Mittwoch, 1. Juli 2009

Coloniales (18)

Der Weiße Mönch

Bildstöcke stehen zumeist an Wegkreuzungen und ähneln einem Tabernakel. Hinter einem Gitter, in einer Nische steht das Bildnis von Christus oder einem Heiligen, der diesen Ort beschützen soll. Nicht selten gemahnen sie auch an ein Verbrechen, das an dieser Stelle stattfand.
Im Westen von Dünnwald, am Beginn der Prämonstratenserstraße, weiß man von keinem Verbrechen, aber von einem blutigen Kampf. Hier soll im Jahr 1250 ein Streit zwischen Köln und dem Grafen Adolf IV. ausgetragen worden sein. Den 50 gefallenen Kölnern zu Ehren habe man sodann dieses Denkmal errichtet. Darüber hinaus ranken sich mehrere schaurige Erzählungen um den Ort. Am bekanntesten ist die des Heidengeistes, der sich hier herumtrieb, um Vorbeikommende vom Glauben abzubringen, indem er ihnen frevlerische Worte zuflüsterte. Wer jedoch fromm den Hut zog, den ließ der Kobold unbehelligt.
Gesichert ist demgegenüber die Identität jenes Heiligen, dem der heutige Bildstock gewidmet ist: Norbert von Xanten (1080-1134), Gründer des Prämonstratenserordens. 1143 kam dann auch das Dünnwalder Kloster in die Hand dieser Mönche. Heutzutage firmiert es unter dem Namen St. Nikolaus und ist die größte und schönste romanische Kirche im Rechtsrheinischen.
Weil Norbert und seine Anhänger weiße Gewänder trugen, gilt er auch als der erste „Weiße Mönch“. Sein Bildnis in Form eines geschnitzten Holzreliefs stammt aus dem Jahr 1952 und wurde von einem Dellbrücker Holzbildhauer geschaffen. Zur Zeit ist es jedoch nicht an seinem Platz. Die einen sagen, es werde wie demnächst der gesamte Bildstock von ehrenamtlich arbeitenden Handwerkern der Umgegend restauriert. Die anderen behaupten, Norberts Schnitzerei sei geklaut worden.
Sonderlich beliebt war er im übrigen nicht, der Norbert von Xanten. Als Ordensgründer predigte er strengste Askese, und später als Magdeburger Erzbischof verdonnerte er auch die einfachsten Priester zum – damals noch nicht so strikt gehandhabten – Zölibat.



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Montag, 22. Juni 2009

Thekentänzer (15)

