Mittwoch, 10. Februar 2016

Geschichten aus 1111 Nächten (63)

Der Wunschberg im Königsforst

Ein bitterarmer Bauer aus Bettenfeld in der Eifel traf eines Tages den Heiligen Willy.
„Ich will dich aus deinem Siechtum erretten“, hob der dicke Kölner an, „und dich auf den Wunschberg im Königsforst führen.“
Das magere Bäuerchen folgte ihm bis zu einem versteckten Gebäude im tiefsten Wald. Im ersten Saal erklärte der Weise: „Hier siehst du das Schwert des Ruhmes. Wählst du es, wirst du ein mächtiger General und eilst von Sieg zu Sieg.“
Nicht schlecht, dachte sich der Bauer, Ruhm ist eine tolle Sache, die mir im Dorf zu hohem Ansehen verhelfen wird. „Aber sehen wir mal weiter.“
Im zweiten Saal zeigte der Heilige Willy ihm das Buch der Weisheit. „Wer sich das wünscht, dem werden alle Geheimnisse des Himmels und der Erde offenbart.“
„Oh“, sagte der Bauer, ich habe mir schon immer gewünscht, viel zu wissen. Aber ich will es mir noch einmal überlegen.“
Im dritten Saal landeten sie vor einem Kästchen aus reinem Gold. „Das ist die Truhe des Reichtums. Gold wird dir zufliegen, ganz ohne Mühen.“
Das ist es, dachte sich der Bauer, zuckte dann jedoch kurz zusammen: Glück und Reichtum sind ja zwei Paar Schuhe. „Ich weiß nicht recht. Gehen wir noch weiter.“
Und so ging der kleine Eifelbauer von Saal zu Saal, ohne sich zu entscheiden. Als sie den letzten Raum gesehen hatten, sagte der Heilige Willy: „Nun wähle. Was immer du dir wünschst, wird erfüllt werden!“
Aber der Bauer zögerte. „Du musst mir noch ein wenig Zeit lassen!“ sagte er.
Da schloss der Heilige Willy das Tor, ging in seinen Weinkeller und lachte über die Dummheit der Menschen.

Manchmal ist es einfach zu spät

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Mittwoch, 3. Februar 2016

Kölner Gespräche (45)

Heute: Marcel Odenbach, Videokünstler

Köln ist eine Remmidemmistadt auf unterstem Niveau


Marcel Odenbach wurde 1953 in Köln geboren und wuchs in Marienburg auf. Von 1974 bis 1979 studierte er Architektur und Kunstgeschichte in Aachen. Erste Video-Arbeiten entstanden ebenfalls Mitte der 1970er, weltweit gehört Odenbach zu den Protagonisten der Videokunst. Seine Werke findet man in vielen internationalen Museen, in Köln ist er zur Zeit mit seiner Video-Installation zum Genozid in Ruanda im Museum Kolumba vertreten. Der ehemalige Prorektor der Kölner Kunsthochschule für Medien ist außerdem seit 2010 ordentlicher Professor an der Kunstakademie Düsseldorf.
Marcel Odenbach lebt in Ostheim und Ghana, außerdem hat er eine Wohnung in Berlin.

Ich habe einst fünf Jahre in Ostheim gewohnt, wo Marcel Odenbach seit über drei Jahrzehnten lebt. Kein Wunder also, dass unser Gespräch genau dort auf der rechten Rheinseite beginnt.

Ich bin noch vorgestern durch Ostheim spaziert, um zu sehen, ob das geplante Asylantenheim schon geöffnet ist. Pötzlich sah ich ein Haus mit gehisster Reichskriegsflagge und dem Eisernen Kreuz auf dem Garagentor. Als ich das gerade aufnehmen wollte, kam der Besitzer heraus.

Kurz geschoren?

Es war ein älterer Mann, immerhin. Das ist ja manchmal beruhigend. (lacht)

Ist Ostheim ein Veedel oder nur ein Wohngebiet?

