Mittwoch, 20. August 2014

Interviews

Heute: Denis Scheck, Literaturpapst

Denis Scheck wurde 1964 in Stuttgart geboren. Seine erste Literaturzeitschrift gründete er mit 13 Jahren. Nach seinem Studium der Germanistik, Geschichte und Politik begann er, als Übersetzer, Herausgeber und Kritiker zu arbeiten. 1997 kam er als Literaturredakteur zum Deutschlandfunk in Raderthal, wo er unter anderem die Sendung „Büchermarkt“ leitet. Seit 2003 moderiert er zudem das Büchermagazin „Druckfrisch“ in der ARD.
Denis Scheck lebt mit seiner Frau in der Südstadt.

Zum Aufwärmen reden wir ein bisschen über Karl den Großen, über seine Versuche, schreiben zu lernen, und sein Engagement für die Bildung im Frankenreich. Und damit sind wir auch schon bei jenem Thema, das Denis Scheck sich ausgesucht hat: Qualität.

Scheck: Karl der Große strebte nach Verbesserung - nicht zu verwechseln mit dem Optimierungswahn unserer Tage. Es gibt immer mehr Menschen, die etwa wissen wollen, wieviel Kalorien sie beim Joggen verbrannt haben oder wann ihre Tiefschlafphase ist. Dabei verlieren sie völlig aus dem Blick, worum es in ihrem Leben wirklich gehen könnte.

Da geht die Schere vom subjektiv und objektiv Besten auf.

Ich misstraue allen Menschen, die wissen, was für mich das Beste ist. Damit fängt der Terror schon an. Ich kann mir sehr gut eine Orwell- oder Huxley-Welt auf der Basis medizinischer Erkenntnisse vorstellen. Da wird Ihnen dann der Kaffee aus der Hand genommen, weil die Macht sagt, dass Sie bereits zuviel davon hatten.

Aber es steckt doch auch in Ihrem eigenen Hinterkopf, dass zehn Tassen Kaffee nicht gesund sind.

Alles nur Ideologie! Bis um Beginn des 20. Jahrhunderts war jeder Besuch bei einem Arzt eher lebensverkürzend als -verlängernd.

Und bekanntlich gibt es mehr alte Trinker als alte Mediziner.

Es gibt diesen Woody-Allen-Witz, wo jemand im 23. Jahrhundert aufwacht und als erstes eine Zigarre mit Eisbein gereicht bekommt. Da lernt man, was zukünftige Mediziner möglicherweise von den Erkenntnissen ihrer Vorgänger halten.


Denis Scheck und ein Tässchen Qualitätskaffee (Foto: Meisenberg)

Wo entscheiden Sie sich im Alltag gegen das vermeintlich Beste?

Ich verachte zum Beispiel den Apple-Konzern und alle Hersteller von Maschinen, die mich sie nicht aufschrauben lassen. Geschlossene Welten, instrumentalisiertes Herrschaftswissen. Selbst Betriebssysteme wie Windows können mich rasend machen. Erst gestern wollte ich meinen abgestürzten Computer neu starten und musste stattdessen zusehen, wie Windows ein halbstündiges Update vollzog. Das ist totalitär!

Inwiefern?

In solchen Zusammenhängen wird Freiheit gegen Sicherheit eingetauscht. Ich möchte aber lieber unsicherer leben und freier. Kürzlich hat mir jemand Brandmelder in meinem Schlafzimmer installiert - gegen meinen Wunsch, aber im Gefolge irgendwelcher Brüsseler Bürokraten. Wie hat dieses Deutschland es nur jahrtausendelang ohne Brandmelder in Schlafzimmern ausgehalten?

Das erinnert an das Millionen Jahre alte Quellwasser, dessen Verfallsdatum nur bis nächsten Freitag reicht.

Sagt Ihnen der Ausdruck „Whisper of the ages“ etwas? Da geht es um uraltes Eis aus Kanada, das Whiskeytrinker geradezu kultisch verehren - bis hin zu der Behauptung, diese Eiswürfel erzeugten einen ganz besonderen Klang im Glas. Eine charmante Verbrämung!

On the rocks ist unter Kennern eigentlich verpönt, das sieht man nur in amerikanischen Filmen.

