Mittwoch, 4. Mai 2016

Coloniales (60)

Der Ferrari und die Villa in Poppelsdorf

Folgendermaßen lautet die Inschrift auf der „Schmitz-Säule“ vor Groß St. Martin:

An dieser Stelle lag einst, vom Rhein umflossen, die Martins-Insel. Vor dem Jahre 1000 n. Chr. wurde sie, durch Anschüttung des römischen Hafens, mit dem linksrheinischen Kölner Ufer verbunden.
Auf dieser Insel trafen sich römische Legionäre mit blonden Ubiermädchen – Urahnen der Familie ›Schmitz‹.

Damit dürfte klar sein, warum „Schmitz“ als der kölscheste aller Nachnamen gilt. Tatsächlich belegt dies ein Blick in die Telefonlisten der Telekom: 1.383 Kölner Schmitz-Anschlüssen stehen lediglich 166 in München und 137 in Hamburg gegenüber. Selbst im Stadtstaat Berlin melden sich gerade einmal 220 Haushalte mit „Schmitz“.

Genauso heftig ist der Niederschlag des Namens im Kölner Liedgut: Da hat die Sybille Schmitz (et Schmitze-Billa) „in Poppelsdorf en Villa“, und „dem Schmitz sing Frau es durchjebrannt“, während am „Langen Samsdaach en d’r City“ „de Frau Schmitz ihr Marieche“ sucht. Und wer jetzt noch nicht „Schmitz-Backes“ ist, dem dürfte nicht mehr zu helfen sein.

Seinen Ursprung hat der Zuname im Beruf des Schmiedes. Und weil in vergangenen Zeiten jedes Dorf seinen Grob-,, Klein- und Hufschmied hatte, liegt er auch heute noch vor Müller an erster Stelle der Häufigkeitstabelle.* Nicht anders im Ausland: Was den Kölnern der Schmitz, ist den Engländern der Smith, den Polen der Kowalski und den Serben und Kroaten der Kovac. Der italienische Schmied hat es sogar zu Weltruhm gebracht – er heißt dort Ferrari.

* Jedenfalls wenn man sämtliche Varianten wie Schmidt, Schmitt, Smid usw. zusammenrechnet.


Quelle: Wikipedia

Mittwoch, 27. April 2016

Kölner Gespräche (49): Heute: Martin Perscheid, Cartoonist

Martin Perscheid wurde 1966 in Wesseling geboren. Nach dem Fachabitur machte er eine Ausbildung zum Druckvorlagenhersteller. Perscheid zeichnete schon als kleiner Junge. Seit dem 1990ern erscheint die Erfolgsserie „Perscheids Abgründe“ in deutschlandweit über 50 Zeitungen und Zeitschriften. Seine Bücher werden vom renommierten Comic-Verlag Lappan herausgegeben. Zuletzt erschienen: „Wieso hat Facebook unser Profil gelöscht?“
Martin Perscheid lebt mit seiner Frau und den beiden Söhnen in Wesseling.


In Perscheids Garten

Wesseling, das heißt: viel Industrie und eine fürchterliche 70er-Jahre-Innenstadt. Was hat der Ort noch zu bieten?

Nichts. (lacht) Die vorherrschende Windrichtung sorgt übrigens dafür, dass der ganze Mief nach Köln zieht. Mir ist vor allem das soziale Umfeld wichtig, in das ich hier, tja, hineingeraten bin.

Sie sind in Wesseling aufgewachsen. Wollten Sie hier nie weg?

Ich habe zwischendurch mal in Köln gewohnt, aber das war mir zu groß und zu voll.

Inwiefern?

Als Großstädter muss man überzeugter Fußgänger oder Bahnfahrer sein. Ich bin aber motorisiert aufgewachsen und will meinen eigenen Parkplatz.

Gibt es einen Lieblingsort, an dem Sie leben möchten?

Hitze kann ich schonmal sowieso nicht ab. Ansonsten bedeutet mir das Umfeld nicht viel, Sonne und Regen sind für meine Arbeit unwichtig. Hauptsache ich fühle mich gut.



Als Motorradfahrer friert man schnell und ist sein eigener Stoßdämpfer. Warum fahren Sie trotzdem mit Leidenschaft?

