Mittwoch, 16. September 2015

Kölner Interviews (38): Leena Günther, Sprinterin

Leena Günther wurde 1991 in Köln geboren und machte ihr Abitur am Apostelgymnasium. 2002 begann sie mit der Leichtathletik, ihr erster größerer Titel war die Deutsche B-Jugendmeisterschaft 2008 über 100 Meter. Zahlreiche weitere Jugendmeisterschaften folgten. 2012 siegte sie als Startläuferin mit der 4x100 Meter-Staffel bei den Europameisterschaften. Im selben Jahr qualifizierte sie sich für die Olympischen Spiele in London, wo sie, ebenfalls mit der Staffel, einen guten 5. Rang belegte. Nach einer längeren Verletzungspause intensiviert sie zur Zeit ihr Medizinstudium.
Wir sitzen in einem Café im hintersten Braunsfeld. Leena Günther wirkt trotz ihres athletischen Körpers beinahe zierlich. Ihr Getränk heute, für dieses Interview zwischen Schreibtisch und Einkauf: Pfefferminztee.

Foto: Thilo Schmülgen

Sind Sie derzeit Leistungssportlerin oder Medizinstudentin?

Zweiteres. Ich war verletzt, habe ein halbes Jahr nicht trainiert und erstmal mein Studium wieder aufgenommen.

Und wie geht das weiter mit Ihnen?

Das weiß ich noch nicht genau. Momentan sehe ich mich nicht wieder im Leistungssport, aber ich würde jetzt schon gern mein Studium fertig kriegen.

Sie sind 24, steinalt quasi.

Ja, megaalt. (lacht) Und rund drei Unijahre habe ich noch vor mir. Irgendwann hat man genug von Vorlesungen, Klausuren und unbezahlten Praktika.

Was würde es bedeuten, noch einmal sportlich anzugreifen?

Reizvoll wären natürlich die Olympischen Spiele in Rio 2016. Aber da käme sehr viel Arbeit, eine unheimliche Plackerei auf mich zu. Außerdem ist es nicht gerade wahrscheinlich, dass ich nach der Pause innerhalb kurzer Zeit wieder an die Spitze anknüpfen kann.

Die 4x100 Meter-Staffel der Frauen ist bei der gerade vergangenen WM Vierte geworden. Haben Sie die Wettkämpfe verfolgt?

Nur einzelne Highlights. Die Sprint-Endläufe der Männer und Frauen habe ich gesehen, klar.

Bei Fußball-WMs werden immer mal wieder neue Taktiken und Systeme eingeführt. Ist Ihnen auch in Ihrer Disziplin eine Weiterentwicklung aufgefallen?

Im Hundertmeterlauf ist ja nicht viel mit Taktik. (lacht) Da heißt es „Renn, so schnell du kannst.“ Jenseits dessen werden ein paar Psychospielchen betriben.

Als da wären?

Es kommt schon mal drauf an, dass du deinen Gegnerinnen vor dem Start in die Augen siehst: Wer kann länger, wer guckt grimmiger?

Gefallen Ihnen solche Typen wie Usain Bolt?

Der Sport braucht solche Typen. Stars wie Bolt sind gut für die Popularität unserer Sportart.

Aber?

Ich bin halt gar nicht so. (lacht)

Als kölsches Mädchen müssten sie doch ausladende Gesten wie Bolts Siegerpose draufhaben.

Ich habe mich nie so empfunden, aber okay: Vielleicht steckt´s irgendwo in mir drin.

Warum sind Sie eine Leena mit zwei e?

Das ist die schwedische Schreibweise. Wir haben dort Vorfahren, und meine Name soll an sie erinnern.

Wenn Sie heute nochmal klein wären, würden Sie womöglich mit Fußball anfangen.

Fußball ist tatsächlich dominant, aber mein Ding wäre das nicht. Zum einen ist der Frauenfußball nun auch nicht so groß, und zum anderen habe ich überhaupt kein Talent für Ballspiele.

Aber beim Nachlaufen in der Pause haben Sie alle abgehängt?

Ja. Und die Ehrenurkunde bei den Bundesjugendspielen basierte auch immer auf dem Sprintergebnis.

Haben sie zum Laufen auch eine spirituelle Einstellung?

Naja, der Sprint ist halt sehr kurzlebig und weder entspannend noch meditativ. Der lebt vom Adrenalikick, davon, extrem fokussiert zu sein und in ein paar wenigen Sekunden das Maximum abzurufen.