Ja, ich tue auch kein Eis in meinen Whiskey. Ich war mit zwei Freunden in Schottland, und weil wir fleißig Destillerien besucht haben, kamen wir am Ende auf über neunzig verschiedene Single Malts.

Nicht schlecht. Ich habe zuhause eine Flasche, da stammt sogar die Gerste aus eigenem Anbau.

Ein gutes Beispiel dafür, dass Komplexität in jedem Bereich Freude machen kann. Genauso gut könnte man einen Kult um die kölsche Flönz entwickeln.

In Ehrenfeld sitzt mit Karlheinz Froitzheim ein Metzger, der siebenfacher Deutscher Flönz-Meister ist.

Na sehen sie, großartig! In Schottland habe ich Haggis gegessen, das kommt dem nahe. Innerreien werden seit den 70er Jahren immer weniger gegessen - das ist die Ausweitung der Ekelzone und ein Zeichen für kulinarischen Verlust.

Der moderne Mensch bevorzugt die Pressform.

Und das Schnitzel kommt vom Schnitzeltier ... Ich halte es für viel vernünftiger, den Menschen wieder klarzumachen, dass Fleischverzehr das Töten eines Tieres bedeutet. In meiner Kindheit musste ich noch zuweilen über den Bürgersteig hüpfen, weil das Blut aus der Metzgerei floss.

Meine Oma bekam jedes Jahr ein halbes Schwein, das sie selber zu Wurst verarbeitete.

Man muss den moralischen Preis des Fleischverzehrs sehen, hören und riechen. Wer das tut, der ist auch nicht mehr empfänglich für den 1,99-Schweinebraten vom Supermarkt. Denn das ist, im wahrsten Sinne des Wortes, eine Schweinerei.

Wegen der Tierquälerei?

Das Quälfleisch aus unseren Kantinen, auch aus unseren Krankenhäusern und Kindergärten, ist ein unglaublicher Frevel! Nebenbei würde ich´s schon wegen der gespritzten Hormone und dem ganzen anderen Dreck darin nicht essen.

Wie konsequent sind Sie als Konsument?

Inzwischen doch sehr konsequent. Ich bin Kunde bei Hennes auf der Severinstraße, einem sehr guten, verlässlichen Biometzger.

Warum haben Sie sich, unter allen möglichen Themen, für ein Gespräch über Qualität entschieden?

Weil ich nicht begreife, warum Qualität so wenig Nachfrage hat. Wenn ich mich dafür entscheide, Schuster zu werden: Warum dann nicht die besten Schuhe der Welt herstellen? Warum mich mit irgendeinem Massentand zufrieden geben?

Unter schlechter Qualität kann man leiden.

Es ist mir ein völliges Rätsel, warum sich überall das Miese, Abgeschmackte, Billige und Banale durchsetzt. Ich bin Literaturkritiker, und ich frage mich: Warum gibt es nicht auch eine fundierte Brötchenkritik? Was die Kettenbäckereien heutzutage abliefern, ist fürchterlicher Mist.

Was ist das Gegenteil von Qualtät?

Dreck, Tand. Versuchen Sie doch mal, im Kölner Hauptbahnhof etwas Essbares zu bekommen. Wenn Sie Glück haben, bekommen sie wenigstens eine Glasflasche Wasser, also ohne Weichmacher.

In Qualität steckt das Wort Qual, wennauch nicht etymologisch. Inwiefern ist Qualität anstrengend?

(lacht) Man muss sich Zeit nehmen und seine eigenen Maßstäbe hinterfragen. Aber das ist ja auch das Faszinierende an diesem Organ zwischen unseren Ohren: Dass es uns ermöglicht zu reflektieren und gegebenenfalls auch mal aus dem Gleis zu springen.

Das Streben nach Qualität kann ins Snobistische, Elitäre kippen.

Mich erstaunt immer, dass „elitär“ bei uns einen negativen Beiklang hat. Jede Gesellschaft braucht Eliten, Avantgarden. In der Politik mag die Demokratie ein wunderbares Modell sein. In der Kunst hingegen ist Demokratie von Übel. (lacht)

Und in der Kulinarik?

