online-Unternehmen entwickelt. Seit 2013 fungiert er zudem als Geschäftsführer der Fortuna Köln Spielbetriebsgesellschaft mbH.
Michael W. Schwetje lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Bonn.

Ein Bürogebäude im Rechtsrheinischen, eine Etage voller unauffälliger Büroräume. Hintendurch jedoch: ein mannsgroßer Werbeständer von Fortuna Köln – das Reich von Michael W. Schwetje.

Ihre Firma gründet Online-Unternehmen nach der Methode des „Lean Startup“? Was ist das?

Wir gründen Startups, indem wir Prototypen eines Produkts bauen und dieses schrittweise am Markt testen. Damit soll verhindert werden, dass wir jahrelang im eigenen Saft kochen und erst danach merken, dass das Produkt möglicherweise niemand haben möchte.

Menschen haben das Rad oder den Toaster erfunden. „Wir erfinden neue Online-Unternehmen“, heißt es auf Ihrer Website.

Genau. Wir erfinden Geschäftsideen, von denen wir glauben, dass die da draußen einen Markt haben. Es geht darum, neue oder gegebenenfalls bessere Konzepte als die zu entwickeln, die bereits existieren.

Ihre bislang erfolgreichste Geschäftsidee war 1998 OnVista. Was war das?

Das war ein Finanzportal. Unsere Ausgangsfrage lauetete: Was hat das Internet den klassischen Medien voraus? Die Schnelligkeit der Interaktion und Informationsweitergabe, war die Antwort. Besonders bot sich das unseres Erachtens für Finanzinformationen an – mit OnVista konnte man Kurse abfragen, man gelangte zu Unternehmensdaten und Fonds. Das war also eine Plattform für den gut informierten Privatanleger wie für den Profi.

Waren Ihre Eltern auch schon BWLer?

Mein Vater ist Jurist, meine Mutter hat Jura studiert und wurde dann Hausfrau. Ein klassisches Unternehmergen habe ich wohl nicht in die Wiege gelegt bekommen. Aber ich habe mit 15 Jahren schon an der Börse gehandelt.

Hatten Sie dabei Talent?

Ich denke schon. Ich habe damit ein bisschen Geld verdient, und es hat mir vor allem Spaß gemacht.

Haben Sie gepokert?

Pokern war damals noch nicht so groß. Sonst hätte sich das wahrscheinlich angeboten. OnVista habe ich dann mit zwei Freunden gegründet, weil wir immer vorhatten, etwas Eigenes zu machen.

Wie Zuckerberg mit Facebook.

Deutlich kleiner, aber vom Prinzip her ja.

Auf Ihrer Website sind Sie „der Michael“. Was bedeutet das?

Das heißt nur, dass man sich in der digitalen Welt eben duzt.

Sind Sie bei Fortuna der Michael oder der Herr Schwetje?

Sagen wir so: Ich bin wohl nicht der Kumpeltyp, der mit den Fans auf Du und Du ist und abends mit ein Bier trinken geht. Unter diesem Aspekt bin ich also eher Herr Schwetje, aber ich duze mich auch mit vielen Mitarbeitern im Verein.

Offiziell sind Sie Geschäftsführer der Fortuna. Wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben.

Ich bin der, der am Ende des Tages die geschäftspolitischen Entscheidungen trifft. Und der dafür verantwortlich ist, dass dieses Unternehmen – ich sehe Fortuna, die ausgegliederte 1. Mannschaft, als Unternehmen – am Markt erfolgreich agiert. Sprich: Die Mitarbeiter müssen bezahlt werden, wir müssen zusätzliche Umsätze generieren und uns auf allen Ebenen weiterentwickeln.

Was ist der Unterschied zwischen einem Investor, Sponsor und Mäzen?