Zweiteres. Veedel besitzen einen definierbaren Charakter, etwas Typisches, besonders in Köln. Dort herrscht auch ein gewisser Zusammenhalt und eine funktionierende Infrastruktur, die ich in Ostheim nicht sehe.

Ich hatte nach fünf Jahren die Nase voll von dieser sozialen Monokultur dort. Können Sie das verstehen?

Sehr gut sogar. Aber für mich war der Wechsel von der Marienburg nach Ostheim damals ein wichtiger, bewusst vollzogener Akt. Das war wie Aufs-Land-Ziehen. Mit meinen Freunden Udo Kier und Michael Buthe lebte ich dort auf einer grünen Insel, um die nur noch die Straßenbahn herumfuhr. Heute hat sich das völlig verändert. Immerhin habe ich mit Ghana und Berlin zwei Ausweichmöglichkeiten, sonst wäre ich wohl auch nicht mehr in Ostheim.

Sie sagen „Die Marienburg“. Absichtlich oder von Natur aus?

Das ist Absicht, weil es Natur war. Früher hat man sich noch stärker über sein Viertel definiert, man kam aus dem Severinsviertel, vom Eigelstein oder eben aus der Marienburg. Es gab auch Leute, die sagten „Ich wohne auf der Marienburg“. Da herrschte durchaus auch ein gehöriges Maß an Klassendenken.

Können Sie mit dem Satz „Ich bin Kölner“ etwas anfangen?

Ich wusste, dass ich danach gefragt würde. (lacht) Mein Urgroßvater mütterlicherseits war Kölner Stadtverordneter, und ich bin hier geboren. Ich muss jedoch sagen, dass ich mich von Köln emotional sehr stark entfernt habe. Das einschneidende Erlebnis in dieser Hinsicht war der Einsturz des Stadtarchivs.

Der jenseits der Katastrophe auch eine symbolische Bedeutung hat?

Köln hört zur Zeit gar nicht mehr auf, negative Schlagzeilen zu produzieren. Ich behaupte, dass die Stadt darauf selbst hingearbeitet hat, auch die Ereignisse der Silvesternacht haben nicht zufällig ausgerechnet hier stattgefunden. Ich hoffe und glaube aber auch ganz fest, dass Frau Reker das nun in eine andere Richtung lenken wird.

In Ihrer künstlerischen Anfangszeit war das Image der Stadt ein anderes.

Das Köln der 70er und 80er war geprägt durch eine lebendige kulturelle Szene, zu der Literaten wie Böll genauso beitrugen wie der WDR, Kiepenheuer & Witsch, die Buchhandlung König und und und. Inzwischen vermarktet sich Köln nur noch als Remmidemmistadt auf allerunterstem Niveau.

Sie kommen gerade aus Ihrem Haus in Afrika. Ghana statt Toscana: Warum?

(lacht) Weil die Toscana mir zu langweilig und zu teuer ist. Afrika hat mich schon als Kind geprägt, meine Großmutter kommt aus Belgien, deren Vettern waren all im Kongo. Politisch wurde das nie hinterfragt, aber ich kam in Kontakt mit Postkarten, Briefmarken, Mitbringseln aus Afrika, die mich faszinierten.

Die „Angst vorm schwarzen Mann“ gab es bei Ihnen nie?

Nein, im Gegenteil. Als Kind wollte ich Forscher und Entdeckungsreisender in Afrika werden.

Im Museum Kolumba wird eine Videoarbeit von Ihnen zum Genozid in Ruanda gezeigt. Wann wird eine Videosequenz für Sie so interessant, dass sie Eingang in Ihre Kunst findet?

Auch meine Papierarbeiten werden ja kollagiert. Aber wie ich die auswähle, das ist sozusagen mein künstlerisches Geheimnis.

Ein Geheimnis auch für Sie selbst?

Häufig schon, ja. Wenn jede Bilderfolge erklärbare wäre, ginge das ja eher Richtung Puzzle, oder Didaktik.

Kaum eine andere Kunstrichtung ist durch die technischen Entwicklungen der letzten Jahrzehnte so stark verändert worden wie die Videokunst. Hat das Ihre Entwicklung beeinflusst?