Auch dort ist der kleinste gemeinsame Nenner einfach nur furchtbar. Ich mag Leute, die sagen: Hm, dieses Basilikum ist nicht schlecht. Aber gibt es nicht vielleicht ein noch besseres?

Das führt zum Thema Vielfalt. In deutschen Supermärkten bekommt man nur die immergleichen drei oder vier Apfelsorten.

Und die Chinesen versuchen, den todhomogenisierten Fuji-Apfel zum Weltmarktführer zu machen. Ich war auf dem größten Markt Südafrikas und sehe dort den größten Apfelhändler vor einem riesigen Apfelberg. Wo wachsen die denn, wollte ich von ihm wissen? Und er antwortete: Wieso wachsen? Die kommen aus China. (lacht)

Springen wir von Afrika zurück nach Köln. Bringen Sie diese Stadt mit dem Wort „Qualität“ zusammen?

Johann Kaspar Riesbeck hat im 18. Jahrhundert unter Pseudonym die „Briefe eines reisenden Franzosen“ über eine Deutschlandreise verfasst. Darin schreibt er: „Köln, Bruder, ist in jedem Betracht die abscheulichste Stadt von Deutschland. In ihrem weiten Umfang von 3 Stunden findet man nicht ein sehenswürdiges Gebäude.“ Und daran hat sich in den letzten 200 Jahren nichts geändert.

Tja, warum nur?

Ich kenne keinen Fall von Eigenblutdoping, der so extrem ist wie Köln. In dieser Stadt bekommen Sie schon Spontanapplaus, wenn Sie von der Bühne herunter „Köln“ rufen. Köln ist für den Kölner keine reale, geografische Angelegenheit, sondern ein State of Mind.

Und das schafft Probleme?

Die Kluft zwischen Realität und Kölnseligkeit ist inzwischen fast so groß wie in der Endphase des albanischen Kommunismus. Ein sehendes Auge würde Risbeck unbedingt Recht geben.

Früher hätte man nach einer solchen Schmährede gesagt: Dann geh doch nach drüben!

(lacht) Ich bin schon drüben. Köln ist geteilt zwischen Vision und Mythos auf der einen und schäbiger, irdischer Realität auf der anderen Seite. Unsere Aufgabe wäre, diese beiden Bereiche wieder zu vereinen. Und für ein bisschen mehr Schönheit zu sorgen.




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Mittwoch, 13. August 2014

Coloniales (47)

Acht kölsche Klarstellungen

1) Es heißt die Flönz, und nicht der.*

2) Ein Halver Hahn ist nur echt mit Röggelchen und mittelaltem Gouda.

3) Bei Himmel & Ääd gehören Kartoffelbrei und Apfelmus nicht in getrennte Schälchen, sondern untereinander.


Himmel un Ääd, rustikal

4) Rheinischer Sauerbraten stammt vom Pferd. Ungefähr seit den 1860er Jahren gilt der kölnische Pferde-Sauerbraten als Spezialität.

5) Ein Hämchen ist nicht identisch mit einer Schweinshaxe oder einem Eisbein. Letztere können auch geschmort, gebacken oder gegrillt werden, ein Hämchen jedoch wird gepökelt und anschließend gekocht. Außerdem sind „Hämchen immer hinten“, wie mancher kölsche Koch erklärt. Es geht also nicht um den Unterarm oder Bizeps des Schweins, sondern um die Wade.

6) Ein großes Kölsch ist eines mit 0,2 Litern. Ein kleines Kölsch fasst 0,1 Liter, man nennt es auch Stößchen. Es wird vorzugsweise vom Wirt selbst und von (älteren) weiblichen Gästen getrunken. Kölsch in Füllmengen von 0,25, 0,3, 0,4 oder 0,5 Litern ist Sünde.

7) Es heißt nicht Immi, sondern Imi. Das Wort stammt nicht von Immigrant, sondern von Imitat, folglich ist ein Imi ein imitierter Kölscher.

8) Köln liegt nicht am Mittel-, sondern am Niederrhein, weil dieser geographisch betrachtet nördlich von Bonn anfängt. Weil man jedoch nicht immer so verbissen sein sollte, liegt Köln trotzdem am Mittelrhein.