Die Nuschel

Es ist kurz nach 8, und die beiden Typen wirken noch reichlich verstrahlt vom Vorabend. Er könne sich bis zum Weinhaus Vogel noch an alles erinnern, sagt der Rothaarige.
„Und vom Kölschen Boor weißt du nichts mehr?“ fragt sein Kumpel, der sich als Hannes vorgestellt hat. Sein Resthaar ist grau, oder wie man heute sagt: melatenblond.
Der Fussige sieht ihn auf eine sehr müde Art erstaunt an. Dann schüttelt er langsam den Kopf.
„Und wie wir in der Torburg gegen die Mauer gepinkelt haben und die Bullen kamen, und wo du denen dann ...“
„Halt´s Maul“, sagt der Fussige. Er heißt Franz, und da kommt er auch her.
Zwei Schnäpse lang schweigen sie, dann scheint Franz wieder zu alter Frische zu finden.
„In Füssen am Geldautomaten hab ich letztens einen getroffen“, hebt er an. „Zahnarzt war der, der isst nur noch Fleisch.“
„Den ganzen Tag?“
„Nur noch Fleisch, der will beweisen, dass der Mensch ein Fleischfresser ist.“
„Kann ich dem seine Adresse mal haben?“ bringt sich nun der dritte Gast ein. Er hat bislang geschwiegen und geraucht, zu seinen Füßen steht eine große bunte Einkaufstasche.
„Ich sag doch: am Geldautomaten! Was weiß denn ich, wie der Arsch heißt“, sagt Franz.
Der dritte Gast hat sich seinen Deckel auf den Namen Jean machen lassen: „Ja, weil ich nämlich Vegetarier bin.“
„Ach so“, sagt der Franz, während Jean in seiner Tüte kramt. Kurz darauf verlangt er nach einer Schere und öffnet einen Beutel mit einer bräunlich wabernden Asiasoße. Alle müssen probieren, ich auch. Das Zeug schmeckt scheußlich, aber zum Glück steht gerade vor jedem ein fast volles Bier.
„Treffen sich zwei teuer gekleidete Schicksen“, beginnt Hannes einen Witz. „Sagt die eine: Von Prada krieg ich immer Blasen.“
„Den kenn ich“, sagt Jean.
„Sagt die andere: Komisch, bei mir is das genau umgekehrt.“
Jean lacht trotzdem, wird dann aber plötzlich todernst: „Auf der Aachener Straße waren vor Jahren alle Hausdächer undicht. Da ist also Wasser eingedrungen und in der Folge bekamen alle Mauern Risse. Und die Hausbesitzer haben die Risse nur so halbherzig zuspachteln lassen. Und weil Köln ja Erdbebengebiet ist, werden die Fassaden von der Aachener eines Tages alle wie so Kartenhäuser zusammenklappen.“
„So´n Scheiß“, sagt Franz, „du bist ja voll der Psycho, wa!“
Hannes bestellt vier Saure, was zum jetzigen Zeitpunkt eine komplette Lokalrunde bedeutet. „Auf die Aachener“, sagt er, und dann: „Was liegt am Strand und man versteht es kaum?“
Und als er den für eine Scherzfrage angemessenen Moment der Stille hat verstreichen lassen, schreit er: „Ne Nuschel!“
Er legt den Kopf auf die Unterarme, stirbt fast vor Lachen, kommt nochmal hoch: „Ne Nuschel, glaubst du das? Ne Nuschel!“
„Is ja gut.“ Franz klopft ihm auf den Rücken. „Aber apropos Nuschel: Weißt du, weshalb Fleisch gar nicht so ungesund sein kann?“
Der Vegetarier verzieht sein Gesicht, spitzt aber die Ohren.
„Weil es keine fetten Tiger gibt“, sagt Franz.



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Mittwoch, 17. Juni 2009

Fränki (1)

Bifis und Nüsschen

Der Kümmel nebenan hat jetzt auch Softeis. Sone riesen Maschine, hat der direkt aufn Gehweg gestellt. Hundert pro hat der da keine Genehmigung für, aber was heißt schon Ordnungsamt auf Türkisch. Ürdnüngsümt oder so, is klar.
Aber auf jeden Fall kann man da jetzt Softeis kriegen, und in der scheiß Kneipe hier gibts immernoch nur Nüsschen und Bifis.
Wobei man natürlich sagen muss: Bifis sind echt lecker. Und wer will schon morgens um 5 ein Softeis.
Andererseits ist ja bei den Bifis das große Problem, dass jedes von denen anders schmeckt. Das is so, als wär eben jedes von diesen verkackten Salamiwürstchen vonnem anderen Schwein, und das Schwein hat sich wieder von was ganz anderem ernährt als das davor, und deshalb kommen bei dem auch ganz andere Bifis raus.
Wenn man zum Beispiel, sagen wir mal so um 3 oder so, voll Hunger kriegt und sich son Bifi bestellt. Dann ist das der absolute Hammer, sowas Leckeres hat man sein ganzes Leben nicht gegessen. Nur dass die Teile eben nicht besonders lang sind, höchstens so 14 Zentimeter oder so. Und dann hat man logo Hunger auf ein zweites.
Und dann reißt man da wieder den kleinen Spalt von der Aluverpackung auf. Und dann drückt man das Teil so voll gierig aus seiner Zellophanhülle raus. Und dann haut man die Zähne da rein und stellt fest: Das schmeckt nicht mehr ganz so gut wie das erste.
Aber klar, satt is man natürlich trotzdem noch nicht. Und logo könnte man sich jetzt mal zur Abwechslung ne Packung Ültjes bestellen. Abwechslung is ja immer gut, und Nüsschen wär sowas wien zweiter Gang, so fast schon menümäßig und so.
Aber macht man nicht.
Weil man voll gierig auf diesen verdammten Salamistengel ist.
Und weil da wahrscheinlich irgendwelche miesen Stoffe drin sind, die einen süchtig machen.
Und dann schiebt man sich das dritte Bifi rein und das schmeckt voll kotze.
Drei Bifis hintereinander, das geht einfach nicht. Das is so wie drei Softeis hintereinander. Da hat dann nur der Kümmel was von, weil einem schlecht is danach.
Sowas müsste mal in diesen scheiß Beratungsspalten von den Zeitungen stehen:

Liebe Frau Barbara,

immer wenn ich beim Saufen nachts totalen Kohldampf kriege und dann nach dem zweiten Bifi noch ein drittes esse, wird mir kotzübel. Haben Sie dafür eine Lösung? Da wär ich Ihnen aber schon im Voraus voll dankbar für.

Mit besten Grüßen,

Ihr Fränki Kattwinkel


Und klar, in der nächsten Ausgabe von dem Spackenblatt steht dann die Antwort:


Lieber Fränki,

dein Problem teilst du mit tausenden anderen Freunden der Gastronomie. Wie wäre es denn, wenn du einfach mal einen Abend zuhause bleiben würdest? Oder sagen wir, dass du dir mal n paar Butterbrote machst, bevor du ausgehst? Wobei, ich verstehe schon, dass das manchmal einfach nicht passt, weil man eben erst später Hunger kriegt. Wegen dem ganzen Bier und so. Und deshalb rate ich Euch, lieber Fränki und liebe andere Fränkis unseres Landes, ich rate euch: Lutscht einfach zwischendurch mal einzweidrei Softeis vom Kümmel nebenan, und der Hunger ist gestillt.

Herzlichst,

Eure Frau Barbara


Tja, und dann müsste ich rauskriegen, wer diese Frau Barbara is und müsste die mal ordentlich vermöbeln. Alles nur Arbeit, und außerdem geht der verdammte Hunger von soner Denkerei natürlich kein bisschen weg. Ich schätze, ich bestell mir erstmal ne Packung Nüsschen. Oder zwei. Wobei, Nüsschenpackungen aufmachen is natürlich erst recht der Horror.

Also am besten direkt so Nägel mit Köpfen: Ich hätt gern zweimal Nüsschen und zwei Bifis, du Spacken, aber die Nüsschenpackungen machst du mir vorher auf!



Bei den Fränki-Posts handelt es sich um die Fortschreibung des gleichnamigen Romans, s. www.emons-verlag.de
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Mittwoch, 10. Juni 2009

Coloniales (17)