Ich bin da reingeboren. Mein Vater hat schon vor meiner Geburt Motorräder repariert und verkauft, Werkstatt und Wohnhaus waren eins. Als Kind war das sehr spannend für mich.

Sind Sie ein guter Schrauber?

Ich denke schon, vor allem ein sorgfältiger.

Sie könnten auch, sagen wir, eine Kurbelwelle austauschen?

Das ist ja noch das geringste. Aber bearbeiten Sie mal einen Zylinderkopf, da wird es dann richtig knifflig!

Wann fahren sie Motorrad?

Viel zu selten, seit wir Kinder haben. Meine Touren schaufele ich mir frei, die werden schon in der Vorbereitung regelrecht zelebriert. Und dann geht es für einen Tag in die Eifel, die liegt für mich ja fast vor der Tür.

Freiheit, Abenteuer, harte Männer - was halten sie von den gängigen Bikerklischees?

Es gibt kaum einen anderen Kreis, in dem sich die jeweiligen Untergruppen so verachten wie bei den Motorradfahrern. Die Tourenfahrer sehen auf die Sportler herab, und die lachen wiederum über die Chopper.

Grüßen Sie Harleys?

(lacht) Jedenfalls grüße ich keine Roller.

Ihre berühmteste Cartoon-Reihe heißt „Perscheids Abgründe“. Die Doppeldeutigkeit ist Absicht, nehme ich an.

Den Titel habe ich zusammen mit meiner Agentur Bulls gefunden. Zumal man ja sagt, dass mein Humor recht abgründig sei.

Was ist für Sie abgründiger Humor?

Wer in den Abgrund stürzt, hat einen gewissen Punkt überschritten. Danach geht es abwärts, und das kann lustig werden. Spott ist ein wichtiges Element im Cartoon.

In der TV-Welt gibt es Comedians und Kabarettisten. Ist das bei den Zeichnern ähnlich?

Es gibt die politischen Cartoonisten, die vor allem Tageszeitungen bedienen. Andere wollen vor allem unterhalten. Uli Stein etwa hat glaube ich noch nie etwas Politisches gezeichnet.

Sie sind über die Jahre deutlich politischer geworden. Liegt das an Ihnen oder Ihren Kunden?

Ich denke, an mir. Manche Themen springen mich heute stärker an als früher, und dann muss ich dazu was machen. Ich sage mal nur: Erdogan.

Gehören Sie zu den Clowns, die selber nicht lachen?

Ja. Ich bin als Person nicht besonders unterhaltsam.

Was ist Ihr erster Zeichen-Impuls: Spaß oder Ärger?

Meistens Ärger. Zuletzt zum Beispiel die Mütter, die ihre Kinder abholen und vor der Schule den Motor laufen lassen.

Ihr liebstes Opfer ist „der Depp“. Wer ist das eigentlich?

Der Depp ist universal. der steckt in uns allen, auch in mir. Viele meiner Cartoons gehen auf eigene Missgeschicke zurück.

Für viele Ihrer Kollegen war Loriot der Größte. Für Sie auch?

Auf jeden Fall. Loriots Großer Ratgeber war das einzige Cartoonbuch, mit dem ich während meiner Kindheit in Berühung kam. Habe ich schon im Vorschulalter verschlungen. Ich habe immer gern gezeichnet, und es war verlockend, das mit Humor zu verbinden.

In der Kasseler Galerie Caricatura läuft noch bis Juni eine Perscheid-Ausstellung. Der Cartoonist in der Galerie: Merkt man daran, dass man alt geworden ist?

Das merke ich bei ganz anderen Gelegenheiten. (lacht) Die haben vor zehn Jahren schonmal so eine Schau veranstaltet, und es ist schön festzustellen, dass ich offenbar noch immer gefragt bin.

Wie beurteilen Sie, ob Ihre jüngste Zeichnung wirklich lustig ist?

Tue ich mich nicht selten schwer mit. Manchmal schlagen die für mich unwitzigsten Sachen bei anderen Leuten total ein. Vieles hängt auch von der Tagesform, von der Laune ab. An einem schlechten Tag habe ich vielleicht Ideen, finde aber keine davon gut.

Habe Sie Kontrolleure? Ihre Frau oder Kumpels etwa?

Nein, bei denen kann sich auch nicht drauf verlassen, dass die den richtigen Riecher haben. Manchmal muss man sich eben durchringen, schließlich muss ich mein wöchentliches Pensum erfüllen.

