Mittwoch, 31. Juli 2013

Coloniales (33)

Blootwoosch, Kölsch un e lecker Mädche

Es ist an der Zeit, einmal auf einen der ungewöhnlichsten Kölner Chöre hinzuweisen. Und weil der Text seiner Website so schön formuliert ist, möchte man auch gar nichts eigenes hinzufügen: Hier also die leicht gekürzte Präsentation der

Fleischer-Sänger-Köln von 1902

„Das Chorgeschehen der Fleischersänger umspannt einen weiten Bogen. Zwei Kriege und mehrere Krisen setzten dem Chor in den Jahren sehr zu. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als das große Sterben der Männerchöre einsetzte, konnten die Fleischersänger nur durch den festen Zusammenhalt Ihrer Mitglieder überstehen.
1902 bestanden in Köln:
- Die freie Schweine-Metzger-Innung Köln
- Die freie Ochsen-Metzger-Innung Köln
- Die Fleischer-Innung Köln-Kalk
- Die Fleischer-Innung Mühlheim
Aus dieser Bindung heraus entstand 1901 – 1902 eine Gesangsabteilung der Kölner-Schweine-Metzger-Innung. 1908 gründeten die freien Ochsen Metzger ebenfalls eine Gesangsabteilung.
Im Februar 1934 beschlossen beide Chöre die Zusammenlegung mit der Bezeichnung „Sängerchor der Fleischer-Innung, Stadtkreis Köln“.
Zudem bestanden noch zwei Chöre der Fleischerzunft: Der Chor der Fleischer-Innung Köln Mülheim und der Chor der Großschlächter Köln-Aachen. Die Gründung erfolgte 1934. Durch den Beschluss der Vorstände wurden diese beiden Chöre im April 1962 mit dem Fleischer Chor der Innung Köln verschmolzen.
Seitdem war der Name des Chores: Fleischersänger Köln von 1902.
Seit 1986 lautet die offizielle Bezeichnung „Fleischer-Sänger-Köln von 1902 e.V.“
1952 fand die erste Karnevalssitzung der Fleischer-Sänger-Köln von 1902 e.V. statt.
Seit 1952 ist es nun Tradition, Sitzungen zu veranstalten. 2002 wurde das 100-jährige Jubiläum in großer Gesellschaft und mit einer erstmaligen Teilnahme am Kölner Rosenmontagszug gefeiert. Die Erlaubnis, am Rosenmontagszug teilnehmen zu können, stieß auf helle Begeisterung. Somit waren die Fleischersänger mit 10 Mann auf dem Wappenwagen des Kölner Festkomitees und einer Fußgruppe von 25 Teilnehmern, bei der auch die Frauen der Sänger fleißig mitgewirkt haben, dabei, als es hieß: „D´r Zoch kütt“. Die Fleischer-Sänger-Köln von 1902 haben sich die Pflege des Kölner Brauchtums auf die Fahne geschrieben. Das gesellschaftliche Leben der Fleischersänger umfasst Veranstaltungen wie z.B. Bundeschorfeste des Deutschen Fleischer- Sängerbundes.
Man muss kein Metzger sein um bei uns mitzusingen, doch sollte man Fleisch und Wurst essen und diese im Fleischer-Fachgeschäft kaufen.


Man sollte Fleisch und Wurst essen

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Mittwoch, 24. Juli 2013

Interviews (13)

Die FC-Fanclub-Präsidentin: Marlies Jaenicke


Zur Person

Marlies Jaenicke wurde 1955 in Badewitz bei Magdeburg als eines von neun Geschwistern geboren. Nach der Schule arbeitete sie als Putzfrau und gebar fünf Kinder. Nach Köln zog sie 1992 mit ihrem damaligen Lebensgefährten, der 1996 starb. Kurz zuvor hatte Marlies Jaenicke ihren ersten von mehreren Schlaganfällen erlitten. Nach einem Zwischenspiel in den Merheimer Kliniken fand sie ihr neues Zuhause im Longericher Behindertenzentrum Dormagen-Guffanti, das von den Sozialbetrieben Kön (SBK) unterhalten wird.
2008 gehörte Frau Jaenicke zu den Gründungsmitgliedern des IFC Grenzenlos, dem ersten integrativen Fanclub des FC. Bis heute fungiert sie auch als dessen Vorsitzende. Der Verein besteht aus behinderten und nicht behinderten Menschen und ist jederzeit offen für weitere Mitglieder. Einzige Voraussetzung: Man sollte bedingungsloser Fan des 1. FC Köln sein.

