Mittwoch, 18. Mai 2016

Kölner Gespräche (50)
Heute: Michael Ross, Sherlock-Holmes-Experte und Buchhändler



Michael Ross wurde 1973 in Krefeld geboren. In Köln studierte er Anglistik, Germanistik und Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften. Als Jugendlicher entdeckte er seine Leidenschaft für Arthur Conan Doyle und dessen genialischen Helden Sherlock Holmes. Ross´ umfangreiche Sammlung zur deutschsprachigen Holmes-Literatur kann im Kriminalhaus Hillesheim (www.kriminalhaus.de) besichtigt werden. 2006 eröffnete er am Hermeskeiler Platz in Sülz die Buchhandlung Baskerville, die er zusammen mit seiner Frau führt. Die beiden wohnen in Lindenthal.

Kinder-, Köln- und Kochbücher, die üblichen Bestseller: Ich befinde mich hier in einer ganz gewöhnlichen Buchhandlung, sagt man sich. Hinten rechts jedoch steht ein dunkles Regal, wie ein Findling - das ist die Sherlock-Holmes-Ecke.


Warum lesen Menschen Krimis?

Ich denke, ein Anreiz ist, dass Krimis immer an die eigene Wirklichkeit angebunden sind. Gleichzeitig sind die Geschichten weit genug weg, um sich zwar gruseln zu können, aber nicht ängstigen zu müssen.

Hat es auch mit Sublimierung zu tun?

Wahrscheinlich schon. Je länger ich jedoch hier im Buchladen stehe und Krimis verkaufe, desto schwerer wird es mit den Motivationen der Leser. Als Klassiker gilt etwa: Die Kindergärtnerin braucht´s blutig ...

... und der Mörder war aber immer der Gärtner.

Genau, und die Kindergärtnerin liest gern vom mordenden Gärtner. Je weniger brutal der Alltag ist, desto härter darf der Krimi sein.

Verhindern zehn gelesene Morde einen echten?

Ich bin kein Psychologe, aber das glaube ich nicht. Früher kursierte die umgekehrte These: Krimikonsum stachele zu kriminellen Handlungen an. Anfang des 20. Jahrhunderts kam die Heftchenkultur auf, und mit ihr dieser Verdacht. Aber der ist inzwischen ja nun gründlich widerlegt. Wer Tom & Jerry guckt, haut auch nicht gleich jedem den Kopf ein.

Sie gelten als Sherlock-Holmes-Experte. Was bedeutet das?

Mitte der 80er Jahre interessierte dieses Art Literatur keinen Menschen. Aber ich als Jugendlicher entdeckte diese Geschichten und fand schließlich heraus, dass international eine verschworene Fan-Gemeinde von Sherlockianern und Holmesologen existiert.

Ähnlich den Donaldisten?

Ja, die haben sich einiges bei uns abgeschaut. Es geht um eine pseudowissenschaftliche, durchaus auch humorvolle Beschäftigung mit dem Thema - bei genauer Kenntnis aller Details, versteht sich.

Wie fing das bei den Sherlockianern an?

Mit einem Theologen, der in den 20ern zeigte, wie aberwitzig es sein kann, bei Arthur Conan Doyle Textanalyse zu betreiben. Er fand etwa heraus, dass Dr. Watson mal unter einer Schulter-, mal einer Beinverletzung leidet. Die Krimiautorin Dorothy Sayers hat mal gesagt: Dieses Spiel betreibt man mit demselben Ernst wie Cricket auf dem Land.

Also: Spaß und Ernst reichen sich die Hand, und danach geht man einen trinken?

Genau. (lacht)

Sie bearbeiten zuweilen auch Aufträge als Holmes-Experte. Welche zum Beispiel?

Immer wieder gern mache ich die Untertitel für die neue Sherlock-Serie mit Benedict Cumberbatch. Auch die deutschen DVD-Texte zu dem gerade Ostern ausgestrahlten Special sind von mir. Und in den Booklets kann ich darüber hinaus mein Hintergrundwissen beisteuern. Diese modernen Folgen sind voller Anspielungen auf das Original.

Zum Beispiel?

