Mittwoch, 22. Juni 2016

Coloniales (61)

Diebesbanden: Früher kamen sie aus Düsseldorf

Anfang des 18. Jahrhunderts war die Lepra so gut wie ausgerottet. Es gab allerdings Menschen, die ein kriminelles Interesse am Fortbestand der Krankheit hatten. Zu ihnen zählte die „Große Siechenbande“ aus Ratingen bei Düsseldorf. Ausgestattet mit ergaunerten Lepra-Schaubriefen (einer amtlichen Beglaubigung der Krankheit) sowie der charakteristischen Leprosentracht (Siechenmantel und Siechenklappern), führte der kopfstarke Familienclan ein Leben im Verborgenen.
Insgesamt vier Leprosorien gab es vor den Toren der Stadt. Das größte von ihnen – vor jenen in Riehl, Rodenkirchen und am Judenbüchel (Südstadt) – war das von Melaten. Urkundlich belegt ist es seit Ende des 12. Jahrhunderts. Mobs wie die Siechenbande versteckten sich hier gern, zumal diese Orte von der Bevölkerung weiträumig gemieden wurden. Eines Tages im Jahre 1712 jedoch flogen die Räuber auf: Einige beim Obstdiebstahl ertappte Kinder prahlten, anstatt sich reuig zu zeigen, mit den Verbrechen ihrer Eltern und Großeltern. Zahllose Verstecke mit Kleider- und Knochenresten wurden ausgehoben. Im darauf folgenden Prozess wies man der Sippe insgesamt 18 Raubmorde und Mordversuche nach, die meisten Mitglieder wurden hingerichtet.
Auch in Köln interessierte man sich für die Tatsache, dass die Große Siechenbande ihre Lepraerkrankung nur vorgetäuscht hatte. Eine ärztliche Untersuchung in Melaten ergab, dass von den neun Bewohnern lediglich eine Frau leichte Symptome der Krankheit aufwies. Wie in den Herzogtümern Jülich und Berg (wozu Düsseldorf gehörte) wurden daraufhin auch die Kölner Stationen für immer geschlossen.

Das Leprosenmännchen an der Mauer von Melaten, Aachener Straße


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Mittwoch, 15. Juni 2016

Kölner Gespräche (52): Fortuna Köln-Boss Michael W. Schwetje

Michael W. Schwetje wurde 1967 in Krefeld geboren. Er studierte BWL an der renommierten WHU – School of Management in Koblenz. 1998 gründete er mit zwei Freunden das erfolgreiche Internet-Startup OnVista. 1999 wechselte das Unternehmen von St. Augustin nach Köln, bevor man es 2007 verkaufte. Danach eröffnete er die in Poll angesiedelte Betafabrik, die ebenfalls junge Online-Unternehmen entwickelt. Seit 2013 fungiert er zudem als Geschäftsführer der Fortuna Köln Spielbetriebsgesellschaft mbH.
Michael W. Schwetje lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Bonn.

Ein Bürogebäude im Rechtsrheinischen, eine Etage voller unauffälliger Büroräume. Hintendurch jedoch: ein mannsgroßer Werbeständer von Fortuna Köln – das Reich von Michael W. Schwetje.

Ihre Firma gründet Online-Unternehmen nach der Methode des „Lean Startup“? Was ist das?

Wir gründen Startups, indem wir Prototypen eines Produkts bauen und dieses schrittweise am Markt testen. Damit soll verhindert werden, dass wir jahrelang im eigenen Saft kochen und erst danach merken, dass das Produkt möglicherweise niemand haben möchte.

Menschen haben das Rad oder den Toaster erfunden. „Wir erfinden neue Online-Unternehmen“, heißt es auf Ihrer Website.

Genau. Wir erfinden Geschäftsideen, von denen wir glauben, dass die da draußen einen Markt haben. Es geht darum, neue oder gegebenenfalls bessere Konzepte als die zu entwickeln, die bereits existieren.

Ihre bislang erfolgreichste Geschäftsidee war 1998 OnVista. Was war das?

Das war ein Finanzportal. Unsere Ausgangsfrage lauetete: Was hat das Internet den klassischen Medien voraus? Die Schnelligkeit der Interaktion und Informationsweitergabe, war die Antwort. Besonders bot sich das unseres Erachtens für Finanzinformationen an – mit OnVista konnte man Kurse abfragen, man gelangte zu Unternehmensdaten und Fonds. Das war also eine Plattform für den gut informierten Privatanleger wie für den Profi.