Na klar, alles andere wäre sehr unsensibel. Als ich in den 70ern anfing, mit diesem Medium zu arbeiten, war ich einer von sehr wenigen. Video, das waren vor allem Überwachungskameras. Man filmte in Schwarz-Weiß, und die Geräte waren extrem unhandlich. Da hat sich vieles verbessert, manches schränkt mich aber auch heute viel stärker ein als früher.

Zum Beispiel?

Denken Sie an die Rechtediskussionen heutzutage. Früher nahm ich irgendwas auf, und im Hintergrund lief vielleicht eine Schallplatte, die dann zum Soundtrack des Videos wurde. Heutzutage kriegen Sie da sofort Probleme mit der GEMA.

Neben der afrikanischen Thematik, so mein Eindruck, beschäftigen Sie sich in Ihren Arbeiten immer wieder mit Männerphänomenen: Riten, Verhaltensweisen, Überschreitungen.

Wohl oder übel. Wenn man sich mit Geschichte und ihrer Aufarbeitung befasst, kommt man nicht an der Tatsache vorbei, dass bislang alle Gesellschaften von Männern dominiert wurden. Oder kennen Sie einen weiblichen Diktator? (lacht)

Sie betonen in Gesprächen stets, kein politischer Künstler zu sein. Dennoch haben wir bislang viel über Politik geredet. Ein Widerspruch?

Nein. Ich bin kein politischer, aber ein kritischer Künstler. Auch Beuys war kein politischer Künstler, vielleicht ist das Wort auch von früher her negativ besetzt: Zu meiner Zeit gab es noch den Eisernen Vorhang, politische Kunst wurde sehr stark mit Agit Prop gleichgesetzt. Damit wollte ich nie etwas zu tun haben.

Dennoch die Frage: Gibt es eine Brücke von Ihren Videoarbeiten zu den Ausschreitungen in der Kölner Silvesternacht?

Natürlich. Männer müssen heute allgemein wieder „männlicher“ auftreten - mit allen unangenehmen Nebenwirkungen. Und in manchen anderen Kulturkreisen ist dies noch viel stärker ausgeprägt als bei uns.

Zum Beispiel in nordafrikanischen und osteuropäischen?

Ja, das würde ich sagen. Wobei man das nicht an Religionen festmachen sollte, sondern am herrschenden Nationalismus und an den patriarchalen Strukturen eines Landes. Und der ist in den genannten Regionen eben deutlich dominanter als bei uns.

Waren Sie in Ghana mal mit schwarzem Rassismus konfrontiert?

Klar, wir haben es denen ja vorgemacht. In Ghana bin ich der Obruni, das ist das Wort für Weißer. Allgemein gilt: Auch Gruppen, die unterdrückt werden oder wurden, können rassistisch sein und Minderheiten unterdrücken - also etwa Homosexuelle oder bestimmte religiöse Gruppen.

In einigen afrikanischen Ländern kann es Weißen richtig an den Kragen gehen. Das ist in Ghana anders?

Ja, das ist ein relativ demokratisches Land, in dem ich keine Angst haben muss. Ich würde nie nach Südafrika ziehen im Moment, dafür ist die Lage dort viel zu problematisch.

Sie werden dieses Jahr 63. Möchten Sie mit 75 noch in Ostheim wohnen? In der Eifel? Oder eben in Ghana?

(lacht) In der Eifel ganz bestimmt nicht. Wenn man Ghana kennt, ist es einem dort zu düster. Auf die Frage nach meinem Lieblingswohnort würde ich immer mit „New York“ antworten, wo ich ja auch schon gelebt habe. Aber in ein Land, das womöglich bald von Donald Trump regiert wird, kann man auch nicht ziehen. Ich denke, dass ein bisschen Ghana, ein bisschen Köln und Berlin mir auch in Zukunft guttun wird.

