Mittwoch, 22. Mai 2013

Interviews (12)

Vom Lizbät zum Gaffel: Der kölsche Liedermacher Björn Heuser


Zur Person: Björn Heuser wurde 1982 in Ehrenfeld geboren und schrieb mit 13 seinen ersten kölschen Song. Nach dem Abitur studierte er Musik und arbeitet inzwischen auch als Dozent an der Kölner Uni. Seine Musikerkarriere begann an Kneipentheken, früh entstanden auch erste eigene LPs. Größere Popularität errang Heuser durch seine innovativen Mitsingkonzerte, bei denen das Publikum dank Textheftchen stimmlich mitwirkt. Seit 2008 steht er etwa im Gaffel am Dom auf der Bühne singt gemeinsam mit seinem Publikum kölsche Klassiker. Darüber hinaus tritt er auch mit seiner Band auf, die zuletzt das Album „Schloflos“ eingespielt hat. Ein weiterer Zweig ist die Arbeit mit Kindern, mit dem Projekt „Björns Bärenbande“ bringt er die kölsche Sprache in Kindergärten und Grundschulen. Björn Heusers Studio wohnt mit seiner Freundin in Bickendorf.

Im Ehrenfelder „Lizbät“ ist morgens um 11 noch nicht viel los. Auch Björn Heuser hat gerade erst gefrühstückt. Mit seiner Cola light in der Hand wirkt er außerordentlich entspannt, nicht wie ein Mann, der an die 300 Auftritte im Jahr absolviert.

Wer hat die Mitsingkonzerte erfunden?

Im Gottesdienst wurde schon immer mitgesungen. Und auch auf Karnevalssitzungen vor dem Krieg lagen Programmhefte mit Texten aus, denn früher wurden statt Klassikern immer neue Lieder vorgestellt.

Also dann: Wer hat diese Konzertform reanimiert?

Das nehmen ja inzwischen so einige für sich in Anspruch. Einen großen Schub brachte die Loss mer singe-Bewegung vor zwölf Jahren. Ungefähr zur gleichen Zeit habe ich auch mit meinen kölschen Abenden angefangen.

Wie ging das los?

Ich bin ein Kneipenkind, schon mein Opa hatte eine Gaststätte auf der Körnerstraße, wo ich aufgewachsen bin. Das kölsche Liederrepertoire habe ich dadurch praktisch mit der Muttermilch aufgesogen. Und irgendwann saß ich dann mit meiner Gitarre an Theken herum und habe diese Lieder vor und mit anderen gesungen.

Seit 2008 laufen deine Mitsingabende im Gaffel-Brauhaus, insgesamt kommst du da auf rund 200 Auftritte. Kannst du dich noch an den allerersten erinnern?

Oh ja, das war am 10.10.2008. Wenn der Laden voll ist, sind da bis zu 1.000 Leute, und davor hatte ich damals einen Heidenrespekt. Hinzu kam zu Anfang auch mein schlechtes Gewissen, weil ich dachte, die Menschen wollen vielleicht lieber in Ruhe ihr Hämchen essen und ein Kölsch trinken. Aber beim zweiten Lied sangen dann doch schon alle mit.

Normalerweise hadern Künstler nicht mit der Tatsache, dass plötzlich zehn Mal so viele Zuschauer wie sonst kommen.

Naja, ich war skeptisch, und ich will mit meiner Musik vor allem nicht aufdringlich sein. Anfangs ging man für die Gage sogar noch mit dem Hut rum, das hat sich zum Glück auch geändert.

Deine Skrupel haben sich inzwischen gelegt, nehme ich an.

Gottseidank, ja. Ich absolviere im Jahr an die 300 Auftritte. Und bei den Roten Funken am Neumarkt habe ich nur mit meiner Klampfe auch vor 7.000 Leuten gestanden.

Du hast Musik studiert. Wie verlief der Weg zum professionellen Musiker?

Wenn ich meine Abschlussprüfungen in Klavier und Gesang mit 1 bestehe, werde ich Profi, habe ich mir damals gesagt. Normalerweise stehe ich zu meinem Wort, und so auch in diesem Fall. Zum Glück hatte ich da auch sehr verständige Eltern.

Die dir jedes noch so schicke Plektrum finanziert haben?

Nein, das war gar nicht nötig, weil ich durch meine Auftritte immer schon mein eigenes Geld verdient habe.