* Und: Ja, das war eine Arme-Leute-Wurst, bestehend aus Schweineblut und Speckwürfeln.**

Mittwoch, 6. August 2014

Thekentänzer (74)

Jonathans Selbstmord

„Ich bin der einzige Engländer“, sagt Jonathan.
Wir sitzen seit zehn Minuten gemeinsam an einer Theke am Alter Markt. Es ist 2 Uhr - nachmittags natürlich, denn um 2 Uhr nachts kann man sich nicht mehr vernünftig unterhalten. Jedenfalls nicht über Selbstmord
„Du meinst, der einzige Engländer in diesem Pub hier?“ frage ich.
„Nein“, sagt Jonathan, „der einzige Engländer in Köln. Ich wäre auch der einzige Engländer in England.“
Jonathan erinnert ein wenig an John Cleese - Ironie, Hypochondrie, konstruktiver Fatalismus. Was er ernst meint und was nicht, ist schwer zu trennen.
„Man hat mir meinen Führerschein weggenommen. Mein Konto ist gesperrt. Und heute Morgen haben mich die Cops eingesackt. Eine Prügelei, frag mich nicht.“
„Ich frag nicht.“
Direkt vor uns zapft die Kellnerin ein neues Guinness hoch. Sie hat hat lange, schöne Finger, die auch Jonathan auffallen. Er will wissen, warum ich hier bin. Ich sage:
„Ich mach Pause. Und du?“
„Ich denke darüber nach, mich gleich im Rhein zu ersäufen.“
„Ist ein guter Fluss dafür.“
„Ich weiß“, sagt Jonathan. „Aber die Themse wär mir lieber.“
Jonathan wohnt in Nippes. Er wirft ein paar Worte aus, von denen er glaubt, sie klingen Kölsch. Außerdem hat er die Idee für ein Theaterstück: Im Bauch der sinkenden Titanic; sechs Todgeweihte, was sie denken, was sie tun in ihren letzten Minuten. Womit wir wieder beim Wassertod wären.
„Meine Ex ist ein Biest“, sagt Jonathan.
„So ist das“, antworte ich, mittelwitzig, „mit Echsen.“
Statt der avisierten drei Kölsch bin ich inzwischen beim achten. Da kann man nicht mehr nur Goldtaler ausspucken.
„Und meine Kinder sind 8 und 6. Ich bin ein später Vater.“
Ich nehme einen tiefen Schluck, und das eiskalte Bier stanzt einen letzten Dukaten aus meinem benebelten Sprachzentrum.
„Dann sieh wenigstens zu, dass du´s noch eine Weile bleibst.“
Jonathan sieht mich zum ersten Mal geradeheraus an, starrt dann eine Weile in sein Bier, grinst unsicher und sagt: „Vielleicht bin ich ja doch nicht der einzige Engländer."


Selbstmord erlaubt

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Mittwoch, 30. Juli 2014

Kafkas Tränen

Mein Freund J. hält
Kafka für überschätzt.
Der suhle sich so
Tranig und absehbar
In seinem Scheitern.

Dazu sollte man wissen:

Mein Freund J. ist
Dem Leben entschieden
Zugewandt. Ein
Schnaubender Dionysos, heftiger
Trinker, und was

Die Frauen betrifft, nun ja,
Kafka würde da wohl
Ein bisschen weinen.

Nur die warten, kommen in den Garten


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Donnerstag, 24. Juli 2014

Coloniales (41)

Die Ringe und ihre Namen

Die Kölner Ringstraße entstand ab 1881 im Rahmen einer Stadterweiterung, der die mittelalterliche Festungsmauer zum Opfer fiel. Geplant wurde sie von dem Architekten Josef Stübben. Die Namen der einzelnen Ringsabschnitte entsprechen weitgehend der Abfolge der deutschen Königs- und Kaisergeschlechter.