Oder um, wie bei Olympia 1988 der Zehnkämpfer Jürgen Hingsen, nach drei Fehlstarts in der ersten Disziplin disqualifiziert zu werden.

Im Sprint hat man die Fehlstartregelung geändert - mit dem ersten scheidest du aus. Früher wurden Fehlstats gern auch taktisch eingesetzt, um die Konkurrenz zu verunsichern und in ihrer Konzentration zu stören.

Gab es Nationen, die bevorzugt zu solchen Mitteln griffen?

Es waren schon auffällig oft Amerikaner. Die haben einfach eine andere Einstellung zum Sport, da herrscht ein viel stärkeres Konkurrenzdenken.

Leichtathletik hat etwas sehr Archaisches. Für unsere Vorfahren war Laufen, Springen und Speerwerfen lebenswichtig.

Das sind genau deswegen auch olympische Kernsportarten. In diesen Disziplinen haben sich die Menschen schon immer gemessen. Auch Kinder testen früher oder später aus, wer am weitesten werfen oder springen kann.

Im Gegensatz zu etwa Beachvolleyball?

Genau, spiele ich zwar gern, ist aber nur eine ausgedachte Sportart, keine natürliche.

Konnten Sie Ihre natürliche Schnelligkeit schonmal im Alltag brauchen?

(lacht) Höchstens, wenn ich mal der Bahn hinterherrennen muss. An sich bin ich allerdings ein eher fauler Mensch.

„Loal rennt“ ist folglich nicht Ihr Lieblingsfilm?

Da geht es ja nicht um Speed, sondern um Ausdauer. Langlaufen ist für mich die schlimmste vorstellbare Strafe.

2012 wurden Sie Europameisterin mit der Staffel und nahmen an den Olympischen Spielen in London teil. Was war für Sie im Nachhinein das bedeutendere Ereignis?

Schwierig, aber wenn ich mich entscheiden muss: Olympia.

Warum?

Olympia findet nur alle vier Jahre statt, alle Sportarten und Nationen sind versammelt. Man wohnt zusammen in einem Dorf, und die Medien machen einen Riesen-Hype um das Ganze. Jeder Sportler seit den alten Griechen träumt davon, mal an Olympia teilzunehmen.

Wer war der größte Star, dem Sie dort die Hand geschüttelt haben?

Ach, man will ja nicht aufdringlich sein. Außerdem hat das auch mit dem eigenen Stolz zu tun. Wir sind ja alle Sportler, man ist nicht weniger wert, nur weil man weniger Kameras um sich hat. Außerdem wohnen die ganz Großen, wie Bolt, gar nicht mit im Dorf, sondern separat im Hotel.

In London lief Ihre Staffel auf den 5. Rang. Bekommt man da ordentlich Kohle?

Ich habe eine Urkunde bekommen. Und danach auch ein bisschen Geld über die Deutsche Sporthilfe. Reich kann man damit aber nicht werden.

Und deshalb werden Sie jetzt Sportmedizinerin?

Sportmedizin werde ich wohl bleiben lassen. Die Sportmedizin sorgt doch letztlich dafür, dass Leute, die ihren Körper aufs Äußerste strapaziert haben, noch ein paar Schritte weitergehen können. Außerdem habe ich ja schon genug Sport in meinem Leben getrieben, da möchte ich auch mal etwas anderes machen.

Das klingt wie: Sport ist ungesund.

Nicht Freizeit-, aber Leistungssport ist ungesund, definitiv! Zu dieser Erkenntnis hat mir auch der nun halbjährige Abstand verholfen.

Was sind die spezifischen Probleme der Leichtathletik?

Vor allem die orthopädischen Strukturen: Sehnen, Bänder, Gelenke. Viele Kolleginnen haben Rücken-, Fuß- und Kniebeschwerden, die sehr hartnäckig sind.

Nimmt man während so einer Pause vom Leistungssport eigentlich ab oder zu?

Ich habe mich gut gehalten. Meine Muskeln habe ich mir über Jahre antrainiert, so schnell bauen die sich nicht ab.

Sie haben Tee statt beispielsweise Kakao bestellt.

Aber ohne großen Hintergedanken. Ich lebe nicht in Dauerdiät, sondern esse auch gern mal Schokolade.

Welche?

Vollmilch, die Marke ist mir egal. Kann auch ruhig von Aldi sein.