Waren Ihre Eltern auch schon BWLer?

Mein Vater ist Jurist, meine Mutter hat Jura studiert und wurde dann Hausfrau. Ein klassisches Unternehmergen habe ich wohl nicht in die Wiege gelegt bekommen. Aber ich habe mit 15 Jahren schon an der Börse gehandelt.

Hatten Sie dabei Talent?

Ich denke schon. Ich habe damit ein bisschen Geld verdient, und es hat mir vor allem Spaß gemacht.

Haben Sie gepokert?

Pokern war damals noch nicht so groß. Sonst hätte sich das wahrscheinlich angeboten. OnVista habe ich dann mit zwei Freunden gegründet, weil wir immer vorhatten, etwas Eigenes zu machen.

Wie Zuckerberg mit Facebook.

Deutlich kleiner, aber vom Prinzip her ja.

Auf Ihrer Website sind Sie „der Michael“. Was bedeutet das?

Das heißt nur, dass man sich in der digitalen Welt eben duzt.

Sind Sie bei Fortuna der Michael oder der Herr Schwetje?

Sagen wir so: Ich bin wohl nicht der Kumpeltyp, der mit den Fans auf Du und Du ist und abends mit ein Bier trinken geht. Unter diesem Aspekt bin ich also eher Herr Schwetje, aber ich duze mich auch mit vielen Mitarbeitern im Verein.

Offiziell sind Sie Geschäftsführer der Fortuna. Wie würden Sie Ihre Rolle beschreiben.

Ich bin der, der am Ende des Tages die geschäftspolitischen Entscheidungen trifft. Und der dafür verantwortlich ist, dass dieses Unternehmen – ich sehe Fortuna, die ausgegliederte 1. Mannschaft, als Unternehmen – am Markt erfolgreich agiert. Sprich: Die Mitarbeiter müssen bezahlt werden, wir müssen zusätzliche Umsätze generieren und uns auf allen Ebenen weiterentwickeln.

Was ist der Unterschied zwischen einem Investor, Sponsor und Mäzen?

Der Investor investiert Geld, um irgendwann einen wirtschaftlichen Nutzen daraus zu generieren. Ein Sponsor stellt einen Betrag zur Verfügung, für den er eine Gegenleistung bekommt: Bandenwerbung, Anzeigen, VIP-Karten etc. Der Mäzen ist dem Investor etwas ähnlicher. Er stellt Geld zur Verfügung, zielt in aller Regel aber nicht auf einen wirtschaftlichen Nutzen ab.

Sind Sie bei Fortuna, was Abramowitsch bei Chelsea ist?

Ich habe nie mit ihm über seine Rolle dort gesprochen. Aber vermutlich sieht sich Herr Abramowitsch eher als Mäzen. Wenn man die letzten Jahre betrachtet, hat er wohl nur Geld reingesteckt, ohne dass welches zu ihm zurückfloss.

Wie ist das Machverhältnis zwischen Ihnen als Investor und Herrn Westendorf als Präsident von Fortuna?

Wir haben einen sehr guten Austausch miteinander. Aber in Bezug auf die 1. Mannschaft habe ich die Verantwortung und die Entscheidungsgewalt. Andersherum habe ich ihm nichts zu sagen, was den Verein angeht. Die 1. Mannschaft ist in eine GmbH ausgegliedert, die Gesellschafter berufen den Geschäftsführer, und der entscheidet im Tagesgeschäft.

Kannten Sie Jean Löring und sein Fortuna-Geschäftsmodell?

Persönlich kannte ich ihn nicht, aber die entsprechenden Geschichten habe ich natürlich gelesen. Löring war Mäzen, nicht Investor, und außerdem nach meinem Verständnis ein echter Patriarch.

Wenig „lean“.

Ja, er hat faktisch so agiert, als habe ihm der Verein gehört. Und das war ja auch legitim. Jean Löring hat das Geld gegeben, also bestimmt er auch, was damit gemacht wird. Typen wie ihn gibt es nicht mehr, und ich denke, dass auch dieses Modell heute nicht mehr funktionieren würde.

Sie sehen sich als Investor und müssen als solcher den Markt nach erfolgversprechenden Unternehmen sondieren. Wie kommt man da ausgerechnet auf Fortuna Köln?