Zum Interview hat sich Frau Jaenicke in volle FC-Montur geworfen. Ob T-Shirt, Käppi oder Schal: Überall prangt der Geißbock. Die IFC-Vorsitzende versteht jede Frage auf Anhieb, hat allerdings wegen der Aphasie in Folge mehrerer Schlaganfälle Schwierigkeiten bei der Artikulierung. Deshalb nehmen mit Angela Balzer-Kolberg und der ebenfalls im FC-Shirt erschienenen Angelika Zamboni zwei Betreuerinnen des Dormagen-Guffanti-Heims an unserem Gespräch teil.


BI: Wie viele FC-Spiele haben Sie in der abgelaufenen Saison gesehen?

MJ: Oh, viele. Fast alle.

BI: Was gefällt Ihnen beim Fußball?

MJ: Tore.

Marlies Jaenicke greift hinter sich, holt ihren FC-Schal hervor und schwenkt ihn - Jubel andeutend - in der Luft. Sie ist durchaus fähig, ihren Rollstuhl zu verlassen und ein paar Schritte zu gehen. Dazu aufraffen kann sie sich aber nur in ganz raren Momenten. Zum Beispiel, wenn der FC ein Tor schießt.

BI: Finden Sie, dass der FC gut gespielt hat?

MJ: Nee. Richtig mies war das 1:2 gegen Hertha BSC.

BI: Was muss sich Ihrer Meinung nach ändern?

MJ: Die müssen Tore schießen. Am besten vier in jedem Spiel. (lacht)

Manche Antworten kommen in unserer Runde nur als Puzzle zustande, also im Zusammenspiel mit den Betreuerinnen. Aber während Frau Jaenickes Gedächtnis im direkten Gespräch manchmal nicht anspringt, ist das im Stadion ganz anders. Die Schlachtgesänge der FC-Fans schmettert sie auswendig mit, und am lautesten natürlich die Hymne. Auch längere Gedichte, so Angela Balzer-Kolberg, könne die Bewohnerin problemlos aufsagen.

Angelika Zamboni: Vorne spielen die eigentlich immer gut, aber dann machen die einfach keinen rein.

MJ: Ja genau.

Irgendwann entdeckte die Longericher Heimleitung, dass einige Bewohner große Freude entwickelten, wenn sie Fußballspiele ansahen. Offenbar trug die Atmosphäre im Stadion zum Wohlbefinden ihrer Klienten bei. Speziell Marlies Jaenicke lebte hier auf und entwickelte eine echte Begeisterung für den Sport. In der Folge ergatterte man ein paar der raren Plätze für Rollis und Behinderte. Die Dauerkarten bezahlt die Stiftung selbst, aber der FC kommt dem IFC in vielerlei Hinsicht gern entgegen. Der Fußball bringt ein Stück Normalität, einen gewissen Kontakt zur Außenwelt in das Leben der IFC-Mitglieder. Ein bisschen Taschengeld verdienen sie sich zudem auf dem allmonatlichen Longericher Flohmarkt. Womit? - Mit mit dem Verkauf von FC-Devotionalien natürlich.

BI: Wie kommen Sie mit Ihrem Rollstuhl ins Stadion?

MJ: Mit dem Bus. Wir haben gute Plätze, kriegen Kaffee und was zu essen. Es kommen auch immer Spieler vom FC und begrüßen uns.

Einmal, so erzählt Angela Balzer-Kolberg, sei der Behindertenbus vorm Stadion abgeschleppt worden. Zugegeben, er stand im Parkverbot, aber muss man es immer so genau nehmen? 500 Euro kostete der Spaß, denn zum Abschleppen von Bussen braucht es ein Spezialfahrzeug. Seitdem lässt sie bei Stadionbesuchen ihrer Kollegin Zamboni den Vortritt.

BI: Haben Sie früher selber mal Sport getrieben?

MJ: Nein, nie.

BI: Sie stammen aus Magdeburg. Wissen Sie, wo der dortige 1. FCM zur Zeit spielt?

MJ: Nein, interessiert mich auch nicht.