Kaum jemand kennt den kölschen Liederschatz besser als du. Was zeichnet ihn aus?

Musikalisch-analytisch ist das eine sehr einfache Musik, ohne dass ich das jetzt negativ meine. Die Songs gehen selten über zwölf Töne hinaus, und mit drei, vier Akkorden kommt man durch die komplette Sammlung.

Eine dicke Trumm würde nicht reichen?

(lacht) Die stößt dann doch irgendwann an Grenzen. Wichtig sind aber nicht zuletzt die Texte, in denen es um die Menschen hier geht, um ihren Alltag und das Viertel, in dem sie wohnen. Jeder kennt eine alte Frau Schmitz, der man hin und wieder ein Blümchen schenkt.

Bei vielen Bands heutzutage hat man den Eindruck, man dürfe gar keine Songs mehr schreiben ohne Köln, Rhein, Dom und FC.

Ja, solche Lieder spiele ich nicht. Es gibt inzwischen über 200 kölsche Bands, und darunter sind viele Trittbrettfahrer. Die Texte, stelle ich fest, werden immer flacher.

Inwiefern?

Kölle über alles, Alaaf, Kamelle, Strüßjer und das war´s. Da freut man sich umso mehr über Newcomer wie Kasalla, die richtig gute Musik mit tollen, eigenen Texten machen. Jenseits ihrer Hits suchen die auch nach ganz anderen Themen.

Sind Kölner Lieder über Köln anders als Berliner Lieder über Berlin?

Ich glaube schon. So weit ich weiß, gibt es weltweit nur über New York mehr Songs als über Köln. Der Kölner ist durch seine Mentalität viel näher an seiner Stadt als andere, und viele Menschen hier sind echte Lokalpatrioten, ohne es überhaupt zu wissen. Die merken´s vielleicht erst, wenn sie sich Rosenmontag trotz Fieber aus dem Bett und auf die Straße quälen.

Dann ist der kölsche stärker als der Grippe-Virus.

Genau. Warum sonst kommen freitags 1.000 Leute ins Brauhaus zum Singen? Das ist das Kölngefühl, und dafür muss man zuhause keine rot-weiße Klobrille haben.

Was ist für dich ein Evergreen?

Zum Beispiel ein Lied wie das Meiers Kättche, bei dem jeder direkt einsteigen kann und wo jeder seine eigene Geschichte dazu hat. Das ist ja imgrunde ein trauriges Liebeslied, weil der Webers Mattes letztendlich gewinnt ...

Der Sack hat das Auto ...

Genau. Mir gefallen immer Lieder, die textlich nicht allzu plakativ daherkommen. Also etwa eine Nummer wie Drink doch eine met, über den alten Mann ohne Geld, der zu einem Bier eingeladen wird. Das mag ein bisschen naiv klingen, aber die Grundaussage, das Herzliche dahinter ist es, was Köln ausmacht.

Um von den Alten zu sprechen: Hat Ostermann den Karl Berbuers und Jupp Schmitz´ etwas voraus?

Er war der Erfolgreichste und hatte vielleicht das größte Repertoire. Aber Berbuers Camping-Leed ist ein genauso toller Song wie „Wat wor dat fröher schön doch en Colonia“. Diese Leute haben einen Grundstock gelegt, genau wie später die Fööss.

Neben deinen Soloauftritten hast du auch eine Band. Was wird mit E-Gitarre anders?

Vor allem, dass wir als Band meine eigenen Songs spielen. Ich habe mittlerweile rund 400 Nummern geschrieben, alle auf Kölsch natürlich. Und ich versuche mich dabei auch an Themen, die eben noch nicht allzu abgenutzt sind.

Zum Beispiel?

Auf meiner aktuellen LP „Schloflos“ handelt ein Lied von einem krebskranken Jungen, der im Sterben liegt. Wer ihn kennt, mag den Song vielleicht. Aber das ist definitv keine Feiermusik.

In welcher Tradition siehst du deine Songs musikalisch?

Das ist gepimpte Liedermachermusik, im Grunde wie bei BAP, die mir sowieso sehr wichtig sind. Die Lieder entstehen alle mit der Gitarre und werden dann durch andere Instrumente ergänzt und rockiger gestaltet.

Was kann der kölsche Dialekt besser als das Hochdeutsche?