Wie die Jungfrau zum Kinde. Ein ehemaliger Mitarbeiter von mir hatte deinfußballclub.de gegründet, wo es darum ging, das Management eines Fußballvereins demokratisch zu führen. Ich wurde damals angesprochen, ob ich nicht mitmachen möchte, und daraus entstand dann später die Fortuna Köln Marketing GmbH. Ich fand das spannend, es ging um digitale Wirtschaft und Fußball.

Ihre Kulanz bezüglich Verlusten ist bei Fortuna höher als bei anderen Unternehmen, oder?

Hm, bei anderen hätte ich vielleicht früher die Reißleine gezogen, die emotionale Verbundenheit zur Fortuna ist definitiv da. Trotzdem hatte ich immer einen sehr wirtschaftlichen Blick. Wären wir vor zwei Jahren nicht in die 3. Liga aufgestiegen, ich glaube nicht, dass ich diesen Weg weiter begleitet hätte.

Also ging es um jene eine, letzte Minute im Aufstiegsspiel, als Fortuna den Glückstreffer bei den Amateuren von Bayern München erzielte?

Wenn Sie so wollen, ja. In der Regionalliga haben Sie keine Chance, wirtschaftlich profitabel zu arbeiten. Der Weg aus ihr heraus wiederum ist sehr teuer, aber die 3. Liga ist notwendige Basis dafür, irgendwann einmal Profite zu erzielen. Herz hin oder her.

Als wirtschaftlicher Laie und Kölner, der die Fortuna seit Jahrzehnten begleitet, sage ich: Sie häufen weder heute noch morgen oder übermorgen irgendwelche Reichtümer mit diesem Verein an.

Reichtümer sicher nicht. Aber wir werden Fortuna Köln in der 3. Liga profitabel und erfolgreich führen können. Das ist möglich, davon bin ich felsenfest überzeugt.

Im Kommunismus gab es Jahrespläne. Wie sähe Ihrer für die nächsten fünf Fortuna-Jahre aus?

Erstes Ziel ist, in ein, zwei Jahren so erfolgreich zu arbeiten, dass die Investoren kein weiteres Geld zuschießen müssen. Desweiteren geht es darum, die Umsätze zu steigern und so in die Mannschaft zu investieren, dass die Liga gehalten werden kann. Das ist schon gar nicht so einfach. In einer guten Saison können wir dann vielleicht auch mal oben ranschnuppern.

Die Fortuna ist noch immer 3. in der ewigen Tabelle der 2. Liga.

Das ist richtig, aber realistisch betrachtet setzt ein weiterer Aufstieg Gelder voraus, die wir in den nächsten paar Jahren nicht erwirtschaften können.

Also schnuppern ist erlaubt, aufsteigen nicht?

Ich habe wirtschaftliche Prinzipien, die dabei nicht über Bord gehen dürfen. Das heißt: Wenn es mit dem Aufstieg klappen sollte, nehmen wir die Herausforderung natürlich an. Aber nur mit einem gesunden Etat, der unseren Möglichkeiten entspricht. Es gibt ja Beispiele ...

Darmstadt in der 1. Liga.

Genau. Man darf eben nur nicht zwanghaft darangehen und dabei wirtschaftliche Regeln außer Kraft setzen.

Sie gelten als großer Sportfan. Sind sie auch selbst Sportler?

Heutzutage mache ich ein bisschen Fitness, Jogging und spiele mit meinen Kindern Fußball. Früher habe ich lange Tischtennis gespielt.

Haben Sie Karriere gemacht?

Ich habe mit zehn in Krefeld angefangen und es bis in die Oberliga geschafft. Aber das Studium an der WHU in Koblenz ist extrem arbeitsintensiv, also habe ich meinen Schläger an den Nagel gehängt.

Mittwoch, 8. Juni 2016

Kölner Gespräche (51): Xaõ Seffcheque, Ur-Punk

Xaõ Seffcheque wurde 1956 in Graz geboren. 1977 zog er nach Düsseldorf und wurde einer der führenden Köpfe der damals aufkommenden deutschen Punkszene. Zusammen mit Peter Hein (u.a. Fehlfarben) gründete er die Band Family Five, deren neue Platte „Was zählt“ im Juli erscheint. 2001 zog er von Düsseldorf nach Köln. Er schrieb für Sounds und Spex, moderierte beim WDR und gab Seminare an Filmhochschulen. Inzwischen schreibt er auch Drehbücher (z.B. „Die Kleinen und die Bösen“, Kinofim 2014 u.a. mit Christoph Maria Herbst und Anne Kim Sarnau).
Xaõ Seffcheque wohnt mit Frau und Sohn in Weiß.