Klare Antwort. Aber zur Information für alle Fußballinteressierten: Der dreimalige DDR-Meister, siebenfache DDR-Pokalsieger und Gewinner des Europapokals der Pokalsieger 1974 dümpelt zur Zeit in der Regionalliga Nordost herum.

BI: Hatten Sie Ihren Schlaganfall zu DDR-Zeiten?

MJ: Nein, später.

BI: Können Sie sich an Ihren Schlaganfall noch erinnern?

MJ: Nein, ich weiß nichts mehr.

BI: Hatten Sie im Osten einen Job?

MJ: Ich war Putzfrau.

Das letzte ihrer fünf Kinder wurde 1992 geboren und hat die Mutter 2010 ein Mal besucht. Aber auch zu diesem Kind, wie zu den vier anderen, ist jeder Kontakt abgebrochen. Darauf angesprochen, senkt Marlies Jaenicke kurz den Blick, um dann abzuwinken: „Ist egal.“

BI: Haben Sie neben dem Fußball noch andere Hobbys?

Frau Jaenicke zögert zunächst, dann jedoch hellt sich ihr Gesicht auf.

MJ: Malen. Kommen Sie doch mal mit.

Sie wendet zackig ihren Rollstuhl, öffnet die Tür und führt mich in ein anderes Zimmer. Dort weist sie auf zwei bunte Gemälde von ihr, die ein weidendes Pferd und einen aufsteigenden Ballon zeigen. „Warum haben Sie den nicht Rot-Weiß gemalt?“ frage ich mit gespielter Vorwurfsmiene. Und Frau Jaenicke lacht sich scheckig.


BI: Darüber hinaus sind Sie auch in der „Spaßgruppe“ des Heims. Was macht man dort?

MJ: Ausflüge, einkaufen. Manchmal fahren wir nach Dormagen, Hürth, manchmal nach Kalk. Und ins Museum.

BI: Wie gefallen Ihnen die Bilder da. Können die malen, die Leute?

MJ: Ja klar. (lacht lauthals)

BI: Seit vier Jahren gehen die Longericher Heimbewohner außerdem beim Rosenmontagszug mit, unterstützt vom KVB-Verein Pänz vun d´r Päädsbahn. Können Sie, als ehemalige Sachsen-Anhaltinerin, die kölschen Karnevalslieder mitsingen?

MJ: Ja klar! Und Kamelle schmeißen.

BI: Sie sind seit der Gründung des IFC Grenzenlos dessen Vorsitzende. Gibt es Aktivitäten jenseits des Stadions?

MJ: Marlies Siems (die Behindertenbeauftragte des FC, B.I.) ist ganz toll. Mit der grillen wir lecker, und da kommen auch immer ein paar Altstars vom FC.

Bei der Clubgründung 2008 fuhr als Stargast Christoph Daum in Longerich vor. Der damalige FC-Trainer hielt eine kleine Rede, hatte Geschenke mitgebracht und posierte für Erinnerungsfotos, die man noch heute stolz auf der Homepage des Vereins präsentiert.

BI: Und wann wird der FC mal wieder Deutscher Meister?

Marlies Jaenicke weiß auf diese Frage - kein Wunder - zunächst keine Antwort. Die Betreuerinnen offerieren ihr einige Möglichkeiten: 2017, 2019, 2020. Aber dann drücken sie der IFC-Vorsitzenden einen Kuli in die Hand, legen ihr ein Blatt Papier hin, und die Linkshänderin schreibt eine Jahreszahl auf, mit der ich sofort einverstanden bin:

MJ: „2015.“

Als schließlich Fotograf Thilo Schmülgen eintrudelt, weist Marlies Jaenicke mit dem Finger auf ihn und begrüßt ihn lachend. Man kennt sich aus dem Stadion. Beim Foto-Shooting reagiert sie extrem routiniert auf die Wünsche des Fotografen. Über ihren Club sind in den letzten Jahren bereits diverse Artikel erschienen, die IFC-Vorsitzende ist Kameras offenbar gewohnt. Ein echter Medienprofi.


Fotos: Thilo Schmülgen
Nähere Informationen: www.ifc-grenzenlos.de


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Mittwoch, 17. Juli 2013

Der Grüne Terror, oder:

Erst wenn das letzte Bierfass alle ist, werden sie merken, dass Biomilch nicht bimmelt.