Gefühle ausdrücken! Als ich in die Grundschule kam, musste ich erstmal Hochdeutsch lernen. Und meinen ersten Song, mit 13 zum Muttertag, habe ich selbstverständlich auch auf Kölsch geschrieben. Das ist für mich die einzige Sprache, in der ich meine Gefühle richtig formulieren kann.

Wo hat Kölsch Nachteile?

Für mich nirgends. Es sei denn, wir reden jetzt von kommerziellen Aspekten. Hochdeutsche oder englische Platten kann man sicherlich besser verkaufen. Kölsch ist für viele Nichtkölner eben nur Karneval und wird erstmal belächelt.

Um mit einer berühmten Frage zu enden: Warum gibt es kein kölsches Wort für Liebe?

Tja. (lacht) In der kölschen Sprache schwingt wahrscheinlich ohnehin genug Liebe mit. Und der Kölner legt sich eben auch nicht so gerne fest ...

Hinter „Ich han dich jän“ steht eher ein Komma als ein Punkt?

„Ich han dich jän“ heißt viel, aber nicht alles, dahiner steckt keine letzte Konsequenz. Aber ich kann als Texter und als Kölscher gut mit dieser Leerstelle leben und verzichte deshalb lieber auf Nothilfen wie „Leev“.

Also doch besser „Liebchen“?

Genau. Mit „sch“!


Weitere Informationen: www.heuser-koeln.de
Termine: Mitsingkonzert im Gaffel Am Dom, jeden Freitag ab 22.30 Uhr

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Mittwoch, 15. Mai 2013

Geschichten aus 1111 Nächten (38)

Drei Lichter

Der triefnasige Anton hatte sich von seinem zusammengeschnorrten Geld ein Fläschchen leckeres Gilden Kölsch gekauft. Als er es bis zur Neige geleert hatte und aufstand, fielen ihm zwei 10-Cent-Stücke aus der löchrigen Hose. Eine Welle der Rührung überlief ihn, wie immer, wenn sein kölsches Herz ein Zeichen des Himmels zu sehen glaubte. Und wie das bei diesem Menschenschlag so ist, trieb es ihn schnurstracke in die nächste Kirche.
Der heilige Willy beobachtete den armen Sünder, wie er sich am Eingang zwei Opferkerzen nahm und seinen erbärmlichen Gotteslohn in die Geldbüchse drückte. Anton entzündete das erste Kerzchen, ging zu einem Bild des Gekreuzigten und stellte es zu seinen Füßen ab. Als er sich danach auf den Weg zu einer düsteren Seitenkapelle machte, wurde Willy immer neugieriger darauf, was der Anton wohl im Schilde führe. Er folgte ihm also und sah, wie das zweite Kerzchen vor eine furchterregenden Darstellung des Teufels platziert wurde.
„Ja sag einmal, Gottloser, wieso opferst du denn dem Leibhaftigen?“
„Nun ja“, antwortete der Anton, „so hat es mir mein Mütterlein selig beigebracht. Dem lieben Gott schenke ich ein Licht, auf dass er mir Gutes tue. Und dem Deibel eines, damit er mir nichts Böses tue.“
Und da ging auch dem heiligen Willy ein Licht auf.


Die schönsten Kreuze gibt es in der Eifel - hier: St. Thomas

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Dienstag, 7. Mai 2013

Interviews (11)

Der Greifvogel-Pfleger von Gut Leidenhausen:

Ratte, Taubenbrust oder Rinderherz

Zur Person: Karl-Heinrich Terglane wurde 1966 in Münster-Hiltrup geboren. In Essen absolvierte er eine Lehre zum Floristen, später kam noch eine Weiterbildung zum Garten- und Landschaftsbauer hinzu. Einige Jahre arbeitete er selbstständig, nicht zuletzt als Einrichter von Terrarien. 2005 kam Terglane nach Köln und begann ein Praktikum als Tierpfleger im Zoo. Seit August 2008 arbeitet er als Pfleger auf der Greifvogelschutzstation von Gut Leidenhausen. Karl-Heinrich Terglane wohnt mit seinen Tieren in der Kölner Innenstadt.

Ein Sonntagmorgen auf Gut Leidenhausen in Eil. Karl-Heinrich Terglane war wie immer früh aus den Federn, alle Vögel sind längst gefüttert und versorgt. Im gemütlichen Büro der Greifvogelschutzstation dreht sich der Tierpfleger ein Zigarettchen und lehnt sich zurück. Feierabend.

Was macht ein Vogeltierpfleger?