Das Rubenshaus

Das Haus in der Sternengasse 10: ein roter Klinkerbau, vollkommen unspektakulär. An der Mauer vor dem Eingang jedoch: ein reliefartiges Denkmal, das offenbar Eindruck schinden soll. Was ist, besser: Was war hier einst los?
Ganz einfach: Hier lebte früher einer der berühmtesten Maler der Welt, nämlich Peter Paul Rubens. Zu seiner Kölner Zeit jedoch, das muss man dazusagen, war er noch ein Kind. 1577 geboren, wohnte er hier bis zu seinem 11. Lebensjahr. Das aus Bronze und Marmor gefertigte Denkmal zeigt ihn hingegen als Malerfürsten: mit wilder Pose und wehendem Mantel mehrere Pinsel und eine Farbpalette ausbalancierend.
Ursprünglich stammte die Familie aus Antwerpen, wohin sie nach dem Tod des Vaters 1587 auch wieder zurückkehrte. Während seiner Kölner Zeit entwickelte Rubens eine enge Bindung an die Peterskirche in der nahen Jabachstraße. Hier wurde er getauft, hier liegt sein Vater begraben. Und 1638, inmitten des Dreißigjährigen Religionskrieges und kurz vor seinem Tod, schuf er die Kreuzigung Petri*. Das beeindruckende Gemälde ziert seitdem den Hauptaltar der Kirche.
Auch späterhin war das Rubenshaus immer wieder Schauplatz historisch bedeutsamer Ereignisse. Am 3. Juni 1642 starb hier Maria von Medici**, französische Königin, die bei der befreundeten Familie Rubens Zuflucht gesucht hatte. 1883 eröffnete Hermann Päffgen in diesen Mauern sein erstes Brauhaus. Und von 1926 bis 1938 war die Sternengasse Nr. 10 Spielstätte einer kölschen Institution, des Hänneschen-Theaters nämlich.
Kurioserweise rankt sich um die Sternengasse auch eine Briefpost-Tradition. 1578, der kleine Peter Paul war gerade ein Jahr alt, wurde Jacob Henot***, wohnhaft in der Sternengasse, zum ersten Kölner Postmeister ernannt. Das Bürogebäude Sternengasse 1 gehört bis heute der Post AG, während der Neubau Nr. 10 auf dem Gelände des ehemaligen Rubenshauses als Fernmeldeamt 2 der Deutschen Telekom fungiert.

* Die Kirche St. Peter mit Rubens´ Gemälde von der „Kreuzigung Petri“ findet sich in der Jabachstraße 1, geöffnet Di-Sa 11-17, So 13-17 Uhr.
** Das Herz der Maria von Medici wird im Dom hinter dem Dreikönigsschrein aufbewahrt.
*** Jacob Henots Tochter Katharina wurde ein Opfer der Kölner Hexenprozesse, man verbrannte sie am 19. Mai 1627 auf Melaten. Heutzutage sind eine Straße und eine Schule nach ihr benannt, am Rathausturm wurde sie figürlich verewigt.



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Mittwoch, 3. Juni 2009

Thekentänzer (14)

Von einer, die auszog, kein einziges Bier zu bezahlen

Wie die sich schon aufbaut, kaum dass sie den Barhocker erobert hat. Legt auf die Theke: ein total zerfleddertes Päckchen Tabak, das wahrscheinlich irgendwer irgendwo vergessen hat, wo es starken Umwelteinflüssen ausgesetzt war; ein angefressenes Feuerzeug, mit dem mindestens zweitausend Flaschen Bier geöffnet worden sind; eine relativ neue Tüte mit Minifiltern und einen kleinen, irritierenden Handspiegel.
Und natürlich sieht sie gut aus. Groß, mindestens einsachtzig, blond, Walküre.
Als erstes verfällt ihr der alte Knabe aus dem Orient, der sonst immer nur zum Würfeln hier herkommt. Von den beiden Bieren, die er bei mir ordert, stellt er eins kommentarlos vor die Frau. Ihr „Danke“ bringt ihn in das avisierte Gespräch, und bald schon kann er ihr erzählen, dass er mitten in einer unglücklichen Ehe steckt. Nach dem dritten Glas jedoch scheint er Angst vor den möglichen Konsequenzen seines Handelns zu bekommen. Jedenfalls geht er erstmal nach nebenan. Falafel essen oder so.
Wie vorauszusehen war, ist dies der Zeitpunkt für den komischen Kauz am Fenster. Beim Reinkommen trug er einen Cowboyhut mit irgendwelchen Lederapplikationen, der nun neben ihm auf dem Tresen liegt. Genauso wie die Nischenzeitschrift zum Thema „Rafting“, die er beim Hinsetzen wie absichtlich aus seiner Brusttasche gezogen hat. Bevor die blonde Frau kam, hat er mir von seiner Idee für eine Porno-Komödie erzählt. Ausführlich und sehr detailliert, aber davon vielleicht ein andermal. Im Laufe dieses Abends wird er jedenfalls ausschließlich Gerri Zitrone trinken, aber mehrere Kölsch bestellen.
Die Frau, machen wir´s nicht allzu dramatisch, tut nichts Aufreizendes. Sie schnorrt auch nicht oder biedert sich irgendwie an. Sie ist einfach nur da. Andererseits: Walküren sind Todesengel, das Altnordische „valr“ bedeutet soviel wie „die auf dem Schlachtfeld liegenden Leichen“.
Der alte Würfler legt, bevor er die letzte Verbindung Richtung Meschenich nimmt, seinen Kopf an ihre weitaus höhere Schulter. Ich muss zapfen, glaube aber, dass sie ihm zum Abschied einen Kuss auf die ziemlich kahle Stirn gehaucht hat. Mal sehen, ob der je wiederkommt.
Der Porno-Comedian tippt sich quer durch den ganzen Laden bis zu ihr hinüber an die Hutkrempe. Eine Geste, auf die er wahrscheinlich sein ganzes Leben lang gewartet hat.
Und irgendwann bricht auch die Frau auf, deren Namen ich nicht kenne, weil sie nie einen Deckel gemacht hat.
„Was bin ich dir schuldig?“ fragt sie.