In der 1. Folge der 2. Staffel bleibt Dr. Watsons Besucherzähler auf der Homepage bei 1895 hängen. Das ist eine Anspielung auf das Gedicht des amerikanischen Holmes-Forschers Vincent Starrett , das mit den Zeilen endet: „Though the world explode/ these two survive/ and it is always eighteen ninety-five.“ 1895 war die Hochphase der Sherlock-Literatur.

Ein echter Insiderwitz also.

Genau, das versteht weltweit nur eine Handvoll Menschen, darunter Freaks wie die Drehbuchautoren von „Sherlock“.

Warum Doyle und nicht der als literarischer eingestufte Edgar Allan Poe?

Doyle hat mal gesagt: Wenn jeder Schriftsteller, der Poe etwas verdankt, ein Zehntel seines Honorars für ein Poe-Denkmal spendet, würden die Pyramiden von Gizeh neu gebaut werden.

Sprich: Alle Autoren profitieren von Poe.

Ja, auch Doyle. Poe ist zuweilen sehr abstrakt und philosophisch. Aber der Hauptgrund, warum die Doyle-Gemeinde größer ist, liegt vielleicht darin, dass Sherlock ein echter Serienheld ist. Bei Poe fallen oft gar keine Namen, sein Detektiv Dupin taucht nur in drei Geschichten auf.

Arthur Conan Doyle fuhr unter anderem auf einem Walfängerschiff. Wo spielten sich Ihre Abenteuer ab?

Doch eher in Buchwelten, muss ich zugeben. Mütterlicherseits gibt es in meiner Familie einige Weltenbummler, und mein Bruder arbeitet als FAZ-Journalist in Washington. Ich bin jedoch offenbar väterlicherseits geprägt und deshalb sesshafter.

Und Sie haben eine umfangreiche Holmes-Sammlung zusammengetragen, die inzwischen im Hillesheimer Kriminalhaus untergebracht ist.

Das Bedeutendste an dieser Sammlung ist ihre Vollständigkeit. Ich habe ab den 90ern versucht, alles an deutscher Holmes-Literatur zusammenzubringen, was überhaupt nur existiert. Darunter sind etwa alle 37 Ausgaben des „Hunds der Baskervilles“ oder die türkische Übersetzung eines deutschen Holmes-Heftchen aus den 1920ern.

Sein Name stammt möglichrweise von „shear lock“ und bezeichnet jemanden mit einer Kurzhaarfrisur. Welches Bild hatten Sie als Jugendlicher von Sherlock Holmes?

Das war sehr stark durch Verfilmungen geprägt, bei mir vor allem durch die Serie mit Jeremy Brett in den 1980ern und 90ern. Ich visualisiere allerdings selten beim Lesen und habe ein unglaublich schlechtes Gedächtnis für Gesichter.

Können Sie unseren Fotografen beschreiben, dem Sie vor 15 Minuten die Hand geschüttelt haben?

(Günther Meisenberg sitzt mit seiner Kamera etwas abseits. Michael Ross blickt weiter mich an und sagt:)

Keine Chance, genau das ist es. Zum Glück musste ich noch nie als Zeuge jemanden identifizieren.

In den jüngeren Verfilmungen wird Holmes stets als exzentrische Figur dargestellt. Warum?

So war er bei Doyle auch schon: ein Morphium und Kokain konsumierender, blasierter, unhöflicher, genialer Bohemien. Jeremy Brett sagte mal: Ich würde nicht die Straße überqueren, um ihm die Hand zu schütteln. Gemeint war: Holmes war alles andere als ein netter Kerl.

Der Autor Doyle war Mediziner und hat mit Holmes eine Figur von hochanalytischem Verstand geschaffen. In späten Jahren mutierte Doyle allerdings zum Mystiker, der u.a. an Feen glaubte.

Das stimmt, er stand damit allerdings nicht alleine. Es gab einen nicht kleinen Zirkel von Wissenschaftlern, die versuchten, das scheinbar Überirdische real zu beweisen. Heute weiß man, sie haben sich von Schaubudentricks blenden lassen.

Wieso wohl?

Ein Grund mag der Erste Weltkrieg sein. Doyle hat Sohn, Bruder und viele Verwandte dort verloren, und viele Menschen hofften damals, doch noch einmal irgendwie Kontakt mit den Verstorbenen herzustellen. Doyle hat ein Großteil seiner Sherlock-Tantiemen für den Spiritismus verpulvert.