Mittwoch, 9. September 2015

Thekentänzer (92)

Marion und Mareike

Der Ventilator ächzt unter seiner Last aus Staub und toten Insekten. Draußen laufen die Heiratswilligen vorbei. Drinnen sitzen die, die alles hinter sich haben. Und so Typen wie Tommi und Thorsten.
Tommi stottert mimimittelstark, und er ist vom kleinen Finger bis zum Hals tätowiert. Es dominieren FC-Insignien, vom Geißbock auf Hinterbeinen bis zu einem anrührend anfängerhaft gestochenen „Tünn der Größte“ auf dem Unterarm.
„Beim HSV letztens bin ich abgehauen“, erzählt Tommi beim ersten Kölsch. „Wir vorm Spiel auf der Reeperbahn, 50 Leute, aber die Hamburger bestimmt 300. Ich also in sone Kneipe rein und hinten wieder raus. Da war nichts zu machen, aber das kriegen die wieder, die Schweine.“
Thorsten – lang, spindeldürr, hohlwangig – nickt mit glühenden Augen. Und antwortet: „Wenn ich keine Freundin hätte ...“
„Schwad d´r doch kein Zerrung, ey! Fußball kommt vor Frauen, das weiß doch jeder. Nur du nicht, du Schwuchtel.“
Zwischen dem fünften und zehnten Bier erzählt Tommi von seinem Job als Gabelstaplerfahrer: „Sagt der Chef letztens: ´Ich brauch dich in der Frühschicht. Der Ali fährt mir doch alles kaputt.´ Dabei würd ich am liebsten nur Spätschicht machen.“
Er räkelt sich und hebt zwei Finger gen Wirt. „Auspennen, malochen und abends paar Bier, verstehste.“
Thorsten versteht. Sagt aber: "Wenn ich nicht die Marion ...“
„Boah, Alter!“
Ab dem 15. Kölsch darf auch Thorsten den ein oder anderen Satz einwerfen. Deutlich wird, dass ihm zuhause ein Quantum Ärger bevorsteht, wenn er nicht bald abzischt. Als er sich endlich fortmacht, strömt ein brutaler Schwall heiße Luft in den Raum. Tommi krempelt sein T-Shirt hoch bis zur Schulter und legt dabei ein weiteres Tattoo frei: ein Herz, darin der Name Mareike. Darunter: eine Träne.
Als ich ihn darauf anspreche, scheint er kurz aufzuweichen, antwortet dann jedoch so unwirsch wie möglich: „Denk, was du willst. Aber meine Dauerkarte hatte ich damals schon.“

Wo passt hier eine Frau hin?

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Mittwoch, 2. September 2015

Coloniales (57)

Worauf man bei der anstehenden Wahl achten sollte

Die kölsche Parteienlandschaft ist so bunt wie ein schwarzes Quadrat von Kasimir Malewitsch. Stellen Sie sich einen Wurf Babyhamster vor, und versuchen Sie, diese Tierchen auseinanderzuhalten: Genauso schwer wird Ihnen die Differenzierung der hiesigen Parteien fallen!
So nah man sich im Kölner Rat ist, so promiskuitiv sind auch die Verhältnisse untereinander. Niemand, der hier nicht schon mit jedem anderen im koalitionären Lotterbett gelandet wäre. Geht solch ein Fisternöllche in die Brüche, fällt schon mal ein hartes Wort aus verletzter Eitelkeit. Aber im Grunde geht man am Rhein sehr pfleglich miteinander um. Unter der warmen kölschen Decke verschmilzt man miteinander wie die Eisklötzchen im Baileys.


Unterscheiden leicht gemacht

Differenzen zwischen den Parteien werden zuweilen im Detail sichtbar. Nehmen wir an, ein bislang brachliegendes städtisches Grundstück soll bebaut werden. Die Pläne der einzelnen Parteien sehen dazu wie folgt aus:

CDU: Ansiedlung eines US-amerikanischen Autokonzerns.
SPD: Ansiedlung eines japanischen Hightechkonzerns.
FDP: Falls wir zum Zeitpunkt der Beschlussfassung mit der SPD koalieren, unterstützen wir den SPD-Vorschlag. Falls nicht, den von der CDU. Sollten wir gerade mit keiner der genannten Parteien zusammenarbeiten, sind wir für eine Aussetzung des Verfahrens bis zu unserem Wiedereintritt in eine mehrheitsfähige Regierung.
Grüne: Aufbau einer mit regenerativer Energie betriebenen Begegnungsstätte für Menschen mit Migrationshintergrund und angeschlossener Behindertenwerkstatt.
Linke: Aufbau einer mit regenerativer Energie betriebenen Behindertenwerkstatt mit angeschlossener Begegnungsstätte für Menschen mit Migrationshintergrund.
Nazis: Haupsache kein Asülantenheim oder Moschee oder Kebapude oder so.