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Mittwoch, 27. Mai 2009

Straßenkämpfer (6)

Der Club der schönen Mütter

Vor einigen Tagen hatte ich beruflich in Porz zu tun. Dabei überquerte ich einen Spielplatz, und es geschah exakt das, was man auf einem Porzer Spielplatz erwartet: Eine Mutter rief nach ihrer „Chantal“. An den Geräten turnten auch vier Jungs. Zwei sahen aus wie Dennis, die anderen beiden gingen eher Richtung Kevin.
Am frühen Abend dann überkam mich der Durst, und ich fuhr in die Südstadt. Wiederum passierte ich einen Spielplatz, und da saß das, was die großartige Band „Fehlfarben“ als „Der Club der schönen Mütter“ besungen hat. Eine von ihnen sagte: „Mit wieviel Jahren hat denn der Cornelius mit Blockflöte angefangen?“
Die Antwort habe ich nicht gehört, aber in dem Moment fiel mir ein, dass ich zu diesem heiklen Thema mal eine schöne Kurzgeschichte geschrieben habe. Sie heißt:


Cornelia (und Kurt)

Pampers, Buggy, Wilkinet, Kika, Kita, Bobbycar – Merkst du was?
Scout und Hipp und Stilleinlage, Waldorf, Maja, Tigerente - Merkst du, wie geläufig mir diese Vokabeln sind?
Aber ich kann sie nicht mehr hören!
Ich ertrage das einfach nicht mehr, wie alle mit diesen Wörtern jonglieren. Als beherrschten sie eine Geheimsprache. Susanne war die erste in meinem Bekanntenkreis, euer Lukas dürfte jetzt wohl Vier sein, stimmts? Und seitdem reißt das nicht mehr ab. Ich traue mich manchmal kaum noch, auf irgendwelche Treffen mit alten Freundinnen zu gehen. Jedes Mal ist wieder eine schwanger.
Und wie sie es dann immer hinauszögern, bis sie damit rausrücken. Ich habe da inzwischen einen Blick für: Wenn eine schwanger ist und es gleich erzählen will, sehe ich ihr das schon im Vorhinein an. Als trüge sie schon das Mutterkreuz auf der Stirn.
Und danach hagelt es dann natürlich immer die üblichen Glückwünsche.
Dass das alles so vorhersehbar ist und immer genau gleich abläuft, nervt mich am meisten. Alle schrauben sich in ihre höchsten Tonlagen und schreien „Nein!“ und „Gibts doch gar nicht!“, als hätte ihnen jemand vom achten Weltwunder erzählt. Und kurz darauf setzen die, die schon Kinder haben, dieses wissende Grinsen auf, als wollten sie sagen: „Na wart´s ab, du weißt noch gar nicht, was du dir da eingebrockt hast.“
War das bei Susanne und dir auch so, dass ihr monatelang über einen Vornamen gegrübelt habt? Eine fängt immer an: „Wie soll er denn heißen?“ Und dann geht das los. Stundenlang. Dass „Max“ und „Marie“ zwar schöne Namen seien, aber dass ja heutzutage leider alle so hießen. Die kennen die Rankings alle auswendig, von Eins bis Zehn, wie sie alljährlich in den Zeitungen stehen. Oder sie haben im Internet nachgeschaut, welche Namen noch frei sind. Und dann nennen sie ihren kleinen Scheißer Renzo oder Rocco oder Sid, oder Siobhan oder Carlotta mit „C“. Und finden das supercool.