Man liest immer, Sie arbeiteten für 50 Zeitschriften. Was ist denn Ihr wahres Pensum?

Im Laufe der Jahre kamen sicherlich 50 zusammen, wobei nicht jede ihren eigenen Cartoon bekam. Aber die Verlage sparen inzwischen gerne beim Unterhaltungsteil. Zur Zeit zeichne ich sechs Cartoons pro Woche, rund 250 im Jahr.

Und was tut ein erfahrener Künstler wie sie gegen einen ideenlosen Tag? Eine Runde auf dem Motorrad drehen? Eine Flasche Wein killen?

Alkohol hilft schon mal gar nicht. Schlechte Tage muss man einfach gelten lassen. Manchmal beißt man sich durch, und die zündende Idee kommt irgendwann spät abends.

Wir treffen uns hier am frühen Nachmittag. Hatten Sie heute schon einen guten Einfall?

Nein, aber dafür gestern drei, die ich heute noch reinzeichne: einen zum Thema „Blonde deutsche Frau von Araber belästigt“, einen über Bestattungsunternehmen und einen zu Blasenkathetern.

Schönen Dank, ich wollte schon immer ein Interview führen, das mit diesem Wort endet: Blasenkatheter. 




Wer diese Kolumne zukünftig jeden Mittwoch zugeschickt bekommen möchte, schreibe eine Mail an thekentaenzer@netcologne.de, Stichwort: Die Köln-Kolumne.
 

Mittwoch, 20. April 2016

Deutsche Sprichwörter (11)

Der Bonner Philologe Karl Simrock (1802-76) edierte unter anderem eine umfangreiche Sammlung deutscher Sprichwörter. Hier eine Wochenauswahl zum Thema: Visionen

# Man muss immer weiter denken, als man kommt.

# Wer sich schämt, der kriegt nichts.

# Wer Pfannkuchen essen will, muss Eier schlagen.

# Schlampig macht wampig.

# Scheiße, sagte Cicero und verschwand im Nebel.

Psychedelisches Schaufenster in Rheinland-Pfalz

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Mittwoch, 13. April 2016

Kölner Gespräche (48): Frank Fischer, Präsident der Bunten Liga

Frank Fischer wurde 1972 im pfälzischen Oggersheim geboren. Er studierte Jura in Mainz und England, um 1999 in Düsseldorf zu landen. 2003 wechselte der Fachanwalt für Urheber- und Medienrecht nach Köln, wo er vor allem Medienschaffende berät. Sein Schwerpunkt reicht von Film- und Fernsehen über das Internet und Social Media bis zu Games und Events. 2007 stieg er bei der Bunte-Liga-Truppe Dynamo Tresen ein, und seit 2014 ist er Präsident der Bunten Liga Köln.
Frank Fischer lebt mit Frau und Kind in Rösrath.



Eine typische Anwaltskanzlei: Die Justiziare tragen Anzug, auf den Gast wartet eine Sitzecke mit Wasserflaschen und Bonbon-Spender. Und dieser seriös daherkommende Mann soll Präsident der Bunten (Spaß-)Liga sein? Ja, ist er!

Die erste Frage geht an den Medienanwalt: Wem gehört dieses Interview? Mir, Ihnen, der Kölnischen Rundschau oder womöglich dem Leser, der die Zeitung gekauft hat?

Ich denke, die Fragen gehören Ihnen als geistigem Schöpfer. An den Antworten habe ich das Recht, das ich Ihnen jedoch übertrage. Sie wiederum übertragen der Rundschau das Recht auf Abdruck des Interviews. Der Leser spielt hingegen im juristischen Sinn keine Rolle.

In Deutschland lassen die Journalisten ihre Interviews normalerweise vom Gesprächspartner autorisieren. In vielen anderen Ländern ist das nicht Usus.

Als Interviewter kann ich eine Autorisierung nur dann verlangen, wenn ich sie zuvor als Bedingung für meine Einwilligung in das Gespräch formuliert habe. Im Nachhinein habe ich dazu kein juristisches Recht mehr, das hängt dann vom guten Willen des Journalisten ab.

Und wenn Sie sich nun in der Zeitung völlig missverstanden fühlen?