Mittwoch, 27. Januar 2016

Coloniales (58)

Überfall am Neumarkt

Die beiden Kerle müssen mir schon am Neumarkt aufgelauert haben. Irgendwo im Pulk der Junkies und Dealer standen die wohl. Große Verlockungen rechts und links, Dope, Heroin, Fusel, aber nein: Augen hatten sie nur für mich. Und als ich auf mein Fahrrad stieg, folgten sie mir.
In Windeseile gelang es den Kerlen, den Abstand zu verkürzen. Die waren einfach besser ausgerüstet. Solche Banden überfallen dich mit einer Routine, die an Fließbandarbeit grenzt. Ich erschrak zu Tode, als der eine Kerl plötzlich meine Bahn kreuzte und mich zu einer Vollbremsung zwang. Verkniffene Miene, unbändige Entschlossenheit. Ich dachte: Scheiße, jetzt haben sie dich. Trage ich unregistrierte Waffen bei mir? Ist meine Tasche voller Blüten? Habe ich eine Frau belästigt?
In so einem Moment traut man sich alles zu.
Die Kerle stiegen von ihren Bikes und nahmen mich in die Zange. Jetzt ist es soweit, sagte ich mir, aus diesem Spiel kommst du nicht mehr heraus. Und so war es dann auch:
„Sie sind annähernd 200 Meter gegen die Fahrtrichtung geradelt. Sind Sie mit zehn Euro Strafgeld einverstanden?“
„Na klar“, sagte ich.

Was es alles gibt ...

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Mittwoch, 20. Januar 2016

Geschichten aus 1111 Nächten (64)

Et kütt wie et kütt

Es war einmal ein alter Bauer, der vor den Toren der Stadt im heutigen Nippes lebte. Nur ein einziger Sohn war ihm geblieben – und ein wundervoller Hengst, der ihm bei der Ernte half.
Jedes Kaufangebot hatte der Bauer abgelehnt, als das Tier eines Tages verschwand.
„Da hast du den Salat“, sagten die Leute, „hättest du den Hengst mal besser verkauft.“
„Et kütt wie et kütt“, erwiderte der Bauer, „warten wir mal ab.“
Die Ernte wurde sehr anstrengend für Vater und Sohn. Bald darauf kam der Hengst mit einer Wildstute zurück. Jetzt waren die Dörfler begeistert.
„Du hast Recht gehabt", sagten sie zu dem alten Nippeser. Aber der meinte nur:
„Et kütt wie et kütt, warten wir mal ab.“
Am nächsten Tag begann der Sohn des alten Mannes, das Wildpferd zu zähmen. Beim ersten Ausritt warf ihn dieses so heftig ab, dass er sich beide Beine brach. Die Nachbarn sagten:
„Wieder hast du Recht behalten. Das Glück hat sich als Unglück erwiesen.“
Aber der Alte blieb gelassen und sagte:
„Et kütt wie et kütt, warten wir mal ab.“
Er brachte die Ernte ein, ohne den verletzten Sohn, aber mithilfe der beiden Pferde. Alle hatten genug zu essen.
Ein paar Wochen später begann ein Krieg. Das Land brauchte Soldaten, und alle wehrpflichtigen jungen Männer im Dorf wurden in die Armee gezwungen. Nur den Sohn des alten Mannes holten sie nicht ab, denn er ging an Krücken.
„Nicht zu fassen, was hast du wieder für ein Glück gehabt!“' riefen die Dörfler.
Was der alte Bauer erwiderte, ist nicht überliefert.

Dunkle Geheimnisse allüberall: Ich und der "Maximalpigmentierte", eine Figur aus dem Kyllburger Karneval.


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Mittwoch, 13. Januar 2016

Kölner Gespräche (43)

Heute: Michael Rosenbaum, Marathonläufer und Geschäftsführer der Malzmühle

Michael Rosenbaum wurde 1965 in Köln geboren. Nach seinem Abitur studierte er von 1986 bis 1991 Betriebswirtschaftslehre an der Universität zu Köln. 1998 promovierte er zum Thema Thema „Chancen und Risiken von Nischenstrategien“.
Seit 1997 geschäftsführender Partner der „rosenbaum nagy unternehmensberatung“, stieg er 2009 auch in die Geschäftsführung der Brauerei Malzmühle ein, die er in den folgenden Jahren sanierte. Darüber hinaus engagiert sich der passionierte Langläufer ehrenamtlich als Vorstandsmitglied beim Kölner Verein für Marathon e.V. und im Behindertensport. Seit 2010 fungiert er als Vizepräsident Finanzen und Wirtschaft des Deutschen Behindertensportverbands (DBS).
Michael Rosenbaum lebt mit seiner Frau undden beiden Söhnen in Pulheim.