Der Investor investiert Geld, um irgendwann einen wirtschaftlichen Nutzen daraus zu generieren. Ein Sponsor stellt einen Betrag zur Verfügung, für den er eine Gegenleistung bekommt: Bandenwerbung, Anzeigen, VIP-Karten etc. Der Mäzen ist dem Investor etwas ähnlicher. Er stellt Geld zur Verfügung, zielt in aller Regel aber nicht auf einen wirtschaftlichen Nutzen ab.

Sind Sie bei Fortuna, was Abramowitsch bei Chelsea ist?

Ich habe nie mit ihm über seine Rolle dort gesprochen. Aber vermutlich sieht sich Herr Abramowitsch eher als Mäzen. Wenn man die letzten Jahre betrachtet, hat er wohl nur Geld reingesteckt, ohne dass welches zu ihm zurückfloss.

Wie ist das Machverhältnis zwischen Ihnen als Investor und Herrn Westendorf als Präsident von Fortuna?

Wir haben einen sehr guten Austausch miteinander. Aber in Bezug auf die 1. Mannschaft habe ich die Verantwortung und die Entscheidungsgewalt. Andersherum habe ich ihm nichts zu sagen, was den Verein angeht. Die 1. Mannschaft ist in eine GmbH ausgegliedert, die Gesellschafter berufen den Geschäftsführer, und der entscheidet im Tagesgeschäft.

Kannten Sie Jean Löring und sein Fortuna-Geschäftsmodell?

Persönlich kannte ich ihn nicht, aber die entsprechenden Geschichten habe ich natürlich gelesen. Löring war Mäzen, nicht Investor, und außerdem nach meinem Verständnis ein echter Patriarch.

Wenig „lean“.

Ja, er hat faktisch so agiert, als habe ihm der Verein gehört. Und das war ja auch legitim. Jean Löring hat das Geld gegeben, also bestimmt er auch, was damit gemacht wird. Typen wie ihn gibt es nicht mehr, und ich denke, dass auch dieses Modell heute nicht mehr funktionieren würde.

Sie sehen sich als Investor und müssen als solcher den Markt nach erfolgversprechenden Unternehmen sondieren. Wie kommt man da ausgerechnet auf Fortuna Köln?

Wie die Jungfrau zum Kinde. Ein ehemaliger Mitarbeiter von mir hatte deinfußballclub.de gegründet, wo es darum ging, das Management eines Fußballvereins demokratisch zu führen. Ich wurde damals angesprochen, ob ich nicht mitmachen möchte, und daraus entstand dann später die Fortuna Köln Marketing GmbH. Ich fand das spannend, es ging um digitale Wirtschaft und Fußball.

Ihre Kulanz bezüglich Verlusten ist bei Fortuna höher als bei anderen Unternehmen, oder?

Hm, bei anderen hätte ich vielleicht früher die Reißleine gezogen, die emotionale Verbundenheit zur Fortuna ist definitiv da. Trotzdem hatte ich immer einen sehr wirtschaftlichen Blick. Wären wir vor zwei Jahren nicht in die 3. Liga aufgestiegen, ich glaube nicht, dass ich diesen Weg weiter begleitet hätte.

Also ging es um jene eine, letzte Minute im Aufstiegsspiel, als Fortuna den Glückstreffer bei den Amateuren von Bayern München erzielte?

Wenn Sie so wollen, ja. In der Regionalliga haben Sie keine Chance, wirtschaftlich profitabel zu arbeiten. Der Weg aus ihr heraus wiederum ist sehr teuer, aber die 3. Liga ist notwendige Basis dafür, irgendwann einmal Profite zu erzielen. Herz hin oder her.

Als wirtschaftlicher Laie und Kölner, der die Fortuna seit Jahrzehnten begleitet, sage ich: Sie häufen weder heute noch morgen oder übermorgen irgendwelche Reichtümer mit diesem Verein an.

Reichtümer sicher nicht. Aber wir werden Fortuna Köln in der 3. Liga profitabel und erfolgreich führen können. Das ist möglich, davon bin ich felsenfest überzeugt.