Dann habe ich Pech gehabt. Der klassische Fall: TV Total-Spots, in denen Antworten aus anderen Sendungen in einem verzerrenden Kontext verwendet werden. Da gibt es keinen Anspruch auf eine bestimmte Darstellung. Wenn ich mich für den Größten und Schönsten halte, müssen Sie mich als Journalist noch lange nicht so darstellen.

Es gab in diesem Zusammenhang einige Prozesse.

Eine Grenze wird bei grober Verunglimpfung überschritten. Da müssen dann die Gerichte entscheiden. Aber grundsätzlich gilt auch: Wer sich vor eine Kamera stellt und Fragen beantwortet, sollte wissen, was er tut.

Medienanwalt, das klingt nach Blitzlichtgewitter. Ein zutreffender Eindruck?

Nö. (lacht) Ich finde, ein guter Medienanwalt ist der, der im Hintergrund die Fäden zieht. Klappern mag zwar auch zum Geschäft gehören, aber mein Job besteht vor allem in der Beratung für und Gestaltung von Verträgen im Film- und Fernsehbereich.

Ging es in der Vergangenheit dennoch einmal spektakulärer zu?

Eine gewisse mediale Aufmerksamkeit hatte ein Projekt hervorgerufen, dass ich vor meiner Zeit als Anwalt betreut habe. 2001 durfte ich Verona Pooth nach Bolivien begleiten, wo sie den Grundstein für ein SOS-Kinderdorf legte. Das waren fünf aufregende Tage, einschließlich Besuch beim Staatspräsident, Höhenkrankheit und der Rache Montezumas.

Aber der Alltag ist ruhiger?

Gefreut habe ich mich, als mein Name zum ersten Mal im Abspann einer Kinoproduktion auftauchte, die ich beraten hatte. Der Film hieß nach Deutschlands häufigsten Vor- und Nachnamen: „Wer ist Thomas Müller?“.

Es gibt den berühmten Bayern-Kicker dieses Namens. Könnten Sie auch Spielerverträge aushandeln?

Soweit ich weiß, braucht man dafür eine entsprechende Lizenz. Grundsätzlich gehört der Jurist nicht in den makelnden Bereich, wobei juristische Prüfungen und Betreuungen natürlich legitim sind. In meiner alten Kanzlei haben wir sogar mal einen ausscheidenden FC-Trainer arbeitsrechtlich betreut.

Mit dem Ziel, meinem Verein eine möglichst hohe Abfindung abzupressen?

(lacht) Das nicht. Es ging schlicht um eine ordentliche Beendigung dieses Arbeitsverhältnisses.

In welchem Verhältnis steht die Bunte Liga zum DFB?

Die Ursprünge der Bunten oder Wilden Ligen liegen in den 1980ern und in einem links-alternativen Umfeld. Damals ging es darum, etwas freigeistiger an die Sache heranzugehen als der konservative DFB. Auch heute gibt es Mannschaften aus den untersten DFB-Ligen, die in Wilde Ligen wechseln, wo sie es etwas lockerer angehen lassen können.

Es gibt inzwischen lange Wartelisten, Sie müssen Bewerber ablehnen.

Das stimmt, der Run auf die Bunten Ligen ist ungebrochen. Immerhin konnten wir in den letzten Jahren immer jeweils ein Team in unseren Betrieb integrieren. Es gibt allerdings auch Anwärter, die schon aufgelöst sind, bevor sie an die Reihe kommen.

Willi Hink, der DFB-Direktor für Amateurfußball, sagt: „Wir arbeiten daran, dass der moderne Verein der Zukunft die Hobby-Ligen eigentlich überflüssig macht.“

Schwierig zu bewerten, diese Aussage. Eine Hobbyliga funktioniert fundamental anders als der DFB-Spielbetrieb.

Zum Beispiel wird in der Bunten Liga jeder Anstoß zunächst dem Gegner zugespielt.

Genau. Auch bei den Terminen, den Austragungsorten, der Aufstellung und den Auswechslungen sind wir sehr flexibel. Wenn die eine Mannschaft zwei Spieler zu wenig hat, ist es selbstverständlich, dass die andere einen Mann abgibt oder ihr Team entsprechend reduziert. Fairplay, Respekt und vor allem der Spaß am Spiel stehen bei uns immer noch im Vordergrund.