Am Ende wird dann Folgendes beschlossen werden:
Auf dem Gelände entsteht die Dependance eines multinationalen Hightechkonzerns, der auf Autosoftware spezialisiert ist. Der Pförtner ist gehbehindert, die Putzfrau hat einen Migrationshintergrund, und die Parkplatzschranke wird mit Solarenergie betrieben. Weil die Beschlussvorlage einige grammatikalisch komplizierte Passagen enthielt, haben auch die Nazis aus Versehen zugestimmt.


Nazi-Wahlplakat zur Rettung des Deutschtums:
"Ich bin eine doitsche Bokkwursd"



Der Text ist ein Auszug aus: Ölle. Die Stadt am Niehr. Emons Verlag



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Mittwoch, 26. August 2015

Deutsche Sprichwörter (8)

Der Bonner Philologe Karl Simrock (1802-76) edierte unter anderem eine umfangreiche Sammlung deutscher Sprichwörter. Hier eine Wochenauswahl zum Thema

Eheliches und Außereheliches

# Im Dustern ist gut schmustern.

# Schön und Fromm stehen selten in einem Stall.

# Der Mann taub und die Frau stumm gibt die besten Ehen.

# Wenn die Henne zum Hahn kommt, vergisst sie der Küchlein.

# Ein wenig Sünde wärmt und macht schönen Teint.


Faust und Mephistopheles – dustere Gesellen

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Mittwoch, 19. August 2015

Coloniales (56)

Die Reisen des „Ruhenden Verkehrs“

Im Oktober 1969 betonierte der Fluxuskünstler Wolf Vostell vor einer Kunstgalerie an der

Domstraße 81

einen Opel Kapitän ein, bei laufendem Motor und Autoradio. Weil sein „Ruhender Verkehr“ den fließenden störte, musste er umziehen: Bis 1986 stand er vor der Kunsthalle am

Josef-Haubrich-Hof,

um danach vor dem Ufa-Palast am

Hohenzollernring

auf dem Mittelstreifen zu landen. Dort jedoch blockiert er – entgegen der Idee seines Schöpfers – keinen

Parkplatz,

sodass er, das wünschen sich jedenfalls nicht wenige Kölner, möglicherweise irgendwann einmal wieder auf der

Domstraße 81*

stehen wird.



* Im Gebäude der ehemaligen Galerie befindet sich heute die LoRe, das Lobby-Restaurant (nicht nur) für Berber.


Foto: I, VollwertBIT/Wikimedia Commons

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Mittwoch, 12. August 2015

Coloniales (55)

Fachchinesisch im 17. Jahrhundert

Die Kneipen vor den Toren der Stadt waren im 17. Jahrhundert beliebte Ausflugsziele des einfachen Volkes. Den Ratsherren jedoch waren diese zumeist in wilden Saufereien endenden Pilgerzüge ein Dorn im Auge. Auf Amtskölnisch klingt ihr Urteil* – in einem Satz! – folgendermaßen:

Als Von deme fast täglichs, insbesonderheit an heyligen Sonn- und Feyertagen sich Zutragendem heuffigem Auß- und Zulauff des gemeinen Volcks auß hiesiger Statt, nach dem, nechst vor der Eigelsteins Pfortzen gelegenem Zum Nippes genentem ohrt, Und daheselbst verkauffendem schädtlichen gebrendtem Gewäßer, und unduchtigem alhie verbottenem underhäupt Bier, wadurch nicht allein der schuldiger Gotteßdienst vernachläßiget, der Sinn und Verstand den Menschen geschwindt benohmmen, und alßo zu allerhandt Sündt und Lasteren das Thor eröffnet Wirt, sondern auch bey starckem und späten abendlichem Zurück- und Einlauff des Volcks gegen eines ehrsamen hochwürdigen Raths jüngsthin ernewerte Edicta, allerhandt Frembde, Lediggänger, Betler und dergleichen Unnutzes gesindtlein Vermischt mit einschleichen, in rhatsstatt erwehnung beschehen, Ist zeitlich Regierendem Herrn Bürgermeister von Cronenberg alß Vornembsten Kriegscommissario, daßjhenig, Waß zu dessen nötiger Remedyrung, wegen frühe zeitiger Verschließung der Eigelsteins Pforten an besagten Son- und Feyertägen, oder wenigs eintziger Offenhaltung der also genänter Steringen, Zu beßerer observation und entscheidung der einkommender vorschlagen, oder ihre Herrschaft sonsten darzu dienlich und rathsamb Zu sein erkennet werden, der gebühr anzuschaffen commission und macht auffgetragen worden.