Holmes lässt zuweilen die Täter entkommen. Wie interpretieren Sie das?

Nun ja, ihn interessiert nur die Lösung des Rätsels. Die Verurteilung der Täter ist nicht seine Sache. Auch hierin spiegelt sich sein gesellschaftliches Außenseitertum.

Man könnte das auch amoralisch und anmaßend, eine Form der Selbstjustiz nennen.

Ist es auch, klar. Vereinbar mit unseren Normen war und ist das nicht. Ringt einem Respekt ab, wenn jemand so über den Dingen steht, auch wenn ich´s nicht zur Nachahmung empfehle.

Drei Entweder-oder-Fragen: Whodunnit oder Howdidhedoit?

Howdidhedoit.

Holmes oder Watson?

Watson.

Hans Albers oder Benedict Cumberbatch?

Cumberbatch, ganz klar. Wobei ich den Film mit Hans Albers großartig finde. Aber Albers ist viel mehr ein deutscher Heftroman-Holmes als der von Conan Doyle.

Sie führen hier mit Ihrer Frau eine eigentlich normale Buchhandlung. Verkaufen sie dennoch mehr Doyle-Bücher als Ihre Kollegen?

Früher war das so, weil ich schon - zum Teil antiquarische - Doyle-Bücher vorrätig hatte, bevor dieser Trend aufkam. Die Neuverfilmungen und die angesprochene Serie der BBC haben inzwischen einen Boom ausgelöst und sorgen auch für Neuübersetzungen auf dem Buchmarkt. Was soll ich sagen: Hab ich nix gegen!


Mittwoch, 11. Mai 2016

Deutsche Sprichwörter (12)

Der Bonner Philologe Karl Simrock (1802-76) edierte unter anderem eine umfangreiche Sammlung deutscher Sprichwörter. Hier eine Wochenauswahl zum Thema: Essen & Trinken

# Der Neid mag nichts essen außer sein Herz.

# In den Monaten ohne R soll man wenig küssen und viel trinken.

# Jedem ist sein Maß bestimmt, zu trinken und zu buhlen: Tut er´s bald, so ist er früh fertig.

# Die ganze Nacht gesoffen ist auch gewacht.

# Kurze Predigt, lange Bratwürste.

Auch lecker

Wer diese Kolumne zukünftig jeden Mittwoch zugeschickt bekommen möchte, schreibe eine Mail an thekentaenzer@netcologne.de, Stichwort: Die Köln-Kolumne.

Mittwoch, 4. Mai 2016

Coloniales (60)

Der Ferrari und die Villa in Poppelsdorf

Folgendermaßen lautet die Inschrift auf der „Schmitz-Säule“ vor Groß St. Martin:

An dieser Stelle lag einst, vom Rhein umflossen, die Martins-Insel. Vor dem Jahre 1000 n. Chr. wurde sie, durch Anschüttung des römischen Hafens, mit dem linksrheinischen Kölner Ufer verbunden.
Auf dieser Insel trafen sich römische Legionäre mit blonden Ubiermädchen – Urahnen der Familie ›Schmitz‹.

Damit dürfte klar sein, warum „Schmitz“ als der kölscheste aller Nachnamen gilt. Tatsächlich belegt dies ein Blick in die Telefonlisten der Telekom: 1.383 Kölner Schmitz-Anschlüssen stehen lediglich 166 in München und 137 in Hamburg gegenüber. Selbst im Stadtstaat Berlin melden sich gerade einmal 220 Haushalte mit „Schmitz“.

Genauso heftig ist der Niederschlag des Namens im Kölner Liedgut: Da hat die Sybille Schmitz (et Schmitze-Billa) „in Poppelsdorf en Villa“, und „dem Schmitz sing Frau es durchjebrannt“, während am „Langen Samsdaach en d’r City“ „de Frau Schmitz ihr Marieche“ sucht. Und wer jetzt noch nicht „Schmitz-Backes“ ist, dem dürfte nicht mehr zu helfen sein.

Seinen Ursprung hat der Zuname im Beruf des Schmiedes. Und weil in vergangenen Zeiten jedes Dorf seinen Grob-,, Klein- und Hufschmied hatte, liegt er auch heute noch vor Müller an erster Stelle der Häufigkeitstabelle.* Nicht anders im Ausland: Was den Kölnern der Schmitz, ist den Engländern der Smith, den Polen der Kowalski und den Serben und Kroaten der Kovac. Der italienische Schmied hat es sogar zu Weltruhm gebracht – er heißt dort Ferrari.