Wieviel Zeit opfern Sie und Ihre Kollegen im Vorstand?

Am zeitaufwendigsten sind stets die Vorbereitungen einer Saison, das ist auch bürokratische Arbeit. Wenn die Saison läuft, hält sich alles in Grenzen. Es sei denn, wir durchleben gerade eine Schlechtwetterphase, und die Jahnwiesen sind ein einziger klatschnasser Acker.

Dann müssen Sie auf den nächsten Lidl-Parkplatz ausweichen?

So ungefähr. Aber man muss sagen: Die Stadt Köln ist, was die Bunte Liga betrifft, sehr kooperativ.

Profitieren Sie als Präsi von Ihren juristischen Kenntnissen?

So ein paar Basics habe ich nivelliert, unsere Website etwa hat inzwischen ein Impressum. Auch ein eigenes Logo hat die Liga jetzt, und gerade versuchen wir, die Satzung etwas zu vereinfachen. Aber ansonsten bemühe ich mich, da nicht mit erhobenem Zeigefinger herumzulaufen und alles besser zu wissen.

Wird bei Spielen der Bunten Liga viel gesoffen?

Das ist einer dieser Mythen, die längst ausgestorben sind, wenn sie denn überhaupt je so existierten. Auch bei uns gibt es inzwischen gewisse sportliche Ambitionen.


Obstler in Dosen

Der Name Ihres Teams ist immerhin „Dynamo Tresen“. Sind Sie noch selbst aktiv?

(lacht) Ich musste irgendwann einsehen, dass meine technischen und läuferischen Fähigkeiten immer überschaubarer wurden.

Das heißt, Sie fungieren mittlerweile eher als Maskottchen?

So ungefähr. Eher Mädchen für alles. Ich helfe aber auch mal aus, wenn Not am Mann ist.

Sie galten als beinharter Verteidiger. Was muss man sich darunter vorstellen?

Ich bin relativ groß und breit, an mir kommt man halt nicht so schnell vorbei.

Blutgrätsche Fischer?

Weniger das. Genauer: die Wand. (lacht)

Wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken. Gab es ein Highlight?

Stolz war ich, als unsere Mannschaft sich aufzulösen drohte und wir das mit gemeinsamem Engagement abwehren konnten. Mit dem neuformierten Team sind wir dann aufgestiegen und 2010 sogar Meister geworden.

Imponierend, aber ich dachte jetzt eher an Ihre persönliche Bilanz: ein Dribbling über hundert Meter oder ein Fallrückziehertor.

Nein, zu einem Tor hat es bei mir leider nie gereicht. Letztes Jahr, bei einem meiner sporadischen Einsätze, stand ich einmal wunderbar frei vorm Tor. Aber der entscheidende Pass – der kam nicht.

Und übrigens: Dieses Interview wurde von Frank Fischer gegengelesen und autorisiert.

Mittwoch, 6. April 2016

Coloniales (59)

Die Hürden der Grammatik

Als des Kölschen mächtiger Kölner ist es manchmal ein bisschen gruselig, die neuesten kölschen Songs zu hören. Hier ein paar Tips zu grammatischen Besonderheiten dieses Dialekts:

1) Kölsch kennt keinen Genitiv. Besitzanzeigende Fälle werden mit Dativ und angehängtem Possessivpronomen gebildet: Das Haus meines Bruders = Mingem Broder si Huus; Das ist seins = Dat is dem sing.*

2) Der Infinitiv endet, außer bei einigen unregelmäßigen Verben, auf -e: setzen = setze; fummeln = fummele; ärgern = ärjere, aber: gehen = jonn; tun = dunn.

3) Die Konjugation wird häufig vereinfacht, indem 1. und 3. Person Plural mit der 1. Person Singular zusammenfallen: Ich gehe, wir gehen, sie gehen = ich jonn, mir jonn, sei jonn.

4) Personalpronomen und personenbezogene Artikel reduzieren sich auf die männliche und die sächliche Form: die Kleine = dat Klein; Darf sie das? = Darf dat dat?