Im Kommunismus gab es Jahrespläne. Wie sähe Ihrer für die nächsten fünf Fortuna-Jahre aus?

Erstes Ziel ist, in ein, zwei Jahren so erfolgreich zu arbeiten, dass die Investoren kein weiteres Geld zuschießen müssen. Desweiteren geht es darum, die Umsätze zu steigern und so in die Mannschaft zu investieren, dass die Liga gehalten werden kann. Das ist schon gar nicht so einfach. In einer guten Saison können wir dann vielleicht auch mal oben ranschnuppern.

Die Fortuna ist noch immer 3. in der ewigen Tabelle der 2. Liga.

Das ist richtig, aber realistisch betrachtet setzt ein weiterer Aufstieg Gelder voraus, die wir in den nächsten paar Jahren nicht erwirtschaften können.

Also schnuppern ist erlaubt, aufsteigen nicht?

Ich habe wirtschaftliche Prinzipien, die dabei nicht über Bord gehen dürfen. Das heißt: Wenn es mit dem Aufstieg klappen sollte, nehmen wir die Herausforderung natürlich an. Aber nur mit einem gesunden Etat, der unseren Möglichkeiten entspricht. Es gibt ja Beispiele ...

Darmstadt in der 1. Liga.

Genau. Man darf eben nur nicht zwanghaft darangehen und dabei wirtschaftliche Regeln außer Kraft setzen.

Sie gelten als großer Sportfan. Sind sie auch selbst Sportler?

Heutzutage mache ich ein bisschen Fitness, Jogging und spiele mit meinen Kindern Fußball. Früher habe ich lange Tischtennis gespielt.

Haben Sie Karriere gemacht?

Ich habe mit zehn in Krefeld angefangen und es bis in die Oberliga geschafft. Aber das Studium an der WHU in Koblenz ist extrem arbeitsintensiv, also habe ich meinen Schläger an den Nagel gehängt.

Mittwoch, 8. Juni 2016

Kölner Gespräche (51): Xaõ Seffcheque, Ur-Punk

Xaõ Seffcheque wurde 1956 in Graz geboren. 1977 zog er nach Düsseldorf und wurde einer der führenden Köpfe der damals aufkommenden deutschen Punkszene. Zusammen mit Peter Hein (u.a. Fehlfarben) gründete er die Band Family Five, deren neue Platte „Was zählt“ im Juli erscheint. 2001 zog er von Düsseldorf nach Köln. Er schrieb für Sounds und Spex, moderierte beim WDR und gab Seminare an Filmhochschulen. Inzwischen schreibt er auch Drehbücher (z.B. „Die Kleinen und die Bösen“, Kinofim 2014 u.a. mit Christoph Maria Herbst und Anne Kim Sarnau).
Xaõ Seffcheque wohnt mit Frau und Sohn in Weiß.

Die Sonne scheint, als ich den deutschen Ur-Punk treffe. Der Schirm seiner Kappe steht sehr hoch, aber als er kurz den Kopf senkt, erkenne ich den Aufnäher dahinter: Es ist das Wappen von Fortuna Düsseldorf.




Sie haben 23 Jahre Düsseldorf und mittlerweile 16 in Köln hinter sich. Können Sie als gebürtiger Grazer mit der K-D-Rivalität etwas anfangen?

Ich glaube, Köln zelebriert das stärker. Wahrscheinlich weil die Stadt nach dem Krieg zu kurz kam und weder Bundes- noch Landeshauptstadt wurde. Außer dem Erzbischof gibt´s hier nichts. Gleichzeitig ist Düsseldorf zum Teil genau die Schnöselstadt, als die sie dasteht. Unter dem rheinischen Aspekt wiederum ähneln sich die beiden Städte mehr, als sie zugeben wollen.

Früher konnte man sich mit Düsseldorf im Fußball messen.