Wir halten zunächst mal die Volieren der hier lebenden Vögel sauber. Und darüber hinaus kümmern wir uns um die Tiere, die eingeliefert werden.

Wie werden Neuankömmlinge behandelt?

Wir arbeiten mit einer Tierärztin zusammen, die die Vögel gründlich untersucht und eine Diagnose erstellt. Die Tiere sind meistens sehr geschwächt, da reicht es nicht, denen ein Frühstück vorzulegen. Die müssen von uns oft regelrecht gestopft werden.

Womit?

Das kann Ratte, Küken, Taubenbrust oder Rinderherz sein. Die Fleischstückchen werden dann portionsgerecht zugeschnitten und den Vögeln per Pinzette verabreicht.

Reißen die den Schnabel sofort auf?

Vor allem Jungtiere machen kaum Probleme, zumal man die an jenen Härchen streicheln kann, die um den Schnabel herum wachsen. Bei älteren hingegen muss man zuweilen ganz von Hand arbeiten.

Sie züchten Ihre Ratten selbst. Werden die dann lebend verfüttert?

Nein, zu reinen Futterzwecken werden die vorher getötet, also in den Zustand des Frischfutter-Seins verbracht. Wir töten „human“, mit CO2, die Tiere schlafen friedlich ein, bevor sie sterben.

Als Laie stellt man sich Ihren Job hier recht romantisch vor. Wie ist die Wirklichkeit?

Eine Futterrunde sonntagsmorgens im Schnee ist sicherlich romantisch. Aber so einen halb verhungerten, schwer kranken Vogel wieder hochzupäppeln, ist eine komplizierte Angelegenheit. Immerhin hatten wir letztes Jahr eine Wiederauswilderungsquote von 63,5 %, damit können wir sehr zufrieden sein.

Auch während des Interviews geht der Tierpfleger stets ans Telefon, wenn es klingelt. Schließlich kommen bei ihm auch die Vogelnotrufe an, wenn im Stadtgebiet mal wieder ein verletztes oder sonstwie geschwächtes Tier entdeckt worden ist. Terglane vermittelt die Anrufer in so einem Fall an die Tierrettung derFeuerwehr, die den Vogel dann in Eil am Gut Leidenhausen abliefert.

Die Entlassung zurück in die Natur ist das Ziel Ihrer Einrichtung?

Ja. Die Vögel werden gepflegt, bis sie wieder allein fressen können, und kommen dann in spezielle Auswilderungs-Volieren.

Das ist also kein reines Altersheim hier?

Für die Vögel im öffentlichen Bereich gilt das schon. Sie sind aufgrund ihrer Verletzungen oder Erkrankung nicht mehr auswilderungsfähig und haben sich teilweise zu sehr an den Menschen gewöhnt. Im hinteren Bereich stehen hingegen Volieren, in denen sich die Vögel ihre natürliche Scheu bewahren. Dort sind auch große Wannen integriert, in denen die Tiere etwa das Jagen und Töten einer Ratte wieder erlernen können.

Sie müssen den Vögeln also zugleich helfen und ihnen fernbleiben?

Bei Jungvögeln bilden die ersten 13 Tage das Limit. Jenseits dessen können die Tiere fehlgeprägt werden, auch Mäusebussarde können durch zu viel menschlichen Kontakt fehlgeprägt und zu umgänglich werden.

Bilden sich unter den Patienten hier zuweilen Pärchen?

Die Schleiereulen kuscheln gern miteinander. Bei den Uhus haben wir sogar ein Zuchtpärchen, das schon zwei Mal Nachwuchs bekommen hat. Das müssen wir in Zukunft allerdings leider unterbinden, weil der Uhu-Bestand in NRW gesichert ist.

Sprechen Sie mit den Vögeln?

Sagen wir so: Ich rede beruhigend auf sie ein. Kein Vogel lässt sich freiwillig anfassen, da muss man sich schon etwas einfallen lassen. Also lobe ich den Vogel auch jedes Mal, wenn er gut abschluckt. Einigen haben wir auch Namen gegeben, da denke ich etwa an Ronja, Liebchen und Carl.

Haben die Vögel auch ihrerseits Begrüßungsrituale?

Der Mäusebussard Jacko, der 2012 mit fast 35 Jahren gestorben ist, hat immer laut gerufen, wenn man kam. Manche Vögel sehen einen an oder schlagen mit dem Schnabel, wobei man aber nie genau weiß, ob das eine Drohung oder eine freundliche Begrüßung ist.