5) Die Vergangenheitsform Präteritum wird im mündlichen Sprachgebrauch außer bei Hilfsverben oft durch das Perfekt ersetzt: Ich ging = Ich bin jejange. Diese Entwicklung zur Vernachlässigung der einfachen Vergangenheit ist auch in der allgemeinen deutschen Umgangssprache zu beobachten. Endet das Partizip auf mehreren Konsonanten, wird in der Regel eine leichter aussprechbare Sonderform gebildet: gelegt = jelaat; versucht = versöök.

6) Eine Besonderheit ist ein im Hochdeutschen unbekannter Reflexiv, der zur Verdeutlichung bestimmter Tätigkeiten verwendet wird: Er hat ein Würstchen gegessen = Dä hat sich e Wööschje jejesse.

7) Das Kölsche kennt den Gerundiv. Für fortlaufende Handlungen oder Zustände wird  tun + Infinitiv verwendet: Er wohnt dort = Dä dät do wunne. Entsprechend der deutschen Umgangssprache benutzt der Kölner auch „ist am“ + Infinitiv: Er schläft gerade = Dä is jrad am schlofe.

8) Die Pluralbildung erfolgt häufig durch -e: Das Ding, die Dinger = dat Ding, die Dingere.

9) Im Grunde wird im Kölschen fast alles verniedlicht, Verkleinerungsformen sind überaus häufig anzutreffen. Im Singular werden sie mit -(s)che oder -je gebildet, je nach Harmonie mit dem vorangehenden Buchstaben: leckeres Bierchen = lecker Biersche, Tässchen = Tässje. Im Plural wird ein -r angehängt (mehrere) Pferdchen = Pädscher; (mehrere) Mädchen = Mädcher.

* Scherzhaft auch als der „Kölsche Ablativ“ bezeichnet.


Schüler, Studenten, Rentner, Frauen, Behinderte: An der Rechtschreibung hapert´s hier nicht.

Mittwoch, 30. März 2016

Kölner Gespräche (47): Wayne Marshall, Chefdirigent des WDR-Funkhausorchesters

Wayne Marshall wurde 1961 in Manchester als Sohn karibischer Immigranten geboren. Er studierte Klavier und Orgel, u.a. an der Wiener Musikhochschule, und bestand sämtliche Prüfungen mit Auszeichnung. Mit beiden Instrumente spielte er Konzerte überall in Europa. Als Dirigent leitete er die Wiener Philharmoniker genauso wie die Dresdner Philharmonie oder das Orchester von Bordeaux. 2014 berief man ihn zum Chedirigenten des WDR-Funkhausorchesters.
Zusammen mit seiner maltesischen Frau hat Wayne Marshall zwei Kinder. Wenn er in Köln ist, wohnt er stets im Hilton Hotel.

Natürliches Licht sucht man hier unten vergeblich – auch das Dirigentenzimmer der Kölner Philharmonie liegt tief untertage. Aber dafür findet man dort ein schickes Klavier und einen großen Spiegel zur musikalischen und äußerlichen Vorbereitung auf den Auftritt.





Sie sind 1961 geboren. Wie war das Manchester Ihrer Jugend?

Sehr anders, aber bereits damals im Umbruch. Natürlich gab es einige richtig harte Viertel, manche existieren heute noch. Aber gleichzeitig wurde viel gebaut, nicht zuletzt das mitten in der Stadt gelegene, fürchterliche Arndale Shopping Centre. Wir nannten es damals die größte öffentliche Toilette der Welt. Ich denke allerdings, Manchester ist heute insgesamt eine deutlich schönere Stadt als damals.

Entstammen Sie, als klassischer Musiker, einem Bildungsbürgerhaushalt?

Nein, gar nicht. Meine Eltern sind Immigranten, die 1957 von Barbados nach England kamen. Sie waren einfache Arbeiter. Familienwerte wurden bei uns zuhause hochgehalten, und man ging regelmäßig zur Kirche. Heutzutage komme ich viel rum, wegen meinem Job, aber auch dank meiner Frau. Sie ist Malteserin, und wir haben ein schönes großes Haus auf Malta.

Manchester ist heutzutage vor allem wegen seiner beiden Fußballmannschaften weltbekannt.

Allerdings, und mein Team ist Man U! In meiner Schulklasse gab es nur United-Fans, die Spieler damals kamen praktisch alle aus der Stadt selbst oder dem näheren Umland. Ich hoffe, dass Trainer van Gaal bald entlassen wird. Alex Ferguson war ein großer Coach, und er führte eine großartige Mannschaft. Aber alle Clubs gehen hin und wieder durch ein Tal – so wie Man U im Moment. Ein Problem ist sicherlich, dass kaum noch eigener Nachwuchs ausgebildet und integriert wird. Richtig verheerend wirkt sich das auf die englische Nationalmannschaft aus.