Ja, aber Düsseldorf hat nachgelassen, noch stärker als der FC. Ich hätte nichts gegen neue Kölner Erfolge, vor allem weil da mein alter Kumpel Jörg Schmadtke dabei ist.

In einer Punkband mit ihm haben Sie vermutlich nicht gespielt.

Nein, aber einige Jahre in einer Hobbykickermannschaft. Nach seiner Karriere hatte er nach einer weniger anstrengenden Alternative gesucht, und dann ist er bei unserer ambitionierten Bunte-Liga-Truppe Pink-Punk als übrigens exzellenter Mittelfeldspieler eingestiegen.

Sie kamen 1977 nach Düsseldorf, ins Zentrum des deutschen Punk. Wie sah Ihre heimatliche Grazer Szene damals aus?

Es gab viele Existenzialisten und Freaks, nicht zuletzt wegen der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst dort. Einige von denen wurden später Punks, aber 1977 hatte man da in Graz noch absolut nichts von gehört. Da regierte eher der Free Jazz.

Wie stießen Sie auf diese neue Musikrichtung?

Als der erste Mensch mit einer Platte der Ramones ankam, wollte ich das erst nicht glauben. Nach einem Song dachte ich, guter Witz, kann man mal machen. Aber dann merkte ich, dieser Sound ist das Konzept: Zwei Akkorde reichen für einen Song vollkommen aus, erzähl niemandem ohne Not, wenn du einen dritten spielen kannst.

Beim Zappen durch Ihre Youtube-Videos kam ich über Fehlfarben und Bauhaus bis zu den Virgin Prunes. Ein wilder Bogen, oder?

Hui. Also Fehlfarben ist klar, Peter Hein singt ja auch in meiner Band Familiy Five. In der Musikzeitschrift Sounds habe ich mal einen großen Konzertbericht über Bauhaus geschrieben. Und die Virgin Prunes mochte ich sehr, wie überhaupt die ganze Plattenfirma Rough Trade.

In Düsseldorf stiegen Sie zunächst bei Padlt Noidlt ein, dem Jazz-Dada-Projekt von Frank Köllges und Michael Jansen.

... und damals vor allem noch mit Mike Hentz. Mein Problem war allerdings, dass ich eigentlich viel zu schlecht war. Mein Repertoire an Gitarrengriffen hörte bei A6 auf, und 1978 war ich schon wieder raus.

In welchem Verhältnis steht Dada zu Punk?

Dada konzentrierte sich vor allem auf die Literatur und die Bildende Kunst. Punk war der erste Dadaismus in der Populärmusik. Es ging um die Auflösung überkommener Formen zugunsten von etwas Neuem. „No more heroes anymore“ hieß die Parole.

Und Gitarrensolos waren ab sofort verboten.

Genau. Später entwickelten sich natürlich aus dieser Anti-Star-Bewegung wieder neue Stars, das ist nicht zu vermeiden.

Wo steht John Lydon in dieser Entwicklung, der Sänger der Sex Pistols?

Hat gerade seine zweite, sehr unterhaltsame Autobiografie geschrieben. Ich stand mehr auf The Clash, aber Lydon ist tatsächlich eine, vielleicht DIE Symbolfigur des Punk. Und er ist der Idee bis heute ziemlich treu geblieben. Auf seine Weise.

1981 haben Sie einen Sampler mit Songs der deutschen Szene von der Plan über DAF bis Kraftwerk veröffentlicht. In Wirklichkeit waren alle Lieder von Ihnen. War das auch eine Dada-Aktion, oder wollten Sie nur berühmt werden?

Das war tatsächlich meine bestverkaufte Platte, aber damit konnte ich nicht rechnen. Es ging darum, den Originalitätsgedanken in der Kunst zu karikieren: Seht her, das klingt wie Kraftwerk, ist aber von Xao Seffcheque. Die Jungs von Kraftwerk waren übrigens anfangs sauer auf mich, haben die Idee dann aber verstanden und für gut befunden. So entkam ich einer Klage.