* Jedenfalls wenn man sämtliche Varianten wie Schmidt, Schmitt, Smid usw. zusammenrechnet.


Quelle: Wikipedia

Mittwoch, 27. April 2016

Kölner Gespräche (49): Heute: Martin Perscheid, Cartoonist

Martin Perscheid wurde 1966 in Wesseling geboren. Nach dem Fachabitur machte er eine Ausbildung zum Druckvorlagenhersteller. Perscheid zeichnete schon als kleiner Junge. Seit dem 1990ern erscheint die Erfolgsserie „Perscheids Abgründe“ in deutschlandweit über 50 Zeitungen und Zeitschriften. Seine Bücher werden vom renommierten Comic-Verlag Lappan herausgegeben. Zuletzt erschienen: „Wieso hat Facebook unser Profil gelöscht?“
Martin Perscheid lebt mit seiner Frau und den beiden Söhnen in Wesseling.


In Perscheids Garten

Wesseling, das heißt: viel Industrie und eine fürchterliche 70er-Jahre-Innenstadt. Was hat der Ort noch zu bieten?

Nichts. (lacht) Die vorherrschende Windrichtung sorgt übrigens dafür, dass der ganze Mief nach Köln zieht. Mir ist vor allem das soziale Umfeld wichtig, in das ich hier, tja, hineingeraten bin.

Sie sind in Wesseling aufgewachsen. Wollten Sie hier nie weg?

Ich habe zwischendurch mal in Köln gewohnt, aber das war mir zu groß und zu voll.

Inwiefern?

Als Großstädter muss man überzeugter Fußgänger oder Bahnfahrer sein. Ich bin aber motorisiert aufgewachsen und will meinen eigenen Parkplatz.

Gibt es einen Lieblingsort, an dem Sie leben möchten?

Hitze kann ich schonmal sowieso nicht ab. Ansonsten bedeutet mir das Umfeld nicht viel, Sonne und Regen sind für meine Arbeit unwichtig. Hauptsache ich fühle mich gut.



Als Motorradfahrer friert man schnell und ist sein eigener Stoßdämpfer. Warum fahren Sie trotzdem mit Leidenschaft?

Ich bin da reingeboren. Mein Vater hat schon vor meiner Geburt Motorräder repariert und verkauft, Werkstatt und Wohnhaus waren eins. Als Kind war das sehr spannend für mich.

Sind Sie ein guter Schrauber?

Ich denke schon, vor allem ein sorgfältiger.

Sie könnten auch, sagen wir, eine Kurbelwelle austauschen?

Das ist ja noch das geringste. Aber bearbeiten Sie mal einen Zylinderkopf, da wird es dann richtig knifflig!

Wann fahren sie Motorrad?

Viel zu selten, seit wir Kinder haben. Meine Touren schaufele ich mir frei, die werden schon in der Vorbereitung regelrecht zelebriert. Und dann geht es für einen Tag in die Eifel, die liegt für mich ja fast vor der Tür.

Freiheit, Abenteuer, harte Männer - was halten sie von den gängigen Bikerklischees?

Es gibt kaum einen anderen Kreis, in dem sich die jeweiligen Untergruppen so verachten wie bei den Motorradfahrern. Die Tourenfahrer sehen auf die Sportler herab, und die lachen wiederum über die Chopper.

Grüßen Sie Harleys?

(lacht) Jedenfalls grüße ich keine Roller.

Ihre berühmteste Cartoon-Reihe heißt „Perscheids Abgründe“. Die Doppeldeutigkeit ist Absicht, nehme ich an.

Den Titel habe ich zusammen mit meiner Agentur Bulls gefunden. Zumal man ja sagt, dass mein Humor recht abgründig sei.

Was ist für Sie abgründiger Humor?

Wer in den Abgrund stürzt, hat einen gewissen Punkt überschritten. Danach geht es abwärts, und das kann lustig werden. Spott ist ein wichtiges Element im Cartoon.

In der TV-Welt gibt es Comedians und Kabarettisten. Ist das bei den Zeichnern ähnlich?