Ubierring*: Westgermanischer Stamm, von den römischen Stadtgründern ins Linksrheinische umgesiedelt
Karolingerring: Herrschergeschlecht von 843–911
Sachsenring: Herrschergeschlecht 919–1024**
Salierring: Herrschergeschlecht 1024–1106
Hohenstaufenring: Herrschergeschlecht 1138–1208 u. 1212–54
Habsburgerring: Herrschergeschlecht 1273–91, 1298–1308, 1314–30 u. 1438–1806
Hohenzollernring: Herrschergeschlecht 1871–1918
Kaiser-Wilhelm-Ring: Wilhelm I. und II. waren Hohenzollern-Kaiser.
Hansaring: Im Mittelalter gehörte Köln der Hanse an.
Theodor-Heuss-Ring***: Erster Bundespräsident der BRD


Unterteilt wurden die Ringe durch die Anlage verschiedener großer und kleiner Plätze. In der Reihenfolge von Süd nach Nord: Chlodwigplatz – Barbarossaplatz – Zülpicher Platz – Rudolfplatz – Friesenplatz – Ebertplatz (früher Platz am Deutschen Ring). Manche ihrer Namen kongruieren mit dem entsprechenden Ringabschnitt, andere sind geographisch bedingt.


* Ginge es tatsächlich um die Macht in der Stadt, müsste er „Römerring“ heißen.

** Die sächsische Dynastie läuft meist unter dem Namen „Ottonen“.

*** Hieß zunächst Deutscher Ring.




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Mittwoch, 16. Juli 2014

Deutsche Sprichwörter (2)

Bist du voll, so leg dich nieder

Der Bonner Philologe Karl Simrock (1802-76) edierte unter anderem eine umfangreiche Sammlung deutscher Sprichwörter. Hier die Wochenauswahl:

Je heiliger das Fest, desto geschäftiger der Teufel.

Hüte dich vor drei K: der Kanne, den Karten,dem Käthchen.

Die Pfarrer bauen den Acker Gottes und die Ärzte den Gottesacker.

Es gibt mehr alte Weintrinker als alte Ärzte.

Geschäftiger Currywurstteufel


Bist du voll, so leg dich nieder,
nach dem Schlafen saufe wieder:
So vertreibt ein Schwein das ander,
sprach der König Alexander.


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Dienstag, 8. Juli 2014


Interviews (26)

Heute: Alfred Biolek

Alfred Biolek wurde 1934 in Freistadt im heutigen Tschechien geboren. 1946 von dort vertrieben, beginnt er 1954 ein Jurastudium, das er 1963 erfolgreich abschließt. Im selben Jahr wird er Justitiar beim ZDF, moderiert jedoch schon bald vor der Kamera. Über die Bavaria in München kommt er Anfang der 1970er zum WDR nach Köln. Sein erster großer Fernseherfolg wird ab 1976 die Talkshow „Kölner Treff“, und spätestens ab den 80er Jahren ist Biolek in der deutschen Fernsehunterhaltung fest verankert. Sendungen wie „Bios Bahnhof“ „Bei Bio“, „Mensch Meier“ oder „Boulevard Bio“ laufen über Jahre. Auch die Kochsendung „Alfredissimo“ (1994-2006) wird ein Dauerbrenner.
Alfred Biolek lebt - nach einigen Jahren in Berlin - seit 2010 wieder im Belgischen Viertel.

Er ist nicht mehr ganz so agil wie früher - klar, der Mann wird 80. Aber wenn es um seine Themen geht - die Fernsehunterhaltung, das gute Essen - blüht er auf wie eh und je.

Irgendwo zwischen Gespräch und Interview ...


Warum sind Sie in den frühen 1970ern nach Köln gekommen?

Weil ich damals zum WDR gewechselt bin. Vorher war ich kurz beim ZDF und dann bei der Münchner Bavaria.

Hatten Sie eine Vorstellung von dieser Stadt?

Nein, überhaupt nicht. Aber letztlich war ich ja dann sehr lange und gern hier.

Sie gelten als Ästhet, Köln gilt als nicht gerade hübsch. Warum sind Sie geblieben?

Naja, ich habe immer für den WDR gearbeitet, und das ist nunmal ein Kölner Sender. Auch meine eigene Firma habe ich hier gegründet.

Ihre Kochshow „Alfredissimo“ hätten Sie auch in einer Berliner Studioküche drehen können.

Aber Köln gefiel mir zu gut. Hier gab es Orte wie das alte Senftöpfchen, in dem ich 1973 meine erste Talkshow „Wer kommt, kommt“ gemacht habe. Aus der entwickelte sich dann 1976 der „Kölner Treff“, den ich zusammen mit Dieter Thoma moderierte.