Die Kopie als Kunstgriff?

Das war mein Gedanke, , auch wenn es eher „originalklangnahe Interpretationen“ waren. Es kam dann bald darauf allerdings noch viel schlimmer: Die Neue Deutsche Welle brach los, der Ausverkauf des Punk. Den wollte ich auf diese Weise antizipieren.

Kann man eine weitere Entwicklungslinie von Punkbands wie DAF (Deutsch-Amerikanische Freundschaft) über Joachim Witt zu Rammstein und den Böhsen Onkelz ziehen?

Ja, kann man. Jede starke erste Idee spaltet sich auf, genau wie bei Religionen. Die Rezeption und deren Rückkopplung auf die Kunst tun das Ihrige, und plötzlich erlebt man seltsame Werteveränderungen. Die Punks haben mit „Rotfront“ genauso wie mit „Heil Hitler“ gespielt.

Gespielt!

Eben. Bei manchen Minderbemittelten wurde ernst daraus. Bei den Nazibands ist die ursprüngliche Haltung des Punk verschwunden, und sie haben in die bloße Form ihren eigenen Kram gebacken. In eine Backform passt der Guglhupfteig genauso wie die Blutpastete.

Warum ist der deutsche Punk ausgerechnet in Düsseldorf großgeworden?

Zufall ist bekanntlich der Schnittpunkt zweier Notwendigkeiten, und so war es auch hier. Die richtigen Menschen waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wir waren alle noch sehr jung, mit der Kunstakademie gab es eine gute Brutstätte. Und mit dem Ratinger Hof eine Kneipe mit sehr aufgeschlossener Wirtin.

Der Ruf des Ratinger Hofs ist legendär. Wie würden Sie den Laden heutigen Jugendlichen beschreiben?

Ein Wasserloch, an dem all die verschiedenen Tiere zum Saufen kamen. Die sensationellste Mischung aus neonbeleuchteter Bahnhofshalle und Bierkiosk mit guter Musik, die ich jemals erlebt habe.

Düsseldorf hatte Fehlfarben, Köln hatte BAP?

Dem gibt es eigentlich nichts hinzuzufügen. (lacht)

Aber?

Wie Düsseldorf Kraftwerk hatte, gab es in Köln Can – beides große Bands, die auch von Punks irgendwie respektiert wurden. Auch Niedeckens Vorliebe für Dylan haben wir geteilt. Dass BAP für uns damals extrem verschnarcht war, lag vor allem an deren Rockismus. Und die Stones, um noch eine Stufe höher zu gehen, waren der Klassenfeind.

Peter Hein wurde als Sänger der Fehlfarben berühmt. Sie beide haben mit Family Five aber auch eine Band, die nun 35 Jahre existiert.

Und die gerade wieder eine Platte gemacht hat. Peter lebt seit zehn Jahren in Wien, das ist ein humorvoller Mensch und toller Texter, mit dem man gut streiten und danach essen gehen kann.

Sie sind kürzlich 60 geworden. Wie war´s?

Tja, komisch. Ich glaube, vor allem für die anderen verändert sich durch solche Zahlen etwas. Ich selbst fühle mich noch immer wie früher. Beim Fußball laufe ich allerdings keinem 22-Jährigen mehr hinterher, das fällt schon auf. Da stell ich mich lieber nach vorne und warte, bis der Ball kommt. Und mehr trinken konnte ich auch, als ich jünger war.

Ich kann noch genauso viel trinken, leide aber länger.

So kann man´s auch ausdrücken: Die Rekonvaleszenzzeit streckt sich.

ZK, die Vorläuferband der Toten Hosen, sang „Dosenbier wollen wir“.

Das war gelogen. (lacht) Für mich war das Biertrinken ohnehin nur Attitüde, als Grazer stehe ich mehr auf Wein. Aber du konntest nicht irgendwo Pogo tanzen und dann an der Theke einen Chablis bestellen.