Die 80er-New-Wave-Band The Smith kommt genauso aus Manchester wie später Oasis mit den Gallagher-Brüdern. Sind Sie mit dieser Musik aufgewachsen?

Eigentlich nicht, das war nicht meine Szene. Ich fühlte mich früh zur Klassik hingezogen. Mit meinen Eltern besuchte ich zahllose Kirchenkonzerte. So etwa mit 16 war ich auf einer Party, wo eine Platte von Stevie Wonder lief. Ende der 70er war das, die Disko-Ära begann. Das gefiel mir dann schon ganz gut.

Warum lernt ein kleiner Junge aus Manchester Orgel und Piano statt E-Gitarre?

Meine Mutter spielt auch Klavier, das war ganz natürlich für mich. Einmal waren wir mit dem Schulchor in meiner Hauskirche, und ich durfte einen Akkord auf der Orgel spielen. Der Sound dieses Instruments haute mich dermaßen um, dass ich sofort wusste, das will ich lernen.

Wie ist die Akkustik in Manchester Cathedrale?

Ein bisschen dünn und kühl, ehrlich gesagt. Aber für mich damals war sie umwerfend.

Sie haben auch schon in Notre Dame und in Londons Westminster Cathedrale gespielt.

In Westminster steht die beste Orgel Englands, in Notre Dame die beste der Welt. Ich habe zweimal darauf gespielt und würde es jederzeit wieder tun.

Haben Sie schon in Kölner Kirchen gespielt?

Ja, in einigen, wenn auch keine Konzerte. Manchmal spiele ich im Dom. Die beiden Orgeln dort sind spannend, die Akkustik ist klasse. Was mich hier fasziniert, ist die Anziehungs- und Identifikationskraft des Doms: Jedes Konzert dort ist restlos ausverkauft mit 3.000 Leuten. Ich habe da noch nie einen Sitzplatz bekommen. Diese traditionelle Bindung an eine Kirche, an eine städtische Ikone ist wohl einmalig in Europa.

Kein Wunder, immerhin haben wir über 600 Jahre daran gebaut. Sie haben schon überall in Europa gearbeitet. Wie schneidet Köln im Vergleich ab?

Ich liebe es zu reisen, und ich finde es überall sehr speziell. Kulturelle Unterschiede sind faszinierend, in Paris genauso wie in Wien oder Köln. Ich bin hier sehr freundlich aufgenommen worden, und gut shoppen gehen kann man in Köln auch ...

Sie meinen: im English Shop an der Schildergasse leckere Salt & Vinegar-Chips kaufen?

Sehr englisch, ja, und furchtbares Zeug. Ich gehe gern zu Fuß durch Städte, in den English Shop habe ich es bisher allerdings noch nicht geschafft. Und bevor Sie fragen: Ich bin kein großer Freund des hiesigen Karnevals, auch der berühmte Notting-Hill-Karneval ist nichts für mich. Echter Karneval wird für mich in der Karibik gefeiert, in Trinidad gefällt er mir am besten.

Sie spielen und dirigieren nicht nur Klassik, sondern auch Jazz. Wo ist die Verbindung?

Ich bin vor allem klassischer Musiker. Aber mit Jazzmusik kam ich schon als Kind in Berührung. Als Dirigent war George Gershwin für mich derjenige, der mir den Jazz näherbrachte, nicht zuletzt durch sein „Klavierkonzert in F-Dur“ von 1925. In der Philharmonie haben wir mit dem WDR-Funkhausorchester zuletzt die Swing-Sinfonie von Wynton Marsalis gespielt. Die habe ich schon öfter aufgeführt, zweimal sogar zusammen mit Wynton.

Warum haben Sie 2014 den Job als Dirigent des Funkhausorchester angenommen?