Sehr praktisch, den Geschäftsführer eines kölschen Brauhauses zu interviewen. Da führt man das Gespräch beim Frühstück vom hauseigenen Buffet – im ersten Stock der neugestalteten Malzmühle.


Die Malzmühle nach dem Krieg. Es wird wieder ausgeschenkt, auch ohne dach überm Kopf.


Was gefällt Ihnen am Marathonlaufen?

Ehrlich gesagt gar nichts. Ich mag das Training viel lieber. Vor allem bei den langen Läufen entspannt man sehr gut, zuweilen verfällt man in eine Art angenehmer Trance.

Aber nur jenseits des Wettkampfs?

Ich bin neunmal den Köln-Marathon gelaufen. Und jedes Mal frage ich mich: Was soll der Quatsch? Warum tust du dir das an?

Vermutlich hat man doch zumindest ein Hochgefühl, wenn man´s geschafft hat.

Die ersten zehn Kilometer sind furchtbar. Danach ist man im Lauf drin, aber ab Kilometer 30 wird es wieder schrecklich. Dafür entschädigt dann aber der letzte Kilometer, zumal man über die Hohe Straße zum Dom ins Ziel läuft.

Ein Ultramaratonläufer verriet mir mal sein Durchhalterezept: vorher ein Schnitzel, danach ein Kölsch.

Ich esse vorm Lauf zwei Scheiben Toast mit Honig. Hinterher dürfen es statt einem ruhig zehn Kölsch sein.

Was war Ihre Sportart als Junge?

Ich war begeisterter Fußballer und habe es beim SC Pulheim bis in die Landesliga geschafft.

Seit geraumer Zeit engagieren Sie sich im Deutschen Behindertensportverband (DBS). Warum?

Als Unternehmensberater bin ich Sanierer, ich helfe also Firmen aus Krisen heraus. 2007 war ich in dieser Funktion Interimsmanager des DBS und fungiere dort inzwischen ehrenamtlich als Vizepräsident Finanzen und Wirtschaft. Behindertensport ist eine tolle Sache, mit der man Menschen zurück in die Gesellschaft holt, die ansonsten weitgehend isoliert wären. Wir leisten damit einen wichtigen Beitrag zur Inklusion.


Was macht noch Spaß an diesem Amt?

Man erlebt zuweilen kuriose Situationen. Nach Olympia in Peking saß ich mit zahlreichen beinamputierten Sportlern im Flieger, die plötzlich ihre Prothesen abnahmen und in den Gepäckablagen verstauten. Es war sehr amüsant, währenddessen die übrigen Passagiere zu beobachten.

Sie selbst leiden an Diabetes Typ 1, einer recht seltenen Krankheit.

Diabetes ist eine Stoffwechselerkrankung, von der deutschlandweit 8 Mio. Menschen betroffen sind. Nur 300.000 davon haben Diabetes 1. Meine Bauchspeicheldrüse hat Antikörper gegen die Bildung von Insulin entwickelt. Es handelt sich also um eine Autoimmunkrankheit.

Man liest, die Erkrankung habe bei Ihnen mit Arbeitsüberlastung zu tun gehabt.

Im Frühjahr 2009 dachte ich, ich hätte nur Heuschnupfen. Deshalb nahm ich an einem Wettkampf teil, der mir eine Lungenentzündung einbrachte. Also habe ich Tabletten gegen Fieber eingeworfen und bin nach nur vier Tagen wieder arbeiten gegangen. Der Rückfall war heftig und hat mich drei Wochen ans Bett gefesselt. Möglicherweise hat das zu meinem Diabetes geführt, aber so richtig genau kann das keiner sagen.