Auch ich habe sie irgendwann einmal gewählt, diese Grünen. Es gab das Baumsterben, die Atomkraft und die Mittelstreckenraketen, und man dachte, die Grünen seien die richtige Partei, um das zu regeln. Schon damals hatte ich allerdings den Eindruck, diesen Leuten geht es mehr ums Verbieten als ums Erlauben.
Jetzt haben uns die Grünen das Kneipen-Nichtrauchergesetz beschert. Eine profilneurotische Berufspolitikerin hat vier Jahre dafür gekämpft, jedes letzte Schlupfloch zu stopfen, und nun ist sie am Ziel. In meiner Stammkneipe auf der Weidengasse wirkt sich das neue Gesetz so aus, dass die Raucher nachts um 3 mit leeren Coladosen auf der Straße Fußball spielen und ihre Bierflaschen auf den schicken BMWs der türkischen Nachbarschaft abstellen. Wessen Freiheit durch dieses Gesetz nun geschützt wird, erschließt sich mir nicht. Aber die Freiheit des Nächsten ist halt oft die Unfreiheit des Übernächsten.
Wie man die Grünen inzwischen kennt, sind solche Verbote nur kleine Anläufe für den großen Sprung.
Soeben wurde die Promillegrenze für Fahrradfahrer herabgesetzt. Bald folgen werden das Tempolimit und die Helmpflicht für Radler - völlig falsche Signale, aber wichtige Schritte in Richtung genormte Gesellschaft. Denn selbstverständlich wird auch Alkohol früher oder später indiziert. Zunächst werden die Produzenten verpflichtet, Warnhinweise auf ihre Flaschen zu kleben. Danach wird Schnaps komplett verboten, und statt richtigem ist nur noch Dünnbier erlaubt. Hat die Gesellschaft dies erst einmal akzeptiert, folgt im Anschluss die totale Prohibition.
Mit diesem Erfolg im Rücken legen die Grünen, inzwischen mit absoluter Mehrheit regierend, erst richtig los.
Dickleibige zahlen höhere Krankenversicherungen und werden verpflichtet, so und so viel Kilos pro Jahr abzunehmen. Andernfalls wandern sie in ein Lager für Zwangsdiäten. Optischer Umeltschutz sozusagen, ganz dem grünen Dogma verpflichtet. Genauso wie den Fettleibigen ergeht es danach auch allen, die aus anderen Gründen nicht mehr voll am Arbeitsprozess teilnehmen können. Staatliche TV-Spots werben vor und nach der Tagesschau für den optimierten Körper - sicherlich werden sich bald auch Popbands und Dichter finden, die ins selbe Horn blasen. Denn staatliche Drangsalierung färbt auch aufs Sozialverhalten ab. Männer, die Frauen auf der Straße schief ansehen, wandern in den Knast. Aus Gründen der Gleichberechtigung gilt das natürlich auch für alle drei Frauen, die Männern hinterherpfeifen.
Um die avisierte Idealwelt zu fördern, werden Grünenghettos wie Prenzlauer oder Klettenberg bald eingezäunt und rund um die Uhr überwacht. Die dort herrschende Monokultur wird sich von solchen Zentren aus peu à peu ausbreiten, die Welt wird unterteilt in Gutmenschen und Schlechtmenschen. Außer Temma werden alle Supermarktketten verboten, Homöopathie ersetzt die klassische Medizin. Das Büdchen auf der Ecke verkauft nur noch Ökochips und linksgedrehte Gummibärchen, und wer „Barbara Steffens“ nicht ratzfatz rückwärts buchstabieren kann, wird mit Nikotin vergiftet.
Mit anderen Worten: Die Grünen haben sich zu einer fundamentalistischen Partei entwickelt. Das andere Adjektiv, das mir dazu einfällt, nehme ich (noch) nicht in den Mund.
Zu den nächsten Wahlen werde ich jedenfalls meinen dicken Edding mitnehmen und mal wieder ein schönes großes A auf den Bogen malen. Mit einem Kreis drum.


Erst wenn das letzte Bierfass alle ist, werden sie merken, dass Biomilch nicht bimmelt.