Bis 2010 haben Sie einige Jahre in Berlin verbracht. Wie kann man sich Ihr Leben dort vorstellen?

Um auch dort Menschen um mich zu haben, habe ich sie zu mir eingeladen und für sie gekocht. Das war oftmals ein großer Kreis von vielleicht 15 Leuten. Aber als ich neulich nochmal in Berlin war, da war das Schönste das Schild „Zug nach Köln“ (lacht). Meine echten Freunde leben in Köln, und dorthin bin ich dann nach meinem Treppensturz 2010 auch zurückgekehrt. Die Jahrzehnte hier haben mich mit der Stadt eng verbunden.

Können Sie mit diesen klassischen Kölner Symbolen - der Rhein, der Dom, der FC - etwas anfangen?

Nein. Den Dom und den Rhein finde ich schon schön, aber den FC? Ich weiß noch nicht einmal, ob man „Fußball“ mit F oder V schreibt. (lacht) Mich hat mal ein Freund gefragt, wie oft ich beim Fußball war. Nie, habe ich geantwortet, aber wie oft warst du in einer Oper?

Sie haben 1983 den Alten Wartesaal renovieren lassen. Um damit Geld zu verdienen oder um der Stadt ein historisches Gebäude zu bewahren?

Zum Geldverdienen schon mal gar nicht. Das war ein wunderschöner Raum, in dem ich ein ebenso schönes Lokal eröffnen wollte. Die Atmospähre dort, auch wegen der Lage direkt an Dom und Bahnhof, ist etwas ganz Besonderes.

Als ehemaliger Restaurantbesitzer und Moderator einer Kochsendung: Haben Sie eine Meinung zu Flönz, Himmel un Ääd oder Rheinischem Sauerbraten?

Nein, das interessiert mich nicht. Wenn diese Gerichte irgendwo auf den Tisch kommen, esse ich die wohl. Aber nicht bewusst. Und was Pferdefleisch betrifft: Das gab es auch mal in meinen Sendungen, aber eine echte Leidenschaft ist da bei mir nie erwacht.

Beim ZDF, noch in den 1960ern, hieß eine Sendung von Ihnen „Tipps für Autofahrer“. Sind Sie in der Werkstatt genauso gut wie in der Küche?

Überhaupt nicht. Die haben mir gesagt, ich soll das moderieren, also hab ich´s getan. Immerhin war das meine allererste Sendung, bis dahin hatte ich in der Rechtsabteilung gesessen.

Sie sind studierter Jurist, genau wie John Cleese, den Sie mit den Monty Pythons 1970 nach Deutschland geholt haben. Ein echter Coup, wie ich finde.

Die Bavaria hat mir damals alle Freiheiten gelassen. Du willst diese englischen Komiker nach Deutschland holen? - Okay, dann tu das! Damals wurden die Zuschauer noch per Telefon befragt und konnten zwischen +10 und -10 wählen. Die Montys landeten bei -7, und trotzdem haben wir noch eine zweite deutsche Show mit ihnen produziert.

Waren diese Jungs so lustig wie in ihren Sketchen?

Oh ja, und darüber hinaus sehr freundschaftlich. Eines Tages wollte ich mal meine Ruhe haben und nicht mit ihnen ausgehen in München. Aber abends schlugen dann kleine Steinchen an mein Fenster. Und unten standen die Montys und wollten nicht ohne mich auf Tour gehen.

Wie haben Sie diese Truppe eigentlich entdeckt?

Diese Frage ist mir schon sehr oft gestellt worden, aber es tut mir leid: Ich kann sie nicht beantworten. Ich weiß es einfach nicht, vielleicht habe ich mal in einem Londoner Hotel den Fernseher angemacht.

Wie kam es zum ersten Kontakt?

Ich habe mich an deren Büro gewandt. Zunächst hieß es: Nein, die wollen nicht aus England weg, aber wir können uns mal treffen. Damals gab es im BBC-Gebäude noch eine richtige Bar, und nach Unmengen Gin Tonic wurden wir uns schließlich einig.

Engländer halt ...

Der Mann von der Bavaria wollte später gar nicht glauben, dass ich diesen Deckel mit lediglich fünf Leuten gemacht hatte. Am Ende des Abends jedenfalls sagten die Montys: Wir kommen nicht nach Deutschland, aber wir kommen zu dir.