Die Sonne scheint, als ich den deutschen Ur-Punk treffe. Der Schirm seiner Kappe steht sehr hoch, aber als er kurz den Kopf senkt, erkenne ich den Aufnäher dahinter: Es ist das Wappen von Fortuna Düsseldorf.




Sie haben 23 Jahre Düsseldorf und mittlerweile 16 in Köln hinter sich. Können Sie als gebürtiger Grazer mit der K-D-Rivalität etwas anfangen?

Ich glaube, Köln zelebriert das stärker. Wahrscheinlich weil die Stadt nach dem Krieg zu kurz kam und weder Bundes- noch Landeshauptstadt wurde. Außer dem Erzbischof gibt´s hier nichts. Gleichzeitig ist Düsseldorf zum Teil genau die Schnöselstadt, als die sie dasteht. Unter dem rheinischen Aspekt wiederum ähneln sich die beiden Städte mehr, als sie zugeben wollen.

Früher konnte man sich mit Düsseldorf im Fußball messen.

Ja, aber Düsseldorf hat nachgelassen, noch stärker als der FC. Ich hätte nichts gegen neue Kölner Erfolge, vor allem weil da mein alter Kumpel Jörg Schmadtke dabei ist.

In einer Punkband mit ihm haben Sie vermutlich nicht gespielt.

Nein, aber einige Jahre in einer Hobbykickermannschaft. Nach seiner Karriere hatte er nach einer weniger anstrengenden Alternative gesucht, und dann ist er bei unserer ambitionierten Bunte-Liga-Truppe Pink-Punk als übrigens exzellenter Mittelfeldspieler eingestiegen.

Sie kamen 1977 nach Düsseldorf, ins Zentrum des deutschen Punk. Wie sah Ihre heimatliche Grazer Szene damals aus?

Es gab viele Existenzialisten und Freaks, nicht zuletzt wegen der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst dort. Einige von denen wurden später Punks, aber 1977 hatte man da in Graz noch absolut nichts von gehört. Da regierte eher der Free Jazz.

Wie stießen Sie auf diese neue Musikrichtung?

Als der erste Mensch mit einer Platte der Ramones ankam, wollte ich das erst nicht glauben. Nach einem Song dachte ich, guter Witz, kann man mal machen. Aber dann merkte ich, dieser Sound ist das Konzept: Zwei Akkorde reichen für einen Song vollkommen aus, erzähl niemandem ohne Not, wenn du einen dritten spielen kannst.

Beim Zappen durch Ihre Youtube-Videos kam ich über Fehlfarben und Bauhaus bis zu den Virgin Prunes. Ein wilder Bogen, oder?

Hui. Also Fehlfarben ist klar, Peter Hein singt ja auch in meiner Band Familiy Five. In der Musikzeitschrift Sounds habe ich mal einen großen Konzertbericht über Bauhaus geschrieben. Und die Virgin Prunes mochte ich sehr, wie überhaupt die ganze Plattenfirma Rough Trade.

In Düsseldorf stiegen Sie zunächst bei Padlt Noidlt ein, dem Jazz-Dada-Projekt von Frank Köllges und Michael Jansen.

... und damals vor allem noch mit Mike Hentz. Mein Problem war allerdings, dass ich eigentlich viel zu schlecht war. Mein Repertoire an Gitarrengriffen hörte bei A6 auf, und 1978 war ich schon wieder raus.

In welchem Verhältnis steht Dada zu Punk?

Dada konzentrierte sich vor allem auf die Literatur und die Bildende Kunst. Punk war der erste Dadaismus in der Populärmusik. Es ging um die Auflösung überkommener Formen zugunsten von etwas Neuem. „No more heroes anymore“ hieß die Parole.

Und Gitarrensolos waren ab sofort verboten.

Genau. Später entwickelten sich natürlich aus dieser Anti-Star-Bewegung wieder neue Stars, das ist nicht zu vermeiden.

Wo steht John Lydon in dieser Entwicklung, der Sänger der Sex Pistols?

Hat gerade seine zweite, sehr unterhaltsame Autobiografie geschrieben. Ich stand mehr auf The Clash, aber Lydon ist tatsächlich eine, vielleicht DIE Symbolfigur des Punk. Und er ist der Idee bis heute ziemlich treu geblieben. Auf seine Weise.