Wie kann man Uhu und Kauz akustisch unterscheiden?

Naja, der Uhu macht „Buhu“. Der Waldkauz klingt nach „Huhu“, und der Steinkauz macht eher „Kuwitt“. Den kann ich allerdings nicht so einfach imitieren.

Ist es für Sie hier schon mal gefährlich geworden?

Eigentlich nicht. Aber wenn im Frühjahr die Balz losgeht, muss man ein bisschen aufpassen. Bei den Bartkäuzen trage ich dann einen Schutzhelm, weil die gern auf die Augen gehen. So mancher Hobby-Ornithologe ist deshalb einäugig.

Mit welchen Tieren hatten Sie bei Ihrem Praktikum im Kölner Zoo zu tun?

Vor allem mit Huftieren, also etwa Hirschen und Antilopen.

Und waren Sie als Kind eher der Kanarienvogel- oder der Meerschweinchen-Typ?

Ich hatte zuhause Reptilien und Fische. Und später auch Hühner und Enten, nicht zuletzt wegen der Eier.

Bei letzteren handelt es sich immerhin schon um Federvieh.

Ich hatte sogar mal einen Beo und einen Wellensittich, aber die unterscheiden sich doch ganz enorm von den Greifvögeln, mit denen ich es hier zu tun habe. Heimvögel leiden normalerweise auch nicht unter Parasiten oder Pilzen, wie es hier nicht selten vorkommt. Ganz zu schweigen von den Lausfliegen, die sich ins Gefieder einnisten und für unsere Vögel lebensgefährlich werden können.

Verzichten Sie auf Heimreptilien, seit Sie hier arbeiten?

Ich habe noch immer zwei Hahns Zwergaras und einen Gecko, der bald auch wieder Gesellschaft bekommen wird. Aber die Vögel hier faszinieren mich jeden Tag aufs Neue. Man darf auch nicht vergessen, dass diese Tiere eine wichtige Rolle im Ökosystem Wald spielen. Immerhin stehen sie an der Spitze der Nahrungskette und regulieren etwa die Mäuse- und Rattenpopulation.

Warum hat die Schutzstation nur einmal pro Woche geöffnet?

Weil diese Arbeit sehr personalintensiv ist. Wenn wir hier nicht einen Stamm von Ehrenamtlichen hätten, wären selbst diese Öffnungszeiten gefährdet. Natürlich sehen wir hier vor allem während der Ferien die vielen Familien vorbeispazieren und überlegen, in dieser Zeit auch wochentags zu öffnen. Aber das ist, wie leider so oft, eine Geldfrage.

Zum Schluss führt mich Karl-Heinrich Terglane noch in die Rattenzucht des Gutes Leidenhausen. In selbstgebauten, soliden Käfigen leben ca. 60 bis 80 Tiere - sauber, lieb und putzig. Manche pflegen ihren Nachwuchs, andere dösen im Stroh. Und einige von ihnen werden sogar von der finalen Verfütterung verschont und haben hier Wohnrecht auf Lebenszeit.



Weitere Informationen: www.sdw-nrw-koeln.de. Die Greifvogelschutzstation ist an Sonn- und Feiertagen von 10-17 Uhr (Winter) und 10-18 Uhr (Sommer) bei freiem Eintritt geöffnet. Jeden 3. Samstag im Monat findet um 15 Uhr eine kostenlose Führung statt. Sie lebt überwiegend von Spenden, u.a. besteht die Möglichkeit, Tierpate zu werden. Spendenkonto: 100 2971, Sparkasse KölnBonn.


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Mittwoch, 1. Mai 2013

Thekentänzer (66)