* Die Vorlage stammt vom 15.9.1670 und bezieht sich in diesem Fall auf Nippes. Die Unregelmäßigkeiten der Groß-, Klein- und Rechtschreibung entsprechen der Vorlage.

Wer zuviel trinkt, macht sich zum Affen


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Mittwoch, 5. August 2015

Interviews (37)

Heute: Die Kölner Modemacherin Ines Rust

"Unsere Riesen heißen Zara und H&M, die müssen wir noch schlagen."

Ines Rust wurde 1977 in Porz geboren und wuchs in Overath auf. Nach dem Abitur absolvierte sie in Köln eine Ausbildung zur Bekleidungsfachassistentin, studierte Modedesign in Florenz und hing zur Vertiefung ihrer betriebswirtschaftlichen Kenntnisse noch ein Studium des Textil- und Bekleidungsmanagements in Mönchengladbach an. Erste Jobs führten sie zur Modefirma Blutsgeschwister in Stuttgart und zu Tom Tailor nach Hamburg.
Zusammen mit Gabriel Fellsches und Marian van Rappard gründete sie 2013 im Eigelstein das Modelabel Dawn, das sich ganz auf hochwertige Jeans-Kleidung spezialisiert hat.
Ines Rust wohnt abwechselnd in Köln, Hamburg und Vietnam.

Der Eigelstein morgens um 11: Gegenüber dem Dawn-Büro stehen die ersten rauchenden Gäste vorm Weinhaus Vogel. Ein Hauch von frühem Döner hängt in der Luft, und auf der engen Straße tummeln sich die Eckensteher und Flanierer.

Ihr Büro liegt direkt am Eigelstein. Empfinden Sie den als kreatives Umfeld?

Das ist hier sicher kein klassisches Design-Umfeld ...

... wir sind nicht im Belgischen Viertel ...

... genau. Der Eigelstein ist dagegen sehr authentisch, und die Leute hier sind direkt. Das gefällt mir, das passt zu uns.

Sie haben unter anderem in Italien und Stuttgart gelebt.

Italien empfand ich als Köln-nah, Stuttgart hingegen war eine komplett andere Welt. Da setzen sich die Leute möglichst weit weg voneinander, weil jeder seinen eigenen Raum sucht.

Verbringen Sie im Eigelstein auch Ihre Freizeit?

Ich pendele zwischen Köln, Hamburg und Vietnam, wo unsere Produktion steht. Die Zeit, die mir bleibt, verbringe ich dann lieber mit Freunden und der Familie.

Nach diesem Interview müssen Sie nach Düsseldorf. Was machen Sie da?

Ich treffe mich mit einem Fitting Model. In Düsseldorf haben wir einen Showroom, und da lagert unsere Musterkollektion. Köln, sage ich mal vorsichtig, kann im Bereich Mode durchaus noch ein bisschen gewinnen.

Trotz Ehren- und Mittelstraße?

Das sind Verkaufsstraßen, aber ich spreche von Modemachern. Mir war immer klar: Wenn ich in dem Bereich arbeiten möchte, muss ich weg aus Köln.

Wie kommt´s? Wird hier alle schneiderische Kreativität in Karnevalskostüme invstiert?

So hat es bei mir auch angefangen. Ich habe schon mit 7 oder 8 meine Karnevalsverkleidung in kleine Heftchen gezeichnet.

Eher Cowboy oder Prinzessin?

Weder noch. Im Kindergarten war ich mal in Tränen aufgelöst, weil ich kein Roboter werden durfte. Fee wollte ich nicht, also lief der Kompromiss auf eine neutrale Wolke hinaus. (lacht)

Muss man ein tapferes Schneiderlein sein, um sich selbstständig zu machen?