„Rocco!“ – Stell dir mal vor. Läuft der später als „Rocco“ durch die Gegend und ist vielleicht dürre und nur einssechzig groß. Oder „Carlotta“, als ob´s „Charlotte“ nicht auch täte. Sagt eine: „Carlotta.“ Sagt eine andere: „Lotta aus der Krachmacherstraße.“ Sagt eine: „Sid.“ Sagt die nächste: „Sid Vicious, hihi, der hat seine Freundin umgebracht.“ Und dann: „Siobhan, das ist keltisch, spricht sich ´Schiwonn´ aus, ist das nicht reizend.“ Die denken wirklich, sie seien hochindividuell, megaironisch und jedenfalls extrem unspießig. Dabei funktionieren sie genau nach dem selben Schema wie die Prolls. Wenn die ihre Kinder Nicole, Chantal oder Denis taufen, dann denken die doch auch, das wäre total exklusiv.
Und das routinierte Gerede, wenn dann mal wieder eine ihren Sechs-Pfund-Renzo entbunden hat: Klappt es mit dem Stillen? Pumpst du vorher ab, wenn du abends mal ausgehst? Per Hand oder elektrisch? Oder nimmst du dann Milchpulver? Welches? Wie steht´s mit Schwangerschaftsstreifen? – Postnatale Gymnastik, ich sag´s dir!
Was glaubst du, wie oft ich in den letzten paar Jahren das Wort „Dreimonatskolik“ gehört habe. Anfangs habe ich dabei immer an Lolek und Bolek gedacht, aber inzwischen kriege ich schon Phantomschmerzen, sobald jemand das Wort nur ausspricht. Diese Koliken scheinen so etwas wie der Urgrund für alle Probleme zu sein, die junge Eltern überhaupt haben können. Der Kleine schreit zu viel? Entwickelt sich nicht weiter? Schläft schlecht, trinkt schlecht, kackt schlecht?
Na alles klar, keine Angst, ist nur die Dreimonatskolik.
Es erschüttert mich manchmal, wie ergeben Frauen werden, sobald Nachwuchs da ist. Wie die sich in ihr Schicksal fügen. Natürlich kühmen sie ein bisschen, weil sie keine Nacht mehr vernünftig schlafen können. Aber für mich klingt es immer so, als kokettierten sie nur, als wären sie mehr auf Neid denn auf Mitleid aus: „Ich will mich nicht beschweren, er ist sooo süß!“ Es ist, als wären sie plötzlich ein anderer Mensch, wie umgepolt. Vorher waren sie Frauen, jetzt sind sie Mütter.
Es ist ja nicht so, dass ichs denen nicht gönne. Zumal meinen Freundinnen. Ich will nur nicht damit belästigt werden, jedenfalls nicht permanent. Ich fühle mich auch nicht direkt ausgeschlossen, obwohl ich nicht wirklich mitreden kann. Aber ich finde es schon irgendwie unsensibel und penetrant, im Beisein von Kinderlosen ohne Ende über Babys zu reden.
Stell dir vor – nur mal als Beispiel – ich würde Wellensittiche züchten und dich jetzt zwei Stunden mit den Feinheiten der Wellensittichzucht zutexten. Stell dir vor, alle deine Freunde züchten plötzlich Wellensittiche und reden über nichts anderes mehr als Jod-SL-Körnchen und die Vorteile von Schwenkkäfigen. Und du bist der einzige, der Wellensittiche scheiße findet: Wie kämst du dir da vor?
Genau!