Als Trinken noch lustig war

Tiger ist heute groß in Form: „Fragt der mich am nächsten Morgen nach meiner Telefonnummer, und ich so: ´Haste nich gesehn, die hab ich mir doch aufn Hintern tätowieren lassen.“
Im Fernsehen läuft Fußball, und irgendein Fremder sagt, der Bessere solle gewinnen.
„Das ist ja wohl voll schwul“, weist die Rote Tina ihn zurecht.
„Stimmt“, pflichtet Tiger ihr bei.
Der Bessere gewinnt am Ende, Tiger und Tina sind beim fünften Becks-Genever-Gedeck. In Tinas fussiger Lockenmähne flirren die letzten Sonnenstrahlen. Draußen geht die „Omma“ vorbei, ein alter Kerl, der seit zwei Wochen in eine andere Kneipe schlappt. Seine Plauze verlangt nach einem heftigen Hohlkreuz, gierigen Blicks schiebt er sich gen nächste Straßenecke.
„Ich kenn einen, der hat sich beim Bund seinen Arm abgeschossen. Und in die Handprothese passt jetzt genau ein Kölschglas, mit dem kleinen Finger drunter als Stütze“, sagt Tina.
„Dat die mal nicht irgendwann die Durchmesser ändern“, trällert Tiger. Das Kreuztattoo an seiner Schläfe vibriert im Takt der darunterliegenden Ader. Eine junge, leicht vernachlässigt wirkende Frau tritt ein und erklärt, sie habe gestern wohl ihren FC-Schal hier liegenlassen. Als sie ihn schließlich in einem fiesen Altkleiderhaufen hinter dem Eingang entdeckt, ist er über und über mit Guinness versifft. Sie zuckt mit den Schultern und legt ihn sich um.
„Die nächsten zwei Tage hab ich frei“, sagt sie. Und der Kellner zapft wortlos ein Stout.
Aus den Boxen schallt ein deutscher Protestsong aus den 70ern, Floh de Cologne. Es geht um den Sozialismus. Tiger macht schlapp und lässt den nächsten Genever aus. „Wie ein Eichhörnchen“, schimpft Tina, „du trinkst wie ein Eichhörnchen, ich glaub, ich such mir jetzt mal nen anderen, da hinten die Type gefällt mir sogar.“
„Ts ts“, macht Tiger, gespielt beleidigt und wuschelt ihr durch die Mähne, „ich sag´s ja immer: Unter einem rostigen Dach liegt meistens ein feuchter Keller.“

Zeit ist Geld

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Mittwoch, 24. April 2013

Geschichten aus 1111 Nächten (37)

Ein Reim auf „Frau“

Anton war dermaßen auf den Hund gekommen, dass er sich bei seinem alten Kumpel Jean als Köbes in dessen Brauhaus verdingt hatte. Tagein tagaus schleppte er Kölschgläser, leerte Aschenbecher und wischte Tische, bis ihn die Füße schmerzten. Jean, der zwar kein gutes, aber immerhin ein Herz unter der Brust trug, sah das Elend seines überforderten Freundes gar wohl. Eines Tages in der (viel zu kurzen) Mittagspause setzte er sich für ein Minütchen neben Anton, der gerade gierig die von einem japanischen Pärchen nur angenagten Reste eines Halven Hahns verschlang.
„Sag an, lieber Freund“, schlug Jean ihm auf die Schulter, „wie wäre es mit einem kleinen Reimwettbewerb, ganz wie in der alten Zeit?“
Anton hatte zwar nicht die geringste Lust dazu, aber er war auch kein Mensch, der gern aufbegehrte. Also fügte er sich in sein Schicksal, und Jean begann zu deklamieren:

„Ich heiße Sylvester
und schlafe bei deiner Schwester.“

Anton erwiderte irritiert: „Du heißt doch gar nicht Sylvester.“
„Na und?“
„Und eine Schwester habe ich auch nicht.“
„Aber es geht doch um den Reim, du Erzdepp!“
Anton wusste weder ein noch aus, aber irgend etwas antwortete aus ihm:

„Lieber Jean, ich heiße Anton
und schlafe mit deiner Frau.“

„Das reimt sich ja gar nicht“, schrie Jean empört und stampfte zurück in sein Chefbüro. Am nächsten Tag jedoch, nach einer fürchterlichen Nacht, zahlte er dem Anton ein Jahresgehalt und entließ ihn aus seinem Frondienst:
„Zieh hin, Freund Anton“, gab er ihm mit auf den Weg, „ich habe viel von dir gelernt, denn du bist mir im Reimen deutlich überlegen.“

Man nimmt, was man kriegt

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Mittwoch, 17. April 2013

Interviews (11): Sylvia Arndt

Die Frauenhaus-Leiterin

Zur Person:
Sylvia Arndt wurde 1958 in Leverkusen geboren. In Köln studierte sie Sozialpädagogik und trat dann eine erste Stelle im Bürgerschaftshaus Bocklemünd an. Vier Jahre betreute sie eine Mädchengruppe des Jugendzentrums. Im Elisabeth-Fry-Haus in Raderthal begann sie als Sozialarbeiterin und wurde 2004 dessen Leiterin. Seit 2008 fungiert sie zudem als Bereichsleiterin in der Diakonie Michaelshoven.