Es gibt die politischen Cartoonisten, die vor allem Tageszeitungen bedienen. Andere wollen vor allem unterhalten. Uli Stein etwa hat glaube ich noch nie etwas Politisches gezeichnet.

Sie sind über die Jahre deutlich politischer geworden. Liegt das an Ihnen oder Ihren Kunden?

Ich denke, an mir. Manche Themen springen mich heute stärker an als früher, und dann muss ich dazu was machen. Ich sage mal nur: Erdogan.

Gehören Sie zu den Clowns, die selber nicht lachen?

Ja. Ich bin als Person nicht besonders unterhaltsam.

Was ist Ihr erster Zeichen-Impuls: Spaß oder Ärger?

Meistens Ärger. Zuletzt zum Beispiel die Mütter, die ihre Kinder abholen und vor der Schule den Motor laufen lassen.

Ihr liebstes Opfer ist „der Depp“. Wer ist das eigentlich?

Der Depp ist universal. der steckt in uns allen, auch in mir. Viele meiner Cartoons gehen auf eigene Missgeschicke zurück.

Für viele Ihrer Kollegen war Loriot der Größte. Für Sie auch?

Auf jeden Fall. Loriots Großer Ratgeber war das einzige Cartoonbuch, mit dem ich während meiner Kindheit in Berühung kam. Habe ich schon im Vorschulalter verschlungen. Ich habe immer gern gezeichnet, und es war verlockend, das mit Humor zu verbinden.

In der Kasseler Galerie Caricatura läuft noch bis Juni eine Perscheid-Ausstellung. Der Cartoonist in der Galerie: Merkt man daran, dass man alt geworden ist?

Das merke ich bei ganz anderen Gelegenheiten. (lacht) Die haben vor zehn Jahren schonmal so eine Schau veranstaltet, und es ist schön festzustellen, dass ich offenbar noch immer gefragt bin.

Wie beurteilen Sie, ob Ihre jüngste Zeichnung wirklich lustig ist?

Tue ich mich nicht selten schwer mit. Manchmal schlagen die für mich unwitzigsten Sachen bei anderen Leuten total ein. Vieles hängt auch von der Tagesform, von der Laune ab. An einem schlechten Tag habe ich vielleicht Ideen, finde aber keine davon gut.

Habe Sie Kontrolleure? Ihre Frau oder Kumpels etwa?

Nein, bei denen kann sich auch nicht drauf verlassen, dass die den richtigen Riecher haben. Manchmal muss man sich eben durchringen, schließlich muss ich mein wöchentliches Pensum erfüllen.

Man liest immer, Sie arbeiteten für 50 Zeitschriften. Was ist denn Ihr wahres Pensum?

Im Laufe der Jahre kamen sicherlich 50 zusammen, wobei nicht jede ihren eigenen Cartoon bekam. Aber die Verlage sparen inzwischen gerne beim Unterhaltungsteil. Zur Zeit zeichne ich sechs Cartoons pro Woche, rund 250 im Jahr.

Und was tut ein erfahrener Künstler wie sie gegen einen ideenlosen Tag? Eine Runde auf dem Motorrad drehen? Eine Flasche Wein killen?

Alkohol hilft schon mal gar nicht. Schlechte Tage muss man einfach gelten lassen. Manchmal beißt man sich durch, und die zündende Idee kommt irgendwann spät abends.

Wir treffen uns hier am frühen Nachmittag. Hatten Sie heute schon einen guten Einfall?

Nein, aber dafür gestern drei, die ich heute noch reinzeichne: einen zum Thema „Blonde deutsche Frau von Araber belästigt“, einen über Bestattungsunternehmen und einen zu Blasenkathetern.

Schönen Dank, ich wollte schon immer ein Interview führen, das mit diesem Wort endet: Blasenkatheter. 




Wer diese Kolumne zukünftig jeden Mittwoch zugeschickt bekommen möchte, schreibe eine Mail an thekentaenzer@netcologne.de, Stichwort: Die Köln-Kolumne.
 