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Mittwoch, 10. Juli 2013

Geschichten aus 1111 Nächten (40)

Das Bier des Paradieses

Ein nicht besonders heller Düsseldorfer trank seit unvordenklichen Zeiten das brackige Bier seiner Heimat. Eines Tages jedoch kam ein neues Alt auf den Markt. Der Düsseldorfer probierte davon und fand, dies sei das Bier des Paradieses. Um das auch der großen, weltberühmten Stadt im Süden klarzumachen, besorgte er sich eine weitere Flasche und zog gen Köln.
Schnurstracks sprach er beim Kölner Oberbürgermeister vor:
„Herr, ich habe das Bier des Paradieses gefunden. Hier, probiert einmal.“
Der Kölner OB nahm einen tiefen Schluck von dem fiesen Zeug, verbarg jedoch seinen Abscheu. Dann ließ er den Düsseldorfer in Ketten legen. Seinen Untergebenen erklärte er:
„Der arme Tropf kennt es nicht besser. Er glaubt tatsächlich, dieses elende Gesöff sei das tollste, was man trinken kann. Wir müssen an das Glück dieses Mannes denken!“
In der Nacht ließ er den Düsseldorfer an die Kölsch-Alt-Grenze bringen. Seinen Beamten hatte er den Befehl gegeben, den Gefangenen nichts anderes als sein eigenes Bier trinken zu lassen. An jener Grenze traf er ihn ein letztes Mal und sagte: „Mein lieber Düsseldorfer, du hast tatsächlich das Bier des Paradieses entdeckt. Ich ernenne dich hiermit zum Wächter dieses Elixiers. Schütze es in alle Ewigkeit!“
Der Düsseldorfer küsste dem Kölner OB die Hand und entschwand.

Paradies-Bier

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Mittwoch, 3. Juli 2013

BDF

Der Blick der Fremden (3)

Hässlich, schmutzig, mörderisch

Der Kölner betrachtet seine Vaterstadt als den angenehmsten Wohnsitz der Heiligen und seine Erde selbst als heilig. (Kaspar Riesbeck, 1784)





Knochenkammer, St. Ursula


Diese weitläufige, erzkatholische Stadt ist sehr unangenehm und sehr schlecht bebaut. Ich war froh, diesen verdrießlichen Ort zu verlassen. (Albrecht von Haller, um 1727)

Die hässlichste und schmutzigste Stadt, die ich je gesehen habe. (John Wesley, 1738)

Die Kirchen sind so zahlreich, dass beinahe eine auf der anderen sitzt. (Claude Joly, 1646/47)





Drekönigsknochen, Dom


Köln ist eine Stadt der Mönche und Gebeine, des mörderischen Straßenpflasters, der Lumpen, der alten Weiber und zänkischen Dirnen. (Samuel Taylor Coleridge, Anf. 19. Jh.)

Wie der einzelne Mensch an seiner Familie, so hängt der Patriotismus des Kölner Bürgers an den Geschichten und dem Ruhme seiner Heimat. (Wilhelm Dorow, um 1820)

Die Kölner halten untereinander zusammen wie die Israeliten in der Wüste. (Johann Georg Kohl, 1850)

Marias Rippe, St. Maria im Kapitol



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Mittwoch, 26. Juni 2013

Schöne Schilder (6)

Bedürfnisse und Vorschriften, Schoßhunde und Schlosshunde


Die Spültaste



Führung durch die Allianz-Arena München




Die Doppel-Flat, platt




Krankheitserreger allerorten




Schoßhunde vs. Schlosshunde





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Mittwoch, 19. Juni 2013

Interviews (14)

Heute: Der Tätowierer

Zur Person
Dieter Zalisz wurde 1959 in Duisburg geboren, sämtliche männlichen Verwandten arbeiteten bei Thyssen Stahl. Auch Zalisz lernte Stahlwerker, bevor er 1982 nach Köln kam. Zunächst als Angestellter, seit 1985 als Besitzer wirkt er im Studio für Elektrische Tätowierung in der Mülheimer Genovevastraße, das lange Zeit das einzige in Köln war.
Mit seiner Frau Anke, die ebenfalls im Studio mitarbeitet, und dem gemeinsamen Sohn wohnt Dieter Zalisz in ebenjenem Viertel, in dem er arbeitet.

Die Wände in Dieter Zalisz´ Mülheimer Studio sind „tätowiert“ mit jenen Motiven, die man sich hier in die Haut stechen lassen kann. Der Chef reicht mir die Hand, deren tätowierter Rücken ihn einst vor der Bundeswehr bewahrte: „Grußhand muss frei sein“, hieß die Devise.

In den 1980ern waren Sie Kölns einziger Tätowierer. Was für Leute kamen damals zu Ihnen?