Vor der Tür stehen einige Frauen und rauchen. Hinter Glas sitzt eine Pförtnerin, hier kommt niemand unbeobachtet rein oder raus. Trotzdem wirkt die Atmosphäre im Elisabeth-Fry-Haus sehr unaufgeregt, sehr entspannt. Genau wie Sylvia Arndt.

Das Elizabeth-Fry- ist kein klassisches Frauenhaus. Wo liegen die Unterschiede?

Reine Frauenhäuser sind Schutzhäuser für Frauen, die Opfer von Gewalt wurden oder davon bedroht sind. Die Häuser sind anonym, und da dürfen auch keine Männer rein. Wir hingegen verstehen uns als Notaufnahme und Wohnheim für Frauen. Unsere Adresse ist bekannt, und wir betreuen zum Beispiel auch wohnungslose und psychisch kranke Frauen.

Steht hier jeden Tag ein Polizeiwagen vor der Tür?

Das kommt nicht selten vor, ja. Wir haben hier zwei bis drei Aufnahmen pro Tag bzw. Nacht, insgesamt über 1.000 im Jahr.

Sind Sie mit der behördlichen Zusammenarbeit in Köln zufrieden?

Insgesamt schon, hier existieren gute Netzwerke. Aber natürlich müssen auch wir genau beobachten, wo in Köln gespart wird. In unserer Beratungsstelle „Der Wendepunkt“ steigen z.B. die Anfragen ständig, aber nicht die Personalkapazitäten. Es gibt es bei uns einige Bereiche, in denen wirklich am Limit gearbeitet wird.

Ist Ihre soziale Einrichtung auch eine politische?

Eine gesellschaftspolitische auf jeden Fall, und eine frauenpolitische auch. Dass Frauen ein Recht auf Schutz vor häuslicher Gewalt haben, ist eine politische Errungenschaft. Dass es Frauenhäuser überhaupt gibt, reicht eigentlich schon als Aussage in diesem Zusammenhang.

Hat sich Ihr Menschenbild durch die Arbeit hier geändert?

Nein, mein Vertrauen in die Menschheit ist noch immer groß.

Nehmen Sie die Arbeit mit nach Hause?

Manchmal schon, wenn auch nicht mehr so häufig wie früher. Es gibt einfach Konstellationen, die einen unerwartet berühren. Die sind so verzwickt, so zum Verzweifeln. Als Sozialarbeiterin sucht man immer nach Lösungen. Ich musste aber lernen, dass es in manchen Fällen einfach keine gute Lösung gibt.

Sie hören hier vermutlich von vielen trostlosen Schicksalen.

Viele Geschichten, die uns die Frauen erzählen, sind furchtbar. Da geht es um tiefe Demütigung, um Frauenverachtung. Und ganz schlimm ist es auch, wenn dann noch Kinder mitbetroffen sind. Ich weiß, dass in der Presse gern auch konkrete Beispiele gelesen werden, aber das halte ich so detailliert nicht für notwendig..

Ihr Haus ist letztendlich ein Zufluchtsort. Läge so etwas nicht besser im Grünen?

Nein, solche Einrichtungen müssen immer vor Ort sein, schnell erreichbar für die Frauen. Hier gegenüber liegt ein Seniorenwohnhaus der GAG, dessen Bewohner viel Zeit haben. Die bekommen etwa mit, wenn den ganzen Tag ein Mann herumstreunt und unser Haus beobachtet. Von daher bringt uns dieses Nebeneinander sogar einen gewissen Schutz.

Nach all Ihren Erfahrungen: Würden Sie unterschreiben, dass die „heilige Familie“ noch immer das ideale Modell menschlichen Zusammenlebens ist?

(lacht) Nein, wenn man so lange wie ich in diesem Job arbeitet, sicherlich nicht. Eine gut funktionierende Familie ist natürlich eine wunderbare Sache. Aber oft klappt es eben auch nicht, etwa wenn Armut, Alkoholismus, Arbeitslosigkeit oder Ähnliches hinzukommen. Dann kann das Modell Familie zu einem Gefängnis werden, vor allem für die Frauen.

Wären vielleicht Dreier-Konstellationen besser, in denen man immer wechselnde Allianzen bildet?

Nein, also, das muss jeder selbst wissen.