Mittwoch, 20. April 2016

Deutsche Sprichwörter (11)

Der Bonner Philologe Karl Simrock (1802-76) edierte unter anderem eine umfangreiche Sammlung deutscher Sprichwörter. Hier eine Wochenauswahl zum Thema: Visionen

# Man muss immer weiter denken, als man kommt.

# Wer sich schämt, der kriegt nichts.

# Wer Pfannkuchen essen will, muss Eier schlagen.

# Schlampig macht wampig.

# Scheiße, sagte Cicero und verschwand im Nebel.

Psychedelisches Schaufenster in Rheinland-Pfalz

Wer diese Kolumne zukünftig jeden Mittwoch zugeschickt bekommen möchte, schreibe eine Mail an thekentaenzer@netcologne.de, Stichwort: Die Köln-Kolumne.

Mittwoch, 13. April 2016

Kölner Gespräche (48): Frank Fischer, Präsident der Bunten Liga

Frank Fischer wurde 1972 im pfälzischen Oggersheim geboren. Er studierte Jura in Mainz und England, um 1999 in Düsseldorf zu landen. 2003 wechselte der Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht nach Köln, wo er vor allem Medienschaffende berät. Sein Schwerpunkt reicht von Film- und Fernsehen über das Internet und Social Media bis zu Games und Events. 2007 stieg er bei der Bunte-Liga-Truppe Dynamo Tresen ein, und seit 2014 ist er Präsident der Bunten Liga Köln.
Frank Fischer lebt mit Frau und Kind in Rösrath.



Eine typische Anwaltskanzlei: Die Justiziare tragen Anzug, auf den Gast wartet eine Sitzecke mit Wasserflaschen und Bonbon-Spender. Und dieser seriös daherkommende Mann soll Präsident der Bunten (Spaß-)Liga sein? Ja, ist er!

Die erste Frage geht an den Medienanwalt: Wem gehört dieses Interview? Mir, Ihnen, der Kölnischen Rundschau oder womöglich dem Leser, der die Zeitung gekauft hat?

Ich denke, die Fragen gehören Ihnen als geistigem Schöpfer. An den Antworten habe ich das Recht, das ich Ihnen jedoch übertrage. Sie wiederum übertragen der Rundschau das Recht auf Abdruck des Interviews. Der Leser spielt hingegen im juristischen Sinn keine Rolle.

In Deutschland lassen die Journalisten ihre Interviews normalerweise vom Gesprächspartner autorisieren. In vielen anderen Ländern ist das nicht Usus.

Als Interviewter kann ich eine Autorisierung nur dann verlangen, wenn ich sie zuvor als Bedingung für meine Einwilligung in das Gespräch formuliert habe. Im Nachhinein habe ich dazu kein juristisches Recht mehr, das hängt dann vom guten Willen des Journalisten ab.

Und wenn Sie sich nun in der Zeitung völlig missverstanden fühlen?

Dann habe ich Pech gehabt. Der klassische Fall: TV Total-Spots, in denen Antworten aus anderen Sendungen in einem verzerrenden Kontext verwendet werden. Da gibt es keinen Anspruch auf eine bestimmte Darstellung. Wenn ich mich für den Größten und Schönsten halte, müssen Sie mich als Journalist noch lange nicht so darstellen.

Es gab in diesem Zusammenhang einige Prozesse.

Eine Grenze wird bei grober Verunglimpfung überschritten. Da müssen dann die Gerichte entscheiden. Aber grundsätzlich gilt auch: Wer sich vor eine Kamera stellt und Fragen beantwortet, sollte wissen, was er tut.

Medienanwalt, das klingt nach Blitzlichtgewitter. Ein zutreffender Eindruck?

Nö. (lacht) Ich finde, ein guter Medienanwalt ist der, der im Hintergrund die Fäden zieht. Klappern mag zwar auch zum Geschäft gehören, aber mein Job besteht vor allem in der Beratung für und Gestaltung von Verträgen im Film- und Fernsehbereich.

Ging es in der Vergangenheit dennoch einmal spektakulärer zu?

Eine gewisse mediale Aufmerksamkeit hatte ein Projekt hervorgerufen, dass ich vor meiner Zeit als Anwalt betreut habe. 2001 durfte ich Verona Pooth nach Bolivien begleiten, wo sie den Grundstein für ein SOS-Kinderdorf legte. Das waren fünf aufregende Tage, einschließlich Besuch beim Staatspräsident, Höhenkrankheit und der Rache Montezumas.

Aber der Alltag ist ruhiger?