Subkulturen, Leute mit Anpassungsproblemen ... Das war eine tolle Zeit, und die Menschen waren einfach zu nehmen. Heute hat man manchmal den Eindruck, die lassen sich unter irgendeinem gesellschaftlichen Druck tätowieren. Aber früher kamen Kunden, die das wirklich wollten.

Und das waren dann vor allem Seemänner, Rocker/Rockmusiker und Knackis?

Seemänner weniger hier in Köln, aber ansonsten stimmt das.

Und gestochen wurde damals noch mit der heißen Stricknadel?

Die Maschinen und Werkzeuge haben sich nicht wesentlich verändert. Aber natürlich tuned jeder Tätowierer seine Geräte individuell, da wird permanent geschraubt und gefeilt.

Wie beim Moped: Krümmer absägen, und schon fährt die Karre 25 km/h schneller?

Der Vergleich ist gar nicht so falsch. Besonders wichtig war es, die Geräte leichter zu machen.

Was hat sich seit den 80ern geändert?

Tätowierungen sind kein Merkmal von Subkultur mehr. Vor allem dank schlechter Fernsehserien kann man mit einem Tattoo heutzutage nicht mehr anecken.

Sie bedauern das?

Ja, aber es war unvermeidbar. Ich komme aus der Punkszene, man kann sagen: Punk, Harley Davidsons und Tattoos sind den selben Weg gegangen, das ist alles kommerzialisiert und gesellschaftsfähig. Harleys fahren heute die RUBs - die Rich Urban Bikers. Und Punk wird mit den Toten Hosen verwechselt.

Gibt es Tattoo-Wünsche, die Sie den Kunden ausreden?

Ich versuche die Leute manchmal vor sich selbst zu schützen, vor allem vor ihrer Staranbetung. Ist Rihanna eine Frau oder ein Mann?

Eine weibliche Sängerin.

Okay, jedenfalls kommen hier Mädels mit Rihannas aus dem Netz kopierten Tattoos an und wollen die auch haben. Aber was so ein „Star“ oder irgendeine Pfeife vorgibt, muss ich mir doch nicht tätowieren lassen.

Wie gehen Sie mit Wünschen nach SS-Runen und ähnlichem um?

Das kommt praktisch nicht vor. Ich habe allerdings vor langer Zeit mal jemandem ausgeredet, sich ein Portrait von Rudolf Hess stechen zu lassen. Der bedankt sich bei mir bis heute dafür.

Wie gefragt sind Köln-Motive?

Sehr! Vor allem natürlich der Dom. Übertriebener Patriotismus ist etwas Zwielichtiges, aber wenn man´s auf seine Stadt bezogen macht, dann halte ich es für legitim. Ich habe auch „MSV“ auf dem Bauch stehen, schließlich komme ich aus Duisburg. Das war das Normalste der Welt, als ich klein war.

Gibt es manchmal auch schräge Köln-Wünsche?

Meine Frau hat einer karnevalsbegeisterten Kölnerin zuletzt ein Millowitsch-Portrait auf den inneren Unterarm tätowiert. An anderer Stelle hat die schon irgendwelche blauen oder roten Funken, die Frau geht da wirklich drin auf.

Besteht beim Tätowieren ein Zusammenhang zwischen Schmerz und Lust?

Also bei mir nicht. Aber ich habe schon einige Kunden, die ganz klar Spaß dran haben.

Haben Sie Interessen jenseits des Tätowierens, also züchten Sie Blumen oder kochen gern Sushi?

Nein. Aber ich interessiere mich als gelernter Stahlarbeiter für alles, was noch aus echtem Stahl gefertigt ist: Messer, Tätowiermaschinen, Motorräder ...





Tätowierte Wand, ganz woanders


Mülheim liegt ein wenig vom Schuss. Wie sind Sie hier gelandet?

Mein englischer Partner hat damals die falsche Abfahrt von der A3 genommen. Wir landeten am Wiener Platz und hielten den für das Kölner Zentrum. Zufällig kamen wir an diesem Laden hier vorbei, der gerade zu vermieten war. Das ist jetzt 31 Jahre her, und ich bin noch immer hier.

Wie würden Sie diesen Stadtteil beschreiben?

Der ist speziell, da kriegt der Betrachter einiges geboten. Von der Bevölkerung her ist das noch immer ein sozialer Brennpunkt.