Das Leben in der Kommune scheint seit den 1970ern ausgestorben zu sein. Mit Recht?

Hier im Wohnheim spielen sich die gleichen Geschichten ab, wie man sie aus früheren Wohngemeinschaften kennt. Nur dass wir es hier auch noch mit schwer belasteten, oft wenig konfliktfähigen Menschen zu tun haben. Von daher ist das kein einfaches Modell.

„Männer sind Schweine“, singen die Ärzte. So lapidar würden Sie es vermutlich nicht sagen.

(lacht) Männer spielen eine ganz wichtige Rolle im Leben der Frauen hier. Viele wollen auch gern wieder eine Beziehung haben oder gehen zu ihrem Mann zurück.

Das Gegenteil des Ärzte-Spruches wäre: Männer sind auch nur Opfer.

Nein, so einfach ist das nicht. Wobei es einige gibt, die sicherlich therapeutische Hilfe brauchen. Im Elisabeth-Fry-Haus haben wir auch einen männlichen Mitarbeiter, der den Frauen vielleicht dabei hilft, auch mal ein anderes Männerbild zu kennenzulernen.

Ist männliche Gewalt ein soziales oder biologisches Phänomen?

Tja, das ist die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Um einen Satz von Simone de Beauvoir abzuwandeln: Man wird nicht als Mann geboren, man wird dazu gemacht. Aber jenseits dessen gibt es sicherlich biologische Unterschiede zwischen den Geschlechtern, die unterschiedliche Verhaltensweisen fördern.

Sie nehmen hier Gewaltopfer auf, aber auch Frauen, die aus dem Gefängnis kommen und möglicherweise Gewalttäterinnen waren. Birgt das Konflikte?

Da entstehen durchaus schon mal Probleme. Aber die geben uns dann auch die Chance, bestimmte Mechanismen mit den Frauen zu besprechen. Man kennt ja etwa das Muster, dass sich Opfer immer wieder einen vermeintlich starken Halt suchen und so stets aufs Neue in eine Abhängigkeit geraten.

Wie gehen Sie innerhalb Ihres Hauses mit Gewalt um.

Mal abgesehen davon, dass es auch verbale Gewalt gibt, hört es hier bei körperlicher Gewalt komplett auf. Manchmal ist die Betroffene vielleicht vorher arg provoziert worden, aber wir müssen uns an bestimmte Regeln halten. Deshalb müssen diese Frauen das Haus dann verlassen, auch wenn es im Einzelfall bitter sein kann.

Warum braucht eine Kulturnation wie Deutschland im Jahr 2013 überhaupt noch Frauenhäuser?

Eine gewaltlose Gesellschaft ist eine Utopie, genauso wie eine kriegsfreie. Man muss daran arbeiten, Strukturen so zu verändern, dass Gewalt minimiert wird.

Woran denken Sie da?

Gute Bildung und Ausbildung sind zum Beispiel sehr wichtig. Gerade Frauen haben zu lange in Abhängigkeit gelebt, sie sollten auf eigenen Füßen stehen können. Auch Gleichberechtigung muss gelernt und sollte an Schulen gelehrt werden.



Die Pförtnerin entsichert die Tür, die bei unangemeldeter Öffnung schrillen würde. Draußen stehen die beiden selben Frauen und rauchen. „Tschö“, sagt die eine, als ich auf mein Fahrrad steige. „Tschö“, antworte ich.


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Mittwoch, 10. April 2013

Geschichten aus 1111 Nächten (36)

Über das Lügen

Einst versammelte der heilige Willy seine drei Messdiener um sich. Gerade hatte er sich einen Kelch Wein eingeschenkt, da überfiel ihn jäh eine Laune:
„Wer mir von euch Dreien die größte Lüge erzählt, der bekommt von mir einen ganzen Ring von der zartesten Flönz.“
Die drei Knaben bekamen rote Ohren, so aufgeregt waren sie. Aber alle drei hatten es zugleich faustdick dahinter.
„Ich habe Zeit meines Lebens noch nie gelogen“, hob schließlich der Erste an. Und der Zweite setzte nach:
„Lieber heiliger Willy, ich kann gar nicht lügen.“
Der dritte Messdiener, ein bauernschlaues Kerlchen namens Cöbes, füllte Willys Becher nach, bevor er sagte:
„Und weißt du was, Herr? - Meine beiden Vorgänger haben die volle Wahrheit gesprochen!“

Herr Präsident: Die Woosch!

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