1981 haben Sie einen Sampler mit Songs der deutschen Szene von der Plan über DAF bis Kraftwerk veröffentlicht. In Wirklichkeit waren alle Lieder von Ihnen. War das auch eine Dada-Aktion, oder wollten Sie nur berühmt werden?

Das war tatsächlich meine bestverkaufte Platte, aber damit konnte ich nicht rechnen. Es ging darum, den Originalitätsgedanken in der Kunst zu karikieren: Seht her, das klingt wie Kraftwerk, ist aber von Xao Seffcheque. Die Jungs von Kraftwerk waren übrigens anfangs sauer auf mich, haben die Idee dann aber verstanden und für gut befunden. So entkam ich einer Klage.

Die Kopie als Kunstgriff?

Das war mein Gedanke, , auch wenn es eher „originalklangnahe Interpretationen“ waren. Es kam dann bald darauf allerdings noch viel schlimmer: Die Neue Deutsche Welle brach los, der Ausverkauf des Punk. Den wollte ich auf diese Weise antizipieren.

Kann man eine weitere Entwicklungslinie von Punkbands wie DAF (Deutsch-Amerikanische Freundschaft) über Joachim Witt zu Rammstein und den Böhsen Onkelz ziehen?

Ja, kann man. Jede starke erste Idee spaltet sich auf, genau wie bei Religionen. Die Rezeption und deren Rückkopplung auf die Kunst tun das Ihrige, und plötzlich erlebt man seltsame Werteveränderungen. Die Punks haben mit „Rotfront“ genauso wie mit „Heil Hitler“ gespielt.

Gespielt!

Eben. Bei manchen Minderbemittelten wurde ernst daraus. Bei den Nazibands ist die ursprüngliche Haltung des Punk verschwunden, und sie haben in die bloße Form ihren eigenen Kram gebacken. In eine Backform passt der Guglhupfteig genauso wie die Blutpastete.

Warum ist der deutsche Punk ausgerechnet in Düsseldorf großgeworden?

Zufall ist bekanntlich der Schnittpunkt zweier Notwendigkeiten, und so war es auch hier. Die richtigen Menschen waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wir waren alle noch sehr jung, mit der Kunstakademie gab es eine gute Brutstätte. Und mit dem Ratinger Hof eine Kneipe mit sehr aufgeschlossener Wirtin.

Der Ruf des Ratinger Hofs ist legendär. Wie würden Sie den Laden heutigen Jugendlichen beschreiben?

Ein Wasserloch, an dem all die verschiedenen Tiere zum Saufen kamen. Die sensationellste Mischung aus neonbeleuchteter Bahnhofshalle und Bierkiosk mit guter Musik, die ich jemals erlebt habe.

Düsseldorf hatte Fehlfarben, Köln hatte BAP?

Dem gibt es eigentlich nichts hinzuzufügen. (lacht)

Aber?

Wie Düsseldorf Kraftwerk hatte, gab es in Köln Can – beides große Bands, die auch von Punks irgendwie respektiert wurden. Auch Niedeckens Vorliebe für Dylan haben wir geteilt. Dass BAP für uns damals extrem verschnarcht war, lag vor allem an deren Rockismus. Und die Stones, um noch eine Stufe höher zu gehen, waren der Klassenfeind.

Peter Hein wurde als Sänger der Fehlfarben berühmt. Sie beide haben mit Family Five aber auch eine Band, die nun 35 Jahre existiert.

Und die gerade wieder eine Platte gemacht hat. Peter lebt seit zehn Jahren in Wien, das ist ein humorvoller Mensch und toller Texter, mit dem man gut streiten und danach essen gehen kann.

Sie sind kürzlich 60 geworden. Wie war´s?

Tja, komisch. Ich glaube, vor allem für die anderen verändert sich durch solche Zahlen etwas. Ich selbst fühle mich noch immer wie früher. Beim Fußball laufe ich allerdings keinem 22-Jährigen mehr hinterher, das fällt schon auf. Da stell ich mich lieber nach vorne und warte, bis der Ball kommt. Und mehr trinken konnte ich auch, als ich jünger war.

Ich kann noch genauso viel trinken, leide aber länger.

So kann man´s auch ausdrücken: Die Rekonvaleszenzzeit streckt sich.

ZK, die Vorläuferband der Toten Hosen, sang „Dosenbier wollen wir“.