Sie werfen sich also nichts vor?

Wenn man den Zusammenhang nachweisen könnte, würde ich mir durchaus etwas vorwerfen. Aber ich hoffe, es ist nicht so. Die Gründe für Typ-1-Diabeteserkrankungen sind auch heute noch nicht richtig erforscht. In meiner Familie bin ich auf jeden Fall der erste Diabetiker.

Im Februar ist das sechs Jahre her. Wie hat sich Ihr Leben deswegen verändert?

Ich muss mich sehr viel disziplinierter ernähren und immer aufpassen, dass ich nicht unterzuckere. Passiert ist das allerdings schon einige Male. Deshalb habe ich immer Traubenzucker dabei und trage inzwischen auch einen Chip im Arm, der auch nachts den Zuckerspiegel kontrolliert und notfalls Alarm gibt.

Laufen reimt sich auf Saufen, wir sitzen hier in der Malzmühle, deren Mit-Geschäftsführer Sie seit 2009 sind. Warum brauchte die Brauerei einen Unternehmensberater?

2009 war die Malzmühle tief in der Krise, ich musste hier leider eine sehr harte Sanierung durchführen. Von hundert Mitarbeitern haben wir 40 entlassen müssen. In den folgenden sechs Jahren haben wir neu angefangen, alles umgebaut und sind mittlerweile bei sogar 140 Mitarbeitern. Die Sanierung ist damit durch, wir alle hier sind sehr glücklich über das Ergebnis.

Sind Sie eher der Reissdorf- oder der Gaffeltyp, also eher süß oder eher herb orientiert?

Reissdorf schmeckt mir schon ziemlich gut, zumal ich ein Freund der Brauereifamilie bin. Letztlich schmecken aber alle Kölschmarken gut. Kölsch ist eben ein tolles Getränk. Und natürlich trinke ich Mühlen am liebsten.

Ich auch. Aber was mir am besten gefällt: Dass die Malzmühle als einzige Brauerei noch die alten Europullen, vulgo: Maurerbomben benutzt.

Ja, das war zunächst aus der Not geboren. Während alle anderen in Köln auf Longneck-Flaschen umstellten, blieben wir mangels finanzieller Möglichkeiten beim alten Gebinde. Aber inzwischen zeichnet uns das am Markt aus.

Maurerbomben

Sie haben zum Thema „Chancen und Risiken von Nischenstrategien“ promoviert. Konnten Sie Ihre Doktorarbeit bei dem Job hier brauchen?

Ich konnte praktisch alle Erkenntnisse meiner Dissertation hier umsetzen, das war die ideale Vorbildung. Auch die Form unserer 0,33er-Flasche ist in Köln einzigartig. Eine von vielen Maßnahmen, mit denen wir uns als Kleinbrauerei behaupten.

Die Kölner Brauereien führen deutschlandweit ebenfalls ein Nischendasein.

Allerdings, und wir werden Ende des Jahres wieder einige Prozentpunkte verloren haben. Im Kölner Brauerverband müssen wir daher Strategien entwickeln, die vor allem den biertrinkenden Nachwuchs wieder enger ans Lokale binden, als das in den letzten Jahren der Fall war.

Die Jugend trinkt Becks Blond oder Bier-Mixgetränke statt Kölsch.

Genau, das ist das Problem.

Sie arbeiten zudem mit im „Büro Wirtschaft für Mülheim“. Eine Schank-Wirtschaft ist da vermutlich nicht gemeint.

Nein, dort ging es ursprünglich um das öffentlich geförderte Projekt MÜLHEIM 2020 zur Strukturförderung, für das meine Unternehmensberatung in einer EU-Ausschreibung den Zuschlag erhalten hat. Unser Ziel war und ist es, die Mülheimer Wirtschaft auf allen Ebenen voranzubringen.

Mülheim, Deutz oder Kalk: Wer wird in den nächsten Jahren die Nase vorn haben?