Zum einen wollte ich schon immer Chefdirigent eines Orchesters werden, und die Anfrage kam zum richtigen Zeitpunkt. Zum anderen gefiel mir, dass das hier kein klassisches Mainstream-Orchester ist. Wir sind in viele verschiedene Projekte involviert und haben ein breites Repertoire. Eine große Herausforderung, der ich mich immer wieder gern stelle. Und weil alles aufgenommen und veröffentlicht wird, müssen wir unser Niveau stets sehr hoch halten.

Das Funkhausorchester spielte als Flash Mob die Star-Wars-Melodie auf der Hohe Straße, es tritt mit lokalen Popbands auf undsoweiter.

Ja, und das ist gut so. Mit solchen Auftritten bringen wir die klassische Musik an Zuschauer, die wir sonst nie hätten. Die musikalische Ausbildung an Schulen hat stark nachgelassen in den letzten Jahren. Das Internet beschäftigt zu viele Leute zu viele Stunden, also müssen wir etwas tun, um diese Menschen für uns einzunehmen.

Selbst spielen und dirigieren sind zwei Paar Schuhe.

Wobei ich mir als Musiker genauso viel abverlange wie meinem Orchester, wenn ich dirigiere. Wer besser werden möchte, muss hart an sich arbeiten – bei der Probe und beim Konzert. Wir wollen unsere Zuschauer so gut wie möglich unterhalten, also sollten wir immer mit Fleiß und Ehrgeiz an die Arbeit gehen.

Als Musiker kann man eins werden mit der Komposition. Als Dirigent muss man ein ganzes Orchester im Blick behalten. Können Sie die Musik dennoch auch als Dirigent genießen?

Oh ja, obwohl das in der Tat ein Unterschied ist. Aber es gibt eben immer diese magischen Momente in der Musik. Eigentlich weiß jeder, was zu tun ist, es gibt ja die Noten, die jeder kennt. Aber wenn dann ein Orchester richtig in Fahrt kommt, entstehen spontane Highlights, instinktive Wendungen, mit denen niemand vorher rechnen konnte. Und das ist es, was den Job so großartig macht.

Letzte, sich aus dem Vorigen logisch ergebende Frage: Sollte England sich aus der EU verabschieden?

(lacht) Nun ja, es gibt Argumente dafür und dagegen. Die Vereinigten Staaten sind viel enger miteinander verbunden als die EU, die aus zig verschiedenen Staaten besteht. Schon wegen der vielen verschiedenen Sprachen wird Europa nie ein geeintes Land werden. Am besten an Europa gefällt mir als Vielreisender der Euro.

Mittwoch, 23. März 2016

Thekentänzer (100)

Jan von Werths Helm

Die Sonne wandert von Deutz her über den Rhein. Gleich wird sie den Alter Markt bescheinen. Vor Papa Joe´s Biersalon stehen drei osteuropäische Männer und rauchen, Atemdampf und Kippenqualm sind kaum zu trennen. Gegenüber öffnet sich die Tür des Corkonian. Die Kellnerin stellt ein Klappschild auf den Gehweg: Heute Irish Thursday, Guinness nur 3,90.
Der Alte auf seinen Krücken hinkt aus dem Büdchen, eine Zeitung unter dem Arm. Die nimmt er immer mit zum Iren, wo er immer auf dem Rentnerbänkchen rechts vom Tresen sitzt und immer ein kleines Stout trinkt, bevor er sich wieder nach Hause kämpft. Auch Jeff, der Flugzeugmechaniker, bestellt sein erstes Guinness, wahrscheinlich kommt er von der Frühschicht.
Aus dem Papa Joe´s schallt jetzt Musik: Die menschengroßen Tünnes-und-Schäl-Figuren trööten einen Stimmungshit, programmiert von den drei Russen. Weiter hinten, Richtung Hühnergasse, wird ein Imbissschild repariert. Als Jan von Werths Helm der erste Sonnenstrahl trifft, bricht die Reisegruppe in Jubel aus. Was erzählt diese Stadtführerin denen?
Eigentlich wollte ich ins Museum. Bilder kucken.
Vor mir picken zwei Tauben ihr Mittagessen aus den Fugen der Pflastersteine. Vom Dom her spaziert ein silbern bemalter Statuendarsteller auf den Platz. Er orientiert sich kurz, aus irgendeinem Grund grüßt er mich. Dann strebt er zielsicher auf den Irish Pub zu.
Eigentlich wollte ich ins Wallraf-Richartz. Aber die Kunst kann warten.

Mittagspint