Das war gelogen. (lacht) Für mich war das Biertrinken ohnehin nur Attitüde, als Grazer stehe ich mehr auf Wein. Aber du konntest nicht irgendwo Pogo tanzen und dann an der Theke einen Chablis bestellen.

Mittwoch, 1. Juni 2016

Thekentänzer (101)

Am schönsten lebt sich´s frei von Pflicht


„Wer mit 16 nicht die Undertones gehört hat, ist ein verdammter BWLer“, sagt Harry.
„Wer mit 16 die Undertones gehört hat, geht stramm auf die 60 zu“, sagt Kevin.

***

„Mein Ex war Alkoholiker“, sagt Brigitte.
„Meiner auch“, erwidert Achim.
„Hat der dich auch am Ende verkloppt?“
„Nee, genau das Gegenteil. Der hat mich nicht mehr angerührt.“
„Stimmt, das ist auch scheiße.“

***

Gast: „Machst du mir meinen Deckel?“
Kellner: „15 Euro.“
Der Gast reicht ihm einen 20er und einen 10er: „Kannst du mir so rausgeben, dass ich 15 Euro behalte?“

***

1. alter Sack: „In meiner Kneipe in Mülheim kostet das Rentnergedeck nur 1,20 – da sag ich natürlich nicht nein.“
2. alter Sack: „1,20?“
„Ja.“
„Glaub ich nicht.“
„Naja, also, das Angebot gilt auch nur bis 12 Uhr mittags.“

***

Und an der Tafel an der Wand steht:

Am schönsten lebt sich´s frei von Pflicht
Hackedicht im Schummerlicht.


Eins geht immer


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Mittwoch, 25. Mai 2016

Deutsche Sprichwörter (13)

Der Bonner Philologe Karl Simrock (1802-76) edierte unter anderem eine umfangreiche Sammlung deutscher Sprichwörter. Hier eine Wochenauswahl zum Thema: Probleme & Problemchen

# Es geht nichts über Reinlichkeit, sagte die alte Frau und wandte alle Weihnacht ihr Hemd um.

# Practica est multiplex, sagte der Bauer, zog sich einen Wurm und band den Schuh damit.

# Ofen, Bett und Kanne, sind gut dem alten Manne.

# Hat Paulus einen kranken Fuß, St. Peter drum nicht hinken muss.

# Was der Mutter ans Herz geht, geht dem Vater an die Knie.


Auch irgendwie problematisch

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Mittwoch, 18. Mai 2016

Kölner Gespräche (50)
Heute: Michael Ross, Sherlock-Holmes-Experte und Buchhändler



Michael Ross wurde 1973 in Krefeld geboren. In Köln studierte er Anglistik, Germanistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften. Als Jugendlicher entdeckte er seine Leidenschaft für Arthur Conan Doyle und dessen genialischen Helden Sherlock Holmes. Ross´ umfangreiche Sammlung zur deutschsprachigen Holmes-Literatur kann im Kriminalhaus Hillesheim (www.kriminalhaus.de) besichtigt werden. 2006 eröffnete er am Hermeskeiler Platz in Sülz die Buchhandlung Baskerville, die er zusammen mit seiner Frau führt. Die beiden wohnen in Lindenthal.

Kinder-, Köln- und Kochbücher, die üblichen Bestseller: Ich befinde mich hier in einer ganz gewöhnlichen Buchhandlung, sagt man sich. Hinten rechts jedoch steht ein dunkles Regal, wie ein Findling - das ist die Sherlock-Holmes-Ecke.


Warum lesen Menschen Krimis?

Ich denke, ein Anreiz ist, dass Krimis immer an die eigene Wirklichkeit angebunden sind. Gleichzeitig sind die Geschichten weit genug weg, um sich zwar gruseln zu können, aber nicht ängstigen zu müssen.

Hat es auch mit Sublimierung zu tun?

Wahrscheinlich schon. Je länger ich jedoch hier im Buchladen stehe und Krimis verkaufe, desto schwerer wird es mit den Motivationen der Leser. Als Klassiker gilt etwa: Die Kindergärtnerin braucht´s blutig ...

... und der Mörder war aber immer der Gärtner.

Genau, und die Kindergärtnerin liest gern vom mordenden Gärtner. Je weniger brutal der Alltag ist, desto härter darf der Krimi sein.

Verhindern zehn gelesene Morde einen echten?