Susanne ist noch vergleichsweise harmlos. Sie war die Erste, deswegen macht sie vielleicht nicht mehr so viel Aufhebens davon. Außerdem kennt sie mich gut genug, um das Thema auszusparen. Aber auch bei ihr sehe ich dieses milde, mitleidige Lächeln, wenn ich mich mal wieder drüber aufrege. Vielleicht hat sie ja Recht und es gibt tatsächlich so ein Glückshormon, das ausgeschüttet wird, sobald ein Kind da ist. Susanne ist davon vollkommen überzeugt. Ein Hormon der ewigen Freude, ebenso unerklärlich wie unversiegbar selbst in den härtesten Zeiten. Sie sagt, wir – also die Kinderlosen – könnten froh sein, dass wir das Gefühl nicht kennen, das dieses Hormon auslöst. Die Natur habe das gut eingerichtet, denn wenn wir - schon wieder ´Wir´ - wüssten, was wir verpassen, wären wir unglücklich.
Das mag ja stimmen, aber wer ist ´Wir´? Gehöre ich zu einer Gruppe von Mangelmenschen? Bin ich ein Krüppel, weil ich kein Kind habe? Du merkst: Ich übertreibe. Aber so kommt das bei mir an. Und wenn ich dann so einen Haufen glücklicher Mütter vor mir habe, weiß ich nicht mehr, wem wirklich etwas fehlt.
Degeneriert sind doch die, nicht ich! Man muss sich doch nur mal anhören, wie die sich unterhalten: „Titi sagt jetzt schon MAMA, Titi sagt jetzt schon PAPA, und vor allem NEIN - haha, jaja - NEIN sagen können sie immer als erstes, jeden Tag eine neue Entwicklung, und Titi kann jetzt schon ein paar Schrittchen gehen“ – SCHRITTCHEN, logisch, alles wird verniedlicht –, „Titi isst schon allein mit seinem Löffelchen und macht schon aufs Töpfchen.“ – Ich fasse es manchmal nicht, was für ein hohles Geschwätz an sich intelligente Frauen plötzlich absondern. Debiles Delirieren ist das, ich kann das nicht anders nennen. Und was die dann alles lustig finden, worüber die sich halb totlachen, die altklugen Sprüche ihrer Kinder, die doch in Wirklichkeit nur den Eltern nachgeplappert sind. Ich glaube, dass hinter diesem typischen Elterngerede letztendlich eine tiefe Angst steckt. Die verschanzen sich hinter ihrem Jargon, die nutzen den zur Selbstbestätigung. Vor allem die Frauen.
Vielleicht spüren sie, dass etwas Ungeheuerliches geschehen ist, ein großer Wandel, den sie nicht genau überblicken können. Alles, was sie wissen, ist, dass sie plötzlich weg vom Fenster sind, dass nichts mehr wie vorher ist und es keinen Weg zurück gibt. Und weil ihnen das solche Angst macht, demonstrieren sie umso vehementer ihre neue Existenz: Ich bin jetzt jemand, der neues Leben gezeugt hat. Jetzt ist alles geritzt und ich kann in Ruhe ne alte Schachtel werden.
Ich rede normalerweise nicht so. Ich habe mich jetzt ein bisschen da reingesteigert. Aber du weißt, was ich meine!
Ich sag´s dir ganz ehrlich: Ich will keine Kinder haben. Und ich will erst recht nicht so werden wie die Mütter, die ich kenne. Dieses Hormon, wenn es denn existiert, scheint eine extrem harte Droge zu sein. Eine, die mit sofortiger Wirkung blöd macht. Wenn ich schwanger wäre, würde ich mich davor am allermeisten fürchten.
Man hat Angst, wenn man keine Kinder hat, und man hat Angst, wenn eines unterwegs ist. Ist doch bescheuert, oder?