Ja. Man braucht Geduld, es dauert ein paar Saisons, bis man sich am Markt etabliert. Und man braucht Unternehmergeist, also viel Energie und Spucke. Ich habe jahrelang angestellt gearbeitet, auch in hohen Positionen. Damals war mein Alltag eigentlich stressiger als jetzt. Ich arbeite viel, aber ich fühle mich mit meinen beiden Kollegen Gabriel Fellsches und Marian van Rappard total wohl.

Der Märchenschneider musste Fliegen erschlagen und Riesen besiegen. Welche Steine lagen auf Ihrem Weg?

Unsere Riesen heißen Zara und H&M, die müssen wir noch schlagen. (lacht)

Was ist bei Ihnen anders als bei denen?

Mir ist vor allem wichtig, dass wir nachhaltig arbeiten. Bei uns werden keine Mitarbeiter ausgenutzt. Die Leute in unserer Herstellung in Vietnam kenne ich alle persönlich, ich werde auf Hochzeiten eingeladen, und wir bezahlen über Tarif.

Aber keine 8 Euro 50, oder?

(lacht) Dann hätten wir in Vietnam plötzlich sehr, sehr viele Anwärter. Aber wir haben zum Beispiel eine Nähschule in einem Bergdorf initiiert, die Minderheiten fördert. Diese Menschen, vor allem die jungen Mädchen, haben normalerweise keinerlei Berufschancen, und bei uns bekommen sie die.

Ihre Kleidung bekommt man in Boutiquen. Hätten Sie gern 20 Quadratmeter bei C&A?

Nein, die Produkte dort und deren Wertigkeit haben nichts mit unseren zu tun. Solche Hosen sind auf eine kurze Lebensdauer hin gemacht, in unseren Jeans können Sie alt werden. Ich spreche in diesem Zusammenhang gern vom bewussten Konsumieren.

Das Wort Denim ist eine Verballhornung von „Serge de Nîmes“, also „Stoff aus Nîmes“. Ist Frankreich noch immer zentral für die Jeans-Produktion?

Nein, Frankreich ist raus. Hochwertige Stoffe kommen heute aus Japan, Italien, den USA. Auch verschiedene Länder Asiens sind auf dem Vormarsch.

Ist Denim gleich Baumwolle?

Ich entwerfe vor allem Frauenhosen, und die bestehen zu knapp 97 Prozent aus Baumwolle. Die restlichen drei Prozent bilden Elasthanfasern und einige Ingredienzien, die zum Betriebsgeheimnis gehören.

Der ursprünglich aus dem fränkischen Buttenheim stammende Levi Strauss hat die Jeans 1873 efunden, zunächst als Arbeitshose für Goldgräber. Wie erklären Sie sich den weltweiten Siegeszug dieses Kleidungsstücks?

Die Jeans ist robust und passt sich jeder Gelegenheit an. Man kann sie schick oder casual tragen, zur Hochzeit oder zum Picknick. Und meines Erachtens gibt es keinen bequemeren Stoff als Denim.


Blauhelme tragen Jeans

Und warum ist Blau die dominierende Farbe?

Keine Ahnung. Es gibt immer wieder abweichende Trends, letztes Jahr war Grau ziemlich angesagt. Vielleicht liegt es einfach daran, dass Blau zu sehr vielen anderen Farben passt.


Gelbhelme auch

Strauss hat den Grundstein gelegt. In welcher Tradition sehen Sie sich?

Eigentlich versuche ich mich von den klassischen Wegen zu lösen, weil diese von Produktionen für Männer dominiert werden. Gerade den Vintage-Trend – alte Hosen, nicht vorgewaschen und so weiter – möchte ich nicht mitmachen. Mir geht es eher um Experimente mit neuen Elementen.

Einem Cocktailmixer vergleichbar?

Ja, warum nicht. Es gibt tolle alte Sachen, aber sie müssen neu interpretiert und kombiniert werden.

Zum Schluss zwei Glaubensfragen: Jeans hatten anfangs keine Gürtelschlaufen, sondern Knöpfe für Hosenträger. Ein modischer Verlust?

Bei Frauenhosen sicher nicht, da wären Hosenträger eher schwierig. (lacht) Für Männer jedoch könnte man sicher mal darüber nachdenken.

Und schließlich: Knöpfe oder Reißverschluss?

Richtig enge Hosen können Sie nicht mit einer Knopfleiste bestücken. Ich denke, auch hier muss man differenzieren: Knöpfe für Jungs, Zipper für Mädels.




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