Ich bin kein Psychologe, aber das glaube ich nicht. Früher kursierte die umgekehrte These: Krimikonsum stachele zu kriminellen Handlungen an. Anfang des 20. Jahrhunderts kam die Heftchenkultur auf, und mit ihr dieser Verdacht. Aber der ist inzwischen ja nun gründlich widerlegt. Wer Tom & Jerry guckt, haut auch nicht gleich jedem den Kopf ein.

Sie gelten als Sherlock-Holmes-Experte. Was bedeutet das?

Mitte der 80er Jahre interessierte dieses Art Literatur keinen Menschen. Aber ich als Jugendlicher entdeckte diese Geschichten und fand schließlich heraus, dass international eine verschworene Fan-Gemeinde von Sherlockianern und Holmesologen existiert.

Ähnlich den Donaldisten?

Ja, die haben sich einiges bei uns abgeschaut. Es geht um eine pseudowissenschaftliche, durchaus auch humorvolle Beschäftigung mit dem Thema - bei genauer Kenntnis aller Details, versteht sich.

Wie fing das bei den Sherlockianern an?

Mit einem Theologen, der in den 20ern zeigte, wie aberwitzig es sein kann, bei Arthur Conan Doyle Textanalyse zu betreiben. Er fand etwa heraus, dass Dr. Watson mal unter einer Schulter-, mal einer Beinverletzung leidet. Die Krimiautorin Dorothy Sayers hat mal gesagt: Dieses Spiel betreibt man mit demselben Ernst wie Cricket auf dem Land.

Also: Spaß und Ernst reichen sich die Hand, und danach geht man einen trinken?

Genau. (lacht)

Sie bearbeiten zuweilen auch Aufträge als Holmes-Experte. Welche zum Beispiel?

Immer wieder gern mache ich die Untertitel für die neue Sherlock-Serie mit Benedict Cumberbatch. Auch die deutschen DVD-Texte zu dem gerade Ostern ausgestrahlten Special sind von mir. Und in den Booklets kann ich darüber hinaus mein Hintergrundwissen beisteuern. Diese modernen Folgen sind voller Anspielungen auf das Original.

Zum Beispiel?

In der 1. Folge der 2. Staffel bleibt Dr. Watsons Besucherzähler auf der Homepage bei 1895 hängen. Das ist eine Anspielung auf das Gedicht des amerikanischen Holmes-Forschers Vincent Starrett , das mit den Zeilen endet: „Though the world explode/ these two survive/ and it is always eighteen ninety-five.“ 1895 war die Hochphase der Sherlock-Literatur.

Ein echter Insiderwitz also.

Genau, das versteht weltweit nur eine Handvoll Menschen, darunter Freaks wie die Drehbuchautoren von „Sherlock“.

Warum Doyle und nicht der als literarischer eingestufte Edgar Allan Poe?

Doyle hat mal gesagt: Wenn jeder Schriftsteller, der Poe etwas verdankt, ein Zehntel seines Honorars für ein Poe-Denkmal spendet, würden die Pyramiden von Gizeh neu gebaut werden.

Sprich: Alle Autoren profitieren von Poe.

Ja, auch Doyle. Poe ist zuweilen sehr abstrakt und philosophisch. Aber der Hauptgrund, warum die Doyle-Gemeinde größer ist, liegt vielleicht darin, dass Sherlock ein echter Serienheld ist. Bei Poe fallen oft gar keine Namen, sein Detektiv Dupin taucht nur in drei Geschichten auf.

Arthur Conan Doyle fuhr unter anderem auf einem Walfängerschiff. Wo spielten sich Ihre Abenteuer ab?

Doch eher in Buchwelten, muss ich zugeben. Mütterlicherseits gibt es in meiner Familie einige Weltenbummler, und mein Bruder arbeitet als FAZ-Journalist in Washington. Ich bin jedoch offenbar väterlicherseits geprägt und deshalb sesshafter.

Und Sie haben eine umfangreiche Holmes-Sammlung zusammengetragen, die inzwischen im Hillesheimer Kriminalhaus untergebracht ist.

Das Bedeutendste an dieser Sammlung ist ihre Vollständigkeit. Ich habe ab den 90ern versucht, alles an deutscher Holmes-Literatur zusammenzubringen, was überhaupt nur existiert. Darunter sind etwa alle 37 Ausgaben des „Hunds der Baskervilles“ oder die türkische Übersetzung eines deutschen Holmes-Heftchen aus den 1920ern.