Zur Zeit ist Deutz noch vorn, dort haben sich viele innovative und auch große Unternehmen angesiedelt. Aber ich denke, in den nächsten zehn Jahren wird sich auch Mülheim stärker entwickeln und Deutz überholen. Dort gibt es zahlreiche Großprojekte, die in den nächsten Jahren umgesetzt werden und dann zu einer nachhaltig positiven Entwicklung führen werden. Eine gewisse Gentrifizierung leider inbegriffen.

Ein Langzeitprojekt also. Was hingegen ist ihr Ziel für 2016?

Sportlich: Ich will meinen zehnten Köln-Marathon in einer guten Zeit finishen. Und privat ganz klar: Weniger arbeiten, mehr Zeit mit meiner Familie verbringen.




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Mittwoch, 6. Januar 2016

Thekentänzer (96)

Das Dart-Finale

Gerade eben ist die großartige Dart-WM zuende gegangen. Anlass genug, von einem ungewöhnlichen Dart-Zweikampf zu berichten. Der folgende Text ist ein Auszug aus meinem Buch „Kein Bier vor Vier“.

Auf das späte Mittelalter gehen die Legenden vom Nobiskrug zurück. Dort trinken die Toten, bewirtet vom Leibhaftigen persönlich. Durst leidet man nicht in dieser Spelunke, denn Luzifer schenkt immer nach, mit teuflischem Grinsen. Zeitgenössische Bilder präsentieren das Tor zum Nobiskrug als Höllenrachen. Wer hier eintritt, der hat ganz im Sinne des Wortes seine Endstation erreicht. Und genau so fühlte ich mich damals in Aalen, in der „Endstation“.
Im Innern dieses schwäbischen Nobiskrugs saß rund ein Dutzend schweigsamer Männer. Aus dem Radio dudelte das Beste der 80er, 90er und von heute, wozu offenbar auch „You can´t hurry love“ von Phil Collins gezählt wird. Um mich positiv einzuführen, versuchte ich es mit einem flotten Spruch:
„Bei diesem Kneipennamen dachte ich, den Laden muss ich mir mal ansehen.“
Der Wirt, hinter seiner schmalen Theke, quittierte dies mit einem Nicken, das mit dem Adjektiv „desinteressiert“ nur sehr unzureichend beschrieben ist. Aber so kalt der Empfang, so herrlich kalt auch die Flasche Wasseralfinger, die er mir dann kredenzte. Ein Grad weniger, und man hätte es lutschen können, dieses Bier. Ich nahm einen tiefen Schluck und sah mich um. In der Flucht des Tresens, zum Fenster hin, lagen drei separate Sitznischen, in denen ein Mann, oder auch zwei, gemütlich einen ganzen Tag vertrinken konnte. Den Schankraum zwischen Tür und Theke hatte man mit einem abwechslungsreichen Sammelsurium von Tischen und Stühlen möbliert. Braungelbe, ebenfalls vom Autoverkehr in Mitleidenschaft gezogene Butzenscheiben tauchten das Lokal in ein dunstiges Zwielicht. In der Endstation, so schien es, war die Zeit stehengeblieben. Auf 5 nach 12.
Augenblicklich fühlte ich mich wohl und geborgen, die restlichen Aalen-Stunden verbrachte ich in völliger Eintracht mit mir und meinen Mitmenschen. Ich führte interessante Gespräche über den Vorteil von Flaschen- gegenüber Fassbier, über das angeblich von vorn bis hinten gefakte Limesmuseum und den Aalener Dialekt, demzufolge diese einzigartige Stadt „Oole“ heißt und „im Oschte vu Bade-Wirttebärg“ liegt. Noch beeindruckender als diesen charmante Zungenschlag habe ich jedoch einen Dart-Zweikampf in Erinnerung, der offenbar schon einige Zeit vor meinem Eintritt angefangen hatte.
Beide Kontrahenten wirkten nicht sonderlich austrainiert. Der Alkoholkonsum hatte unübersehbare motorische Schwierigkeiten generiert, ein wenig erinnerte das Getänzel und Getorkel an die 14. Runde des Thrilla in Manila. Der jüngere Spieler wurde zudem durch eine höchst eigenwillige Wurftechnik gehandicapt. Möglicherweise um Kraft zu sparen, schleuderte er den Dart nicht auf Augenhöhe gen Scheibe, sondern von unten. Sein Arm pendelte vor und zurück wie ein aus dem Takt geratenes Metronom, und irgendwann ließ er den Pfeil einfach los. Ob er dabei ein Ziel vor Augen hatte, war nicht festzustellen, nicht einmal, ob er sich über die Richtung bewusst war, in der der Automat stand. Deshalb konnte auch niemand vorhersagen, ob das Spielgerät hinter ihm, an der Decke oder in seinem Auge landete. Wer in der Nähe saß, hielt seine Pulle während dieser Auftritte etwas fester in der Hand hielt.
Dem Alten hingegen mangelte es zwar nicht an rechtem Sportsgeist, aber auch ihm fehlte zuweilen das nötige Grundmaß an Orientierung.