Sie wollten als Kind unter anderem Priester werden und sagen im Nachhinein, davon stecke noch manches in Ihnen. Was genau?

Heutzutage nichts mehr, ich gehe auch nicht mehr zu Gottesdiensten. Schon während des Studiums war das vorbei. Zunächst bin ich ja dann auf Jura umgeschwenkt, aber irgendwann vor dem zweiten Staatsexamen wurde mir klar: Ich muss auf die Bühne, ich will entertainen!

Priester sind auch Entertainer, da oben auf ihrer Kanzel.

Eine gewisse Nähe besteht, das will ich nicht leugnen.

Eigentlich haben Sie in Ihren Shows nie einfach nur Fragen gestellt, sondern stets eher Gespräche geführt. War das Konzept?

Ich habe tatsächlich keine Interviews geführt, sondern Gespräche! Im Interview leiert man seine Fragen herunter. Im Gespräch jedoch können Sie ein ganz anderes, tieferes Interesse an Ihrem Gegenüber entwickeln. Die Fragen stellt man dann aus dem Zusammenhang heraus und nicht nur, weil man sie vorbereitet hat.

Hat diese Gespräche Alfred Biolek geführt oder ein Moderator, in dessen Rolle Sie geschlüpft sind.

Das war immer ich selbst.

Sie unterscheiden in diesem Zusammenhang gern zwischen „offen“ und „öffentlich“, zwischen „privat“ und „persönlich“.

Persönlich bedeutet für mich, dass man solche Gespräche immer von der Person aus führt. Dieser Mensch, mit dem ich mich da unterhalte, interessiert mich. Interviews hingegen kann man auch mit Leuten führen, die einem weitgehend egal sind.

Rede ich jetzt gerade mit dem offenen oder dem öffentlichen Alfred Biolek?

Das kommt immer auf Ihre jeweilige Frage an. (lacht)

Neben dem Bildungsanspruch zeichneten sich Ihre Shows und Gespräche immer auch durch ein auffälliges soziales Engagement aus. Sie haben bei „Boulevard Bio“ zum Beispiel Obdachlose eingeladen.

Mich hat immer die Mischung gereizt. Dass man in einer Woche dem Dalai Lama oder Vladimir Putin gegenübersaß und in der nächsten einem aidskranken Kind oder einer Mutter, die eine Totgeburt hinter sich hatte, machte für mich die Stärke der Sendung aus.

Könnte man Shows wie „Bios Bahnhof“ oder „Bei Bio“ heute auch noch so bringen?

Weiß ich nicht. Aber ich kann Ihnen sagen: Das Fernsehen von heute ist nicht mehr meines! Wäre ich noch einmal jung, würde ich nicht wieder beim Fernsehen anfangen. Vielleicht würde ich´s eher Richtung Kino oder Theater versuchen ...

... oder als Priester ...

Naja, das dann doch nicht. Es ist gar nicht so, dass ich alles schlechter finde, was heute läuft. Aber ich passe dort nicht mehr hin.

Könnte man sagen: Es werden keine Gespräche mehr geführt, sondern nur noch Interviews?

Hm, ja, das vielleicht auch. Aber schauen Sie einmal: Meine Talk- genauso wie meine Kochshow waren immer die einzigen ihrer Art in der Woche. Heute gibt´s davon jeden Tag vier oder fünf - das ist eine völlig veränderte Fernsehwelt.

Sie haben auch ein paar Jahre an der Kölner Kunsthochschule für Medien gelehrt. Was haben sie den Studenten dort übers TV-Leben erzählt?

Ganz allgemein habe ich ihnen gesagt: Wie man Fernsehen macht, lernt ihr besser beim Sender als hier im Seminarraum. Aber wichtig ist die Haltung, mit der man an seine Arbeit herangeht. Ich habe versucht zu erklären, warum ich meine Sendungen so gemacht habe, wie sie dann waren.

Vermissen Sie, kurz vor dem 80. Geburtstag, Ihr altes Fernsehleben?

Nein. Aber sagen wir so: Wenn ich stattdessen 60 würde, wäre das vielleicht etwas anderes.