Sein Name stammt möglichrweise von „shear lock“ und bezeichnet jemanden mit einer Kurzhaarfrisur. Welches Bild hatten Sie als Jugendlicher von Sherlock Holmes?

Das war sehr stark durch Verfilmungen geprägt, bei mir vor allem durch die Serie mit Jeremy Brett in den 1980ern und 90ern. Ich visualisiere allerdings selten beim Lesen und habe ein unglaublich schlechtes Gedächtnis für Gesichter.

Können Sie unseren Fotografen beschreiben, dem Sie vor 15 Minuten die Hand geschüttelt haben?

(Günther Meisenberg sitzt mit seiner Kamera etwas abseits. Michael Ross blickt weiter mich an und sagt:)

Keine Chance, genau das ist es. Zum Glück musste ich noch nie als Zeuge jemanden identifizieren.

In den jüngeren Verfilmungen wird Holmes stets als exzentrische Figur dargestellt. Warum?

So war er bei Doyle auch schon: ein Morphium und Kokain konsumierender, blasierter, unhöflicher, genialer Bohemien. Jeremy Brett sagte mal: Ich würde nicht die Straße überqueren, um ihm die Hand zu schütteln. Gemeint war: Holmes war alles andere als ein netter Kerl.

Der Autor Doyle war Mediziner und hat mit Holmes eine Figur von hochanalytischem Verstand geschaffen. In späten Jahren mutierte Doyle allerdings zum Mystiker, der u.a. an Feen glaubte.

Das stimmt, er stand damit allerdings nicht alleine. Es gab einen nicht kleinen Zirkel von Wissenschaftlern, die versuchten, das scheinbar Überirdische real zu beweisen. Heute weiß man, sie haben sich von Schaubudentricks blenden lassen.

Wieso wohl?

Ein Grund mag der Erste Weltkrieg sein. Doyle hat Sohn, Bruder und viele Verwandte dort verloren, und viele Menschen hofften damals, doch noch einmal irgendwie Kontakt mit den Verstorbenen herzustellen. Doyle hat ein Großteil seiner Sherlock-Tantiemen für den Spiritismus verpulvert.

Holmes lässt zuweilen die Täter entkommen. Wie interpretieren Sie das?

Nun ja, ihn interessiert nur die Lösung des Rätsels. Die Verurteilung der Täter ist nicht seine Sache. Auch hierin spiegelt sich sein gesellschaftliches Außenseitertum.

Man könnte das auch amoralisch und anmaßend, eine Form der Selbstjustiz nennen.

Ist es auch, klar. Vereinbar mit unseren Normen war und ist das nicht. Ringt einem Respekt ab, wenn jemand so über den Dingen steht, auch wenn ich´s nicht zur Nachahmung empfehle.

Drei Entweder-oder-Fragen: Whodunnit oder Howdidhedoit?

Howdidhedoit.

Holmes oder Watson?

Watson.

Hans Albers oder Benedict Cumberbatch?

Cumberbatch, ganz klar. Wobei ich den Film mit Hans Albers großartig finde. Aber Albers ist viel mehr ein deutscher Heftroman-Holmes als der von Conan Doyle.

Sie führen hier mit Ihrer Frau eine eigentlich normale Buchhandlung. Verkaufen sie dennoch mehr Doyle-Bücher als Ihre Kollegen?

Früher war das so, weil ich schon - zum Teil antiquarische - Doyle-Bücher vorrätig hatte, bevor dieser Trend aufkam. Die Neuverfilmungen und die angesprochene Serie der BBC haben inzwischen einen Boom ausgelöst und sorgen auch für Neuübersetzungen auf dem Buchmarkt. Was soll ich sagen: Hab ich nix gegen!


Mittwoch, 11. Mai 2016

Deutsche Sprichwörter (12)

Der Bonner Philologe Karl Simrock (1802-76) edierte unter anderem eine umfangreiche Sammlung deutscher Sprichwörter. Hier eine Wochenauswahl zum Thema: Essen & Trinken

# Der Neid mag nichts essen außer sein Herz.

# In den Monaten ohne R soll man wenig küssen und viel trinken.

# Jedem ist sein Maß bestimmt, zu trinken und zu buhlen: Tut er´s bald, so ist er früh fertig.

# Die ganze Nacht gesoffen ist auch gewacht.

# Kurze Predigt, lange Bratwürste.

Auch lecker

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