Gefreut habe ich mich, als mein Name zum ersten Mal im Abspann einer Kinoproduktion auftauchte, die ich beraten hatte. Der Film hieß nach Deutschlands häufigsten Vor- und Nachnamen: „Wer ist Thomas Müller?“.

Es gibt den berühmten Bayern-Kicker dieses Namens. Könnten Sie auch Spielerverträge aushandeln?

Soweit ich weiß, braucht man dafür eine entsprechende Lizenz. Grundsätzlich gehört der Jurist nicht in den makelnden Bereich, wobei juristische Prüfungen und Betreuungen natürlich legitim sind. In meiner alten Kanzlei haben wir sogar mal einen ausscheidenden FC-Trainer arbeitsrechtlich betreut.

Mit dem Ziel, meinem Verein eine möglichst hohe Abfindung abzupressen?

(lacht) Das nicht. Es ging schlicht um eine ordentliche Beendigung dieses Arbeitsverhältnisses.

In welchem Verhältnis steht die Bunte Liga zum DFB?

Die Ursprünge der Bunten oder Wilden Ligen liegen in den 1980ern und in einem links-alternativen Umfeld. Damals ging es darum, etwas freigeistiger an die Sache heranzugehen als der konservative DFB. Auch heute gibt es Mannschaften aus den untersten DFB-Ligen, die in Wilde Ligen wechseln, wo sie es etwas lockerer angehen lassen können.

Es gibt inzwischen lange Wartelisten, Sie müssen Bewerber ablehnen.

Das stimmt, der Run auf die Bunten Ligen ist ungebrochen. Immerhin konnten wir in den letzten Jahren immer jeweils ein Team in unseren Betrieb integrieren. Es gibt allerdings auch Anwärter, die schon aufgelöst sind, bevor sie an die Reihe kommen.

Willi Hink, der DFB-Direktor für Amateurfußball, sagt: „Wir arbeiten daran, dass der moderne Verein der Zukunft die Hobby-Ligen eigentlich überflüssig macht.“

Schwierig zu bewerten, diese Aussage. Eine Hobbyliga funktioniert fundamental anders als der DFB-Spielbetrieb.

Zum Beispiel wird in der Bunten Liga jeder Anstoß zunächst dem Gegner zugespielt.

Genau. Auch bei den Terminen, den Austragungsorten, der Aufstellung und den Auswechslungen sind wir sehr flexibel. Wenn die eine Mannschaft zwei Spieler zu wenig hat, ist es selbstverständlich, dass die andere einen Mann abgibt oder ihr Team entsprechend reduziert. Fairplay, Respekt und vor allem der Spaß am Spiel stehen bei uns immer noch im Vordergrund.

Wieviel Zeit opfern Sie und Ihre Kollegen im Vorstand?

Am zeitaufwendigsten sind stets die Vorbereitungen einer Saison, das ist auch bürokratische Arbeit. Wenn die Saison läuft, hält sich alles in Grenzen. Es sei denn, wir durchleben gerade eine Schlechtwetterphase, und die Jahnwiesen sind ein einziger klatschnasser Acker.

Dann müssen Sie auf den nächsten Lidl-Parkplatz ausweichen?

So ungefähr. Aber man muss sagen: Die Stadt Köln ist, was die Bunte Liga betrifft, sehr kooperativ.

Profitieren Sie als Präsi von Ihren juristischen Kenntnissen?

So ein paar Basics habe ich nivelliert, unsere Website etwa hat inzwischen ein Impressum. Auch ein eigenes Logo hat die Liga jetzt, und gerade versuchen wir, die Satzung etwas zu vereinfachen. Aber ansonsten bemühe ich mich, da nicht mit erhobenem Zeigefinger herumzulaufen und alles besser zu wissen.

Wird bei Spielen der Bunten Liga viel gesoffen?

Das ist einer dieser Mythen, die längst ausgestorben sind, wenn sie denn überhaupt je so existierten. Auch bei uns gibt es inzwischen gewisse sportliche Ambitionen.


Obstler in Dosen

Der Name Ihres Teams ist immerhin „Dynamo Tresen“. Sind Sie noch selbst aktiv?

(lacht) Ich musste irgendwann einsehen, dass meine technischen und läuferischen Fähigkeiten immer überschaubarer wurden.

Das heißt, Sie fungieren mittlerweile eher als Maskottchen?