Er & Ich, Kunst von Uli Görtz (www.ulrichgoertz.de)


„Du stehst schon wieder falsch“, sagte der Jüngere.
„Wie, falsch? Das geht dich doch ...“
„Ja, falsch eben, du stehst doch mindestens zwei Meter vor dem Strich, kannst du die Pfeile ja direkt mit der Hand in die Scheibe zimmern.“
„Welcher Strich?“ sagte der Alte und suchte den Boden ab. Dann stellte er sich wieder kurz vor den Automaten und jagte den Pfeil im Zuge eines immer wieder überraschenden Galoppsprungs mit voller Wucht in die Poren des Dartautomaten.
„Der gilt nicht“, schrie er jedes Mal, wenn das Spielgerät in Folge des übermäßigen Kraftaufwands von der Wand zurücktitschte und im Raum aufschlug.
„Der gilt nicht, den werf ich nochmal.“
„Gar nix wirst du, ich bin dran“, sagte der Jüngere. Aber der Alte nahm seine Pfeile und hackte sie wutentbrannt in die Triple 20.
Weil die Elektronik zu diesem Zeitpunkt längst auf Spieler II umgestellt hatte und demzufolge den Wurfbetrag vom Konto seines Gegners subtrahierte, entstand in diesen Situationen stets eine gewisse Konfusion. Der Alte zeterte und fluchte, während der Jüngere darauf bestand, die eingestochenen Wutpunkte gehörten nun ihm. Meistens brauchte es mehrere Korn, bevor wieder ein wenig Ruhe einkehrte.
Irgendwo hinterm Kocher ging die Sonne unter, es wurde dunkel im Oschte vu Bade-Wirttebärg. So langsam musste ich an meine letzte Verbindung nach Schwäbisch Hall denken. Der Wirt hebelte weiter seine Bierflaschen auf, die Dartspieler tauchten nach ihren im Raum verstreuten Pfeilen. Limesmuseum hin, Kocher-Ursprung her - der Trip nach Aalen hatte sich letztlich gelohnt. Mit einem Wasseralfinger in der Hand und einem fröhlichen Lied auf den Lippen machte ich mich auf den Weg zurück zum Bahnhof.



Kein Bier vor Vier. Meine 100-tägige Kneipentour durch die Republik:
www.kiwi-verlag.de/buch/kein-bier-vor-vier/978-3-462-04698-4
www.amazon.de/Kein-Bier-vor-vier-Kneipentour/dp/3462046985



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Mittwoch, 30. Dezember 2015

Deutsche Sprichwörter (10)

Der Bonner Philologe Karl Simrock (1802-76) edierte unter anderem eine umfangreiche Sammlung deutscher Sprichwörter. Hier eine Wochenauswahl zum Thema: Archetypen

# Narren wachsen unbegossen.

# Lumpen gehen dreizehn aufs Dutzend.

# Schuldigen wackelt das Mäntlein.

# Stolze meinen, ihr Ei habe allzeit zwei Dotter.

# Mädchen beten gern vorm Spiegel.


Närrischer Kartoffelchip

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