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Mittwoch, 20. Mai 2009

Coloniales (16)

Das Maurische Zimmer

Im Museum für Angewandte Kunst, Abteilung Historismus, stehen ein paar Möbelstücke des „Maurischen Zimmers“. So genannt von seinem Besitzer, dem Kölner Johannes Fastenrath. Der Raum wirkte schon museal, bevor er im Museum landete. Um die Wende zum 20. Jahrhundert wohnten die Fastenraths, Johannes und Louise, in einem Haus am Kölner Neumarkt. Fastenrath (1839-1908) war der Sohn einer Remscheider Kaufmannsfamilie, die 1847 nach Köln übersiedelte. 1860 promovierte er als Jurist und wurde kurzzeitig Referendar beim Kölner Landgericht, bevor er beschloss, sich ausschließlich der Literatur zu widmen. Vier Jahre später brach er zu seiner ersten Spanienreise auf, die ihn nachhaltig begeistern sollte.
Bis 1869, als er das Land zum zweiten Mal besuchte, hatte Fastenrath spanische Stücke übersetzt und eine Reihe von Gedichtsammlungen publiziert, die sich an alt- und neuspanischen Vorbildern orientierten. Diese Leidenschaft trug ihm mehrere spanische Preise ein und öffnete ihm die Türen zur literarischen Nobilität des Landes. 1868 ernannte man ihn gar zum Ehrenbürger der Stadt Sevilla.
Nach und nach füllte sich das Maurische Zimmer am Neumarkt mit Mitbringseln seiner Reisen. Heutzutage im Museum wirkt der Raum – auf grauem Untergrund und um einige Möbelstücke und Einrichtungsgegenstände ärmer – ein wenig steril. Aber mithilfe des Originalfotos gelingt es dem Betrachter, sich in diesen exzentrischen Geschmack, diesen völlig überladenen Ort einzufühlen. Neben zwei mit Perlmutt, Seide und Schnitzereien verzierten Sofas sind hier unter anderem zwei Stierkampf-Figuren ausgestellt: Banderillero und Espada. Die Bronzen stammen aus dem Paris der 1880er Jahre. Unwesentlich jünger kommt ein ebenfalls bronzener Figaro daher, der – Gitarre auf dem Rücken, Feder in der Hand – zugleich den Dichter und den Musikus gibt. Sein Besitzer Fastenrath wurde im Mai 1893 zum ersten Vorsitzenden der „Literarischen Gesellschaft Köln“ gewählt. Der kölsche Spanier behielt das Amt bis zu seinem Tode. Sein Nachlass wird übrigens (oder wurde?) vom Historischen Archiv der Stadt Köln verwaltet.

Und was schrieb er so, der Johannes Fastenrath? - Im Jahr 1865 veröffentlichte er ein Buch, das u.a. die folgenden "Andalusischen Sprüche" enthielt:

1
Meine Lieb´ ist wie ein Teller,
Ist der eine zerbrochen,
Kommt ein andrer an die Stelle.

2
Rosenstock erzieht die Rose
Und der Blumentopf die Nelke
Und ein Vater seine Tochter
Ohne daß er weiß, für wen.

3
Drei Jahr ist sie fort,
Da frug mich die Erde
Hast du sie vergessen?
Ich sagte Nein!

4
Wenn ihr je nach mir suchen solltet,
Sucht mich in dem heißen Süden,
Sucht mich bei den braunen Mädchen
Unter Blumen, unter Blüthen.



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