Mit studentischem Einschlag?

Kaum, denn es gibt hier keine Club- und Kneipenszene wie etwa in Ehrenfeld. Und was die Promis und Medienleute auf dem alten KHD-Gelände angeht: Die arbeiten da und sind froh, wenn sie abends wieder über die Mülheimer Brücke verschwinden.

Inzwischen gibt es zahllose Tattoo-Studios in Köln.

Ja, es existieren ganze Ketten, bei denen man dann auch Piercings, Brandings, Fußpflege und was weiß ich noch bekommt. Aber sowas machen wir hier nicht. Ich bin altmodisch und habe immer versucht, dieses Studion als Working-Class-Laden zu führen.

Wenn Dieter Zalisz über seine Ursprünge und die Klientel der frühen 80er spricht, benutzt er gern den englischen Ausdruck „Blue Collar“. Auf Deutsch bedeutet das Arbeitsanzug, oder eben: Blaumann.

Wie hat sich der Frauenanteil verändert über die Jahre?

Von anfangs 1 auf heute 50 Prozent. Genauso hat inzwischen die Hälfte meiner Kundschaft einen Migrationshintergrund.

Wünschen sich Frauen eher Blümchen und Männer Horrorfratzen?

Da sind wir wieder bei Rihanna, denn Frauen orientieren sich schon häufig an weiblichen Popstars. Allerdings gibt es unter jungen Frauen auch seit einigen Jahren den Trend, sich knallharte „Männer“-Motive stechen zu lassen. Und das sogar auf sichtbare Stellen wie Hände und Hals.

Erfüllen Sie selbst die Klischees, die man mit einem Tätowierer verbindet, also eigene Tattoos, Motorrad und harte Musik?

Ja, ich denke schon. Wobei ich mich mit den Tattoos nicht Boss-Hoss-mäßig im weißen Feinripp knipsen lassen würde. Solche Typen wie die finde ich lächerlich.

Stattdessen trägt Dieter Zalisz heute einen „Superstar“-Trainingsanzug von Adidas aus den 80ern samt passenden Turnschuhen. „Die wurden damals für die New Yorker Hip Hopper Run-D.M.C. entwickelt und sind heute nur noch sehr schwer zu kriegen“, fügt er hinzu.

Wo haben Sie Ihr erstes Tattoo bekommen?

Das habe ich mir in der Schule selbst gestochen, wie alle damals. Mit der Spitze vom Zirkel in den Unterarm: MSV.

Und dann?

Das erste Studio habe ich in Hamburg besucht. Der Typ dort hatte genau zwei Sheets, zwei Blätter mit Motiven im Fenster hängen. Eins mit Segelschiffen für die Matrosen, eins mit Militärmotiven für die Bundeswehrleute auf der Reeperbahn.

Wofür haben Sie sich entschieden?

Für einen Adler, der dann auch richtig kacke aussah. Der Tätowierer war ein interessanter Mensch, aber aus der Hand hätte der nichtmal das Haus vom Nikolaus hinbekommen. Den Adler habe ich noch, aber überarbeitet.

Waren Sie als Kind ein guter Zeichner?

Das musste ich mir erarbeiten. Früher kamen die Leute mit Motiven von Plattencovern an und wollten die als Tattoos. Die musste man dann, mangels Kopierer oder gar Computer, abzeichnen. Und das war meine Zeichenschule.

Gibt es unter Ihren zahlreichen Tattoos eins, das Sie gern wieder loswären?

Nein, da habe ich mir auch nie einen Kopp drum gemacht.

Was halten Sie vom Weglasern?

Wenn schon, dann ist das die beste Methode. Früher gab es da weitaus gröbere Techniken. In der DDR-Armee wurde das Tattoo einfach ausgeschnitten und die Wunde vernäht. Dabei blieben dann fürchterliche Narben zurück.

Haben Sie neue Tattoo-Pläne für Ihren eigenen Körper?

Letztens hatte ich Besuch von Kollegen aus Texas, da haben wir uns gegenseitig so´n bisschen tätowiert. Aber eigentlich habe ich so langsam die Nase voll von den Schmerzen. (grinst)

Oder vielleicht auch keinen Platz mehr?

Doch, schon. Aber das sind dann auch die Ecken, die man mit triftigem Grund zuallerletzt tätowiert.


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