So ungefähr. Eher Mädchen für alles. Ich helfe aber auch mal aus, wenn Not am Mann ist.

Sie galten als beinharter Verteidiger. Was muss man sich darunter vorstellen?

Ich bin relativ groß und breit, an mir kommt man halt nicht so schnell vorbei.

Blutgrätsche Fischer?

Weniger das. Genauer: die Wand. (lacht)

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken. Gab es ein Highlight?

Stolz war ich, als unsere Mannschaft sich aufzulösen drohte und wir das mit gemeinsamem Engagement abwehren konnten. Mit dem neuformierten Team sind wir dann aufgestiegen und 2010 sogar Meister geworden.

Imponierend, aber ich dachte jetzt eher an Ihre persönliche Bilanz: ein Dribbling über hundert Meter oder ein Fallrückziehertor.

Nein, zu einem Tor hat es bei mir leider nie gereicht. Letztes Jahr, bei einem meiner sporadischen Einsätze, stand ich einmal wunderbar frei vorm Tor. Aber der entscheidende Pass – der kam nicht.

Und übrigens: Dieses Interview wurde von Frank Fischer gegengelesen und autorisiert.

Mittwoch, 6. April 2016

Coloniales (59)

Die Hürden der Grammatik

Als des Kölschen mächtiger Kölner ist es manchmal ein bisschen gruselig, die neuesten kölschen Songs zu hören. Hier ein paar Tips zu grammatischen Besonderheiten dieses Dialekts:

1) Kölsch kennt keinen Genitiv. Besitzanzeigende Fälle werden mit Dativ und angehängtem Possessivpronomen gebildet: Das Haus meines Bruders = Mingem Broder si Huus; Das ist seins = Dat is dem sing.*

2) Der Infinitiv endet, außer bei einigen unregelmäßigen Verben, auf -e: setzen = setze; fummeln = fummele; ärgern = ärjere, aber: gehen = jonn; tun = dunn.

3) Die Konjugation wird häufig vereinfacht, indem 1. und 3. Person Plural mit der 1. Person Singular zusammenfallen: Ich gehe, wir gehen, sie gehen = ich jonn, mir jonn, sei jonn.

4) Personalpronomen und personenbezogene Artikel reduzieren sich auf die männliche und die sächliche Form: die Kleine = dat Klein; Darf sie das? = Darf dat dat?

5) Die Vergangenheitsform Präteritum wird im mündlichen Sprachgebrauch außer bei Hilfsverben oft durch das Perfekt ersetzt: Ich ging = Ich bin jejange. Diese Entwicklung zur Vernachlässigung der einfachen Vergangenheit ist auch in der allgemeinen deutschen Umgangssprache zu beobachten. Endet das Partizip auf mehreren Konsonanten, wird in der Regel eine leichter aussprechbare Sonderform gebildet: gelegt = jelaat; versucht = versöök.

6) Eine Besonderheit ist ein im Hochdeutschen unbekannter Reflexiv, der zur Verdeutlichung bestimmter Tätigkeiten verwendet wird: Er hat ein Würstchen gegessen = Dä hat sich e Wööschje jejesse.

7) Das Kölsche kennt den Gerundiv. Für fortlaufende Handlungen oder Zustände wird  tun + Infinitiv verwendet: Er wohnt dort = Dä dät do wunne. Entsprechend der deutschen Umgangssprache benutzt der Kölner auch „ist am“ + Infinitiv: Er schläft gerade = Dä is jrad am schlofe.

8) Die Pluralbildung erfolgt häufig durch -e: Das Ding, die Dinger = dat Ding, die Dingere.

9) Im Grunde wird im Kölschen fast alles verniedlicht, Verkleinerungsformen sind überaus häufig anzutreffen. Im Singular werden sie mit -(s)che oder -je gebildet, je nach Harmonie mit dem vorangehenden Buchstaben: leckeres Bierchen = lecker Biersche, Tässchen = Tässje. Im Plural wird ein -r angehängt (mehrere) Pferdchen = Pädscher; (mehrere) Mädchen = Mädcher.

* Scherzhaft auch als der „Kölsche Ablativ“ bezeichnet.


Schüler, Studenten, Rentner, Frauen, Behinderte: An der Rechtschreibung hapert´s hier nicht.